Schweizer Innovationen – Pech für Peer

3. April 2009
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Während sich der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück unlängst einen herben Schlagabtausch mit der Schweiz leistete, setzen Fachleute des Wirtschaftministeriums in Berlin in Sachen Medizintechnik auf das Alpenland - und empfehlen deutschen Firmen, sich dort verstärkt zu engagieren.

Die globale Finanzkrise lässt Politemotionen freien Lauf, und so konterte der bis dahin als eher ruhig geltende deutsche Finanzminister auf die Headlines Schweizer Medien mit Cowboy und Indianern. Womit zumindest die Bundesrepublik ihr Thema hatte.

Doch das Debattieren auf Stammtischniveau täuscht über einen entscheidenden Aspekt hinweg. Wichtige Wirtschaftsvertreter in Deutschland schätzen die Schweiz seit Jahrzehnten als zuverlässigen Partner, und die Milliarden, die aus den Kooperationen generiert werden, nutzen beiden Staaten in Form von Steuergeldern. Was Steinbrück womöglich nicht ahnte: Gerade die in Deutschland erfolgsverwöhnte Medizintechnikbranche ist zunehmend auf die Schweiz als Partner und Abnehmer angewiesen. Er selbst könnte wiederum von den Eidgenossen lernen, wie die aktuelle Finanzkrise wirklich angegangen werden kann.

Medizintechnik wird boomen

Die Gründe liegen auf der Hand, wie „Germany Trade Invest“, die zum Wirtschaftsministerium zählende „Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland für Außenwirtschaft und Standortmarketing“ bereits im Sommer 2008 anhand eines speziellen Reports attestierte. Danach verfügt die Schweiz „über eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP beträgt etwa 11 Prozent“. Allein das würde keinen Bundesrepublikaner ökonomisch betrachtet vom Hocker reißen, nur: Auf Grund der Überalterung der Bevölkerung rechnen die Experten mit einer steigenden Nachfrage nach Medizintechnik im Alpenland. Immerhin waren bereits im Jahr 2008 über 17 Prozent der 7,6 Mio. Eidgenossen älter als 65 – bis 2050 dürfte dieser Anteil auf 28 Prozent gestiegen sein.

Während sich ein solcher Trend mühelos auf Deutschland projizieren ließe, schauen die Fachleute im Berliner Wirtschaftsministerium aus einem ganz anderen Grund gebannt auf die Schweiz. Die Bevölkerung der Eidgenossenschaft sei nämlich einer Umfrage des Verbandes Interpharma zufolge nicht bereit, „die Kosten zu Lasten der Qualität des Gesundheitswesens zu senken“. Man kann es auch anders ausdrücken: Während Deutschlands Gesundheitssystem seit Jahren langsam aber sicher unter die Räder kommt und mittlerweile selbst KVen vor dem drohenden Aus stehen, sind Schweizer bereit, für High-Medtech tiefer in die Tasche zu greifen. Gerade das aber hört sich für Medizintechniker aus Deutschland wie eine Verlockung aus einer anderen Welt an – finanzkräftige Abnehmer und Menschen die in ihre Gesundheit investieren wollen sind der Mix, aus dem Unternehmerträume bestehen.

Wachstum von 4 bis 6 Prozent pro Jahr

Allein der Wert der Schweizer Inlandsnachfrage beispielsweise soll dem Papier zufolge derzeit bei mehr als 5 Milliarden CHF liegen. „In der Zukunft wird die Nachfrage nach Angabe von Beobachtern vermutlich um 4 bis 6 Prozent pro Jahr wachsen“, konstatieren die Analysten des Reports, und: „Besonders gute Marktchancen sehen Kenner für fortgeschrittene Diagnosesysteme (Bildsysteme, CT, NMR-Scanner), Monitoring und Intensivpflegeausrüstungen (X-Ray, MRI), Computersoftware, Kardiologie-Ausrüstungen, orthopädische Geräte, klinische Laborausrüstungen, In-vitro-Diagnosegeräte, qualitative Heimpflege- und Reha-Ausrüstungen sowie chirurgische Verbrauchsgüter“.

Damit nicht genug. Denn der Import von Medizintechnik erhöhte sich allein 2007 um rund 16 Prozent und erreichte damit 2,6 Mrd. US$. Immerhin 26,4 Prozent davon entfielen auf deutsche Produkte, von denen Medizinmöbel 65 Prozent, Röntgengeräte 42 Prozent und Spritzen, Nadeln oder Kathedern 35 Prozent der gesamten Importe ausmachten. Zu glauben, dass die Eidgenossen nichts Eigenes zu exportieren hätten, wäre hingegen ein fataler Trugschluss. „Die Handelsbilanz der Schweiz mit Medizintechnik verzeichnete 2007 einen Überschuss von 4,2 Mrd. US$, in der bilateralen Bilanz mit Deutschland betrug der Überschuss 0,7 Mrd. US$“, resümieren die Analysten von „Germany Trade & Invest“.

Vorzeigemodell für den deutschen Finanzminister

Derartige Statistiken wären für sich betrachtet zwar imposant, aber nicht wirklich umwerfend. Für den deutschen Finanzminister lohnt ein Blick in die Publikation seiner Kollegen aus dem Wirtschaftministerium aus einem anderen Grund: Sie offenbart, wie gut die Medizintechnikbranche im Alpenland auf die derzeitige Finanzkrise vorbereitet ist – und wie tricky.

Denn eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers zeigt unter dem Titel “Impact of the economic crisis on Swiss companies” auf, dass die Schweiz, anders als Deutschland, seinen Firmen vollkommen andere Rahmenbedingungen zur Krisenbewältigung bietet. „Kleinere Unternehmen spüren den erhöhten Druck seitens der Banken wesentlich weniger als größere“, heißt es dazu im PwC-Papier. Auf diese Weise bleiben weite Teile der für den sozialen Frieden unersetzbaren unternehmerischen Mittelschicht vom Schlimmsten verschont.

Was die PwC Studie nicht erwähnt, Ökonomen in Berlin jedoch bereits im Juni 2008 wussten, liest sich indes in der Publikation des Wirtschaftsministeriums wie ein Modell, auf das der deutsche Finanzminister Steinbrück nur voller Neid Blicken kann: „Von den insgesamt 586 Medizintechnikfirmen mit ihren rund 40.000 Beschäftigten sind circa 90 Prozent Klein- und Kleinstbetriebe mit einem Jahresumsatz unter 5 Mio. sfr“. Pech für Peer: diese Zahlen beziehen sich ausschließlich auf die Schweiz – in Deutschland trifft die restriktive Kreditpolitik der Banken gerade kleine und mittlere Unternehmen der MedTech-Branche mit voller Wucht.

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