Opa im eHome

3. April 2009
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Glaubt man Industrie-Experten, wird ab 2010 mit technischen Assistenzsystemen viel Geld verdient. Eine der ersten Zielgruppen: Bestager, die möglichst lang in den eigenen vier Wänden leben wollen. In Österreich werden die Oldies sanft an den Prozess herangeführt.

Am Institut “integriert studieren” (is) der Technischen Universität (TU) Wien werden für Behinderte und ältere Menschen seit vielen Jahren diverse Lösungen entwickelt mit dem Ziel, ein längeres, selbstbestimmtes Leben in den vertrauten vier Wänden zu ermöglichen. Eines der Projekte, das assistive, von Sensoren gesteuerte System “eHome”, soll nun erstmals in der Praxis, d.h. in einem Seniorenheim, getestet werden. Ziel von eHome ist, Stürze und andere medizinische Notsituationen in einer Wohnung zu erkennen und, falls erforderlich, automatisch Hilfe per Telefon anzufordern. Einzuordnen ist das Wiener Projekt in einen Forschungsbereich, für den sich europaweit der Begriff “Ambient Assisted Living” (AAL) durchgesetzt hat. Für die is-Forschungsgruppe und ihren Leiter, Professor Dr. Wolfgang Zagler, hat der Pilotversuch zwei Ziele. Einerseits soll die Zuverlässigkeit und die Realisierbarkeit der Technologie auf den Prüfstand gestellt werden. Andererseits, und das liegt Zagler besonders am Herzen, müssen die Einwände, die Ängste und die Hemmschwellen der Testpersonen sorgfältig analysiert werden, um technisch bedingte Akzeptanzprobleme auszuräumen. Vor einem Jahr wurden erste Tests mit einem Prototypen gemacht. Sie haben zumindest bewiesen, dass das System technisch funktionieren kann.

Wo ist das Epizentrum?

Neben dem Wiener is-Institut sind der Kommunikationsdienstleister Kapsch CarrierCom, das Spinoff-Unternehmen Treventus Mechatronics und das Forschungsinstitut CEIT RALTEC in das eHome-Projekt involviert. Grundgedanke des Gemeinschaftsprojekts ist, mit Hilfe von drahtlosen Sensoren Licht-, Temperatur-, Erschütterungs- und Bewegungsdaten in einem Raum rund um die Uhr zu erfassen und von einem Embedded System auf Abweichungen von Erfahrungswerten zu überprüfen. Eingebettete Systeme sind intelligente Hardwaremodule, die in Autos beispielsweise den Ausfall einer Bremsleuchte anzeigen. Beim eHome-Projekt ist das Embedded System mit einer selbstlernenden Software ausgestattet, die im ersten Schritt das normale Verhaltensmuster eines Bewohners ermittelt und darauf aufbauend, Veränderungen, die beispielsweise durch einen Sturz ausgelöst wurden, erkennt. Man kann sich gut vorstellen, dass dabei eine Menge an Daten anfällt, die in einen einfach zu interpretierenden Zusammenhang gebracht werden muss. Bei ungewöhnlichen Erschütterungen, erklärt Zangler gegenüber DocCheck, muss das System beispielsweise wie bei einem Erdbeben in der Lage sein zu erkennen, ob das Epizentrum inner- oder außerhalb der Wohnung liegt. Für die Auswertung werden Data Mining-Verfahren genutzt, die seit vielen Jahren in Handelsketten zur Erstellung von Verkaufsprognosen eingesetzt werden.

Versteckte Technologie

Um den Bewohnern die Berührungsängste zu nehmen, wurden eine ganze Reihe von Vorkehrungen getroffen. “Das User Interface Design von eHome ist ganz bewußt darauf ausgelegt, die Technologie im Hintergrund zu lassen”, so Zagler. So werden die Sensoren, etwa 3-6 Cluster pro Raum, verdeckt angebracht. Die Verbindung zum Embedded System, das beispielsweise im Sicherungskasten oder im Fernseher der Wohnung untergebracht sein kann, basiert auf einem drahtlosen Kurzstreckennetzwerk. Es werden keine Sensoren installiert, die Bilder oder Töne übertragen. Damit wird vermieden, dass der Gedanke der Überwachung aufkommen kann. Um trotzdem gleiche Ergebnisse wie von einer Kamera zu bekommen, müssen andere Verfahren, wie beispielsweise das Time Difference of Arrival, ein elektronisches Lokalisationssystem, angewendet werden. Damit das lästige Batteriewechseln entfällt, setzen die Forscher auf interessante Ansätze des Energy Harvesting. So fand Zagler heraus, dass eine kleine Photovoltaik-Zelle ausreicht, um seine Bürotischlampe mit ausreichend Strom zu versorgen. An Ideen mangelt es nicht, wie man sieht. Aber vieles wird sich erst noch behaupten müssen. Zagler könnte sich auch vorstellen, das System um die Diagnostik zum Sturzrisiko, so wie sie in Krankenhäusern bei der Entlassung erstellt wird, zu erweitern. “Wenn ich den richtigen Input bekomme, dann wird auch das gemessen”, verspricht der Professor.

Eine Stadt macht mobil

Das eHome-Projekt wird in außergewöhnlicher Weise von der Stadt Schwechat – größter Arbeitgeber ist der Flughafen Wien und Austrian Airlines – unterstützt. Mit dem “Living Lab Schwechat” macht die Stadt Nägel mit Köpfen. So ist das Forschungsinstitut CEIT RALTEC , das die Entwicklung innovativer IKT-Technologien für AAL koordiniert und Partner im eHome-Projekt ist, eine 100prozentige Tochter der Kommune. “Die Idee, alle BürgerInnen, so weit sie das möchten, zu Entwicklungspartnern des Living Lab zu machen, wird in Schwechat überzeugend angepackt”, berichtet Zagler. Damit auch das erforderliche Interesse bei den Bewohnern der Stadt geweckt wird, informiert die Kommune permanent im Stadtfernsehen, in den Medien und im Internet über den Stand des Pilotprojektes.

99 Wertungen (2.61 ø)
Medizin

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8 Kommentare:

Gesundheits- und Krankenpflegerin

Ich finde die grundsätzliche Idee, die dahinter steckt, sehr gut, denn kann es nicht mehr (oder zumindest wesentlich seltener) passieren, dass in den personell unterbesetzten Pflegeeinrichtungen ein Bewohner über mehrere Stunden z.B. auf dem Boden liegt und nicht gefunden wird.

#8 |
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Dr. med. Rainer Hübner
Dr. med. Rainer Hübner

Big Brother embedded (oder unter dem Bett?)
Scheußlich, wie der ganze Beitrag.

#7 |
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Naturwissenschaftlerin

Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen, ein ziemlich geschmackloser Artikel.

#6 |
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susann summer
susann summer

schließe mich hippokrates an.
darüberhinaus finde ich es auch äußerst diskriminierend und beleidigend, ältere menschen als oma oder opa zu bezeichen. ich hoffe, daß ich später niemals so bezeichnet werde. die/derjenige hätte dann nichts zu lachen.
es stimmt mich traurig und wütend, so etwas auf einer medizinseite z7u lesen.

#5 |
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Prof. Dr. med- Frank Schauwecker
Prof. Dr. med- Frank Schauwecker

Bestager ist wirklich nicht gut. Wsrum nicht einfach ältere oder alte Menschen?
Ansonsten bring der Artikel eigentlich nichts Neues:
Gruß

#4 |
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Reinhold Vossberg
Reinhold Vossberg

wenn sonst antiaging gebraucht wird, finde ist diese neue Wortschöpfung geradezu genial, Best- Aging als Gruppe der Best Ager. Die beste Zeit ist immer jetzt!

#3 |
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meiner meinung nach wird hier ein weiterer schritt unternommen,sozusagen der fuß in die tür gesetzt, um nach und nach die totalkontrolle über die patienten zu bekommen,die objekt einer lückenlosen wertschöpfungskette einer zu etablierenden profitorientierten gesundheitsindustrie nach us-amerikanischem muster sein sollen.
davor kann nur gewarnt werden.
pflichtlektüre für alle patienten und ärzte sollte sein:
“der verkaufte patient- wie ärzte und patienten von der gesundheitspolitik betrogen werden” von renate hartwig, pattloch verlag münchen 2008 und der film von michael moore: “sicko”.
m.s.

#2 |
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Weitere medizinische Berufe

Habe mich gerade verlesen: “Betagte” statt “Bestager”. Hieß ja schließlich auch mal so…

#1 |
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