Einmal Fleischwurst mit Teststreifen, bitte

8. April 2009
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Ein Schweizer Unternehmen verkauft seit wenigen Wochen diagnostische Teststreifen in Supermärkten – und bringt damit viele Eidgenossen gegen sich auf. Demnächst könnte eine ähnliche Diskussion auch in Deutschland aufflammen. Denn die Schweiz ist nur der Anfang.

Was Zahlen angeht, ist Dr. Patrick Bruno von der Schweizer Patient Diagnostics AG eher reserviert. Seit Anfang März beliefert das Unternehmen in der Schweiz die dort ubiquitären Coop-Supermärkte mit Selbsttests auf Milchallergie, Pollenallergie, Glutenunverträglichkeit, hohes Cholesterin und erhöhten Blutzucker. Zum bisherigen Verkaufserfolg möchte sich Bruno auf Nachfrage von DocCheck nicht wirklich äußern: „Wir veröffentlichen leider keine Zahlen, deshalb kann ich Ihnen auch keine Verkaufszahlen nennen.“ Nur so viel: „Die Resonanz unserer Kunden ist sehr gut.“ Das kann alles und nichts heißen.

„Nutzt eigentlich nichts“

Tatsache ist, dass Patient Diagnostics im Schweizer Gesundheitswesen einen kleinen Kulturkampf angezettelt hat, seit das Unternehmen die Supermarktregale mit den genannten Testreifen bestückt. „Alle fünf Tests funktionieren ähnlich“, so Bruno. Der Kunde – Patient ist er ja nicht im Supermarkt – sticht sich mit der beigelegten Stechhilfe in die Fingerkuppe. Er gibt das Blut auf die Testkassette und ergänzt das Ganze um eine Prise Pufferlösung. Fertig ist das medizinische Heimlabor. Zu haben ist es zu Preisen eines kleineren Kosmos Experimentierkastens: Für 22 bis 45 Schweizer Franken gibt es jene prompten Antworten, die einige Supermarktkunden offenbar gerne haben möchten. Nur: Was tun mit diesen Antworten? Das fragt unter anderem der Präsident der Schweizerischen Union für Labormedizin, Professor Andreas Huber vom Kantonsspital Aarau. Huber ist einer der schärfsten Kritiker von Patient Diagnostics. Er weist darauf hin, dass ein Testergebnis nur dann Sinn macht, wenn der Betreffende danach auch beraten werde, nicht zuletzt weil die Interpretation von Laborbefunden unter Umständen schwierig sein könne. „Der Test nutzt eigentlich nichts. Er macht die Leute nur unsicher“, so Huber in einem Beitrag des Schweizer Radiosenders Radio Central.

Telemediziner sollen den Kunden bald beistehen

Bei der Supermarktkette Coop versteht man die ganze Aufregung nicht so ganz: Tests wie jene, die Patient Diagnostics anbietet, würden seit Jahren in Apotheken und Drogerien angeboten. „Und jetzt, wo wir sie verkaufen, soll es unseriös sein“, so Coop-Sprecher Karl Weißkopf. Unseriös ist vielleicht auch das falsche Wort, denn selbst Huber hat nichts prinzipiell gegen die Teststreifen. Er hätte sie nur gerne anderswo angesiedelt, bei Apothekern zum Beispiel: „Sie sind zwar keine Mediziner, aber immerhin. Apotheker haben eine mehrjährige Ausbildung. Da kann man eine gewisse Beratung erwarten.“ Gerade hier sieht man sich bei Patient Diagnostics allerdings etwas missverstanden. Denn zum einen gibt es eine Hotline, bei der die Kunden kostenlos Informationen zur Durchführung und zur Interpretation der Tests erhalten. Und zum zweiten hat man sich mit dem Schweizer Telemedizinprimus Medgate einen Kooperationspartner geangelt, bei dem die Kunden bei Bedarf auch einen echten Mediziner ans Telefon bekommen. Ab Anfang April soll es so weit sein. „Die Beratung via Medgate kann auf Wunsch des Kunden verlangt werden, und sie ist für unsere Kunden kostenlos“, betonte Bruno gegenüber DocCheck. Damit gewinnt das Supermarktangebot natürlich eine etwas andere Dimension.

Deutschlandstart „in Kürze“

Trotzdem: Bei den Schweizer Patientenorganisationen ist Patient Diagnostics bisher auf ein überwiegend kritisches Echo gestoßen. Sowohl die Patientenorganisation für Allergiker aha! als auch dieIG Zöliakie haben den Schritt kritisiert und von den Tests abgeraten. Bei Patient Diagnostics hält man dagegen, dass mit Tests in Supermärkten auch solche Menschen erreicht würden, die sonst nicht oder nur sehr spät zum Arzt gehen würden. Auch nicht ganz von der Hand zu weisen. In Deutschland sollte man sich auf das Thema Teststreifen im Supermarkt jedenfalls schon einmal geistig vorbereiten. Denn bei der Schweiz wird es wohl nicht bleiben. „Wir haben eine Niederlassung in München und in Wien, und wir werden in Kürze auch in diesen Ländern auf den Markt gehen“, verrät Bruno. Nur über die genauen Vertriebskanäle ließ er sich noch keine Aussage entlocken. In der Schweiz war das Unternehmen erst in Apotheken und Drogerien aktiv, bevor es dann auf Coop zuging.

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