Antibiotikaresistenz: Kommt nur, ihr Keime…

6. September 2013
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Jahr für Jahr sterben in Deutschland laut Schätzungen des Bundesministeriums für Gesundheit bis zu 30.000 Patienten an nosokomialen Infektionen. Politik und forschende Arzneimittelhersteller suchen jetzt gemeinsam nach Lösungen. Doch es gibt nicht nur klassische Arzneistoffe und Vermeidungsstrategien.

Kein großes Geheimnis: Resistenzen entstehen durch den allzu freizügigen Einsatz von Antibiotika in Humanmedizin und Tierhaltung. Mehrere Bundesministerien, Verbände und Organisationen haben deshalb DART als deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie ins Leben gerufen. Sie planen, den Verbrauch inklusive möglicher Resistenzen zu erfassen und Ärzte engmaschiger zu informieren. Darüber hinaus soll eine spezielle „Kommission Antiinfektiva, Resistenz und Therapie“ am Robert-Koch-Institut Empfehlungen erarbeiten. Mögliche Schwerpunkte: Diagnostik, Therapie und die Fortbildung von Heilberuflern. Regierungsvertreter planen auch, regionale Akteure stärker zu vernetzen und Forschungsansätze zu fördern.

Bei Nutztieren setzen alle Beteiligten große Erwartungen in die 16. Novelle des Arzneimittelgesetzes: Ab 2014 haben Mastbetriebe ihren Antibiotikaverbrauch regelmäßig zu melden und gegebenenfalls zu verringern. „Indem wir den Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung gezielt minimieren, machen wir in Deutschland einen entscheidenden Schritt zur Eindämmung der Antibiotikaresistenzen“, hofft Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU). Union und Liberale haben auch ein „Konzept zur globalen Gesundheitspolitik“ verabschiedet – inklusive Plänen zum Schutz vor Antibiotikaresistenzen.

Neue Arzneistoffe – neues Glück

Ärzte und Apotheker brauchen eher neue Wirkstoffe als politische Strategiepapiere. Jetzt haben akademische Einrichtungen und Firmen die Möglichkeit, über „NewDrugs4Bad Bugs“ insgesamt 223,7 Millionen Euro abzurufen. Entsprechende Gelder sind Teil eines europäischen Aktionsplans zur Abwehr antimikrobieller Resistenzen. Geplant ist, Informationen zu gescheiterten Projekten austauschen und klinische Studien weiterentwickeln. Auch berichtet der Verband forschender Arzneimittelhersteller von neuen Präparaten. Seit Oktober 2012 gibt es Ceftarolin (Zinforo®). Das  Cephalosporin kommt unter anderem bei MRSA-Infektionen zum Einsatz. Und gegen Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) ist seit Anfang 2013 Fidaxomicin (Dificlir®) auf dem Markt, ein makrozyklisches Antibiotikum. Neun weitere Arzneistoffe befinden sich in Phase-III-Studien oder im Zulassungsverfahren.

Neuer Wein im alten Schlauch?

Nicht jeder Experte teilt diese optimistische Sichtweise. Professor Dr. Jörg Hacker, Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, kritisiert unter anderem, forschende Unternehmen würden meist bekannte Pharmaka weiterentwickeln, anstatt neue Stoffklassen zu erschließen. In einer Resolution fordern Wissenschaftseinrichtungen deshalb Erleichterungen bei der Forschung und Zulassung. Denkbar wären öffentliche Anreizmodelle inklusive „Rückhalteprämien“ zur Risikominimierung teurer Phase-III-Studien. Investigator-Initiated Trials, also Studien unabhängiger Forschergruppen, sollten ebenfalls durch staatliche Förderprogramme unterstützt werden. Hinsichtlich regulatorischer Rahmenbedingung gilt ein Überlegenheitsnachweis neuer Antibiotika als „zu hohes Therapieziel“. Die Akademie der Wissenschaften in Hamburg und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfehlen, mehrere Substanzen mit ähnlichem Effekt zu entwickeln. Für deren Zulassung sollten schon Wirksamkeitsnachweise ausreichen. Nicht zuletzt bleibt als Botschaft für die Grundlagenforschung, Resistenzen auf molekularen Skalen zu untersuchen und neue Targets für Arzneistoffe zu identifizieren.

Herr Doktor, die Phagen bitte!

Völlig überraschend sind diese Überlegungen aber nicht – Wissenschaftler beschränken sich auf klassische Pharmaka. Bei Resistenzen könnten Bakteriophagen eine Alternative darstellen. Seit den 1920er-Jahren gibt es Publikationen, und zahlreiche Ärzte machten während des zweiten Weltkrieges gute Erfahrungen mit der Therapieform. Schließlich wurde es bei uns recht still um Bakteriophagen, dank antibiotischer Wirkstoffe. In Ländern der ehemaligen Sowjetunion forschten Ärzte weiter, etwa am George Eliava Institute of Bacteriophage, Microbiology and Virology. Kollegen aus Georgien sehen gleich mehrere Vorteile: Phagen sind – anders als Antibiotika – hoch spezifisch, und nützliche Bakterien bleiben verschont. Teilweise durchqueren therapeutische Viren auch die Blut-Hirn-Schranke, um dort Meningitiden zu bekämpfen. Bleibt noch die Frage nach möglichen Resistenzen. Gegen diese Behandlungsform entwickeln Bakterien ebenfalls Abwehrmechanismen, was aber kaum stört: Ärzte isolieren Phagen mit hohem Zeitaufwand aus natürlichen Quellen und selektieren diese patientenindividuell. Durch Mutationen passen sich entsprechende Viren auch neuen Wirten an.

Scharfe Wunderwaffen

Viren im Körper schrecken viele Patienten ab. Zu Unrecht, wie Jeremy J. Barr, San Diego, jetzt gezeigt hat. Er wies im Mukus von Schleimhäuten große Mengen unterschiedlicher Phagen nach. Sie töten Eindringlinge wie Escherichia coli, bevor beispielsweise Epithelzellen der Lungenschleimhaut befallen werden. Epithelnahe Bereiche des Mukus erwiesen sich als weitgehend steril. Barr vermutet, dass Phagen als Teil des mukosalen Immunsystems eine wichtige Rolle spielen. Davon könnten Patienten mit Morbus Crohn profitieren. Bei ihnen ist die Barriere zwischen dem Darmlumen und dem Organismus teilweise gestört, und Bakterien der Darmflora gelangen in das Epithel der Darmschleimhaut. Bakteriophagen haben sich auch bewährt, um Keime in Biofilmen zu bekämpfen – Antibiotika erreichen den Ort des Geschehens nicht. Theodosios Bisdas, Münster, zeigte im Labor, wie sich Gefäßprothesen schützen lassen. Durch eine Beschichtung mit Bakteriophagen reduzierte er die Zahl an Staphylococcus epidermidis- und Escherichia coli-Keimen in Biofilmen signifikant. Bei Klebsiella pneumoniae erwiesen sich Bakteriophagen auch als wirkungsvoll.

Jetzt aber schnell!

Genug der Grundlagenforschung. Nachdem es aus Phase-I-Studien keine Sicherheitsbedenken gibt, sind etliche Firmen aktiv geworden. Micreos arbeitet an Breitband-Phagen, die multiresistente Erreger bekämpfen. Und AmpliPhi BioSciences präsentierte kürzlich vielversprechende Resultate bei Patienten mit zystischer Fibrose und resistenten Pseudomonas aeruginosa-Stämmen. Genau 90 Jahre nach Gründung des George Eliava Institute of Bacteriophage, Microbiology and Virology interessieren sich alle Länder für therapeutische Bakteriophagen.

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