Ich nix verstehen

7. Mai 2009
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Wie ratsam ist es, ein Land für eine Auslandsfamulatur zu wählen, dessen Sprache man nicht mächtig ist? Gerade in Entwicklungsländern, in denen man besonders spannende Erfahrungen sammeln könnte, sprechen die Menschen oft kaum Englisch. Also doch lieber zu Hause bleiben? Von wegen…

Als ein Bekannter mir das Angebot machte, in Laos zu famulieren, war mein erster Schritt der zum Bücherregal – erst einmal ein Blick in den guten alten Diercke Weltatlas werfen. Aha! Sternschnuppenförmig eingezwängt zwischen Thailand, Myanmar, China, Vietnam und Kambodscha liegt also das kleine Laos. Sechs Millionen Einwohner. Laut UN eines der 50 am schlechtesten entwickelten Länder der Welt. Amtssprache? Laotisch, klar. Angeblich sehr ähnlich dem Thai. Hmm, hilft mir leider auch nicht weiter, denke ich mir. Als ich Freunden von der Idee erzähle, ernte ich vor allem skeptische Blicke. Sie haben im Grunde dieselben Sorgen wie ich: In einem Land, in dem Du nicht einmal die Sprache verstehst? Was sollst Du denn da lernen?

Chaotisch Laotisch

Trotz aller Zweifel sitze ich am ersten Tag der Semesterferien im Flieger und versuche mich in der ersten Lektion meines „Kauderwelsch – Laotisch Wort für Wort“: Zählen. „Nüng, soong, saam, sii, haa, hok, tjet, päät, kau (vorsicht: kau heißt auch Reis und alt und er und sie und hineingehen…), sip“. Nach also zehn (sip) Stunden Flug nach Bangkok und einer (nüng) weiteren lande ich in Vientiane, der laotischen Hauptstadt am Mekong.

Im Setthathirat-Hospital in Vientiane werde ich herzlich von der Belegschaft empfangen „Sabaidee!“ Die einzige Ärztin, die etwas englisch-ähnliches spricht, hat einen asiatisch-schweizerdeutschen Akzent, da sie ihre Sprachkenntnisse vor 15 Jahren auf einem Kongress in der Schweiz erworben hat. Mein Fels in der Brandung während der kommenden vier Wochen, ist ein amerikanischer Arzt von Health Frontiers, der dort für drei Monate Freiwilligenarbeit in vier Krankenhäusern gleichzeitig leistet – auch er spricht und versteht kein Laotisch.

Ups!

In der ersten Woche versuche ich noch, die wichtigsten Vokabeln zu pauken: tschau pen njang? = Was haben Sie?; Tjep = Schmerz; sakjaa = spritzen; khai = Fieber. Als ich jedoch einen Patienten nach seinem schmerzenden Bein (= khaa) fragen will und dieser in eine Art Schockzustand verfällt, fange ich an, die Hoffnungslosigkeit meiner sprachlichen Situation zu begreifen. Der Arme Mann ließ sich erst wieder anfassen, als die Schwestern ihm erklären, dass ihn seine Schmerzen nicht töten werden und ihm auch sonst niemand etwas böses will. Töten heißt nämlich – wer kann denn so was ahnen – auch khaa: unwesentlich anders betont.

Von diesem Zeitpunkt an versuche ich mich in Zeichensprache. Pantomimisch mit Händen und Füßen gestaltet sich die Anamnese zwar recht lustig für alle Umstehenden, allerdings nicht gerade leicht. Aber es funktioniert. Ich lerne Körpersprache zu interpretieren. Und es funktioniert. Ich lerne vermehrt, auf Mimik, Gestik, Haltung und Bewegung zu achten. Und es funktioniert! Ich bin überrascht, wie viel man so über einen Patienten erfahren kann. Auch beim Abhören, Fühlen, Tasten, Klopfen und Beobachten ist die Aufmerksamkeit eine ganz andere. Auf diese Weise baue ich mir, ab und zu mit Hilfestellung in Form von Laborwerten oder sogar manchmal Bildgebung, meine Patientenbilder – Und: es funktioniert! Und so verbringe ich vier interessante, lehr- und erlebnisreiche Wochen im Setthathirat-Hospital in Laos.

Fazit

Eine vermeintliche Sprachbarriere sollte niemanden von solchen Vorhaben abbringen. Viele lateinische und griechische Fachbegriffe werden in Krankenhäusern weltweit sowieso gleich verwendet. Und die Erfahrung einer sehr ursprünglichen Medizin nah am Patienten sollte man sich nicht entgehen lassen. In diesem Sinne also: Koffer packen und ab dafür! „Tjong pai dii!“ – oder wie man hier bei uns sagt: Gute Reise!

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