Apothekentester auf dem Kieker

8. Mai 2009
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Nach einer Sendung im ZDF steht der klinische Pharmakologe Professor Jürgen Frölich, ehemals Medizinische Hochschule Hannover, im Kreuzfeuer der Apothekerkritik. Im Gespräch mit DocCheck bedauert er die Emotionalität der Debatte, steht aber zu seinen Thesen.

Herr Frölich, Sie sind durch eine ZDF-Sendung, in der Sie als Testkäufer in Apotheken agierten, wider Willen zu einer prominenten Reizfigur in der deutschen Apothekenlandschaft aufgestiegen. Können Sie die Reaktionen der Apotheker verstehen?

Jürgen Frölich: Ich kann die Reaktionen insofern verstehen, als die Ergebnisse der Testkäufe ja nicht gerade berauschend waren. Ich möchte klar sagen: Es war nicht meine Absicht, für irgendjemanden zur Reizfigur zu werden. Wenn das so ist, dann tut mir das leid.

Wie kam es zu der Sendung?

Jürgen Frölich: Ein Journalist des ZDF hatte mich angesprochen. Ich wollte ursprünglich nicht, habe mich dann aber überreden lassen. Wenn man so etwas im Fernsehen macht, ist das natürlich provokativ. Andererseits: Es geht mir um das Thema Arzneimittelsicherheit, um nichts sonst. Dass es in der pharmazeutischen Beratung Defizite gibt, wissen wir nicht erst seit dieser Sendung. Um das deutlich zu sagen: Ich will niemandem vors Schienbein treten. Ich habe konstruktive Vorschläge gemacht, wie die Situation zu verbessern ist.

Darauf kommen wir noch. Die ABDA wirft Ihnen vor, Falschinformationen gestreut zu haben, und die Apothekenpresse trommelt eifrig in derselben Richtung. So sei die von Ihnen im Rahmen Ihrer Testkäufe abgefragte Interaktion zwischen dem H2-Blocker Ranitidin und dem Betablocker Metoprolol gar nicht existent. Können Sie das kommentieren?

Jürgen Frölich: Wenn die ABDA der Auffassung ist, dass etwas, das nicht in der Fachinformation steht, nicht existent ist, dann gibt es diese Interaktion wohl wirklich nicht… Im Ernst: Die Interaktion zwischen Ranitidin und Metoprolol steht zwar nicht in der Fachinformation, ist aber wissenschaftlich einwandfrei belegt. Wir reden hier auch nicht über Kleinkram: Die ‚area under the curve‘ von Metoprolol wird bei gleichzeitiger Einnahme von Ranitidin verdoppelt. Das ist dann so als wenn Sie statt 100mg Metoprolol plötzlich 200mg nehmen. Bei kardial vorgeschädigten Patienten, beispielsweise mit einer Reizleitungsstörung, kann eine solche Dosissteigerung schwerste Herzrhythmusstörungen verursachen. Das Problem war ja, dass ich den entsprechenden Apotheker gebeten hatte, doch mal in seiner Datenbank nachzusehen. Da war diese Interaktion nicht drin. Und hier muss ich als Wissenschaftler schon sagen: Wenn ich eine solche Datenbank zur Verfügung stelle, dann reicht es nicht, Fachinformationen zu digitalisieren, die teilweise Jahre alt sind. Da muss ich mir schon etwas mehr Mühe geben. Wie gesagt, wir reden hier nicht über eine irrelevante Interaktion. Da haben wir schon drauf geachtet… Was die ABDA im Moment macht, finde ich unverantwortlich.

Sie haben das Thema Software angesprochen. Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Sie als Teilhaber an dem Unternehmen Atheso (TheraOpt®) ein finanzielles Interesse an dem Thema Arzneimittelsicherheit haben und deswegen so forsch auftreten?

Jürgen Frölich: Das ist längst nicht mehr aktuell. Ich habe meine Anteile an dem Unternehmen schon vor etwa einem Jahr ohne Gewinn verkauft. Es geht mir wirklich nicht ums Geld, sondern um die Thematik an sich. Was ich aber schon sagen möchte ist, dass nicht zuletzt durch die Softwarehersteller Bewegung in das ganze Thema gekommen ist. Die medizinischen Einrichtungen sind interessierter als früher. Es gibt einige sehr gute Produkte. Und auch Branchengrößen wie ifap haben ihre Module mittlerweile stark verbessert. Ich halte das für eine sehr positive Entwicklung.

Ein zweiter Kritikpunkt an der Sendung betraf das frei verkäufliche Migränemittel Naratriptan. Die ABDA behauptet, das gebe es gar nicht in Drogerien…

Jürgen Frölich: Fakt ist, dass die Drogerie Schlecker Partner der Versandapotheke Vitalsana ist und dass man das Medikament in Schlecker-Filialen bestellen und dort kaufen kann. Viel interessanter ist, dass die ABDA auf den Kern der Sache gar nicht eingeht: Was ich eigentlich kritisiere ist, dass die Beratung in den meisten getesteten Apotheken schlicht nicht vorhanden war. Naratriptan ist kein Placebo. Bei diesem Präparat gibt es klare Kontraindikationen, und da muss ich als Apotheker schon mal nachfragen, bevor ich das rausgebe. Bei frei verkäuflichen Medikamenten muss der Apotheker seinen Kopf hinhalten. Da kann sich nun wirklich niemand rausreden.

Wie könnte die Situation Ihrer Auffassung nach verbessert werden?

Jürgen Frölich: Wie gesagt, ich will niemandem zu nahe treten. Wir brauchen die Apotheker dringend, darum geht es nicht. Ein Ansatzpunkt ist meines Erachtens die Ausbildung. Ich betreue noch immer viele Pharmazeuten bei Dissertationen und mache dabei die Erfahrung, dass das konkrete klinisch-pharmakologische Knowhow am Ende der Ausbildung oft fehlt.

Wo soll es herkommen?

Jürgen Frölich: Das ist etwas, das man am besten am Patientenbett lernt. Deswegen sollten angehende Pharmazeuten sehr viel systematischer bei ärztlichen Visiten dabei sein. Wir machen das in Hannover mit unseren pharmazeutischen Doktoranden, und es ist erstaunlich, wie fit die in der klinisch-pharmazeutischen Beratung schon nach kurzer Zeit sind. Das heißt: Die Grundlage ist absolut vorhanden, es fehlt nur etwas die Praxis am Patienten. Ein Fehler ist meines Erachtens auch, dass das Fach Klinische Pharmazie an den Universitäten nicht von Klinischen Pharmakologen, sondern von Pharmazeuten gelehrt wird. Den zweiten Ansatzpunkt hatten wir schon angesprochen: Software kann sehr hilfreich sein, aber nur, wenn sie erstens auch genutzt wird und zweitens aktuell ist. Fachinformationen digitalisieren reicht nicht.

Würden Sie nochmal als Testkäufer zur Verfügung stehen?

Jürgen Frölich: Ich fürchte, dazu bin ich langsam zu wiedererkennbar…

95 Wertungen (2.41 ø)
Pharmazie

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5 Kommentare:

Dr. rer. biol. hum. Markus Zieglmeier
Dr. rer. biol. hum. Markus Zieglmeier

Herrn Baumann ist zuzustimmen, wenn er die Literaturstelle fordert, die Frölich anführt. Die Literatur, die belegt, dass die Interaktion Ranitidin / Metoprolol NICHT klinisch relevant ist, finden Sie in meinem Artikel in der DAZ 18 / 09. Zu der behaupteten Erhöhung der AUC um 100 % noch ein kurzer Vergleich: Paroxetin erhöhte die Metoprolol-AUC um den Faktor 8 bis 16! Ähnliche Spiegelverläufe findet man bei poor metabolizern am CYP 2D6. M. Zieglmeier

#5 |
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Karl Junkes
Karl Junkes

Wenn ich Migräne habe, dann brauche ich keine symptombehandelde Chemie, sondern hochdosiert Calcium. Damit gehe ich an die Ursache meiner Migräne. Sie werden sich wundern wie effektiv das sein kann.
U. Ch.

#4 |
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Da ich seit Tagen mit der Redaktion des ZDF korrespondiere und im dortigen zdf.reporter Forum meine Einschätzung der Sachlage bekannt gemacht habe, möchte ich an dieser Stelle nur zwei Dinge sagen. Estens: Der Beitrag im ZDF war eine gezielte Zuschauermanipulation, bei der nicht nur eine irrelevante Interaktion als Aufänger zur Apothekerdenunziation genutzt wurde, sondern der noch weitere manipulative Elemente enthielt. Zweitens: Zum hier abgedruckten Interview möchte ich folgendes bemerken. Herr Frölich attestiert uns Apothekern also, daß wir durchaus eine Wissensgrundlage hätten, aber für mehr reichts halt nicht. Dies ist die typische Hybris, die viele Ärzte immer noch an den Tag legen, obwohl die meisten gerade in pharmakologischen Fragen wenig Ahnung haben, da ihnen das chemisch-pharmakologische Grundverständnis dafür fehlt. Wie Frau Maybach in Ihrem Kommentar schon erwähnte, sollten wir Apotheker den Spies vielleicht mal umdrehen und Ärzte diesbezüglich testen. Dann wäre das Geschrei aber groß. Herrn Frölich selbst brauchen wir aber nicht mehr zu testen. Er hat mit vielen seiner Aussagen zur besagten Interaktion den Verdacht bereits bestätigt, daß es mit seiner Wissensgrundlage nicht zum besten steht (siehe auch Kommentar von Josef Müller. C. Werner

#3 |
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Apotheker Axel Kulp
Apotheker Axel Kulp

Fakt:Beratung muss besser werden! Beratungsdefizite, wie bei Naramig, sind nicht zu entschuldigen. Es gibt sicher viele gute Kollegen die fachlich gut beraten. Es ist ein Fehler die Schlechten zu schützen!

Allerdings sollten viele Journalisten ihren Aufgaben gewissenhafter nachgehen, denn Pauschalisierungen (wie die Apotheken) sind falsch und nicht hilfreich! Also bitte am Stil arbeiten.

#2 |
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Dr. Gabriele Alberts-goebel
Dr. Gabriele Alberts-goebel

Auch Herr Frohlich kann sich nicht herausreden, er hätte seine Anteile schon im letzten Jahr verkauft: der Test wurde meines Wissensja auch schon im letzten Jahr gemacht, und vom NDR bereits damals abgelehnt!
G.Alberts-Goebel

#1 |
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