Graue Substanz – weise Substanz

12. Mai 2009
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Alzheimer, Demenz, oder sich einfach immer weniger merken können. Jenseits der Lebensmitte geht es mit den kognitiven Fähigkeiten nur mehr dahin. Falsch! Erfahrene Gehirne lassen sich zwar bei der Konzentration leichter stören,  speichern aber ihre Erfahrung besser ab.

“Schon viele Jahre vor dem Tod, schwinden die kognitiven Fähigkeiten immer schneller. Auch bei geistig Gesunden.” 15 Jahre vor dem Tod geht es mit dem Erkennen von Buchstaben und Formen bergab, acht Jahre davor mit der räumlichen Wahrnehmung und etwa sechs Jahre vor dem Dahinscheiden mit der Sprache. Die frustrierenden Aussagen und Zahlen veröffentlichte eine Wissenschaftlergruppe von der Universität Göteborg im Sommer letzten Jahres, nachdem sie fast 300 Probanden zwischen ihrem 70.Lebensjahr und ihrem Tod beobachtet hatte.

Studenten lernen bereits früh im Studium, dass das menschliche Gehirn schon viel früher abbaut und bereits ab 30 seine höchste Leistungsfähigkeit überschritten hat. Dennoch – kein Grund zum Verzweifeln! Bei manchen Gedächtnisaufgaben hängen die “Gruftis” ihre jüngeren Kollegen glatt ab. Dynamische Jungspunde können sich am Anfang ihrer Karriere blitzschnell an ständig wechselnde Situationen anpassen und lernen scheinbar mühelos. Dennoch greifen Personaler gerne auf ältere Semester zurück, besonders dann, wenn es um Teamwork oder soziale Kompetenz geht. Nicht nur ihre Erfahrung qualifiziert sie, sondern auch ihr Blick für Zusammenhänge und die richtigen Schlüsse, die sie daraus ziehen.

Der langsame Blick fürs große Ganze

Lynn Hasher an der Universität von Toronto ließ ihre Probanden im Alter um 20 und im Vergleich dazu um die 70 herum Geschichten lesen, in denen scheinbar sinnlose Worte eingestreut waren. Wie erwartet, taten sich die Älteren mit dem zügigen Lesen schwerer und brauchten länger. Um aber den anschließenden Test zu lösen, mussten die “Störwörter” mit anderen Begriffen in einem Zusammenhang gebracht werden. Dabei spielten die gereiften Gehirne ihre Erfahrung aus. Denn die Fehlerquote lag bei den Jüngeren wesentlich höher. Störfaktoren auszublenden, gelingt somit den Youngstern besser. “Beim Problemlösen profitierten die Älteren ganz klar von der Ablenkung in der vorherigen Aufgabe” beschreibt Hasher das ermutigende Ergebnis.

Ähnlich gute Ergebnisse erzielen Senioren auch dann, wenn es um die die richtige Reaktion bei anderen Entscheidungsaufgaben geht, in denen die Teilnehmer Fehlerfallen ignorieren müssen. Im Reaktionstest am Institut für Arbeitsphysiologie der Uni Dortmund sollten Probanden den Knopf drücken, sobald ein Pfeil mit entsprechender Ausrichtung im Zielgebiet des Monitors erscheint. Irritierende Pfeile außerhalb stören und verzögern die richtige Entscheidung. Jüngere Teilnehmer sind zwar auch bei diesem Test schneller, produzieren aber auch mehr Fehler, wenn sie abgelenkt werden. Wer zu schnell reagiert, hat oft falsch entschieden. Sobald das Gehirn auf „Drücken“ programmiert ist, gibt es kein Zurück mehr. Der Langsamere ist auch hier oft der Bessere.

Kreativer Umbau im Alter

Und was nützt das dem Senior mit einem Gehirn, aus dem sich mit der Zeit immer mehr Nervenzellen verabschieden? Wer ein Buch oder einen Zeitschriftenartikel mit vorgefertigter Absicht lese, so illustriert Lynn Hasher die Alltagstauglichkeit ihrer Tests, blende oft unerwünschte Fakten aus. Genau diese Fakten könnten aber bei einem anderen Projekt wichtig sein. Zusammenhänge zwischen scheinbar Getrenntem herzustellen, daraus gründet sich Erfahrung. Und darin sind Ältere den meisten nach ihnen Geborenen voraus. Wer scheinbar störende Einflüsse nicht automatisch ausblendet, gewinnt auch an Persönlichkeit. Harvard-Forscher zeigten, dass besonders kreative Menschen sensibel für scheinbare Ablenkmanöver sind und sie später in ihre Ideen einbeziehen.

Wer altert, baut nicht alle Gehirnteile gleichmäßig ab, sondern baut um. Cheryl Grady, Kollegin von Lynn Hasher in Toronto belegte, dass Junge und Alte unterschiedliche Areale aktivieren, wenn sie sich das Gesicht ihres Gegenübers anschauen. Tierexperimente beweisen, dass benachbarte Hirnregionen Aufgaben übernehmen können, wenn einzelne Zentren nachlassen oder ganz ausfallen. Seit etwa zehn Jahren weiß man auch, dass dabei nicht nur neu verknüpft, sondern auch neues Nervengewebe gesponnen wird. Das betagte Gehirn nutzt beide Gehirnhälften gleichmäßiger, das zeigen PET-Untersuchungen. Der geistige Verfall lässt sich also nicht nur aufhalten, sondern für bestimmte Fähigkeiten sogar umdrehen.

Gemächliche Denkorgane haben mehr Antworten

Was empfiehlt daher der Experte als Gehirn-Anti-Aging? Wer ein Musikinstrument oder eine Sprache neu lernt, verzögert den Abbau, wie der Züricher Neuropsychologe Lutz Jäncke anführte. Und sich auf keinen Fall zu Hause einigeln! Denn wer gesellschaftlich aktiv ist, fordert sein Gehirn mit ständig wechselnden Situationen heraus, auf die es reagieren muss – ein ideales Training.

“Weisheit oder Lebensklugheit kann man erst von einem reifen Gehirn erwarten” sagt Hans Gutzmann vom Krankenhaus Hedwigshöhe in Berlin. “Ein altes Gehirn ist vielleicht etwas langsamer, kennt aber mehr Antworten.” Die Plastizität ist keine Eigenschaft der Jugend. Wer sein Gehirn nicht mehr intensiv beschäftigt und sich nur mehr auf lebenserhaltende Prozesse konzentriert, der ist auch bei geistiger Gesundheit dem Verfall von Sprache und Orientierung in den letzten Jahren vor dem Absterben preisgegeben.

161 Wertungen (4.11 ø)
Medizin

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6 Kommentare:

Kristina Walker
Kristina Walker

Ein feiner Artikel. Ich wüßte allerdings gern, in wieweit sich die mentale Leistung von älteren Frauen und Männern unterscheidet. Es wurde ja erwähnt, daß im Alter vermehrt beide Gehirnhälften benutzt werden. Das ist bei Frauen ohnehin der Fall. Hat das einen Effekt in welche Richtung auch immer?

#6 |
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Dr. Rainer Wallerius
Dr. Rainer Wallerius

sehr interessant und gut geschrieben.

#5 |
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Helga Kania
Helga Kania

Wie zwischen Männern und Frauen gibt es auch zwischen jungen und alten Menschen Unterschiede, die aber nicht als “besser” oder “schlechter” zu bewerten sind. Schön, dass es mal wieder bewiesen wurde. Man muss die unterschiedlichen Denkweisen und -potentiale einfach nutzen und nicht diskriminieren! Unsere Gesellschaft als Ganzes ist mehr als die Summe aller Individuen!

#4 |
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Dipl. KT P.M. Berchid
Dipl. KT P.M. Berchid

– na das macht ja wieder mut ;-)

#3 |
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Ärztin

Das mit den Schubladen ist ein hübsches Bild, auch wenn mal eine klemmt, hat man noch 59 andere

#2 |
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Ausgezeichnet!
Das erinnert geradezu an die Philosophie,
allerdings die klassische :-)

#1 |
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