Haken und Klappe halten

15. Mai 2009
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Famulatur auf der Chirurgie - was bringt das? Wie viel kann man lernen? Wird man zum Näh-Master oder nur zum Hakenhalter? Isabel aus Lübeck erzählt, wie die ersten Gehversuche als Weißkittel aussehen.

Campus: Isabel, wann und wo feiertest Du Famulaturpremiere?

Meine erste einmonatige Famulatur habe ich auf der Chirugie in einem kleinen städtischen Krankenhaus in Lübeck absolviert, und zwar direkt nach meinem ersten klinischen Semester.

Campus: Und wie hat es Dich dorthin verschlagen?

Famulanten, die in dem Metier bereits „alte Hasen“ waren, hatten mir empfohlen, die erste Famulatur auf der Chirurgie zu verbringen. Da hat man ja noch kaum klinische Erfahrung und gleich kann man ein paar handwerkliche Geschicke erwerben. Außerdem haben mir alle von der großen Uniklinik abgeraten, eher nach dem Motto „je kleiner, desto feiner“. Da hätten die Ärzte noch Lust auf Lehre und seien nicht komplett studentengesättigt, so dass man als Famulant willkommen ist und etwas beigebracht bekommt.

Campus: Was für Aufgaben hattest Du als Famulantin?

In der Chirurgie bestand meine Hauptaufgabe vor allem darin, bei den OPs zu assistieren. Es handelte sich bei unseren OPs vor allem um sehr gängige Eingriffe wie Appendektomien, Cholezystektomien, Leistenbrüche, Thyreoidektomien – ein sehr abwechslungsreiches Programm. Natürlich übernahm ich das üblichen Hakenhalten und ähnlich wenig herausfordernde Dinge, aber teilweise durfte ich auch nähen. Damals war ich wahnsinnig stolz, mit am OP-Tisch zu stehen und habe alle Aufgaben ganz brav erfüllt. Ansonsten durfte ich mich regelmäßig am Blutabnehmen und Braunülen legen versuchen, mit geschwollener Brust im „weißen Kittel“ bei der allmorgendlichen Visite mitlaufen und mich in der klinischen Untersuchung am Patienten üben. Dabei muss man sich keine Vorwürfe machen, wenn man nicht gleich jedes Mal treffsicher die Gefäße punktiert. Mit jeder Woche freut man sich über seine kleinen Fortschritte.

Campus: Was ist Dir am Arbeitsalltag besonders gut in Erinnerung geblieben?

Die meisten Ärzte waren sehr nett und hilfsbereit. Wenn es interessante Fälle gab, haben Sie mir Bescheid gesagt und mir das Krankheitsbild ausführlich geschildert. Sie haben mir eine Menge erklärt und gezeigt und mich im OP häufig abgefragt. Chirurgen lieben natürlich Anatomie, leider ganz im Gegensatz zu mir – deshalb musste abends ab und zu der gute Anatomieatlas gewälzt werden. Was aber auch sinnvoll war, denn ohne die Grundkenntnisse der Anatomie geht man im Situs einfach verloren. Doch auch hier keine Sorge, jeder gerät am OP-Tisch ins Schwitzen. Und wenn man den Arterienast mal nicht weiß, wird einem auch nicht der Kopf abgehackt…

Campus: Hast Du auch etwas zu kritisieren?

Eigentlich nicht. Für meine erste Famulatur war dies eine sehr gute Wahl. Natürlich habe ich in dem kleinen Haus keine weltbewegenden Eingriffe, wie etwa Herztransplantationen gesehen. Für den Anfang aber war es durchaus ausreichend. Vor allem hatte ich danach einen Überblick über Standard OP-Verfahren, was für mich als „Nichtchirurgen“ vollkommen gereicht hat.
Etwas peinlich ist auch noch, dass man sich am Anfang häufig wie ein kleiner Dackel fühlt, der ständig hinterher läuft. Schwierig wird es vor allem, wenn das Herrchen einem das Ziel des Weges verschweigt. Bleibt man nicht dabei, verpasst man unter Umständen spannende Situationen. Andererseits kann es durchaus auch passieren, dass man seinen Assistenzarzt auf die Herrentoilette begleitet.

Campus: Meinst Du, dass Dir die Famulatur fachlich viel gebracht hat?

Je mehr Famulaturen man absolviert und je mehr klinische Semester man schon hinter sich gebracht hat, desto größer ist die fachliche Ausbeute. Für den Anfang war es aber ausreichend, einfach mal in den Klinikalltag reinschnuppern zu können. Und gelernt habe ich auf jeden Fall eine Menge. Später habe ich dann allerdings eher in den Fachgebieten famuliert, die mich noch mehr faszinierten als die Chirurgie, wie zum Beispiel Innere, Neurologie oder auch Pädiatrie.

Campus: Welchen Tipp kannst Du zukünftigen Famulanten geben?

Es ist nunmal so, dass sich vom Wissenszuwachs her Famulaturen in den späteren Semestern eher lohnen. Man hat schon ein recht großes theoretisches Wissen, versteht mehr und kann mehr Verantwortung übernehmen. Was aber nicht bedeuten soll, dass man nicht auch schon in den ersten klinischen Semestern famulieren soll. Im Gegenteil! Auch dabei lernt man wichtige Elemente des Arztberufes kennen und kann sich in Grundlagen wie Anamnese, Untersuchung und Blutabnehmen einarbeiten. Die Chirurgie ist gar nicht mal so schlecht für die erste Famulatur. Im OP kann man auch ohne großes theoretisches Wissen assistieren. Dagegen würde ich die Innere mit all den komplexen Zusammenhängen erst für die höheren Semester empfehlen.

Dabei ist ein Monat am Stück in einer Abteilung oder Klinik meistens schon ausreichend, denn es gibt so viele unglaublich interessante Fachgebiete und vor allem auch Orte für Famulaturen. Also ruhig viel Abwechslung anstreben, um möglichst viele Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln! Am besten einfach ältere Semester fragen, wo sich eine Famulatur lohnt. Denn nichts ist wichtiger als nette und hilfsbereite Ärzte, die Freude haben, dir etwas beizubringen und dich in die spannenden Aspekte des Klinikalltags einzuführen.

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