Vitamine ausgebremst

19. Mai 2009
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Antioxidanzien sind ja ach so gesund. Und Sport erst, der reinste Jungbrunnen. Nur: Beides zusammen beißt sich in den Schwanz. Das behaupten jedenfalls Wissenschaftler aus Jena und Potsdam.

Wer in Zeiten der Rauchverbote und Healthy Living-Magazine nach dem Sport genüsslich sein Bierchen zischt, dem wird heutzutage schnell eine Abhängigkeitserkrankung unterstellt. Der latente Vorwurf kommt dabei oft von Menschen, die ihren Durst bei einem 180er-Puls aus Isostar-Flaschen mit aufgelösten Vitamintabletten stillen.

Dauerläufer, meide die Pillen!

Jetzt hat diese heikle Situation deutlich an Schärfe eingebüßt – durch die in der Zeitschrift PNAS veröffentlichte Arbeit einer Gruppe Wissenschaftler um Michael Ristow vom Institut für Ernährung der Universität Jena (PNAS Early Edition, doi 10.1073_pnas.0903485106, Volltextversion). Die Forscher wollen nämlich herausgefunden haben, dass Vitamine die Arbeit eines ganzen Dauerlaufs zunichte machen können. Anders ausgedrückt: Die Kombination aus Dauerlauf und Vitaminen ist nicht doppelt gesund, sondern gesundheitlich betrachtet eher ein Nullsummenspiel – zumindest was die protektiven Effekte des Sports auf die Entwicklung metabolischer Erkrankungen wie Diabetes mellitus angeht.

Wie das? Ristow und seine Kollegen haben insgesamt 39 Probanden untersucht. Zwanzig von ihnen waren gut trainiert und 19 eher Couch Potatoes. Untersucht wurde der Effekt einer Kombinationstherapie aus 1000mg Vitamin C und 400 IU Vitamin E auf die Insulinsensitivität. Die Hälfte der Probanden erhielt die Antioxidanzien, die andere Hälfte nicht. Alle Teilnehmer absolvierten ein vierwöchiges Trainingsprogramm. Die Insulinsensitivität wurde jeweils vor und nach diesem Trainingsprogramm bestimmt. Außerdem gab es Muskelbiopsien für Genexpressionsanalysen sowie Untersuchungen des Blutplasmas auf Insulin, Adiponectin und andere metabolisch relevante Parameter.

Insulinsensitivität reagiert verschnupft auf Antioxidanzien

Das Ergebnis stimmt nachdenklich: Die sportlichen Ertüchtigungen führten dazu, dass sich die Insulinsensitivität verbesserte, und zwar sowohl bei trainierten wie auch bei untrainierten Probanden. Das durfte man erwarten. Unter anderem deswegen empfehlen Präventivmediziner landauf, landab sportliche Ertüchtigung. Allerdings: Die Verbesserung trat nur bei jenen Studienteilnehmern auf, die keine Antioxidanzien zu sich nahmen. Dieser Unterschied zwischen Vitamin-Junkies und Normalos war statistisch hoch signifikant. Und es war kein Ausrutscher: In die gleiche Richtung gingen die Befunde aus den Muskelbiopsien, wo nur bei nicht supplementierten Probanden die Expression jener Transkriptionsfaktoren zulegte, die man erwarten würde, wenn sich die Insulinsensitivität verbessern soll. Auch fiel auf, dass körpereigene antioxidative Moleküle wie die Superoxiddismutase und die Glutathionperoxidase, mit denen der Körper freie Radikale unschädlich macht, nur dann als Folge des Sports hoch reguliert wurden, wenn keine Vitaminpillen geschluckt wurden.

Vitaminpulle? Voll ausgebremst!

Wie lässt sich das jetzt erklären? Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass wichtige Regulatormoleküle wie der auch als Angriffspunkt von einigen oralen Antidiabetika bekannte Transkriptionsfaktor PPAR-gamma durch Sport hochreguliert werden, was die Insulinsensitivität verbessert. Die These ist jetzt, dass ein in den Experimenten beobachteter Anstieg freier Sauerstoffradikale durch sportliches Training für die Aktivierung dieser Faktoren und damit für die Verbesserung der Insulinsensitivität verantwortlich ist. Dieser Anstieg tritt bei antioxidativer Vortherapie nicht in dem Maße auf. Entsprechend werden die günstigen metabolischen Effekte des Sports bei Einnahme von Vitaminen in geringerem Maße beobachtet. Auch die antioxidative Gegenregulation des Körpers wird durch die extern zugeführten Antioxidanzien unterdrückt, wie die Daten zur Superoxiddismutase und zur Glutathionperoxidase zeigen. Der Effekt des Sports wird also gleich an zwei Stellen zunichte gemacht.

Für die Vitamintabletten im Apothekenregal sind das alles keine besonders guten Nachrichten. Die Ergebnisse dieser Arbeit reihen sich ein in eine ganze Reihe von Untersuchungen, die darin übereinstimmen, dass eine tägliche Vitamin-Supplementation mehr schadet als nutzt. Bei der Beratung der Kunden sollte man das vielleicht im Hinterkopf haben. Das Schöne ist aber: Von Ihrem Kumpel mit der Vitamin-Pulle müssen Sie sich künftig nicht mehr nerven lassen…

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Pharmazie

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1 Kommentar:

Selbstst. Apothekerin

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