Tumor aus dem Nichts

20. Mai 2009
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Wer nicht weiß, mit wem er es zu tun hat, tut sich schwer, seinen Patienten richtig zu behandeln. Geschwülste mit unbekanntem Ursprung führen Onkologen häufig in die Irre. Nur aufwändige Analysen aktivierter Tumorgene können solche „CUP's“ manchmal enttarnen.

Es geht nicht um einen schönen Pokal für den besten Onkologen, wenn die Kollegen von CUP (Cancer of Unknown Primary) sprechen. Meist taucht dann eher ein Stirnrunzeln im Gesicht auf, denn so richtig weiß keiner, wie er einen CUP-Patienten behandeln soll. Über den metastasierenden Krebs, dessen Primärgeschwulst nicht mehr aufzufinden ist, steht recht wenig in der wissenschaftlichen Literatur.

Eine solche Patientin war etwa Jo Symons, über deren Schicksal die New York Times vor einiger Zeit berichtete. Sie hatte Wucherungen im Nacken, am Brustkorb und an den Lymphknoten. Die 46jährige englische Grafikdesignerin starb, ohne dass ein Arzt jemals herausfand, wo der Tumor zuerst zu wachsen begonnen hatte. In den letzten acht Monaten vor ihrem Tod wechselte die Chemotherapie drei mal, weil sie zuerst ein Ovarial-, dann ein Mamma– und schließlich ein Pankreaskarzinom bekämpfen sollte.

Metastasen bereits bei der Diagnose

Ein CUP ist nicht so selten, wie man in einer Medizin annehmen möchte, der Bildgebung mit sehr hoher Auflösung und diagnostische Möglichkeiten für ungezählte Krebsmarker zu Verfügung stehen. Bei zwei und fünf Prozent aller neu diagnostizierten Krebsfälle ist die Suche nach dem Primärtumor zunächst vergeblich. Ein atypisches Metastasierungsmuster bereits bei der Diagnose zeichnet den „Schattenmann“ unter den Tumoren aus. Kürzlich berichtete eine schwedische Arbeitsgruppe von epidemiologischen Daten aus den letzten fünf Jahrzehnten, nach denen besonders Adenokarzinome unbekannten Ursprungs bei Patienten über 50 bis in die späten neunziger Jahre hinweg ständig zunahmen. Bei den Betroffenen sind die Prognosen schlecht: nur jeder fünfte lebt nach der Diagnose länger als ein Jahr. Unter ihnen haben jüngere Patienten bessere Chancen, den Krebs auch langfristig zu überleben.

Schon seit langem diskutieren Onkologen, ob es sich bei diesem Tumortyp um eine eigene Spezies handelt, die sich in ihrer Verhaltensweise von anderen bekannten Krebsarten unterscheidet, oder ob sich bekannte und gut charakterisierte Gewebewucherungen im Laufe ihrer Ausbreitung stark verändert haben. Bei CUP ist der Primärtumor womöglich so klein, dass er sich mit normalen Bildgebungstechniken wie CT, Ultraschall, MRI oder PET nicht mehr entdecken lässt. Auch ein starkes lokales Immunsystem könnte dazu beigetragen haben, dass sich die ursprüngliche Geschwulst anscheinend ins Nichts aufgelöst hat. Schließlich könnten sich aber auch Epithelzellen von ihrem Ursprungsplatz entfernt haben, um sich unabhängig voneinander in bösartigen Zellen zu verwandeln.

Töchter hemmen das Wachstum der Eltern

Bereits in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hatten Forscher in Mäusen beobachtet, dass Metastasen den Primärtumor hemmen. Tochtergeschwülste einer transplantierten Bronchialkarzinomlinie inhibierten dabei das Wachstum subkutan applizierter Proben der Primärgeschwulst . Auch bei humanen Hodentumoren beobachtete die Französin Eludie Fabre eine Rückbildung des Primärtumors, während sich die Metastasen unvermindert ausbreiteten.

Wer nicht weiß, welche Art von Tumor er vor sich hat, tut sich auch schwer mit Behandlungsoptionen. Daher gibt es auch kein Standard-Regime gegen CUP. Am erfolgversprechendsten haben sich noch Taxan und Platindervate mit Remissionsraten von 20–40 Prozent erwiesen. Second-Line Therapien sind jedoch fast immer erfolglos.

Gibt es noch Hoffnung jenseits der Eins-zu-Fünf-Chance für Patienten, deren Arzt die Diagnose “CUP” gestellt hat? Nicht immer ist diese Diagnose endgültig. Bei zehn bis zwanzig Prozent aller CUP’s taucht der Primärtumor im Krankheitsverlauf auf.

Zufall bestimmt, ob die Chemotherapie wirkt

Bei Autopsien werden über die Hälfte aller unbekannten Krebsfälle aufgeklärt. Meist handelt es sich um Lungen- oder Pankreaskarzinome, dann folgen Leber, Gallenwege und Kolon als Ursprungsort. Ein Spektrum an Tumormarkern, das stetig wächst, erlaubt es den Histologen, immer mehr CUP’s aus der dem dunklen Schatten ihrer Herkunft zu holen. Onkologen und Pathologen auf der Krebsstation bekommen nun aber auch Unterstützung von den Genetikern. Denn Microarray-Tests erlauben den Vergleich von Genexpressionsprofilen definierter Tumorspezies mit der fraglichen Probe.

Drei kommerzielle Testsysteme ermöglichen es inzwischen, viele unbekannte Geschwülste doch noch zuzuordnen. So vergleicht etwa „CupPrint“ 495 Gene, der „TissueOfOrigin“-Test sogar 1500. Zwei neuere Studien, veröffentlicht im Journal of Clinical Oncology, zeigen den Nutzen bei der Charakterisierung von Formalin-fixierten und in Paraffin eingebetteten Gewebeproben: Bekannte Tumore gaben bei rund 84 Patienten zu mehr als 80 Prozent ihre korrekte Herkunft preis. Bei 22 unbekannten Adenokarzinomen lieferte CupPrint immerhin ein Ergebnis. Ein neuerer Test, der den Tumor mittels PCR charakterisiert, war immerhin zu 60 Prozent erfolgreich. Der potentielle Tumortyp war dann meist auch mit Krankheitsverlauf und Therapie-Antwort konsistent. Die Kosten für eine aufwändige Analyse sind mit rund 3000 Dollar allerdings relativ hoch. Das beschränkt den Gentest auf Fälle, in denen die übrigen Werkzeuge der Pathologen versagen.

Nur wenige Studien haben bisher CUP mit einem prospektiven Ansatz ins Visier genommen. Nur damit ließe sich aber beispielsweise klären, ob ein aufwändiger RNA-Test die Therapie verändert und damit die Überlebenszeit signifikant verlängert – und sich damit rechtfertigt. Das Aktivierungsmuster der Gene ist aber noch lange keine Garantie für eine wirkungsvolle Therapie. Ein aktueller “Nature”-Artikel von Harvard -Wissenschaftlern versucht zu beweisen, dass zufallsbedingte Proteinschwankungen bei Tumorzellen unabhängig von den angeschalteten Genen für den Erfolg oder Misserfolg einer Chemotherapie verantwortlich sind.

Mit CUP tun sich nicht nur Ärzte und Forscher schwer, auch vom Geld aus der Industrie fließt nicht allzu viel in die Aufklärung unbekannter Tumorobjekte. Wer etwas über CUP wissen und sich nicht durch die Medline-Bestände vieler Jahre quälenwill, besucht im Netz Jo’s Friends. Jo Symons hat zwar ihren persönlichen Kampf gegen einen unbekannten Gegner verloren. John Symons, ihr Mann, bringt Experten, Betroffene und Sponsoren zusammen, um den CUP’s ihre Masken zu entreißen.

85 Wertungen (4.09 ø)
Allgemein

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2 Kommentare:

interessante Darstellung

#2 |
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Diplom Pflegewirt Frank Schaberg
Diplom Pflegewirt Frank Schaberg

Interessant geschrieben.

#1 |
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