Gute Pillen bei rundlichen Bäuchen

25. Mai 2009
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Was tun, wenn eine Patientin unter Methotrexat plötzlich ein Kind erwartet? Für den pharmazeutischen Beratungsklassiker „Schwangerschaft und Pillen“ gibt es seit Kurzem ein tolles Onlineportal. Leider ist der Aktionsplan AMTS der Bundesregierung nicht überall so produktiv.

Gut Ding will Weile haben, das scheint das Motto beim Aktionsplan Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) zu sein, den die Bundesregierung vor immerhin schon zwei Jahren vorgelegt hat. Ziel war oder ist es, eine neue „Sicherheitskultur“ im deutschen Gesundheitswesen zu schaffen, um die Sicherheit der medikamentösen Therapie unter Einbeziehung von Apothekern, Ärzten und auch IT-Lösungen zu verbessern.

Das erste Resultat weiß zu überzeugen

Ob man mit dem bisher erreichten zufrieden sein kann oder nicht, hängt vermutlich von der Perspektive ab. Allerdings geben selbst Insider des Bündnisses zu, dass man bis dato nicht gerade voran galoppiert ist: „Es hat ein wenig gedauert, bis wir alles auf die Beine gestellt hatten“, sagte beispielsweise Dr. Amin-Farid Aly von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft kürzlich bei der Berliner conhIT, wo er einen Vortrag zum aktuellen Stand des AMTS-Bündnisses hielt. Immerhin ein Projekt hat man bereits umgesetzt, nämlich das in Zusammenarbeit mit dem Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie in Berlin entwickelte Internetportal Embryotox.de. Wie der Name vermuten lässt, handelt es sich um ein Portal zur Arzneimittelsicherheit in Schwangerschaft und Stillzeit. Und wie man auch immer die Arbeitsgeschwindigkeit des AMTS-Bündnisses sonst so bewerten mag: Dieses Portal ist ein inhaltlich sowieso erstklassiger aber auch webtechnisch sehr ansprechender und nutzerfreundlicher Anfang, von dem Apotheker wie Ärzte gleichermaßen profitieren dürften.

Kerngedanke bei Embryotox.de ist ein Ampel-System, das sich mittlerweile auch bei den meisten anderen arzneimittelbezogenen Softwarelösungen durchgesetzt hat. Die Embryotox-Ampel besteht aus den drei Farben rot, grün und grau. Rot markiert werden Medikamente mit gesicherter Teratogenität oder Fetotoxizität. Grünes Licht gibt es für Medikamente, für die bei umfangreichen Erfahrungen in der Schwangerschaft keine Toxizitätsprobleme bekannt sind. Und „grau“ ist die große Grauzone jener Medikamente, die entweder noch nicht genug untersucht sind oder bei denen die bisherigen wissenschaftlichen Daten widersprüchlich sind.

Kühler Kopf statt Panikmache

Sehr hilfreich für die Bewertung im Einzelfall ist auch der jeweilige Erfahrungsumfang, der explizit angegeben wird. Die Beiträge zu den Medikamenten sind durchweg ausführlich, unaufgeregt und abwägend und werden damit der Realität der Versorgung absolut gerecht. Am Beispiel des Methotrexat lässt sich das gut veranschaulichen. Das Präparat ist bekanntlich teratogen und sollte schon vor geplanten Schwangerschaften abgesetzt werden. Entsprechend erhält es eine rote Ampel. Zusätzlich wird allerdings sehr detailliert auf die Datenlage zur rheumatypischen Niedrigdosistherapie eingegangen, bei der es wahrscheinlich keine oder nur eine sehr geringe Teratogenität gibt. Zusätzlich findet sich deswegen auch eine graue Ampel. Die Botschaft ist klar: Wer versehentlich unter niedrig dosierter MTX-Therapie schwanger wird, sollte keinesfalls panisch eine Abtreibung vornehmen, sondern sich differenziert beraten lassen. Bei anderen Substanzen sind die Artikel ähnlich gelungen. Auch aktuelle Daten sind eingeflossen, etwa die (günstigen) Registerdaten zu TNF-Blockern wie Infliximab. Wann die Beiträge das letzte Mal aktualisiert wurden, ist ebenfalls transparent gemacht.

Paternalismus reloaded: Patienten sind zu dumm

Wie sieht es bei anderen Aktivitäten des AMTS-Bündnisses aus? Namentlich bei den IT-Lösungen zur Unterstützung der elektronischen Verordnung beziehungsweise zur Unterstützung der Arzneimittelabgabe in Apotheken und Arztpraxen tut man sich ziemlich schwer. Viel mehr als die längst bekannten Herausforderungen, die es bei der Konzeption von medizinisch sinnvollen und alltagstauglichen Programmen für automatische Wechselwirkungs-, Kontraindikations- und Dosierungs-Checks zu beachten gilt, wurde bisher nicht öffentlich kommuniziert. Selbst bei der conhIT in Berlin – immerhin eine IT-Messe – konnte Aly hier keine Details berichten.

Bedauerlich bis dramatisch falsch ist schließlich die laut Aly schon getroffene Entscheidung, auf eine webbasierte Lösung für Arzneimittelsicherheitschecks zu verzichten, bei der Patienten ihre eigene Arzneitherapie selbstständig überprüfen könnten. Dies hält die Koordinierungsgruppe des Aktionsplans für ein zu hohes Maß an Transparenz, und – das ist der eigentliche Skandal – das sahen offenbar auch die in dem Gremium vertretenen Patientenvertreter so. Da ist er wieder, der behütende deutsche Verbändestaat, der seine Bürgerchen vor aller Unbill der Welt bewahren möchte. Embryotox.de ist übrigens frei zugänglich. Bei selbstbewussten Schwangeren traut man sich das mit der Bevormundung Anfang des 21. Jahrhunderts offenbar nicht mehr so richtig…

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Pharmazie

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1 Kommentar:

Erika Siebert
Erika Siebert

Es ist in der Tat problematisch, wenn der Patient seine
Arzneitherapie selbständig überprüfen kann. Denn Ihm fehlt
jegliche Grundlage zur Differenzierung.Das führt dazu, daß die Patienten völlig überreagieren mit z.T. fatalen Folgen
für die Compliance und somit für sich selbst.
Ein wenig mehr kritisch-distanzierte Überlegung würde Ihren Artikeln gelegentlich nicht schaden.
Mit freundlichem Gruß

#1 |
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