Das Medizinstudium im Denkmal

26. Mai 2009
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In Aachen kann man als Medizinstudent gleich doppelt stolz sein: Hier gibt es seit einigen Jahren nicht nur den modernen Modellstudiengang Medizin, sondern man studiert zeitgleich im größten zusammenhängenden Bauwerk einer medizinischen Einrichtung in ganz Europa. Das Gebäude des Uni Aachen wurde nun unter Denkmalschutz gestellt.

Fakten, die viele Besucher erschlagen

Ein Aachener Medizinstudent studiert im größten Klinik-Bauwerk in Europa: 240 Meter lang, 130 Meter breit, mit 6.600 Räumen auf 27 Hektar Grundfläche – aber gleichzeitig nur am kleinsten Uniklinikum in NRW, denn es gibt knapp unter 1.300 Krankenbetten, die wegen der aktuell laufenden Generalsanierung reduziert sind. Der grüne Teppich, der überall, auch im Foyer am Haupteingang, verlegt ist, trägt täglich 40.000 Füße. Ein riesiges Gebäude – für die Aachener oft nur „Gesundheitsfabrik“, „Raumschiff“ oder „Unikum“.

Vom Aachener Kleinkrankenhaus zum Klinik-Giganten

Das Ende des 2. Weltkrieges führte in Europa zu rasanter technischer Entwicklung, gerade zu den Zeiten des Wirtschaftswunders kam die „Alles-ist-machbar“-Stimmung in Forschung und Wissenschaft auf, nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Architektur. Als 1967 die medizinische Fakultät an der Rheinisch-Westfälisch Technischen Hochschule (RWTH) Aachen gegründet wurde, wurde schnell der Ruf nach einem neuen Klinikum laut. Das Klinikum war schon zu dieser Zeit rechtlich und planungstechnisch ein Novum, denn als erstes öffentliches Bauwerk in Deutschland hatte es gleich zwei Bauherren: Neben der Staatshochbauverwaltung wurde auch die NRW-Hochschulbau- und Finanzierungsgesellschaft gegründet, die es ermöglichte, schon mit dem Bau zu starten, ohne alle Funktionen bis ins Detail planen zu müssen.

Uniklinik Aachen
 
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Uniklinik Aachen

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Hörsaal
26.05.2009
Hörsaal

Nach 14 Jahren, im Jahr 1985, wurde das Klinikum schließlich seiner Nutzung übergeben. Der Endpreis von 4 Milliarden DM war so deutlich teurer als die geplanten 300 Millionen DM, dass im nordrheinwestfälischen Landtag eine Untersuchungskommission gebildet wurde.

Wie ein Bauwerk der Superlative funktioniert

Die Architekten Weber, Brand und Partner aus Aachen haben 1968 die Aufgabe bekommen, 1.600 Betten, 6.200 Mitarbeiter, 3.000 Studenten und 4.000 Besucher bzw. ambulaten Patienten unter einem Dach zu vereinen. Diese Mammutaufgabe war nicht einfach. Außerdem gab es nie zuvor ein medizinisches Bauwerk, in dem Forschung bzw. die Lehre im gleichen Gebäude wie die Patienten beherbergt werden sollten. Hygienische und logistische Probleme waren zu lösen: Ein hochsteriler OP passt nicht neben die Stallanlagen der Versuchstierkunde, der Partyraum kann nicht neben dem Schlaflabor liegen.

Sydney Opera House – Centre Pompidou Paris – Universitätsklinikum Aachen

Das Aachener Klinikum stellt die Endstufe der Krankenhausentwicklung dar. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es ein vergleichbares Bauwerk für ein Klinikum der Maximalversorgung in dem Forschung, Lehre und Pflege in einem Gebäude untergebracht sind. Am 9. Juni 2000 wurde ein Antrag auf Denkmalpflege gestellt. Fakt ist, dass ein Schutzstatus das Gebäude zwar in seiner „Megastructure“ erhalten würde, allerdings auch Umbau und Modernisierungsmaßnahmen erheblich erschweren könnte.

Jetzt steht es fest: Das Rheinische Amt für Denkmalpflege hat das Klinikum als Bauwerk unter Denkmalschutz gestellt. Das Klinikum gehört als Bauwerk zum Stil der technischen Moderne in der Unterabteilung „High-Tech-Funktionalismus“ und steht damit in einer Reihe mit dem Centre Pompidou oder dem Opernhaus in Sydney. Kennzeichnend sind hier die Beziehungslosigkeit zur Umgebung, die Ähnlichkeit mit Industriebauwerken und das Brechen aller Farbmuster. Am wichtigsten erkennbar und charakteristisch ist das Außenkehren des „normalerweise“ Inneren:

In jedem Raum und jedem Flur kann man den „technischen Hintergrund“ erkennen: Lüftungsrohre, Wasser- und Gasversorgung und die tragenden Konstruktionen. Mit dem Vorhandensein dieser Merkmale begründet Godehard Hoffmann, wissenschaftlicher Referent bei der Rheinischen Denkmalpflege, die Entscheidung des Amtes für Denkmalschutz, das Klinikum zum Denkmal zu erklären. Auch gehöre das „Farbkonzept, das typisch für die 70er und späten 60er Jahre, ist zu den Eigenheiten, die mit in den Denkmalschutz einfließen.“ Ob knall-grün-gelb über allem im Gebäude als Konzept durchgeht, mag der Besucher selber beurteilen.

Mit Sicherheit kann man aber sagen, dass die jetzigen Studenten nicht das Ende der Bauphase erleben werden – niemand wird das. Das Klinikum ist ein Modulbau, ständige Weiterentwicklungen in Medizin halten das Klinikum in ständiger Bewegung. Die Baucontainer hinter dem Gebäude stehen dort seit der Grundsteinlegung – und werden vermutlich auch nie verschwinden.

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