Gestiegener Altersschnitt

26. Mai 2009
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Keine neue Hüfte für Patienten über 85? Chirurgen operieren heute erfolgreich auch Menschen mit dreistelligem Lebensalter. Auf der Jahrestagung der deutschen Chirurgen zeigten die Ärzte, dass Betagte sich nicht einfach mit Behinderungen und Einschränkungen abfinden müssen.

So sicher wie der Klimawandel: Wer im Jahr 2050 noch am Leben ist, wird von alten Menschen umgeben sein. Dann sind rund zehn Millionen Deutsche über 80. Diejenigen über 75 stellen dann mehr die Hälfte aller Patienten in den Kliniken. Aber auch schon heute sollten Ärzte und Klinikmanager etwas Ahnung von Geriatrie haben, damit sie den Ansprüchen ihrer Kunden nachkommen können. Denn vier von zehn Patienten sind heute über sechzig und benötigen bis zu ihrem Lebensende noch rund zwei bis drei Operationen, um ihrem Körper am Laufen zu halten. So war es denn auch kein Wunder, dass die “Alterschirurgie” eines der Hauptthemen des Deutschen Chirurgenkongresses in München war. Denn für 65-Jährige ist das mit dem Laufen so eine Sache: Mindestens einmal im Jahr stürzen einige von ihnen aufgrund ihrer zunehmenden Gebrechlichkeit statistisch – nicht selten mit behandlungsbedürftigen Verletzungen.

Minimal-invasive Chirurgie speziell für Betagte

Doch können wir uns aufwändige Reparaturen unserer Senioren überhaupt leisten? Oder werden wir schon bald wie im schwedischen Östergötland auf vieles verzichten müssen, was nicht direkt lebensbedrohend ist? Multimorbide Patienten haben dort seit 2004 ihre Operation bei Magen-Darm-Beschwerden oder die Entfernung gutartiger Tumoren aus der eigenen Tasche zu bezahlen.

Denn machbar ist heute vieles, was früher als zu gefährlich galt. Bei dem damals 97 Jahre alten Herzpionier Michael DeBakey reparierten Ärzte noch eine Aortendissektion, drei Jahre vor seinem Tod. Auch Bypass-Operationen werden immer sicherer: Bei einer elektiven Operation liegt das Risiko für den Patienten über 75 bei unter fünf Prozent. Und auch bei Herzkranken im neunten Lebensjahrzehnt stehen die Chancen für eine erfolgreiche Operation gut. Wie Friedhelm Beyersdorf, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie in München berichtete, sind die Erfolgschancen beim Ersatz von Herzklappen weit über 90 Prozent. Besonders bei älteren gebrechlichen Patienten vertraut sein Team nicht mehr auf die konventionelle Methode mit geöffnetem Brustkorb, sondern führt die Ersatzklappe mittels Katheter über die Leistenschlagader oder oder direkt über die Herzspitze an ihren Zielort. Rund 1300 Operationen dieser Art bisher sprechen für die schonende Technik.

Besonders bei multimorbiden Patienten greifen Ärzte lieber zur minimal-invasiven-Chirurgie, die zwar den Spezialisten und viel Erfahrung erfordert, aber die Reserven des Patienten schont. Davon ist nicht immer allzu viel vorhanden. Bei älteren Patienten sei das Herz vierzigfach häufiger nicht mehr fit, erläuterte Hartwig Bauer, Generalsekretär der deutschen Gesellschaft für Chirurgie, in München. Nicht selten taucht eine solche bisher unerkannte koronare Herzerkrankung erst beim Eingriff selber auf. Bei Krebspatienten findet man ab 75 dreimal häufiger als normal fünf oder gar mehr Begleiterkrankungen, die eine reibungslose Operation erschweren. Noch mehr als bei Jüngeren spielt daher eine gründliche Anamnese eine überlebenswichtige Rolle.

Zögerliche Einweisung: Aus Routine wird Notfall

Ein besonderer Risikofaktor bei der Operation Betagter ist schließlich die häufige geistige Verwirrung nach dem Eingriff, im Fachjargon Postoperative kognitive Dysfunktion (POCD). Rund ein Viertel aller Älteren über 65 leiden mindestens eine Woche lang an einer Trübung ihren Geistes – unabhängig von der Art der Narkose. Mit zunehmendem Alter steigt der Anteil weiter. Glücklicherweise ist die Störung bei neun von zehn Patienten nur temporär. Eine der größten Risikofaktoren, so Hartwig Bauer, sind zögerliche Hausärzte. Nicht selten schieben sie den normalen Eingriff aus Altersgründen hinaus. Dabei “beugt frühzeitiges Operieren auch und gerade bei alten Patienten Notfällen vor und kann risikoreichere Notfalleingriffe verhindern”. So ist etwa bei einem Aortenaneurysma ohne Operation in jedem dritten Fall ein Riss in den nächsten eineinhalb Jahren zu erwarten. Dagegen beträgt die Mortalität bei über 80jährigen selbst drei Jahre nach der Reparatur nur 10-15 Prozent.

Wichtiger Wirtschaftsfaktor: Geheilte alte Patienten

Bleiben schließlich die ökonomischen und ethischen Aspekte einer “Alterschirurgie”. Hans Lippert und sein Team von der Universität Magdeburg haben einen klinischen Pfad zur Leberchirurgie entwickelt und festgestellt, dass sich etwa der Einsatz aufwändiger und teurer vliesgebundener Fibrinkleber bei älteren Patienten lohnt, wenn man an anderer Stelle unnötig verbrauchte Ressourcen einspart. Eine Dissertation an der Universität Freiburg aus dem Jahr 2008 hat sich intensiv mit der Prognose Älterer nach chirurgischen Eingriffen beschäftigt. “Gerade bei älteren Patienten muss neben Überlebensraten und dem Vergleich von Überlebenszeiten als Indikatoren des Therapieerfolgs in zunehmendem Maß eine Evaluation des Erhalts oder sogar des Zuwachses der Lebensqualität, des funktionalen und sozialen Status und der individuellen Autonomie als Maßstab herangezogen werden”. schreibt darin Philipp Andreas Ober. Eine aktueller Beitrag zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes zu „Gesundheit und Krankheit im Alter“ von Silke Mardorf und Karin Böhm kommt zum Schluss, dass medizinischer Fortschritt zwar Ausgaben zur Versorgung erhöhen kann, weil Ältere immer länger verpflegt werden müssen. Er kann aber rüstigen Rentnern auch wieder zu Gesundheit und zu Konsum (auch von Gesundheitsdienstleistungen ohne Krankenkassenbeitrag) verhelfen. Schließlich sind aktive gesunde Ältere in vielen Bereichen ehrenamtlich tätig und sparen damit Budgetressourcen.

Sieben von zehn hüftoperierten Patienten, die älter als 80 Jahre sind, können einige Zeit nach der Operation wieder gehen. Dennoch sollte bei aller Statistik und Leitlinien der Mensch und sein Arzt nicht ganz verschwinden. So etwa meinte Hartwig Bauer abschließend auf dem Chirurgentreffen: „Ob ein Arzt operiert, auf eine operative Therapie verzichtet oder diese abbricht, darf auch in der Alterschirurgie nicht allein von abstrakten Score-Systemen zur Risikobewertung und Abschätzung des Therapieerfolges abhängen: Diese Entscheidungen bedürfen immer einer durch persönliche Erfahrung geprägten und im interdisziplinären Konzept abgestimmten individuellen Entscheidung.” Kürzer fasst es Stephen Preston in seinem Beitrag für die britische Royal Society of Medicine: „Chirurgen sollten nicht vergessen, dass ein längeres Leben mehr Glück bringen kann, aber nicht muss.“

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Medizin

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2 Kommentare:

Kristina Walker
Kristina Walker

Guter Artikel. Und man lasse sich nicht täuschen: Leitlinien und Scoringsysteme tragen zwar das hehre Ziel des Patientenwohls vor sich her, dienen aber im Grunde hauptsächlich der Kostenersparnis.

#2 |
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Mit angebotene Links gute interesante Artikel,es lohnt sich zu lesen.gratuliere.

#1 |
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