Schluss mit Uropareisen

27. Mai 2009
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Zum Kongress im Regionalexpress statt mit dem Flieger? Möglich, folgt man dem Beispiel des Nordkongress Urologie. Fachärzte und medizinisches Fachpersonal debattierten dort Mitte Mai über den aktuellen Stand in Sachen Männerleiden.

Sie gilt als größte Prostata der Welt, und ist seit nunmehr vier Jahren ausgiebig zu bestaunen – von innen. Doch wer die Feinheiten des Organs erkunden möchte braucht keine High-Tech Bildgebungsverfahren, vielmehr wäre bequemes Schuhwerk angesagt. Denn die am 15. Mai dieses Jahres erstmals in der Stadthalle Braunschweig zu Schau gestellte Prostata ist begehbar, seit September 2005 bundesweit on Tour – und erwies sich jetzt als publikumswirksamer Werbemagnet für einen regionalen medizinischen Event: Den 3. Nordkongress Urologie, den gleich drei Fachgesellschaften ausrichteten. Die Vereinigung Norddeutscher Urologen, die Berliner Urologische Gesellschaft und die Brandenburgischen Gesellschaft.

Regional-Power für den Arzt

Regional statt Globaler Rummel. Normalerweise glänzen Medizinkongresse durch wenig spektakuläre Abläufe. Vorträge, Postersessions und irgendwann, zwischen ganzen Terminen, Zeit zum Essen, Kaffee oder Dinner. Was in vielen Fällen auch bedeutet: Wer als Arzt Kinder hat, bleibt zu Hause – weil es Ärger um die Betreuung des Nachwuchses geben kann. Für Kongresspräsident Peter Hammerer daher ein Grund, bereits im Vorfeld des größten Regionalkongresses auf ein Novum aufmerksam zu machen: „Erstmals bieten wir auch eine professionelle Kinderbetreuung an allen Kongresstagen an, um so besonders den jungen Urologinnen und Urologen die Kongressteilnahme zu erleichtern“, betonte Hammerer im Grußwort, und: „Bringen Sie einfach Ihre Kinder mit nach Braunschweig!“ Die Liste der Goodies wäre somit familientechnisch abgehakt, nur: Was hatte die vor-Ort Veranstaltung nebst Kinderhort und Mega-Prostata fachlich zu bieten?

Braunschweig statt Pizza in Boston

Eine Analyse der Vorträge lässt ein erstaunliches Fazit zu: Ähnlich dem Lebensmittelhandel, wonach regional stets besser als global bedeutet, könnte in Zukunft das medizinische Wissen aus der näheren Umgebung helfen, den ärztlichen Horizont massiv zu erweitern. Anders ausgedrückt: Es muss nicht immer Boston oder Cleveland sein. Orte wie Braunschweig tun’s nämlich allemal auch. So stand die Uro-Onkologie und damit verbunden die medikamentöse Tumortherapie im Mittelpunkt der Veranstaltung, Themen also, die einen praxisrelevanten Wert haben. Rostocker Mediziner etwa wiesen auf Paclitaxel als neue wirkungsvolle Therapiealternative des Peniskarzinoms hin. Die Paclitaxel-basierte Chemotherapie stelle eine „interessante neue Option in der Therapie des fortgeschrittenen Peniskarzinoms dar“, trugen die Ärzte vor, betonten aber, dass es weiteren Studienbedarf gibt „Insbesondere die Kombination Paclitaxel/Cisplatin/5-FU zeigt jedoch auch ein nicht unerhebliches Nebenwirkungsprofil, welches bei der Auswahl der Patienten beachtet werden muss“.

Eine neue Option in der Therapie der Ejaculatio praecox (EP) stellte Ali Saljoughi von der Medizinischen Hochschule Hannover vor. Noch gilt die off label Verwendung selektiver Serotonin Re-uptake Inhibitoren als Methode der Wahl, doch sogenannte Arginase-Inhibitoren sollen in Zukunft die bessere Alternative der oralen Pharmakotherapie darstellen. Womöglich ein Trugschluss, wie Saljoughi in Braunschweig dokumentierte: „Die Ergebnisse geben per se keine wissenschaftliche Rationale für die Verwendung von Arginase-Inhibitoren in der oralen Pharmakotherapie der EP“. Dass sich niedergelassene Urologen um die familiären Bande ihrer Patienten kümmern sollten wurde wiederum nach dem Vortrag von Peter Hammerer deutlich. „Kann bei eineiigen Zwillingen, bei denen synchron ein Prostatakarzinom diagnostiziert wird, auch eine Ähnlichkeit hinsichtlich Krankheitsverlauf und Tumorbiologie festgestellt werden?“ wollte das Team um Hammerer wissen – und fand nach Auswertung einer Fallstudie Beachtliches heraus. Zwar weisen die nahen Verwandten eine erhöhtes Prostatakrebs-Risiko auf, doch auf das Tumorstadium und den unmittelbaren Krankheitsverlauf „scheint die Vererbung jedoch keinen Einfluss zu haben“, wie Hammerer meint.

Beispiele wie diese zeigen, dass Urologen zunehmend die Bedeutung von Regionalkongressen entdecken. Tatsächlich bietet das Know how, das Experten „aus der Nachbarschaft“ ihrem Publikum vorstellen, einen enormen Vorteil: Niedergelassene haben im Notfall Ansprechpartner, an die sie ihre Patienten weiterleiten können, wenn es der Fall erfordert. Zudem liegt das Niveau der Vorträge durchaus auf internationalem Niveau – für den ein oder anderen Teilnehmer avancieren die Veranstaltungen sogar zur persönlichen Generalprobe vor internationalen Auftritten. So wurden – erstmals in Europa – auf der 49. Jahrestagung der Südwestdeutschen Urologischen Gesellschaft in Freiburg (SWDGU ) vor einem Jahr Video-Posters gezeigt. „Ich hatte das auf einem Kongress in Cleveland gesehen und war als Technikfan sofort begeistert. Das wollte ich auch Deutschland etablieren, weil das Anpinnen der Poster entfällt’, erklärte damals Kongresspräsident Jens Rassweiler. Die begehbare Prostata, die in Braunschweig als Event-Magnet für die Öffentlichkeit diente, wird sich somit des Öfteren auf den Weg machen können: Am 21. Mai 2009 startete mit der 50. Jahrestagung der SWDGU bereits die nächste Veranstaltung.

61 Wertungen (3.25 ø)
Allgemein

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2 Kommentare:

Prof. Dr. Wolfgang Vierling
Prof. Dr. Wolfgang Vierling

Wo sind die Uropas im Artikel?

#2 |
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Gerne erinnere ich mich an einen Urologenkongress in Braunschweig im Frühling 1980 oder 1981. Damals stellte Prof. Chaussey mit seiner Münchner Arbeitsgruppe die ESWL vor! Sensationell! Sensationell auch der Braunschweiger Spargel – wie zu dieser Zeit noch üblich, gesponsert durch Farco GmbH (Instillagel). Also: Warum in die Ferne reisen…

#1 |
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