Borderline-Therapie: Miss Verständnis im Rampenlicht

5. September 2013
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Borderline-Patienten können sich gut in andere hineinversetzen – aber es kommt oft vor, dass sie Menschen missverstehen. Dieses Paradox hängt mit der Mentalisierungsfähigkeit zusammen. Die mentalisierungsbasierte Therapie kann ihnen laut einer Studie helfen.

Unter “Mentalisierung” verstehen Psychologen die Fähigkeit, Wünsche, Phantasien, Gedanken und Absichten anderer Menschen einzuschätzen. Wer mentalisieren kann, hat die Fähigkeit, über sich selbst und andere nachzudenken. Die sogenannten “mentalen Zustände” – wie z.B. Wünsche und Absichten – lassen sich aus Gesten, der Mimik und den Handlungen ableiten.

Forschungen haben gezeigt, dass die Mentalisierungsfähigkeit bei Patienten mit einer Borderline-Störung gestört ist. Die Psychoanalytiker Peter Fonagy und Anthony Bateman haben eine Therapieform entwickelt, die die Mentalisierungsfähigkeit verbessert: die Mentalisierungsbasierte Psychotherapie (MBT). Diese psychodynamische Therapiemethode ist ein Baustein, der in verschiedene Therapieformen eingebaut werden kann. Dabei gibt der Therapeut dem Patienten Raum, um über die eigenen mentalen Zustände und die Zustände des Gegenübers nachdenken zu können. Fonagy und Bateman stellen die MBT in ihrem Buch “Psychotherapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung” (2008) ausführlich dar.

Gute Langzeitergebnisse

Jetzt präsentieren die Autoren die Langzeitergebnisse einer randomisiert-kontrollierten Studie zur MBT. Sie werteten die Daten von 41 Patienten aus, die sich aufgrund der Borderline-Störung in einer teilstationären Behandlung befanden. Die Patienten wurden randomisiert auf eine MBT-Gruppe und eine Standard-Therapie-Gruppe verteilt. Die Teilnehmer der MBT-Gruppe erhielten 18 Monate lang einer Mentalisierungsbasierte Therapie und besuchten nach der Entlassung weitere 18 Monate eine MBT-Gruppe. Die Kontrollgruppe erhielt eine psychiatrische Standardtherapie. 8 Jahre nach Studienbeginn bzw. 5 Jahre nach Beendigung der Mentalisierungsbasierten Therapie zeigte sich, dass die Patienten der MBT-Gruppe deutlich stärker von der Therapie profitiert hatten als die Patienten der Standardbehandlungsgruppe.

Während “nur” 23% der MBT-Gruppe noch suizidal waren, lag der Anteil der suizidalen Patienten aus der Standardgruppe bei 74%. Auch der Medikamentengebrauch war in der MBT-Gruppe signifikant geringer als in der Standardgruppe: Die MBT-Patienten nahmen 0,02 Jahre lang drei oder mehr Medikamente ein, während es bei den Patienten der Standardgruppe 1,9 Jahre waren. 45% der MBT-Gruppe bzw. 10% der Standardgruppe wiesen einen Wert von über 60 in der GAF-Skala (Global Assessment of Functioning Scale) auf. Während die MBT-Patienten seit rund 3,2 Jahre berufstätig oder in der Ausbildung waren, lag die durchschnittliche Berufs-/Ausbildungsdauer bei den Patienten der Standardgruppe bei 1,2 Jahren.

Auch die Hypermentalisierung ist behandelbar

Ein besonderes Problem vieler Borderline-Patienten ist die “Hypermentalisierung”. Aufgrund ihrer Traumata in der Vergangenheit liegen die Patienten sozusagen ständig auf der Lauer und überinterpretieren die Handlungen und Absichten anderer Menschen. Beispiel: Eine Patientin lädt eine Freundin zum Geburtstag ein. Diese Freundin sagt ab, weil sie bereits einen wichtigen Termin an diesem Tag hat. Die Patientin leitet daraus ab, dass die Freundin sie generell ablehnt.

Ob Patienten zur Hypermentalisierung neigen, kann z.B. mithilfe des “Movie for the Assessment of Social Cognition” (MASC) ermittelt werden. Hier werden den Patienten 15-minütige Filme vorgespielt. Nach verschiedenen Szenen werden die Patienten gefragt, wie sie diese Sequenzen interpretieren. Dabei können die Forscher feststellen, ob die Patienten gar nicht mentalisieren (also z.B. alles wörtlich nehmen), ob sie unterdurchschnittlich, adäquat oder zu sehr mentalisieren (also z.B. Verhaltensweisen überinterpretieren).

Carla Sharp und Kollegen der Universität Houston, Texas, USA, untersuchten, ob die Hypermentalisierung ein charakteristisches Kennzeichen von Borderline-Patienten ist und ob sich diese Art der Mentalisierung in einer stationären psychodynamischen Therapie vermindern lässt.

Von 164 jugendlichen Studienteilnehmern wiesen 68 (41%) eine Borderline-Störung auf. Die Hypermentalisierung trat unabhängig von den gezeigten internalen und externalen Problemen auf. Im Vergleich zu Patienten mit anderen Krankheitsbildern war die Hypermentalisierung bei Borderline-Patienten besonders häufig festzustellen. Je stärker die Hypermentalisierung bei Aufnahme in die Klinik ausgeprägt war, desto stärker litten die Borderline-Patienten auch an ihren Symptomen.

Die Forscher stellten bei den jeweiligen Patienten eine signifikante Verminderung der Hypermentalisierung zwischen dem Tag der Aufnahme in die Klinik und dem Entlassungstag fest (F = 76,11, p < 0,01). Die Reduktion der Hypermentalisierung war hochsignifikant mit der Reduktion der Borderline-Symptome verbunden (r = -0,25, p = 0,005). Alle Patienten hatten eine interpersonal-psychodynamische Therapie erhalten, die unter anderem darauf hinzielte, die Mentalisierungsfähigkeit der Patienten zu verbessern.

Die häufig anzutreffende Annahme, dass Borderline-Patienten gar nicht oder nur schwach mentalisieren könnten, muss also kritisch betrachtet werden. Viele Borderline-Patienten zeichnen sich eher dadurch aus, dass sie “zu stark” mentalisieren. Die Mentalisierungsfähigkeit ist also sehr oft, jedoch in gestörter Form, vorhanden. Mithilfe einer psychodynamischen, mentalisierungsbasierten Therapie kann sie wieder normalisiert werden.

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Medizin, Psychiatrie

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11 Kommentare:

Arzthelferin

Dieser Ansatz, nicht die Ursache, wohl aber die Wirkung einer Situation ändern zu können – was ja eigentlich nur logisch ist, findet sich auch im NLP (Neurolinguistische Programmierung) und kann auch auf viele andere psychische Erkrankungen Anwendung finden.

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Milka Hauer
Milka Hauer

Vielen Dank,ich finde diese Thematik hochinteressant und habe einige gute Impulse zum nachdenken bekommen.

#10 |
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Dipl.Oec.troph Birte Jacobsen
Dipl.Oec.troph Birte Jacobsen

Was ich gefunden habe für alle anderen Interessierten : das neue : “Lehrbuch Mentalisieren” von Ulrich Ulrich Schulz-Venrath. Die Technik scheint wirklich bei den verschiedensten Persönlichkeitsstörungen hilfreich zu sein. Das MBT Mentalisierungstherapie aus dem Ärzteverlag ist vergriffen.

#9 |
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Karina Wiedkamp
Karina Wiedkamp

Der Artikel lässt mich etwas ratlos zurück. In dem Text wird überhaupt nicht auf die Art der Therapie eingegangen. In welcher Art und Weise werden die Patienten denn nun behandelt, wenn man bei diesen nun die “Hypermentalisierung” diagnostiziert hat? Im Übrigen scheint es bei der sogenannten “Mentalisierung” um eine lang bekannte Erkenntnis zu handeln, die hier lediglich einen neuen Namen bekommen kann. Ich beschäftige mich momentan intensiv mit der Rational-Emotive Verhaltenstherapie (REVT) nach Albert Ellis. Hierbei handelt es sich um eine kognitive Verhaltenstherpaie, die bereits in den 50er Jahren entwickelt wurde und heute mit großem Erfolg weltweit angewandt wird. Verhaltenstherapien. Diese ist besonders erfolgreich bei Ängsten und Depressionen, ist aber auch bei anderen Arten von psychischer Störungen (z.B. Borderline) einsetzbar. Grundlegende These: Nicht die auslösende Situation bedingt unser negatives Verhalten und negativen Gedanken/Gefühle/Stimmungen, sondern unser Denken über die auslösende Situation. Wir können die auslösende Situation nicht ändern (Freundin kommt nicht zum Geburtstag), aber wir können die wenig hilfreichen Gedanken (sie lehnt mich generell ab) verändern und somit auch unsere negativen Gedanken, Gefühle, etc. Zu den selbstschädigen Gedankenmustern gehören unter anderem Generalisierungen – das ist meines Erachtens nichts anderes als die hier als neu vorgestellte “Hypermentalisierung”. Allenfalls die Art der Therapie wäre hier interessant, darüber gibt der Artikel jedoch leider keine Auskunft.

#8 |
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Dr. Elisabeth Pommé
Dr. Elisabeth Pommé

Ich könnte mir vorstellen, dass dieser – in meinen Augen sehr logische und sinnvolle – Therpieansatz auch sehr hilfreich bei depressiven Menschen ist. Icvh bin zwar kein Experte, aber meines Erachtens fehlt depressiven Menschen unter Anderem ein gesundes Selbstwertgefühl, welches zu einer, wie im Artikel beschriebenen,”Überempfindlichkeit”, also einer zu starken Mentalisierung” führt.

#7 |
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Dipl.Oec.troph Birte Jacobsen
Dipl.Oec.troph Birte Jacobsen

Genau dieser Mängel oder dieses Zuviel an Wahrnehmung oder Interpretation macht es betroffenen Frauen so schwierig “gute” Mütter zu sein. Die Therapie scheint ein guter Ansatz zu sein, vor allem hilfreich bevor eigene Kinder geboren werden, da dich und das Kind dann besser verstanden werden kann.

#6 |
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Dorothee Kühne-Zürn
Dorothee Kühne-Zürn

Dank an Elham Majdani für die wunderbare Ausführung, die mir als Pädagogin aus der Seele spricht. Aber bei dem Störungsbild habe wir es ja gerade mit Menschen zutun, die keine Möglichkeit hatten Wurzeln und Flügel zu bekommen.

#5 |
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guter Artikel — auch für jemanden, der (wie ich) bei allem, was mit “Psych” anfängt, sonst eher Verständnisschwierigkeiten hat

#4 |
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Elham Majdani
Elham Majdani

VON WURZELN UND
FLÜGELN
„Zwei Dinge sollten Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“
Johann Wolfgang von Goethe
Wurzeln und Flügel – das sind nur zwei Worte, und dennoch beschreiben sie so eindrücklich, was der Mensch benötigt, um gestärkt und glücklich ins Leben zu starten.
Die Wurzeln symbolisieren Bodenständigkeit und die Fähigkeit mit beiden Beinen im Leben zu stehen. Sie verleihen Stärke und sorgen dafür, dass uns auch in schwierigen Zeiten, wenn um uns herum ein schwerer Sturm tobt, nicht der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Die Wurzeln stehen aber auch für die Fähigkeit, sich zu binden, an einem Ort bzw. mit einem Partner „Wurzeln zu schlagen“.
Doch wir benötigen, um glücklich zu werden, mehr als Wurzeln, denn was wäre das Leben ohne Höhenflüge? Wir benötigen auch Flügel, um die Leichtigkeit des Seins zu erfahren, um uns in Träumereien verlieren zu können und uns frei wie ein Vogel zu fühlen. Sie geben uns hin und wieder das Gefühl unbegrenzter Möglichkeiten, wenn wir uns über die Erde erheben und der Realität entfliehen, um durch die Lüfte zu tanzen. Die Flügel symbolisieren innere Freiheit und Autonomie.
Damit einem Kind sowohl Flügel als auch Wurzeln wachsen können, ist es unmittelbar wichtig, dass sich die Eltern feinfühlig auf ihr Kind einschwingen. Eine sichere Bindung im Säuglingsalter stärkt nicht nur seine Wurzeln, sondern ist auch die Voraussetzung für die Lust an der Erkundung der Welt des späteren Kleinkindes. Eine sichere Bindung bedeutet emotionale Sicherheit, die wiederum Voraussetzung für Neugier und Forschungsdrang ist.
Ob eine sichere Mutter‐Kind‐Bindung gelingt, hängt im Wesentlichen davon ab, ob die Mutter in der Lage ist, ausreichend feinfühlig auf ihr Kind einzugehen. Feinfühligkeit ist aber von Überbehütung dadurch zu unterscheiden, dass das Kind in seiner zunehmenden Selbstständigkeit und Kommunikationsfähigkeit nichteingeschränkt wird. Elementar dabei ist, dass sich die Eltern dabei ganz auf den Rhythmus des Kindes einlassen und seinen Impulsen folgen. Von einer feinfühligen Bindungsperson wird die Selbststeuerung ihres Kindes in Bezug auf Nähe und Distanz akzeptiert. Nur dann können ihrem Kind sowohl Wurzeln als auch Flügel wachsen. Wird dieser Rhythmus unterbrochen, führt das beim Kind zu zwei Erfahrungen, die es grundlegend prägen:
1. Wenn die Eltern die Bedürfnisse ihres Kindes nach Schutz, Zuwendung, Trost, Geborgenheit sowie die nach körperlicher und emotionaler Nähe nicht ausreichend beachten, macht das Kind die Erfahrung emotionaler Verlassenheit.
2. Wenn die Eltern das kindliche Bedürfnis nach Selbstständigkeit, Eigensinn und Eigenraum missachten, macht das Kind die Erfahrung emotionaler Vereinnahmung.
Macht das Kind eine dieser Erfahrungen oder auch beide immer wieder oder in einem intensiven Ausmaß, entwickelt es gewisse Grundängste, die bis in sein Erwachsenendasein wirksam sein können. Es kann zu heftigen Trennungs‐ und Verlassenheitsängsten im einen Fall und zu großen Ängsten vor emotionaler Überflutung und Vereinnahmung im anderen Fall kommen. Bildlich ausgedrückt können diese Erfahrungen das Wachstum der Flügel und Wurzeln beeinträchtigen. Die meisten betroffenen Menschen entwickeln beide Arten dieser Grundängste, wobei dennoch eine Angst stärker als die andere vorhanden sein kann.
Wie Ängste im Einzelnen entstehen können, wie sie den Erwachsenen und seine Beziehungsfähigkeit beeinflussen können, wollen wir in diesem Abschnitt ausführlich beleuchten.
DIE WURZELN
VON DER ENTSTEHUNG EINER SICHEREN BINDUNG
Eine sichere Bindung an die primären Bezugspersonen und deren beständige emotionale Verfügbarkeit setzen den Grundstein für eine gelingende Reifeentwicklung, für Vertrauen in das eigene Selbst und andere Menschen. Diese Bindung stellt beim späteren Erwachsenen die zentrale Voraussetzung für die Entwicklung einer gesunden Beziehung zu sich selbst, seinem Bewusstsein um seiner Gefühle und deren Akzeptanz dar. Rehberger schreibt hierzu: „Das Kind macht die Erfahrung der ausreichenden Nähe zu liebenden Eltern, ihrer Verfügbarkeit, Einfühlungsfähigkeit und Hilfsbereitschaft bei Gefahren und in Angst. Es verfügt über Zuversicht, dass diese Hilfsbereitschaft auch zukünftig verfügbar sein wird. Mit diesem Rückhalt erkundet es die Welt in zunehmender Selbstsicherheit. Sichere Bindung ist Voraussetzung für Vertrauen in den anderen. Die Fähigkeit, bei Kummer, Angst oder Ärger seinen Bezugspersonen die negativen Gefühle zeigen zu können, ist für die Entwicklung einer sicheren Bindung im Kindesalter ganz entscheidend. (…) Eine sichere Bindung bietet die Grundlage für eine sichere Erkundung der Welt des Kindes. Sie begründet Selbstsicherheit. Selbstsicherheit ermöglicht eine altersgemäß gute Entwicklung der geistigen Fähigkeiten und steigert sie zugleich. Beachtung und Achtung des Wissens und Könnens des Kindes bilden den Kern der Selbstachtung.“ 9
Da der Säugling für sich allein nicht lebensfähig ist, fällt der Mutter vom ersten Tag die Aufgabe zu, ihrem Kind bei der Regulierung seiner Gefühlslage behilflich zu sein. Sie muss die Bedürfnisse des Kindes erkennen und erfüllen. Dies gilt jedoch nicht nur für physische Bedürfnisse wie Temperatur, Nahrung und Sauberkeit. Es ist auch die Aufgabe der Mutter, ihrem Kind ihre liebevolle Fürsorge und Zugewandtheit zuteilwerden zu lassen. In den ersten Lebenswochen müssen Eltern und Kind sich aufeinander einschwingen. Dabei ist die Entwicklung des Säuglings stark von der Kommunikation mit den Eltern geprägt. Solange das Kind noch nicht sprechen kann, verständigen sich Mutter und Kind nonverbal bzw. handlungsorientiert (durch Lautieren, Kopfzuwendung und ‐abwendung, Gestik‐ und Mimik). Ob sich das Kind verstanden fühlt, hängt vom Gelingen dieser Kommunikation ab. Die Mutter muss das Bedürfnis des Kindes zutreffend wahrnehmen und dazu passend handeln. Passend reagieren bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Mutter die Bedürfnisse und emotionalen Ausdrucksweisen des Kindes intuitiv richtig deutet, ihm also z. B. bei Hunger zu essen gibt, es bei Traurigkeit tröstet, bei Heiterkeit mit ihm lacht, es bei Angst beruhigt und ihm zum Schlafen verhilft, wenn Müdigkeit besteht. Während die Mutter auf das Kind eingeht, erforscht dieses den Gesichtsausdruck der Mutter. Dadurch lernt das Kind einerseits seine Mutter (mit ihren Emotionen, ihrer Sprache und ihrem Handeln) kennen, andererseits lernt es durch die Spiegelung der eigenen Gefühle durch die Mutter auch sich selbst und
seine eigene emotionale und körperliche Verfassung besser kennen. Es lernt Gefühlszustände in sich und anderen zu verstehen, zu unterscheiden und einzuordnen. Sobald das Kind etwas älter ist und ihm der sprachliche Ausdruck zur Verfügung steht, werden emotionale Zustände mit Hilfe der Sprache zwischen Mutter und Kind ausgetauscht. Diese Interaktion kann dann als gelungen betrachtet werden, wenn die Mutter – wie erwähnt – passend zu den Gefühlszuständen des Kindes reagiert. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn die Mutter zu ihrem weinenden Kind mit weicher Stimme sagt: „Ohhh, du bist ja ganz traurig.“ Dadurch lernt das Kind, dass das, was es da in sich fühlt, traurig heißt, es entwickelt also ein wortsprachliches Verständnis für seine seelischen Vorgänge. Ein wütendes Kind würde eine feinfühlige Mutter z. B. mit verständnisvoller Stimme fragen, warum es denn wütend ist. Solche positiven Spiegelerfahrungen begründen die
Voraussetzung für die
Erwachsenen zur
Selbstverständnis oder
Dadurch, dass die Mutter ihrem Kind zeigt, dass es ihr Inneres erkannt hat, lernt das Kind sein Inneres zunehmend selbst kennen, verstehen und akzeptieren. Man könnte es auch so ausdrücken: Es lernt sich selbst kennen. Die mütterliche Akzeptanz sämtlicher
Fähigkeit des späteren Selbstreflexion, einem auch Selbstbewusstsein. Gefühlszustände des Kindes führt dazu, dass die „gesamte Gefühlspalette“ in die Persönlichkeit integriert, also vom späteren Erwachsenen wahrgenommen, akzeptiert und reguliert werden kann. Wenn jemand in der Kindheit nicht in ausreichendem Maße die Erfahrung gemacht hat, von einem anderen Menschen verstanden worden zu sein, wird ihm später als Erwachsenem nicht nur das Verstehen von eigenen Emotionen, sondern auch das Sicheinfühlen in andere erschwert sein.
Beim Spiegeln der Gefühle ist es jedoch wichtig, dass die Mutter die Gefühle ihres Kindes nicht eins zu eins spiegelt, das heißt, nicht in der gleichen emotionalen Heftigkeit reagiert, sondern ihre mütterliche, „beruhigende Note“ hinzufügt. Das Hinzufügen der beruhigenden Stimme beinhaltet die Botschaft, dass der Anlass des Weinens doch nicht so schlimm ist, wie das Kind es vielleicht angenommen hat, und überwunden werden kann. Wenn das Kind bei seiner Bindungsperson eine Reaktion ausgelöst hat, die ihm signalisiert, dass es verstanden wird, geht es dem Kind bereits viel besser. Es macht erste positive Erfahrungen, nämlich die Erfahrung, verstanden und nicht mehr allein mit dem Gefühl zu sein, wenn es andere an seinem inneren Erleben teilhaben lässt. Die Gefühlsspiegelung bietet somit für den späteren Erwachsenen die Basis, selbstwirksam zu sein, über Gefühle sprechen zu können und auf die Gestaltung von zwischenmenschlichen Beziehungen positiv Einfluss nehmen zu können. Mit Hilfe solcher Spiegelerfahrungen macht das Kind nicht nur Erfahrungen über sein Gegenüber, sondern – viel wichtiger – es entwickelt auch eine Vorstellung über die eigene Liebesfähigkeit und Kompetenz. Werden solche gelingenden spiegelnden Erfahrungen immer wieder und über einen langen Zeitraum gemacht, so werden sie vom Kind verinnerlicht. Es fühlt sich willkommen und angenommen. Später, als erwachsener Mensch, kann es die beruhigende mütterliche Funktion zu seiner eigenen werden lassen. Diese Erfahrungen bilden die Voraussetzung für eine gute Selbstsorge und Stressverarbeitung des späteren Erwachsenen: Wer eine einfühlsame, verständnisvolle und akzeptierende Mutter hatte, kann sich später selbst „eine gute Mutter sein“ und verständnisvoll und wertschätzend mit den inneren Regungen umgehen. Die Spiegelfunktion der Eltern ist somit eine sehr wichtige Voraussetzung für die Entwicklung eines stabilen Selbst.
Dieser Mutter‐Kind‐Austausch misslingt dann, wenn die Mutter für bestimmte innere Zustände ihres Kindes nicht ausreichend sensibel ist und ihre Reaktionenüberwiegend oder kontinuierlich nicht zur emotionalen Verfassung des Kindes passen. Dies kann bei beständiger Wiederholung zu einem Defizit in der Selbstwahrnehmung bestimmter Gefühlszustände des Kindes und des späteren Erwachsenen führen. Ein Beispiel für eine misslungene Affektspiegelung wäre, wenn diese Mutter abweisend zu ihrem Kind sagen würde: „Du bist ein böses Kind.“ Oder: „Sei nicht so aufmüpfig“, anstatt es ruhig und gelassen zu fragen, warum es denn wütend ist. Das Kind wird den Gefühlszustand „wütend“ als nicht teilbar erleben, sondern macht die Erfahrung, für dieses Gefühl gestraft zu werden. Macht ein Kind häufige oder intensive Erfahrungen damit, dass eine strafende Reaktion auf ein bestimmtes Gefühl folgt, wird es dieses Gefühl abwehren und ins Unterbewusstsein verdrängen. Diese Verdrängung, die im Dienste des Selbstschutzes geschieht, führt beim späteren Erwachsenen zu einem Defizit in der Selbstwahrnehmung für bestimmte innere Zustände.
Auf diese Art und Weise entstehen Störungen und unbewusste Konflikte, die im Leben des Betroffenen weiterhin wirksam sein können. Eine Grundannahme der Bindungstheorie ist, dass nicht nur die spätere Beziehungsfähigkeit, sondern auch die Entwicklung der psychischen Gesundheit stark dadurch beeinflusst werden, welche Bindungserfahrungen in der frühen Kindheit gemacht wurden. Denn die Erfahrungen, die das Kind mit der Mutter im ersten Lebensjahr macht, werden als unbewusste Beziehungserfahrung in einem „Gefühlsgedächtnis“ verinnerlicht und prägen es für sein Leben lang ungemein.
Klöpper sieht in dem Misslingen eines verständnisvollen Mutter‐Kind‐Austausches die Ursachen für die Entstehung von Narzissmus. Er schreibt:
„Sein >sich‐selbst‐nicht‐Kennensich‐selbst‐nicht‐ Kennensich‐selbst‐nicht‐Kennensprimären Narzissmus

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Interessanter Befund. Ich könnte mir vorstellen, dass MBT auch bei der Therapie von Essstörungen ein probates Mittel sein könnte.

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Rettungsassistent

Sehr guter Artikel, ich interessierte mich schon für die Psyche.
Falls einer von Fach Zeit und Lust hätte würde ich gerne diesem ein paar
Fragen zu einem, für mich unverständlichen, Fall fragen.

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