Patientenakte – nichts als heiße Luft?

29. Mai 2009
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Elektronische Patientenakten gelten als die Killer-Applikation der Medizin 2.0. Nur: Das tun sie schon seit ungefähr 1990. Passiert ist noch immer wenig, oder etwa doch? Wer braucht eigentlich elektronische Patientenakten? Und wer nutzt sie überhaupt schon?

Mitglieder der deutschen eHealth-Szene blicken in diesen Wochen neidisch in die USA. Dort hat US-Präsident Barack Obama bekanntlich das Gesundheitswesen als eines seiner neuen Kernbetätigungsfelder definiert – beraten von recht wettbewerbsaffinen Systemtheoretikern wie der Buchautorin Professor Elisabeth Teisberg. Sie will das US-Gesundheitssystem retten, indem sie die medizinischen Eirichtungen in einen rigorosen Wettbewerb um eine dabei maximal transparent gemachte Ergebnisqualität entlässt.

E-Health in Deutschland: Für viele ein Fass ohne Boden

In der europäischen Öffentlichkeit weniger beachtet wurden die erheblichen Investitionen, die Obama in die Digitalisierung des Gesundheitswesens und hier vor allem in Patientenakten stecken will. Die Rede ist von hohen zweistelligen Milliardenbeträgen. Kein Wunder, dass den in den USA aktiven Health-IT-Unternehmen plötzlich Dollars aus den Pupillen wachsen. Neben den traditionellen Anbietern von Praxis- und Klinik-Software wittern vor allem Unternehmen wie Google Morgenluft. Der Suchmaschinenanbieter hat bekanntlich mit Google Health eine elektronische Akte im Angebot, die eine grandiose und angesichts der demographischen Entwicklung wohl auch nie mehr versiegende Einnahmequelle werden könnte, falls sich auch nur ein Viertel der US-Amerikaner dazu entschließen würde, derartige Programme intensiv zu nutzen. Doch zurück nach Deutschland: Elektronische Gesundheitsakten sind hier genauso wenig neu wie arztgeführte elektronische Patientenakten. Von einem florierenden Business allerdings kann keine Rede sein: „Nennen Sie mir ein Unternehmen, dass mit Health-IT in Deutschland schon in relevantem Umfang Geld verdient hat“, sagte kürzlich der für Gesundheit zuständige Deutschland-Manager eines großen IT-Unternehmens bei der Health-IT-Messe conhIT 2009. Seinen Namen lesen möchte er in diesem Zusammenhang freilich nicht. Der Satz ist aber symptomatisch für die Stimmung in der Branche. Aktuelles Beispiel dafür ist der Ausstieg von Siemens aus der Produktion von Konnektoren für die elektronische Gesundheitskarte. Begründung: Problematische Kosten-Nutzen-Relation.

Gesundheitsakten: Vegetieren statt existieren

Wie aber sieht es konkret bei den elektronischen Akten aus? Wer nutzt sie eigentlich? Fangen wir an mit den so genannten elektronischen Gesundheitsakten, von denen es mehrere im deutschen Markt gibt. Da ist einmal die Gesundheitsakte von careon, die den Kunden zahlreicher BKKen als Serviceleistung angeboten wird. Zum anderen ist ICW aus Walldorf mit seinem LifeSensor aktiv. Und die CompuGroup platziert über ein Tochterunternehmen ihre vita-X-Akte im Markt. Den Gesundheitsakten ist gemeinsam, dass sie bei im Detail unterschiedlicher technischer Ausgestaltung primär als Langzeitarchiv gedacht sind: Der Versicherte kann gesundheitlich relevante Daten dauerhaft speichern, weitgehend unabhängig vom Behandlungskontext. Angaben zu Nutzungsfrequenzen werden in diesem Segment generell nur hinter vorgehaltener Hand gemacht. Die Zahlen sind allesamt minimal. Careon ist insofern eine Ausnahme, als das Unternehmen die Gesundheitsakte als inhabergeführtes Unternehmen ohne größeren Venture Capital-Hintegrund zu einem Geschäftsmodell gemacht hat und damit sogar Geld verdient – ohne dass irgendjemand damit reich würde freilich. ICW, wo die Gesundheitsakte ebenfalls im Zentrum steht, überlebt im Moment dank Venture Capital und nur deswegen. Bei der CompuGroup veröffentlicht vita-X als Teil des Konzerns keine eigenen Zahlen. Groß angekündigt wurde vor zwei Jahren ein Projekt, bei dem in Rheinland-Pfalz alle Kinder mit vita-X-Akten ausgestattet werden sollten. Dem war bisher kein Erfolg beschert. Die Situation bei vita-X dürfte demnach der bei den anderen Anbietern ähneln: Ein Goldesel ist die Akte sicher genauso wenig wie die Konkurrenzprodukte. Fazit: Die elektronische Gesundheitsakte vegetiert derzeit mehr als dass sie existiert.

EPA-Lösungen: Auch hier viel Schatten

Wie sieht es im zweiten Segment der elektronischen Akten aus, den elektronischen Patientenakten im engeren Sinne. Je nach Kontext werden diese Lösungen auch als Fallakte, Einweiserportal oder Netzakte bezeichnet. Kennzeichen dieser Angebote ist, dass es sich in der Regel um Akten handelt, die auf einen Behandlungskontext bezogen sind, sei es die integrierte Versorgung oder die Versorgung innerhalb eines Ärztenetzes. Auch hier ist nicht alles Gold was glänzt. Die Sana-Kliniken beispielsweise waren so ehrlich, öffentlich zuzugeben, dass ihre Einweiserlösung Galileo von Noemalife nur deswegen auf ausreichendes ärztliches Interesse gestoßen ist, weil den Ärzten der nötige Netzanschluss inklusive laufender Kosten komplett bezahlt wurde. Die Konkurrenz behauptet zwar, sie täte das nicht. Ob das aber so stimmt, sei einmal dahin gestellt. Auch in Ärztenetzen funktionieren e-Akten nicht zwangsläufig. Das Bottroper Prosper-Netz lieferte das Paradebeispiel für eine im diesem Fall von T-Systems gestellte Netzakte, die die Ärzte nicht benutzten, weil sie ihnen zu umständlich war. Als Reaktion darauf wurde das Konzept verändert. Derzeit läuft die zweite Runde.

Und sie funktionieren doch!

Es gibt aber gerade im Bereich der arztgeführten EPA-Lösungen auch gute und funktionierende Akten. Über die redet nur kein Mensch, eben weil sie funktionieren. Das ist etwas schade, denn man kann einiges von diesen Positivbeispielen lernen. Im Amberger Ärztenetz UGOM beispielsweise wird seit Jahren eine dezentrale Akte von medatiXX eingesetzt. Dort werden Unmengen an Dokumenten verschickt, auch weil der Versendeprozess aufgrund der tiefen Integration in die Praxis-EDV-Systeme weitgehend automatisiert abläuft. An der Universitätsaugenklinik Erlangen ist im Rahmen eines Integrationsvertrags für Patienten mit Augenoperationen die Siemens-Lösung Soarian Integrated Care im Einsatz. Diese Akte ist in Erlangen an ein Qualitätsmanagement-Projekt gekoppelt, und ihre Nutzung durch die angebundenen Augenärzte und Kliniken ist gut dokumentiert. Auch elektronische Fallakten, mit denen sich kooperierende Kliniken untereinander vernetzen, funktionieren in aller Regel ausgezeichnet.

Der Lösungsanbieter ist dabei übrigens irrelevant. Alle Anbieter können sowohl über funktionierende Netze als auch über Totgeburten reden, wenn sie denn wollen, denn viele wollen nicht. Entscheidend ist etwas anderes: Gemeinsam ist den funktionierenden Lösungen, dass aus unterschiedlichen Gründen schon vorher ein großer Kommunikations- und Dokumentationsbedarf bestand und nicht – wie bei vielen gescheiterten Projekten – nur politisch unterstellt wird.

83 Wertungen (3.11 ø)
Medizin

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8 Kommentare:

Peter Michael Kohn
Peter Michael Kohn

Die Gesundheitskarte mit dem elektronischen Rezept ist gar nicht so falsch. Dieses Rezept kann der Karteninhaber überall einlösen.
Was die Patienten- und Gesundheitsdaten auf dieser Karte angeht, so kann dieses ebenso sehr sinnvoll sein, beispielsweise bei chronisch Kranken oder Risikopatienten. Dies gibt Hilfestellung bei einer Notversorgung oder Arzneimittelunverträglichkeiten.
In der Diskussion wird übersehen, daß gerade der Patient betimmen kann, was auf seiner Gesundheitskarte über ihn gespeichert wird und wer diese Daten auslesen darf. Er alleine bestimmt über seine Karte.
Die Erprobung verläuft durchaus positiv, wobei gerade Ärzte immer wieder dagen sind. Warum wohl? Das hat rein gar nichts mit Therapiefreiheit zu tun.
Anders verhält es sich mit Patientenakten im Health-Gewerbe, auch im Hausarztmodell der AOK-Baden-Württemberg mit ICW (oder besser SAP Walldorf). Da stecken handfeste finanzielle Interessen einezelner Gruppen dahinter und es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis persönliche Gesundheitsdaten in den Medien wie Goggle öffentlich sichtbar sind. Und was hört man vom Datenschutz? Nix, wie immer.

#8 |
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Ich kann mich nur Herrn Kittlitz anschließen, und jedem den “verkauften Pateient” ans Herz legen. Nichtg nur in Bezig auf die e-card.
Es bleibt wie immer die Frage, weshalb wir uns nicht einfach weigern, diesen Irrsinn mitzumachen.
Täten es ausnahmsweise einmal alle (Ärzte), was sollte uns dann passieren ?

#7 |
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Dr. Franz-Josef Rausch
Dr. Franz-Josef Rausch

Wiederholungsrezept per Telefon, geht nicht mehr, Postmappe schnell überfliegen, passe. Meine Praxis kostete dies allein 1 Stunde Arbeitszeit mehr am Tag. Befürworter sollen mal ausrechnen, wie lange es dauert, zu Beginn wichtige Daten der Pat. auf der Karte oder im Netz zu speichern, Monate!! Nur die Juristen freuen sich. Schwarz auf weiss können sie beweisen, dass man bei (zweistündigem) Studium der Eintragungen dies oder das hätte vermeiden können. Auch die KK tun sich bei Regressen leichter. Ab wehe eine Helferin spielt in der Pause im Netz und läd einen neuen PC-Wurm herunter, dann läuft halt einen Tag nichts mehr. toll.

#6 |
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Zahnarzt

Offensichtlich hat der Autor nicht ausreichende kenntnisse über die vorgesehene eCard. Hier handelt es sich nicht um ein Netz, wie es die anderen Lösungen darstellen, in dem von Arzt zu Arzt Befunde und Berichte elektronisch ausgetauscht werden und/oder wichtige Dauerbefunde auf der Karte gespeichert werden, sondern um die Speicherung ALLER medizinischen Daten in einem servernsetz mit über 2 Mio. Zugriffspunkten. Da ist der Datenschutz in keiner Weise mehr zu gewährleisten. Außerdem ist das System mit einem Port versehen, den man – zwar illegal – ohne Zustimmung alle Daten einsehen kann. Zumal eine einheitliche Personenkennzahl dafür erforderlich ist, kann damit der lebenslängliche Verlauf der Gesundheit zurückverfolgt werden. Versuchen sie dann mal einen Kredit zu bekommen, wenn sie nicht 100% gesund sind.

#5 |
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Rolf Hassel
Rolf Hassel

Immer zuerst fragen: cui bono – wer hat den Nutzen. Der Patient wohl am allerwenigsten. Hierzu wäre am sinnvollsten, was ich selbst mache, bzw. wohl auch die meisten meiner Kollegen: sie führen eine eigene Patientenakte mit allen Befunden, Diagnosen und therapeutischen Empfehlungen. Die klemme ich mir unter den Arm und kann sie dem präsentieren, dem ich vertraue und der mir helfen wird. Meine jüngeren Patienten folgen meiner Aufforderung zur Anlage ihrer Patientenakte, auch wenn dies Kopierkosten für sie bedeutet.

#4 |
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Daniela  Jentzsch
Daniela Jentzsch

Sieht man sich die Datenpannen der Vergangenheit an, ist es unverantwortlich über den Kopf der Patienten hinweg, die e-card einzuführen. Der Nutzen erscheint höchst zweifelhaft.

#3 |
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lesen sie von renate hartwig “Der verkaufte Patient”
da steht u.a. welche gefahren für die arzt-patientenbeziehung
in der anwendung der e.card liegen.
wer die daten hat, hat die macht über die patienten, kann profit daraus schlagen.letztlich profitieren nur die großkonzerne wie rhön,sana usw.sowie die e-card-produzenten wie gematik und die politiker wie lauterbach. die patienten werden kaum davon profitieren, müssen allerdings für den quatsch bezahlen.
m.k.

#2 |
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Birger Kremeyer
Birger Kremeyer

Artikel bleibt zu sehr an der Oberfläche

#1 |
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