Eidetisches Gedächtnis: Reif für die Insel

7. November 2012
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Sie können 20-stellige Primzahlen im Geiste erstellen, exakt jedes Detail ihrer Biographie wiedergeben oder jedem Datum den Wochentag zuordnen. Die Rede ist von Menschen mit eidetischem Gedächtnis. Wir beleuchten deren Fähigkeiten für Euch einmal näher.

Der Begriff der Eidetik entspringt dem Altgriechischen εἶδος und bedeutet Ansehen, Gestalt. Daraus leitet sich der Ausdruck “eidetisches Gedächtnis” ab, der das höchst präzise, bildhafte Vergegenwärtigen von Gesehenem und Erlebtem beschreibt. Betrachtet man aber die Gesamtheit ihres Intellekts, sind diese Individuen retardiert, bei ihren Fähigkeiten handelt es sich um Inselbegabungen. Deswegen hat sich auch der etwas vulgäre Ausdruck “idiot savants” entwickelt.

Auf welche Weise denken Menschen mit einer solchen Begabung? Oliver Sacks, Professor für klinische Neurologie am Albert Einstein College of Medicine in New York und Autor zahlreicher Bücher, beschreibt den Aufbau eidetischer Gedankenwelten in einem seiner Werke folgendermaßen: Das Denken von Eidetikern sei “konkretisiert”, nämlich auf eine bestimmte Fähigkeit. Unter “konkretem” Denken verstehe man in der Neuropsychologie eine Regression auf niedrigere Denkniveaus. Ihr praktisches Weltwissen jedoch sei so gering ausgeprägt, dass Alltagstätigkeiten, wie z.B. ein Hemd zuzuknöpfen, schwerfallen würden. Die Gedächtnisinhalte seien leblos, ohne Gefühle. Es bestehe keine Verbindung zur eigenen Person, welche die Gedanken zu einer Gesamtheit zusammenfügen würde.

Savants nehmen bei der Neuaufnahme von Informationen Einzelheiten wahr, erkennen dabei aber nicht das Konzept beziehungsweise das große Ganze, in dem die Inhalte eingebettet sind. Das Wahrgenommene wird von seinen Kontexten dissoziiert, das “Nackte” und “Rohe” bleibt übrig und wird ähnlich wie bei einem Computer abgespeichert. Dieser und dieser Video-Ausschnitt der “British documentary on Savantism” sind ein gutes Mittel, um die Denkweise von Savants zu verstehen.

Was denkt die Wissenschaft über dieses Phänomen?

Zunächst einmal besteht eine deutliche Korrelation zwischen dem Auftreten eines idiot savant syndromes und Krankheiten des autistischen Formenkreises sowie Entwicklungsstörungen. Jeder zehnte Autist entwickelt entsprechende Fähigkeiten. Die Wissenschaft geht davon aus, dass die links frontotemporale Cerebralregion bei der Entwicklung eines eidetischen Gedächtnisses eine Schlüsselrolle spielt. Es scheint, als wäre diese Hirnregion dafür verantwortlich, die Dominanz der linken Hemisphäre zu sichern.

Wird nun dieser Sicherungsschalter entfernt, wird durch übermäßige Aktivität der rechten Hemisphäre das Syndrom ausgelöst. Vereinfacht dargestellt, bildet sich also bei einem Savant-Syndrom auf Basis einer tiefgreifenden Hirnfunktionsstörung eine Überfunktion anderer Hirnareale aus. Erstaunlicherweise entwickelten “gesunde” Probanden in Studien, in denen besagtes Hirnareal elektromagnetisch inhibiert wurde, Fähigkeiten, die sie zuvor nicht beherrschten. Der Gedanke, dass das Potential einer eidetisch geistigen Brillanz in jedem von uns steckt, ist also nicht allzu weit hergeholt.

Interessant ist zudem, dass sich die Fähigkeiten der “idiot savants” im Laufe ihres Lebens oft sogar noch verstärken beziehungsweise verändern und zwar in dem Sinn, dass ein Wechsel von mechanistischem Abspeichern und Replizieren von Informationen zu Kreativität stattfindet. Stephen Wiltshire zum Beispiel, der nach kurzen Helikopterflügen über Stadtgebiete verblüffend detailgetreue Abbilder derselben reproduzieren kann, erstellt selbst Kunstwerke, die in einer Londoner Kunstgalerie ausgestellt sind.

Menschen mit einem eidetischem Gedächtnis leiden an einer gravierenden geistigen Dysfunktion, die uns in ihrem Kern jedoch wiederum zeigt, welch bewundernswertes Potential der menschliche Geist in sich birgt.

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