Assistenzarzt kleinergleich PJler gleich Praktikant!?

5. Juni 2009
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"Ich schreibe den ganzen Tag nur Briefe oder halte Haken im OP. Mehr ist nicht drin." Spaß mache ihm neben dem Klinikalltag das Forschen. Es sei der einzige Grund, weshalb er noch hier sei, entgegnet er auf die Frage nach seiner Motivation.

Letztendlich ist es im Prinzip gleich, von welcher chirurgischen Fachrichtung ich hier erzähle. Im Laufe der Zeit habe ich diese Konditionen leider von zahlreichen Ärzten unterschiedlicher chirurgischer Fachgebiete an Unikliniken bestätigt bekommen.

Würde ich heute in einem mittelgroßen, peripheren Krankenhaus auf der Chirurgie mit meinem Arbeitsalltag anfangen, hätte ich ihn, was praktisch-chirurgische Fähigkeiten angeht, innerhalb von 3 Monaten überrundet, prophezeit mir ein Assistenzarzt im 3.(!)Ausbildungsjahr. In diesem Moment weiß ich nicht, ob mich chirurgisch motivierten Studenten diese Aussage eher freuen oder traurig stimmen soll.

“Ich schreibe den ganzen Tag nur Briefe oder halte Haken im OP. Mehr ist nicht drin.” Spaß mache ihm neben dem Klinikalltag das Forschen. Es sei der einzige Grund, weshalb er noch hier sei, entgegnet er auf die Frage nach seiner Motivation.

Einige Zeit später habe ich die Möglichkeit, mir von einer Assistenzärztin ihre Situation erzählen zu lassen. Während sie so redet, habe ich das Gefühl, ihr Erzählen hätte etwas vom Wortbild des “Herzausschüttens”, was mich folglich eindeutig traurig stimmt. Sie sei aufgrund verpflichtend-bürokratischer Konstellationen hier. Sonst wäre sie schon längst weg. Woanders. “Und wie läuft’s im OP? Wie ist die Ausbildung, was darfst Du schon machen?” frage ich sie beiläufig während der Visite. Ihre Miene bleibt nahezu karg und unberührt. “Wir gehen gar nicht in den OP.” “Wie? Verstehe ich nicht.” entgegne ich unsicher. “Ist doch eine chirurgische Abteilung hier, oder nicht?” Ja, das ist sie. Aber Assistenzärzte dieser Abteilung gehen frühestens nach 3 Jahren Stationsarbeit das erste Mal in den OP. Und in den folgenden 2 Jahren schauen sie dort bei den Operationen zu, halten Haken oder setzen Hautnähte.

Diese beiden Tätigkeiten kamen mir in diesem Zusammenhang geradezu unheimlich bekannt vor. Das habe ich die letzten Tage doch auch gemacht, oder täusche ich mich… Ob sie das weiß, und mich jetzt hasst? Aber in der Famulatur war es auch so. Ich habe zugeschaut, Haken gehalten und, wenn ich brav war, Haut genäht. War das damals falsch? Handelten die Ärzte fahrlässig, mich das machen zu lassen? Oder gehört sich das an einer Uniklinik so? Ich habe ja keinen Vergleich in dieser Fachrichtung, in der ich gerade hospitiere. Vielleicht müssen Ärzte an einem der immerhin wenigen größten Zentren Deutschlands dieser chirurgischen Subspezialisation nun mal nicht die üblichen 6, sondern die von mir zu unrecht als überflüssige Schikane und Ausbeutung betrachteten 9 Jahre absolvieren, um elitäre und gute Chirurgen zu werden? Und vielleicht ist es unerhört infam von mir, dem kleinen Studenten, die Majestät der entscheidungsfällenden Obrigkeiten einer Klinik und deren postulierte Weiterbildungsmodalitäten in Frage zu stellen…

Ich verlasse die Klinik an diesem Tag in einem anderen Mood als sonst. Matt, in Gedanken versunken. Das Wetter ist noch gut, die Sonne scheint. Jedoch bedeckt eine dunkelgraue Wolkenfront den fernen Himmel. Ich hoffe, es wird nicht regnen.

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