Anamnese bei Aldi

9. Juni 2009
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Auf der Suche nach neuen Umsatzquellen und Patienten versuchen Krankenhäuser ganz neue Wege zu gehen. Ungewöhnliche Marketingkonzepte schließen Wal-Mart, Aldi, Lidl & Co nicht mehr aus. Die Ziele in Amerika und Deutschland sind identisch, aber die Philosophie eine sehr unterschiedliche.

“Walk-in”-Clinics in Wal-Mart-Märkten sind nichts Neues. Neu ist, dass inzwischen mehr als 25 davon mit einem Krankenhaus liiert sind. Und Wal-Mart kündigte gerade an, dass kurzfristig ein weiteres Dutzend an Retail-Kliniken mit Hospital-Anbindung dazu kommen wird. Die Cleveland Clinic hat der Handelskette des Pharmazieanbieters CVS ihre Namensrechte an deren “Walk-in”- bzw. Retail-Kliniken verliehen. Die Mayo Clinic betreibt zwei “Express Care”-Kliniken in einem Supermarkt und in einer Shopping Mall. Laut Merchant Medicine News gibt es in den USA inzwischen über tausend “Walk-in”-Kliniken. Zehn Prozent davon sind bereits eine Connection mit Hospitälern eingegangen. Tendenz wachsend, so die Kaufleute.

Marketinginstrument zur Patientengewinnung

Während amerikanische Hausärzte gegen den “billigen” und “unwürdigen” Wettbewerb protestieren, sehen die Kliniken darin eine Chance, mehr potenzielle Patienten zu erreichen und damit ihre Geschäftsbasis zu erweitern. Interessant ist nicht das Geld, das in den Supermarktketten mit medizinischer Basisversorgung verdient wird. Interessant ist das Commitment als Marketinginstrument zur Kundengewinnung und zur Kundenbindung. Der dafür geläufige Begriff aus der Wirtschaft, “Customer Relationship Management (CRM)”, ist offensichtlich im amerikanischen Gesundheitswesen angekommen. Die Kundschaft, die neben Convenience Food die Vorteile der “Convenience Care” für sich entdeckt hat, sei genau die Zielgruppe – beispielsweise Frauen im gebärfähigen Alter -, deren Gunst man gewinnen möchte, so die Befürworter dieser Krankenhaus-Politik. Von Vorteil für Hospitalbetreiber ist sicherlich auch, dass man in den “Walk-in”-Clinics nur den behandeln muss, der bar zahlt oder eine Versicherung hat. In einigen amerikanischen Staaten dürfen Menschen, die zahlungsunfähig sind, laut Gesetz nicht von der Notfallaufnahme, den Emergency Rooms, abgewiesen werden.

Deutsches Krankenhausmarketing zurückhaltend

Auffällig ist, wie unverblümt amerikanische Klinikbetreiber über die wirtschaftlichen Hintergründe ihrer Marketingpolitik in den Medien sprechen. Ganz anders hier in Deutschland. Die privaten Klinik-Ketten wie Asklepios & Co haben zwar Marketing-Abteilungen, aber in der Öffentlichkeit möchte man nicht den Eindruck einer marketing-getriebenen bzw. gewinnorientierten Politik erwecken. Vornehm zurückhaltend spricht man vom Kommunikations- oder Informationskonzept. Und bei der inzwischen häufigen Liaison mit Gesundheits- oder Medizinischen Versorgungs-Zentren (MVZ) verfolgt man das Ziel einer “kooperativen und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Patienten, Haus- und Fachärzten”, so zu lesen bei Asklepios. Was ist eigentlich so verwerflich daran, dass eine Klinik wie ein marktwirtschaftliches Unternehmen geführt wird und für sich Werbung macht? Die Veränderungen im Gesundheitswesen seien noch nicht in den Köpfen angekommen, erklärt Susanne Heintzmann, Bereichsleiterin Marketing und Public Relations der Sana Kliniken AG. “Das Krankenhaus-Bild entspricht immer noch der Wahrnehmung von vor zehn Jahren”. Tatsache ist, dass das Thema Patientengewinnung für deutsche Krankenhäuser mindestens so relevant ist wie in Amerika.

Nurses mit hohem Ausbildungsniveau

Der Erfolg der “Walk-in”-Clinics ist letztlich auch eine Antwort auf das marode Gesundheitssystem der Amerikaner. Es ist das teuerste der Welt, das sich schätzungsweise 40 bis 50 Millionen Menschen nicht leisten können. Das heißt, sie sind nicht krankenversichert. Für diese einkommensschwache Bevölkerung stellen die Supermarkt-Praxen eine willkommene Alternative dar, weil sie preiswerte und schnelle medizinische Basisleistungen anbieten. Im Vergleich zu den Hausarztpraxen arbeiten “Walk-in”- Kliniken kostengünstiger, weil sie hauptsächlich “Nurse Practitioners” beschäftigen. Wäre das in Deutschland überhaupt möglich? Dr. med. Stefan Palm, Gründer und Ärztlicher Leiter der PAN Klinik in Köln, kann sich vorstellen, dass es ähnliche Einrichtungen in 4 bis 5 Jahren auch hier gibt. Das Projekt der Hebamme AGnES sei so zum Beispiel ein Schritt in diese Richtung. In Amerika funktionieren laut Palm diese “Walk-ins”, weil die “Nurse Practitioners” eine sehr gute Ausbildung, teilweise mit Bachelor-Abschluss, haben. Das gleiche System gebe es außerdem bereits in vielen anderen Ländern, um die medizinische Versorgung gewährleisten zu können. Im Rahmen kostendämpfender Maßnahmen wird sich auch Deutschland darauf einstellen müssen.

Vernetzung mit dem zweiten Gesundheitsmarkt

Und was können deutsche Krankenhäuser speziell zur Patientengewinnung machen? Laut Klinikdirektor Palm zeichnet sich ein Trend in die Vernetzung mit dem zweiten Gesundheitsmarkt ab. Im Vordergrund stehen präventive Maßnahmen wie Ernährungsberatung oder Bewegungstherapien. Die gesundheitlichen Schäden, die durch falsche Ernährung, Bewegungsmangel, Nikotin oder Alkoholmissbrauch entstehen, so Palm, können in Zukunft nicht mehr von den Krankenkassen getragen werden. Der Patient werde zunehmend selber dafür Sorge tragen müssen, dass er gesund bleibt. Der gleiche Ansatz findet sich auch im “ConceptHospital”, einem Brainpool, der von Dr. Markus Müschenich, medizinischer Vorstand der Sana Kliniken AG, initiiert wurde. Sein Plädoyer: “Kein Krankenhaus der Zukunft kann es sich erlauben auf einen Patienten nur deshalb zu verzichten, weil er nicht krank ist”.

Super-Marked-Based-Medicine

Müschenichs Visionen basieren auf Marketing-Bausteinen aus Produkt-, Vertriebs-, Kommunikations- und Preispolitik, die die Wirtschaft seit Jahrzehnten praktiziert. Ob Frühbucher-Bonus, Treue-Rabattstaffel, Medical Meal Deal Preis oder Versteigerung von Schönheitsoperationen – alles ist wert, unter die Lupe genommen zu werden. Eine der ConceptUnits im Brainpool ist die “Super-Market-Based-Medicine”. Laut Müschenich sind Szenarien vorstellbar wie beispielsweise: Krankenkassen kooperieren mit Supermärkten, Mergers & Acquisitions wie “Aldi kauft Asklepios” oder Produkt-Scans mit dem Personal onHealth Assistent nach dem Motto: “In Ihrem Einkaufswagen befinden sich Butter und Leberpastete. In Kenntnis Ihrer Anamnese und der Laborwerte vom 03.06.2008 werden alternativ folgende Marken empfohlen:”. Und was hat das mit dem Krankenhaus zu tun? “Das Spital ist das Betriebssystem des Gesundheitswesens”, so sein Vorschlag zum strategischen Leitbild für das Krankenhaus der Zukunft. Bevor die Emotionen jetzt hochschlagen – es ist eine Vision. Und die ist eigentlich interessanter als bei Wal Mart in eine “Walk-in” Clinic zu gehen.

141 Wertungen (3.98 ø)
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11 Kommentare:

sollten diese walk in Kliniken eine Art Zweigstelle von Praxen oder Krankenhaeuser sein, warum nicht? Sie fuehren zur Entlastung und wohnortnahe Versorgung von Interessenten.Keiner ist gezwungen dorthin zu gehen, wenn er nicht will.

#11 |
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Dr. rer.nat. Annelie Weiske
Dr. rer.nat. Annelie Weiske

Ausgezeichneter Artikel – weil er zeigt, dass es möglich ist, in eingefahrene Systeme wieder kreative Veränderungsansätze zu bringen. Warum sollen Marketing- und Vertriebsansätze hier plötzlich unethisch sein? Wichtig ist doch nur, dass vernünftige Leistungen bei Bedarf niederschwellig und zu vernünftigen Preisen erhältlich sind. Nicht vergessen: auch in unserem ach so durchgestylten Staats- und Sozialwesen gibt es nicht wenige, die sich seit geraumer Zeit keine Krankenversicherung mehr leisten können!
Wer bei solchen konzeptuellen Ansätzen aufheult, verschließt die Augen vor der momentanen Situation: solange Patienten ohne wirklichen Grund pro Quartal mehrfach und ohne Kostenbeteiligung zum Arzt gehen, weil sich dieses Ritual im Laufe vieler Jahre als kostenfreie Selbstbedienung entwickelt hat – und für nicht ausgelastete Gruppen unserer Bevölkerung zum psychosozialen Highlight des Monats wurde – solange braucht man keine Annahme dieses Angebotes zu befürchten. Aber jetzt, da viele Ärzte schon per Schild an der Praxistüre mehr als einen Besuch – und den auch bitte möglichst kurz – pro Quartal nicht zulassen, auch bei echtem medizinischem Bedarf, der Patient sich also – eigenfinanzierte – Alternativen suchen muss, da wird es interessant werden!

#10 |
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Soeben hatte ich bei der selektiven Durchsicht von “DocCheck News (Dienstag, 9. Juni 2009): Anamnese bei Aldi [A1]” den Beitrag “Anamnese bei Aldi” gelesen, und mein Interesse ließ mich nun auch “Die Axone des Bösen” ansehen.
Danke den Autoren und Fragern und Diskutanten (und DocCheck)!

Doch nun: Von nur gezielt selten ausgesuchten Blogs kenne ich das “anonymos/anonymus/anonymous[Netzaktivisten-Protestbewegung macht auch Gutes]” schon zu störender Genüge. (Bei einem pressepolitischen Blog hatte ich einmal den Eindruck, “A.” war vom Blogwart bestellt zur Anheizung und dann zur Erstickung der Emotionen.) Warum nur muß ich diesem hier wieder so penetrant begegnen?! – mit solch nichtigen Äußerungen, die ich mir nach Lektüre der ersten fünf dann aber auch nicht mehr angetan habe.
Natürlich will niemand eigentliche Zensur, aber dies “anonymos”-Phänomen kann vielleicht doch einmal diskutiert werden – in Abwägung anderer Leserinteressen. Ginge es auch ohne Zulassung von anonymen Beiträgen (wie an sich im Ärzteblatt [manchmal allerdings “Autor der Redaktion namentlich bekannt”])? Ein redaktionelles Aussortieren von Nichtigkeiten wäre sicherlich heikel, aber bei Wikipedia können aussortierte Meinungen noch unter “Versionen …” behalten werden; vielleicht kann DocCheck irgendwie eine Karte “Hintan-Sortiertes” einrichten?
Das Anonymus (jaja, das Wort ist maskulin) wird¿s weiter geben dürfen sollen, und vor Störungen ist man im Leben nie befreit – mit davon leben wir Ärzte.

Freundliche Grüße allen – auch an das “anonymous”

””””””’
P. S.: Mein Infragestellen betrifft also nicht nur das Kommentieren zu “Die Axone des Bösen”, sondern mehr noch jene sensibilisierende zu “Anamnese bei Aldi”; so wird es sogleich auch dorthin übertragen.

#9 |
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bert kitzing
bert kitzing

gäbe es in sozialen brennpunkten solche praxis-supermarktkollaborationen mit entsprechend konsumerfreundlichem angebot wer weiss vielleicht würden mehr menschen die es nötig haben mal einen termin beim arzt wahrnemhmen

#8 |
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Sehr interessanter Artikel und viele gute, lesenswerte Kommentare. Auch ich finde es eher ein Horrorszenario, wenn ich mir vorstelle, demnächst neben der Supermarktkasse mit PatientInnnen über ihre psychischen Probleme und Suizidalität zu sprechen.
Was aber hierdurch und durch das Nebeneinanderstellen von Medizin und Shopping-Mall m. E. deutlich gemacht wird, ist die Tatsache, dass Medizin auch Geld kostet und dass man sich Gedanken machen sollte, wer unsere “Spitzenmedizin” (haben wir die eigentlich noch?) in Zukunft bezahlt oder ob man vielleicht doch eine gewisse Abstufung vornimmt, damit die Spitzenmedizin weiterhin denjenigen PatientInnen zu Gute kommt, die sie benötigen (nicht nur denen, die sie sich leisten können), aber vielleicht eine Art Basisversorgung oder “Vorscreening”-Instanz durch eine noch zu schaffende “Mittelschicht” der Heilberufe, etwa vergleichbar den Nurse Practicioners, d.h. Pflegekräfte oder medizinische Fachangestellte mit besser qualifizierender Ausbildung oder entsprechender Weiterbildung (z. B. Bachelor) wahrgenommen wird. Erste Denkansätze in diese Richtung gibt es ja bereits aufgrund des Ärztemangels in Deutschland (Hausbesuche bei PatientInnen im ländlichen Bereich zunächst durch Gemeindeschwester, die dann telefonisch Rücksprache mit dem Arzt nehmen kann, ggf. mit telemedizinischer Unterstützung). Hier gäbe es sicherlich einiges zu optimieren/überdenken.
Das führt zwar jetzt weg von der ursprünglichen Thematik der “Walk-In-Clinic” im Supermarkt, aber diese Gedanken drängen sich mir dabei auf.

#7 |
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Medizininformatiker

Der Vergleich des bundesdeutschen mit dem us-amerikanischen Systems ist extrem schwierig, weil sowohl das Finanzierungssystem als auch die Ausbildungen der Beschäftigten sehr stark unterscheiden. Was in Deutschland als Arzthelferin oder Rettungssanitäter unterwegs ist, dürfte in USA nicht tätig sein. Von daher ist für Deutschland der Medi-Walk-In nicht machbar, da es an einer “Mittelschicht” an Personal mangelt. Ein Arzt braucht als Ausbildungsvoraussetztung in D ein Spitzenabitur, die Arzthelferin den gleichen Hauptschulabschluss wie eine Friseuse. Hier hat sich die Schere zwischen “arm und reich” bereits traditionell seit Jahrzehnen verfestigt.

Verständlich, dass ein Arzt nicht für weniger Geld arbeiten möchte, als er “verdient” (meine ich wörtlich). Verständlich aber auch, dass die Helferinnen nicht mehr machen können, als sie “können” (meine ich doppelsinnig).

Nicht nur weil in USA alles schlecht ist, ist in EU automatisch alles besser!

#6 |
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Dr.med Yi Gao-Meilicke
Dr.med Yi Gao-Meilicke

eigentlich gar keine schlechte Idee, um die lange Wartezeit bei manchen “Kleinigkeiten” zu umgehen. Vielleicht kann man es ja i.From von Selbstzabeteiligung machen.

#5 |
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Jens Bachmann
Jens Bachmann

Wenn ich mir vorstelle, dass sich an der Stelle meines supermarktes, wo sich momentan die Leergutannahme befindet, eine Praxis oder gar eine Klinik befinden soll, bekomme ich große Bauchschmerzen. Eine Entwicklung in die andere, patienten- und nicht profitorientierte Richtung wäre mir lieber.

#4 |
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Mit Karl Marx zu antworten heißt das: “Im Kapitalismus ist alles erlaubt und wenn der Profit hoch genug ist dann werden auch die Menschenrechte mit Füßen getreten.In sofern ist das eben eine ganz normale Entwicklung, da es sich bei Patienten nichtg um kranke Menschen sondern um Konsumenten handelt bzw. Kunden.

#3 |
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da gibts nur ein wort

HORRORSZENARIO

#2 |
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Dr. med. Markus Neumann
Dr. med. Markus Neumann

Ein kleiner Hinweis sei erlaubt: alle Registered Nurses in den USA haben einen Bachelor-Abschluß – etwas, was man unsinnigerweise (aus Kostengründen??) den Pflegekräften in Deutschland verwehrt.
Nurse Practicioners haben darauf aufbauend i.d.R. einen Master- oder Doktorgrad erworben. Je nach Staat sind sie dann vollständig selbständig oder in Kooperation mit Ärzten tätig.

#1 |
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