Adipositas-Chirurgie: ROSE ohne Dornen?

12. Juni 2009
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Die Methode ist minimal-invasiv und erlebt einen Boom: ROSE (Restorative Obesity Surgery, Endolumenal). US-Chirurgen erzielen Erfolge im Kampf gegen das grassierende Übergewicht, indem sie ambulant Mägen verkleinern. Milliarden Kosten könnten so eingespart werden.

Ungewohnt offen machte das als unabhängig geltende University of California San Diego Medical Center Werbung für ein Verfahren, das Millionen von US-Amerikanern kleinere Mägen und damit verbunden weniger Heißhunger verspricht. Die Aussicht der Wandlung von nahezu 40 Millionen Übergewichtigen mit Magen-Problemen & Co. zu dünneren, gesünderen Staatsbürgern mag vor allem aus Kostengründen zusagen: Nahezu 100 Milliarden US-Dollar ließen sich einer Berechnung der Gesundheitsbehörde CDC durch die Vermeidung von ernährungsbedingten Gastro-Intestinalen Eingriffen jährlich an Folgekosten einsparen.

Dass das Heer der dicken Bäuche in naher Zukunft dahin schmilzt, rückt tatsächlich in greifbare Nähe – dank eines eigens dazu entwickelten endoskopischen Greifarms. Bereits 2006 startete das fünf Jahre zuvor gegründete kalifornische Pionier-Startup USGI Medical erste Versuche mit ROSE, wie das Verfahren liebevoll genannt wird. Der Operateur nutzt hierbei Schlund und Rachen des Patienten als Eintrittspforte in den Magen des selbigen, um dort mittels eines Spezialendoskops das Wunder zu vollbringen – eine Naht hier, ein Schnitt da, nach nur einer Stunde ist der Magenbeutel erheblich verkleinert. Ohnehin vollzieht sich das Schnippeln im Körperinneren für Außenstehende unmerklich, keine einzige Narbe, die die Haut der Therapierten verunstalten würde. Der Eingriff, attestiert jetzt auch Garth Jacobsen, Chirurg am Zentrum für die Behandlung von Übergewicht der Universität San Diego, verspreche endlich auch jenen Patienten ewige Schlankheit, die sich zuvor dem klassischen gastrischen Bypass unterzogen. Immerhin 100.000 Amerikaner setzen jährlich auf diese Methode, nur: Bei 20.000 Übergewichtigen versagt das Verfahren. Vor allem diese Gruppe könnte laut Jacobsen von ROSE profitieren. Um die Erfolgsquote zu belegen, legte das Team um Jacobsen eine Datenbank der purzelnden Pfunde an. Die Ergebnisse sind beachtlich.

Bis zu einem Kilo pro Woche können ROSE-Klienten abnehmen, nachhaltige 25 Kilogramm Gewichtsreduktion sind innerhalb von acht Monaten realistisch, wie die 53-jährige Maria Rusak den erstaunten Klinikern demonstrierte. Begeistert erzählt die Ex-Übergewichtige, wie sie derzeit vor allem ein Problem bewältigen muss: Die alten Kleider ausnahmslos umändern lassen sei eine kostspielige Sache. Zu schön, um wahr zu sein? Das häufigste Risiko für willige Patienten sei ein heiserer Hals, betonen die Mediziner – dem Vorstoß der ROSE scheint damit kaum noch etwas im Weg zu stehen.

Ist dem wirklich so? Ein am 4. März dieses Jahres durchgeführtes „ROSE Procedure Seminar“ in New Jersey offenbarte zwischen den vorgetragenen Zeilen den großen Schwachpunkt der sportlosen Bauchverdünnung: Die Methode sei „sehr neu“, entsprechend fehlten Langzeiterfahrungen und valide Aussagen über mögliche Spätfolgen der Eingriffe. Auch genaue Angaben über die statistisch belegbare Erfolgsrate sucht man vergeblich. ROSE, so hat es den Anschein, funktioniert zwar gut, nur: Wie lange, und bei wie viel Patienten genau, bleibt ein Rätsel. Selbst der Blick in die Archivtiefen der Zulassungsbehörde FDA in Silver Spring, Maryland, bringt keine Linderung der Wissens-Lücke. Lediglich die eingesetzten endoskopischen Utensilien seien, beteuert das Central Baptist Hospital in Kensington, Kentucky, von der FDA zugelassen – immerhin. Einzig die Kosten für das Verfahren lassen sich vorab recht mühelos diagnostizieren. 12.000 Dollar verlangen ROSE-begabte Ärzte für den inneren Durchmarsch zum Magenbeutel der ohnehin gebeutelten Adipositas-Patienten.

Weltwirtschaftskrise 2048 durch Übergewicht?

Der Faktor Geld spielt aber auch im deutschen Gesundheitssystem eine wichtige Rolle. Die volkswirtschaftlichen Kosten des schweren Übergewichts belaufen sich auf über 530 Millionen Euro pro Jahr, wie Experten des GSF-Institut für Gesundheitsökonomie und Management im Gesundheitswesen (IGM) nach Auswertung der KORA-Studie im Jahr 2005 erstmals ausführlich belegten. Noch drastischer fällt die Summe bei Berücksichtigung der Begleiterkrankungen aus: nahezu fünf Milliarden Euro verschlingen Adipositas & Co.

Für die USA jedenfalls avanciert ROSE womöglich zum “Verkaufsschlager” gegen die allgemeine Verdickung. Die Prognose des staatlichen Agency for Healthcare Research and Quality jedenfalls dürfte Barack Obama ein Argument für den Vorstoß der ROSE-Methode liefern: Bliebe ernährungstechnisch alles, wie es derzeit ist, wird spätestens im Jahr 2048 jeder Amerikaner übergewichtig sein. Wer auch immer dann regieren wird, die Adipositas-Weltwirtschaftskrise scheint damit programmiert: Die Kosten für das US-Gesundheitssystem würden im Vergleich zu heute um eine Billion Dollar steigen.

110 Wertungen (4.02 ø)
Medizin

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11 Kommentare:

Roger  Werner
Roger Werner

Nicht zu vergessen, das es meiner Meinung nach auch eine Korrelation zwischen dem Massenphänomen Depression und der starken Gewichtszunahme in der Gesamtbevölkerung gibt. Wenig Bewegung durch Niedergeschlagenheit und normale Ernährung(normal ist natürlich subjektives Empfinden des Patienten) = dauerhafte Gewichtszunahme. Und bei Gabe von Antidepressiva die in den Gehirnstoffwechsel eingreifen ist die übliche Nebenwirkung verstärkte Gewichtszunahme.
Ob in diesen Fällen ROSE erfolgreich eingreifen kann mag bezweifelt werden

#11 |
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Gelungener Artikel. Ein solches Verfahren muss aber an einigen wenigen Zentren wissenschaftlich evaluiert werden, bevor man es der Allgemeinheit empfehlen kann.

#10 |
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zu 18:
Übergewicht hat i m m e r mit zu viel Essen gegenüber dem Bedarf zu tun.
Krankheiten wie Schilddrüsenunterfunktion sind extrem selten. Natürlich bleibt der Satz auch hier gültig.

Man muss also zur Vermeidung von Übergewicht entweder den Verbrauch an Kalorien drastische erhöhen (Muskelarbeit, sehr schwierig),
oder die Kalorienaufnahme reduzieren (leicht).

Menschen, denen ein normales “Sättigungsgefühl” fehlt, haben es da natürlich schwerer.
Und hier setzt im Extremfall die Magenverkleinerung an, die das Sättigungsgefühl wiederherstellt, Gott sei Dank.
Ein ein klein wenig Hungergefühl sollte sich aber jeder Mensch gewöhnen können :-)

Gruss
Paul

#9 |
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Weitere medizinische Berufe

Die Spaltung der Kommentator/Innen beweist, dass das Problem sehr vielschichtig ist. Möglicherweise ist ROSE ein zusätzlicher Ansatz, den Betroffenen zu helfen, die sicher nicht bewusst fressen, um fett zu werden und sich also auch nicht bewusst aus ihrer Selbstverantwortung stehlen. Ich selbst suche auch weiterhin nach probablen Lösungen abzunehmen, denn mit ständigem Corticoiden, Insulin und den Rollstuhl (= Bewegungsmangel) kämpfe ich mit dem Zunehmen.

#8 |
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Diplom-Psychologe / Diplom-Betriebswirt Franz Albert Comes
Diplom-Psychologe / Diplom-Betriebswirt Franz Albert Comes

Mal eine eindeutige medizinisch begründete Stoffwechselstörung ausgeklammert, bevor ich esse, brauche ich ja ein Motiv:
– Hunger (gilt – leider – sicherlich für Hunderte von Millionen Menschen auf unserem wunderschönen blauen Planeten, enfällt als Motiv wohl weitgehend in den westlichen (Industrie-)Ländern)
– Ersatzbefriedigng (Frustessen / Esslust oder -sucht): Daran könnte man – ggf. mit psychologischer bzw. sonstiger fachlicher Unterstützung – arbeiten. Das ist halt ein etwas längerdauernder, auch anstrengender Prozess bis zum Erfolg …

#7 |
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Rosemarie Radjai-Bokhari
Rosemarie Radjai-Bokhari

Jedes Problem ist immer so komplex wie der Mensch und die Welt: viele Mosaiksteine erst machen ein Bild, ob es in der ADS, der Diabetes oder der Adipositasbehandlung ist. Multimodal ist das Zauberwort und es strengt an! Selbst der Hersteller AGEL verkauft außer seiner Hydroxycitronensäure das Motte: + Ernährungsumstellung +Fitness. Anders geht es nichtz. Und da es nicht DEN Stoffwechsel gibt, sondern DIE Stoffwechsel, muß man eine individuelle Lösung finden, siehe ADIPOSITAS Kinder-Leicht Programm der BKKs, das ist ein guter Ansatz mit Arzt, Physio, PSychotherapie, Ernährungstrainer und Sportverein über 24 Monate im Verbund mit Kind, Eltern und Freunden.
Letr work together

#6 |
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Dr. Bernd-Philipp Hoff
Dr. Bernd-Philipp Hoff

Langzeitstudien und statistische Absicherung sind natürlich vonnöten. Im Prinzip hört sich das aber nebenwirkungsärmer an als z.B. die Banding-Op, die in Deutschland auch bei BMI >35 und Zusatzerkrankungen wie Diabetes oder bei BMI > 40 leider viel zu wenig durchgeführt wird, weil viele den Kampf mit den Kassen scheuen. Na ja ich habe allerdings für meine Patienten noch jede Kostenerstattung gegenüber den Kassen durchgesetzt.

#5 |
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Martina Raible
Martina Raible

Ich würde es gerne ausprobieren, denn auch ich bin betroffen und wenn ich hier ständig über Verantwortung lese bekomme ich echt ne Krise. Seit 25 Jahren mache ich Diäten und versuche es mit Sport, unter ärztl. Aufsicht wohlbemerkt. Ich ernähre mich gesund und sehr fettarm und trotzdem nehme ich immer wieder zu…..jaja oich weiß der JoJo Effekt, aber wie soll es denn sonst funktionieren? Es gibt Menschen die einen verlangsamten Stoffwechsel haben, medikamentös kann nichts erreicht werden, sollen die ihr Leben lang auf “normales” Essen verzichten?

#4 |
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Heilpraktikerin

Interessante Vorgehensweise…!

Was wäre, wenn die Autoindustrie auch dazu übergehen würde, beim Aufblinken von Warnleuchten einfach den Hammer zu nehmen und das Blinklicht “auszuschlagen”????

Hier wird durch die Magenverkleinerung nur eine momentane Unterbrechung eingleitet – Lichtjahre entfernt von einer gesunden Lösung!

Ich spreche aus 28 Jahren Erfahrung in der Begleitung von Übergewichtigen mit Top Resultaten (ohne Magenverkleinerung) Es geht auch anders!

#3 |
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Haloo dorothea
da mann leider die verantwortung nicht inplantieren kann muss mann halt an dem schnippeln des magens arbeiten . so ist das leider . wenn das nun das problem lössen wurde wäre auch schon ein segen , nur aber ist es leider nicht dem . also werden die weiter suchen und probiren, bis ein wunder gescheche.
gruss

#2 |
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Heilpraktikerin Dorothee Schmidt
Heilpraktikerin Dorothee Schmidt

warum nur nimmt man den Betroffenen jegliche Verantwortung ab?
Eigenverantwortung zu implantieren wäre noch billiger!!!!!

#1 |
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