In die Blister, fertig, los

19. Juni 2009
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Nach Testläufen im Saarland und ersten Verträgen mit der PKV geht die patientenindividuelle Verblisterung jetzt zumindest partiell in die GKV-Versorgung über. Ob der Wochenblister eine Erfolgsstory wird, ist allerdings noch offen.

Die patientenindividuelle Verblisterung wird in Deutschland von dem Unternehmen 7x4Pharma angeboten, einem Tochterunternehmen der kohl-Gruppe. Das Unternehmen hat dafür eine ziemlich aufwändige Verblisterungsinfrastruktur aufgebaut. Nach Angaben der Unternehmensleitung handelt es sich um das erste Projekt weltweit, bei dem ein Großteil der für die alltägliche medizinische Versorgung von chronisch Kranken nötigen Arzneimittel im industriellen Maßstab patientenindividuell verblistert werden kann. Insgesamt 400 Präparate sind verblisterbar, darunter die Originale der forschenden Pharmaindustrie und ausgewählte Generika. Parallelimporte von kohl Pharma sind übrigens nicht dabei…

Ab Sommer solls vernehmbar blistern

Beim Berliner Hauptstadtkongress hat 7x4Pharma jetzt den offiziellen Startschuss für den Eintritt in die GKV-Versorgung gegeben. Zwar hatte es zuvor bereits Pilotprojekte im Saarland gegeben. Echte Verblisterungsverträge allerdings gab es bisher nur mit einigen privaten Krankenversicherungen. Und auch hier ist die Verblisterung bisher noch nicht angelaufen. Im Sommer soll es jetzt nicht nur für Patienten von Inter, Barmenia und debeka im Saarland losgehen, sondern auch für gesetzlich krankenversicherte Patienten der AOK Berlin und der AOK plus (Sachsen und Thüringen). Die AOK Saarland und weitere gesetzliche Krankenkassen sollen sukzessive nachziehen. Die Sache wird so ablaufen: Der Arzt identifiziert Patienten, die seiner Auffassung nach von den Wochenblistern profitieren. Er stellt ein entsprechendes Rezept aus, das der Apotheker an 7x4Pharma weiterleitet. Zwei Tage später kann sich der Patient seinen Blister in der Apotheke abholen, bei dem alle Pillen, die er nimmt, verteilt auf die vier üblichen Einnahmezeitpunkte, jeweils portionsweise herausgedrückt werden. Nach einer Woche holt er sich dann den nächsten Blister, gegebenenfalls auch zwei Blister auf einmal für zwei Wochen. Wenn das Quartalsrezept abgelaufen ist oder die Medikation sich ändert, beginnt das Spiel mit neuem Rezept aufs Neue. Zusätzlich kann der Patient auf Eigeninitiative ein kleines, handyartiges Gerät erwerben, das 7×4 Medivox heißt. Es erinnert ihn zusätzlich an die Einnahme der Pillen, eine Frauenstimme für Männer und umgekehrt. Oder je nach Bedürfnis…

Ziel ist eine bessere Versorgung bei weniger Kosten

Für die Krankenkassen, die für die Verblisterung nach Angaben von 7x4Pharma „mehrere hundert Euro jährlich“ bezahlen müssen, rechne sich die Investition, wie Professor Charles Blankart vom Institut für öffentliche Finanzen an der HU Berlin betonte. Er hat Berechnungen angestellt, wonach durch eingesparte Krankenhausaufenthalte bei chronisch kranken Patienten unter deutschen Bedingungen im Mittel 1700 Euro pro Patient und Jahr eingespart würden. In einer dänischen Studie seien es bei einem ähnlich gelagerten Projekt 1360 Euro gewesen. Der medizinische und finanzielle Effekt der Verblisterung soll vor allem aus einer besseren Compliance resultieren: Wer seine Medikamente zuverlässiger einnimmt, bei dem entgleist die Erkrankung seltener, was entsprechend zu weniger Klinikaufenthalten führt. „Selbst Patienten mit höchstem Risiko, etwa HIV-Infizierte oder Patienten nach einem Herzinfarkt oder nach einer Transplantation, nehmen ihre Medikation oft nicht wie verordnet ein“, betonte Professor Rainer Düsing von der Medizinischen Klinik und Poliklinik I der Universität Essen. Abgesehen von mehr Klinikaufenthalten führe das zu höherer Sterblichkeit, zu Transplantatversagen oder im Fall von HIV zur Entwicklung von resistenten Keimen.

Prämien ja, Höhe geheim

Es spricht also eigentlich alles für die Verblisterung. Ob die Sache ein Erfolg wird, ist aber trotzdem noch nicht ausgemacht. Wie immer braucht eine gute Idee auch eine gute Umsetzung. Das fängt bei der Auswahl der Patienten an: „An ältere Menschen und an Patienten mit vielen Medikamenten würde man sicher als erstes denken“, so Düsing. Ausschließlich an der Zahl der Medikamente würde er die Indikationsstellung aber nicht festmachen: „Das ist eine klassische ärztliche Einzelfallentscheidung“, so der Experte. Er erinnert unter anderem an Demenzpatienten, bei denen die Compliance schon bei geringen Tablettenzahlen ein Problem sei.

Auch die administrative Abwicklung wird über Erfolg oder Nichterfolg der patientenindividuellen Verblisterung mit entscheiden. Zusatzarbeit haben vor allem Apotheker: Sie müssen die Blister mit Hilfe einer Spezialsoftware bestellen. Dafür gibt es im Rahmen der Krankenkassenverträge eine Zusatzvergütung, über deren Höhe sich das Unternehmen allerdings ausschweigt. Sie sei von Vertrag zu Vertrag verschieden, heißt es. Bei den Ärzten, die den Blister verschreiben müssen, ist keine Vergütung vorgesehen – sieht man einmal von Situationen wie bei der AOK plus ab, bei der die Verblisterung Teil des ohnehin gesondert vergüteten Integrationsvertrags CARDIO-Integral wird. Vereinfacht werden soll den Ärzten die Verordnung durch ihre Praxis-EDV. Bisher habe aber nur Turbomed die Verblisterung umgesetzt, so der 7x4Pharma-Geschäftsführer Edwin Kohl.

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Allgemein

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1 Kommentar:

Apotheker

Vom Ansatz her ist die Verblisterung ein schöner Gedanke …
aber was ist mit dem “individuellen” Patienten? Ein solches System rechnet sich nur bei vielen “Teilnehmern”, es gibt viele Patienten welche mehr als die (vier) bei 7×4 vorgesehenen Einnahmezeitpunkte benötigen. Flüssige und halbfeste Arzneiformen fallen gänzlich weg. Kühlkettenpflichtige Arzneimittel gehen ebenfalls nicht und BtM dürfeten ebenso problematisch sein.
Mit den BtM sind wir beim rechtlichen angelangt. Wer haftet bei Verwechslungen wie Namensgleichheiten bzw. Ähnlichkeiten? Oder bei banalen Vertauschungen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass 7×4 Pharma für jeden Patienten als Hersteller im Sinne des AMG auftritt. Also ist der vermittelnde Apotheker der Hersteller? Sollte dann ein Zwischenfall mit einem zum Beispiel Altenheimbewohner auftreten, wird nach Fehlern und Schuldigen gesucht werden. Wie soll man dann (ohne Originalverpackungen bzw. Originalblister) den Beweis führen können, dass der Patient das im verordnete Medikament bekam? Es wird mit Blister zumindest schwieriger als vorher, wo auf dem Patentenzimmer oder Stationszimmer die Medikation zum “Stellen” lagerte.
Es bleiben etliche Fragen und es wird sich zeigen wieviele Patienten in das Schema (der 400 verblisterbaren Präparate) passen.

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