WWW-Sucht: Stromstoß oder Stecker ziehen?

23. Juni 2009
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Sie tauchen ab in virtuelle Welten, verlieren den Bezug zur Realität, zu Job, Familie und Freunden. Extremfälle sind auch in Deutschland reihenweise bekannt. Diese Menschen sind süchtig ohne offizielle Anerkennung ihrer Krankheit. Das kann zu umstrittenen Therapien führen, wie in China Elektroschocks. In Deutschland wird noch debattiert, aber auch pragmatisch vorgegangen.

Für verzweifelte Eltern ist der chinesische Psychiater Yang Yongxin so etwas wie ein Guru. Scharenweise vertrauen sie ihm ihre onlinesüchtigen Kinder an. Yang hatte vor einigen Jahren in der Provinz Shandong ein Behandlungszentrum für Internetsüchtige gegründet. Für stolze 600 Euro pro Monat, dreimal so viel wie das durchschnittliche Einkommen in China, therapiert er seitdem jugendliche Internetsüchtige. Seine Methoden sind in der chinesischen Ärzteschaft umstritten. Kürzlich wurde zusätzlich bekannt, dass Yang bei seinen jungen Suchtpatienten auch regelmäßig Elektroschocks anwendet. Ehemalige Patienten berichteten über ihre Erfahrungen ausgerechnet in dem Medium, gegen das sie eigentlich immun sein sollten. Im World Wide Web. Ärzte, wie Tao Ran, Mediziner im Militärkrankenhaus in Beijing und führender Suchtexperte, distanzierten sich jetzt auch öffentlich von dieser Therapieform. Tao war maßgeblich an der Erarbeitung eines Diagnostischen Handbuchs zur Internetsucht beteiligt, das Ende letzten Jahres dem chinesischen Gesundheitsministerium vorgelegt wurde. Ziel ist die offizielle Anerkennung der Internet Addiction Disorder (IAD) als klinische Krankheit.

China forciert Anerkennung der Internetsucht als Krankheit

Als gefährdet gilt in China laut offizieller Definition, wer täglich mehr als sechs Stunden online ist und Symptome von Stress, Konzentrations- oder Schlafstörungen und besondere Gereiztheit, wenn der Internetzugang nicht verfügbar ist, zeigt. Laut Tao hat China größere Probleme mit der Onlinesucht als westliche Länder. Die Experten gehen davon aus, dass zehn Prozent der 40 Millionen jugendlicher Internetnutzer süchtig nach dem Medium sind – Tendenz steigend. Betroffen sind laut Statistiken insbesondere Kinder von alleinerziehenden Müttern, die wegen ihrer Jobs zu wenig Zeit für ihre Kids haben, Arbeiterfamilien, die Leistungsdruck ausüben, damit ihre Kinder einen Zugang zur Universität erlangen, und zerrüttete Familienverhältnisse. Tao Ran ist zuversichtlich, dass es mit der Anerkennung der Internetsucht als Krankheit noch in diesem Jahr klappen wird. China wäre dann das erste Land. Auch in Südkorea, wo 90 Prozent der Haushalte Zugang zum Breitbandinternet haben, kämpft man gegen das Suchtproblem. Staatlich bezahlte Camps sollen den jungen Koreanern helfen, von ihrer Besessenheit loszukommen.

Deutsche Regierung reagiert abwartend

So weit ist man in Deutschland noch nicht. Aber das Thema Suchtgefahr im Web ist immerhin in der Politik angekommen. Im April vorigen Jahres hatte der Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestags zu einer öffentlichen Anhörung geladen. Anlass war der Antrag der Grünen, Medienabhängigkeit bzw. Onlinesucht als eigenständige, nicht stoffgebundene Suchtform anzuerkennen. Der Antrag wurde von den Regierungsparteien abgelehnt. Man wolle erst einmal das vom Gesundheitsministerium in Auftrag gegebene Gutachten – Arbeitstitel “Beratungs- und Behandlungsangebote zum pathologischen Internetgebrauch in Deutschland” – abwarten. Aber ganz untätig will man auch nicht bleiben. Erstmals wurde im jährlichen Drogenbericht 2009 zum Thema “Computerspiel- und Internetsucht” Stellung genommen. Darin heißt es unter anderem: “Mangels ausreichender wissenschaftlicher Expertise ist “Onlinesucht” bisher international noch nicht als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt, weshalb noch keine Statistiken zur Häufigkeit in der Bevölkerung vorhanden sind. Gleichwohl sieht die Bundesregierung im problematischen Internetgebrauch ein reales, ernst zu nehmendes Problem”. Auch die diesjährige Jahrestagung der Drogenbeauftragten ist dem Thema Internetsucht gewidmet. Unter den angekündigten Referenten sind auch Mediziner aus Südkorea und China.

Deutsche Kliniken reagieren pragmatisch

Wie groß die Zahl der pathologisch Gefährdeten in Deutschland tatsächlich ist, darüber gibt es bisher nur Vermutungen. Gabriele Farke, Onlinesucht-Beraterin und Initiatorin des Selbsthilfe-Portals Onlinesucht.de, schätzt, dass etwa zwei Millionen Menschen von dem Problem betroffen sind. Als Suchtpotential gilt seitens Regierung die exzessive Nutzung von Onlinespielen wie World of Warcraft sowie von Chats und der dranghafte Konsum von Sex-Inhalten. Problematisch sei, so im Drogenbericht zu lesen, dass derzeit das “Ursache- und Wirkungsgefüge” weitgehend unerforscht ist. Grund genug, das Thema Anerkennung der Krankheit auf die lange Bank zu schieben? Einige suchterfahrene Kliniken und Beratungsstellen zeigen, das es auch ohne offizielle Anerkennung funktioniert. Die Fachkliniken Nordfriesland beispielsweise bieten seit kurzem ein spezielles Behandlungsprogramm an mit Ärzten, die sich mit den virtuellen Lebenswelten auseinandergesetzt haben. Das heißt, sie sprechen die gleiche Sprache wie ihre Patienten. Bei den Kriterien für den pathologischen Internetgebrauch (PIG) greifen sie auf Definitionen zurück, die bereits 2001 in der SSI-Studie vorgeschlagen wurden: Einengung des Verhaltensraums, Kontrollverslust, Toleranzentwicklung, Entzugserscheinungen sowie negative soziale und persönliche Konsequenzen. Die Friesen ordnen außerdem das Krankheitsbild den “Abnormen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle” der ICD 10 (Internationale Klassifikation von Krankheiten) zu. Die Krankenkassen, so ist zu hören, seien zunehmend bereit, für die Behandlungskosten aufzukommen.

Ohne Anerkennung der Krankheit handlungsfähig

Das Gesundheitsministerium beauftragte das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf mit dem erwähnten Gutachten. In einem Zwischenbericht kommen die Forscher zu dem Schluss: “Die Ähnlichkeit der Symptome des Pathologischen Internetgebrauchs mit dem Pathologischen Spielen oder der Substanzabhängigkeit legt es nahe, in der Behandlung dieser Störungen bewährte verhaltenstherapeutische Methoden einzusetzen”. Es sei allerdings auch dringend notwendig, die eingesetzten Methoden wissenschaftlich in ihrer Effektivität zu beforschen. Und was heißt das für die Anerkennung der PIG als Krankheit? Wann wird es so weit sein? Oder ist die Anerkennung gar nicht so dringend erforderlich, weil pragmatische Wege bereits zur Realität gehören. DocCheck fragte nach bei Prof. Dr. med. Rainer Thomasius, ärztlicher Leiter der DZSKJ und des Gutachtens. Seine Antwort: “Ob in den Revisionen der psychiatrischen Diagnosesysteme bzw. Klassifikationssysteme ICD-10 (in Deutschland) bzw. DSM-IV (USA) der PIG zukünftig als eigene diagnostische Entität auftauchen wird, wird unter Experten derzeit diskutiert, die sich mit Revisionsfragen beschäftigen. Ich wage hier keine Prognose abzugeben. Bereits heute kann der PIG (unspezifisch) als so genannte Impulskontrollstörung verschlüsselt und somit im Rahmen krankenversicherungsrechtlicher Bestimmungen behandelt werden. Hinzu kommt, dass fast alle jungen Patienten/innen mit einem PIG zusätzliche (komorbide) psychische Störungen aufweisen (Angststörungen, soziale Phobien, depressive Störungen, Persönlichkeitsstörungen, Störungen in der Entwicklung des Verhaltens und der Emotionen bei Jüngeren), welche ebenfalls eine Behandlungsindikation stellen und eine (kinder- und jugend)-psychiatrische / psychotherapeutische / suchttherapeutische Therapie ermöglichen”.

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Medizin

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3 Kommentare:

Sorry, Tippfehler in meinem Kommentar, natürlich müßte die Zwangsstörung nicht nach F2 sondern nach F1.

#3 |
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Etwas Besonnenheit täte der Debatte gut. Wer das Problem im ICD 10 Schlüssel heute richtig kodieren möchte, kann im Kapitel Z die passenden Kategorien finden. Für Erwachsene dürfte es meist Z 72 oder 73 sein, vielleicht auch Z 56 oder 60, für Kinder und Jugendliche oft eher Z 55, 62 oder 63.
Ob eine zusätzliche Kategorie im Kapitel F geschaffen werden soll, ist tatsächlich wegen bisher mangelnder wissenschaftlicher Evidenz nicht spruchreif. Zunächst einmal sollte nachgewiesen werden, dass “Internetsucht” oder “übermäßiger PC-Gebrauch” (eins von beiden oder beides?) ein EIGENSTÄNDIGES Problem ist und nicht nur ein dysfunktionales Verhalten aufgrund einer zu Grunde liegenden Störung. Dann harrt noch die Frage der Klärung, ob Nervosität, Gereiztheit und Anspannung bei Unterlassen einer Gewohnheit “Entzug” sind – denn dann wäre auch z.B. die Zwangserkrankung von Kapitel F4 nach F2 zu verlegen. Andererseits soll man aber auch nicht leichtfertig den Begriff der nicht-stoffgebundenen Abhängigkeiten generell verwerfen.
Es ist gut, sich daran zu erinnern, dass die Medizin dem Wohle des Patienten UND der Vernunft verpflichtet ist.
Abrechnungstechnisch betrachtet – und darum geht es bei dieser Kampagne ja ganz offensichtlich vor allen Dingen – nützt eine Diagnose, für die es keine nachweislich wirksame Therapie gibt, eigentlich nichts, wenn man von den Krankenkassen Geld haben will.

#2 |
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Psych.Psychotherapeutin Monika Koch
Psych.Psychotherapeutin Monika Koch

Ich arbeite seit beinahe 20 Jahren in eigener psychotherapeutischer Praxis und ich erinnere mich, dass mein erster “Internetsucht-Fall” bereits vor ca. 10 Jahren auftrat.
Wenn inzwischen auch gestandene Familienväter Mitte bis Ende Dreissig oder gar Mitte Vierzig- irgendwann noch zuverlässige Arbeitnehmer-nun für viele Stunden abends bis in die tiefe Nacht an den PC verschwinden, sei es, um sich Pornoseiten anzushen,angeblich weiter zu arbeiten, sei es um Poker, Skat oder andere interaktive Spiele zu spielen dann sieht die Restfamilie nur noch den Schatten des Vaters- und das auch am Wochenende-.
Andererseits fährt die Libido durch Schlafentzug bekanntlich immer mehr herunter und es kann sich dauerhaft ein allgemeiner Erschöpfungszustand ein mit vielfäligen psychosomatischen Begleiterscheinungen einstellen.Die Partnerin eines solchen “Internet-Junkies” vereinsamt meist total, wird manchmalselbst süchtig(Kaufsender) und die Beziehung geht immer mehr in die Brüche. Erleben Kinder ihre Eltern so, greift das negative Vorbild und die Spielekonsole ersetzt schliesslich das Spielen draussen, das Lesen oder sich mit Freunden zu treffen.Die hat man dann im Netz! .Meist wird durch einen Profi erst dann eingegriffen,wenn sich bereits Auffälligkeiten am Arbeitsplatz zeigen und die Leistungsfähigkeit dort bemerkenswert bereits nach unten gesackt ist.Vielfach gibt es hierzu noch eine Begleitsucht, manchmal auch zwei: es wird geraucht und getrunken,Alkohol,Nikotin und Koffein gehören zu den üblichen Mitteln der Wahl.Auch Fressattacken am PC sind genauso üblich wie das Essen zu “vergessen”.
Das Rumsurfen in vielfältigen Chats gefährdet aber auch Familienmütter, arbeitslose und berufstätige Frauen der unterschiedlichsten Schichten.I.d.R.sind die Frauen zwischen Anfang 30 bis maximal Mitte Vierzig, also keine albdernden Teenager, die hier eine verschwiegene Möglichkeit des Fremdgehens und Fremderlebens ausserhalb der üblichen Beziehung konsumieren wollen. Dies bleibt natürlich bei langfristigem Tun nicht ohne psychische,emotionale und auch körperliche Folgen….ect.p.p.
Ich hoffe daher sehr, dass der pathologische Gebrauch von Internetangeboten endlich als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt wird. Erschöpfte Menschen,die aufgrund einer Sucht auch einen körperlich sichtbaren und emotional beschreibbaren Burnout erleiden,sollten unbedingt angemessen und professionell behandelt werden können.Und in solchen Fällen weiß man eh manchmal nicht, was war zuerst da:Huhn oder Ei: Sucht oder Burnout, oder auch der Burnout als Erscheinungsbild der zugrundeliegenden Sucht.
Monika Koch

#1 |
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