Bis in den Tod

26. Juni 2009
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Kann man den Umgang mit dem Tod überhaupt lernen? Oder stumpft man im Laufe seiner Arztkarriere gegenüber diesem Thema sogar ein wenig ab? Wir haben für Euch mit Dr. med. Rainer David gesprochen, der seit vielen Jahren als Allgemeinmediziner in einer eigenen Hausarztpraxis arbeitet.

Campus: Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit dem Tod erinnern?

Dr. David: Meine erste Begegnung fand im Zivildienst im Krankenhaus statt. Als Stationszivi wurde ich in das Zimmer eines schwerkranken Tumorpatienten geschickt, den ich schon längere Zeit in der Pflege mitbetreut habe, um zu sehen, ob er noch lebt. Dieser todkranke Mann, der lange mit der Krankheit, schwersten Schmerzen und Metastasen am ganzen Körper leiden musste, strahlte im Tod einen unheimlichen Frieden aus. Das Gesicht war entspannt und es herrschte Frieden im Zimmer. Mich selber prägte dieses Erlebnis – der Tod hat seitdem keinen Schrecken mehr für mich, auch wenn natürlich andere Umstände nicht diese positive Seite haben.

Campus: Erinnert man sich eigentlich an den ersten Toten, mit dem/der man es im Arztberuf zu tun bekommt?

Dr. David: An den ersten Toten im Arztberuf kann ich mich nicht wirklich erinnern, da die erste Begegnung mit dem Tod und dem Sterben als Zivi doch sehr prägend und eindrücklich war. Die Leichen im Präparierkurs waren für mich nicht wirklich „Menschen“, sondern eher Objekte.

Campus: Als Allgemeinmediziner/Hausarzt wird man bestimmt des Öfteren bei Todesfällen zu Rate gezogen. Benötigt man für solche Momente und Begegnungen ein spezielles Training?

Dr. David: Ein Training wäre ideal, da man in dieser Situation sehr feinfühlig und individuell auf die Situation und die Angehörigen zugehen muss. Allerdings ist jede Situation wieder neu und ich kann nicht vorhersagen, wie ich mit dem Sterben, dem Patienten und den Angehörigen umgehe. Ich hatte einen sehr guten Kollegen, von dem ich für diese Situationen sehr viel gelernt habe.

Campus: Gibt es große Unterschiede bei der Begegnung mit dem Thema Tod, wenn man z.B. einen Patienten jahrelang therapeutisch begleitet hat oder wenn man ganz spontan zu einem Patienten gerufen wird, der kurze Zeit später verstirbt?

Dr. David: Mit Patienten, die ich über Monate oder gar Jahre begleite, kann ich natürlich ganz anders umgehen als mit einem plötzlichen, unerwarteten Tod. Ich bereite, sofern es möglich ist, grundsätzlich die Patienten, die es zumeist ahnen, aber vor allem auch die Angehörigen auf einen nahen Tod, die Umstände und den Ablauf des Sterbens vor. Bei einem akuten, plötzlichen Sterbefall kann ich das natürlich nicht machen, aber auch da kann ich mit den Angehörigen reden, sie beruhigen und versuchen, die Situation für den Sterbenden und die Angehörigen begreifbar zu machen.

Campus: Wie viel Mitleid und Trauer kann und darf man zulassen, ohne dass dies auf Dauer zu einer zu großen Belastung wird?

Dr. David: Je nach Verhältnis zum Patienten ist das völlig unterschiedlich. Es gibt Patienten, die einem ans Herz wachsen, bei denen ein ganz enges Verhältnis erwächst und andere, die „nur“ Patienten sind. Wenn ich Patienten und deren Familien sehr gut kenne, ist das Mittrauern für mich kein Problem. Es ist eine Verarbeitung der Situation und auch ein Zeichen der Teilnahme und der Würdigung des Sterbens, die in solchen Situationen auch der Familie gut tut, wenn ich als Arzt nicht als Maschine, sondern als Mensch mit Gefühlen den Sterbenden begleite. Ich habe tatsächlich schon am Sterbebett eines Patienten geweint, und es hat sowohl mir als auch den Angehörigen viel geholfen. Auf der anderen Seite kann es auch sein, dass mich der Tod zwar berührt, aber er mich nicht in Trauer versetzt. Wichtig ist, den Angehörigen Mitgefühl und Verständnis sowie Anteilnahme in so einer Situation zu zeigen.

Campus: Gab es schon einmal eine Situation, welche Sie an eine persönliche Grenze geführt hat?

Dr. David: Ich würde es nicht persönliche Grenze nennen – natürlich gibt es Ereignisse, die einen belasten, aber eine persönliche Grenzerfahrung habe ich bisher nicht erlebt. Solche Erlebnisse stimmen traurig und man denkt darüber nach, aber für mich ist es ein Teil meiner geliebten Arbeit, und der Tod gehört für mich zum Leben dazu.

Campus: “Schmerzlos, zufrieden, im eigenen Bett, umgeben von geliebten Menschen” – so wünschen sich die meisten ihren Tod. Wie realistisch ist das?

Dr. David: Es kommt auf die Umstände an. Ich habe mehrere Patienten erlebt und auch begleitet, die im eigenen Bett im Kreise der Familie einschlafen durften. Das erfordert viel Vorarbeit, Verständnis und Toleranz der Angehörigen. Aus meiner Sicht ist es eine ganz wichtige und auch erfüllende Aufgabe des Hausarztes, dies zu ermöglichen. Und es ist möglich und für alle Beteiligten eine große Hilfe, den Verlust eines geliebten Menschen zu verarbeiten.

Campus: Das anonyme, saubere Sterben in Kliniken und Hospizen – unter Ausschluss der Familie – ist wohl die häufigste Art, aus dem Leben zu scheiden. Sollten das Sterben und der Tod wieder mehr Bestandteil des natürlichen Lebens und des Miteinanders sein?

Dr. David: Wir müssen uns in der Gesellschaft wieder mehr mit dem Tod und dem Sterben auseinandersetzen. Der Tod gehört zum Leben, wie die Geburt. Ich finde es ganz wichtig – und sehe dies als Teil meiner Arbeit – den Patienten und auch der Familie ein würdevolles Sterben im eigenen Haus und im Kreise der Familie zu ermöglichen. Bei der Trauerbewältigung ist es von entscheidender Bedeutung, vom geliebten Menschen Abschied nehmen zu können. Eventuell auch noch den letzten Frieden zu schließen und einander verzeihen zu können. Und das ist fast nur zu Hause zu schaffen.

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1 Kommentar:

Tatjana Düpow
Tatjana Düpow

Dr. DAvid spricht aus, was ich schon lange denke-wir müssen wieder lernen, den Tod als Teil des Lebens zu sehen und anzunehmen und nicht auszugrenzen, denn auch der Umgang mit ihm gehört zum Arztleben dazu. Leider jedoch wird im Studium quasi gar nicht darauf eingegangen.

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