Etwas mehr Zeit

2. Juli 2009
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Ein Onkologe der MedUni Wien hat einen neuen Standard in der Behandlung von Lungenkrebs definiert: Fügt man zur herkömmlichen Therapie einen monoklonalen Antikörper hinzu, verlängert sich die Überlebenszeit der Patienten.

Er ist der gemeinste Tumor von allen: Lungenkrebs, bzw. das nichtkleinzellige Lungenkarzinom (NSCLC) kann in den westlichen Industrieländern neben Brust- und Prostatakarzinom als häufigste Tumorerkrankung angesehen werden. Allerdings fordert der Lungenkrebs mehr Todesopfer als Brust-, Prostata- und Dickdarmkarzinom zusammen. Dies liegt vor allem am asymptomatischen Wachstum dieser Krebsform: Entwickelt ein Lungenkrebspatient die ersten Symptome, ist es oft schon zu spät für eine erfolgreiche Therapie. In frühen Stadien verursacht der Tumor selten Beschwerden, daher wird die Erkrankung bei rund 70 Prozent der Betroffenen erst im Stadium III/IV diagnostiziert. Ein fortgeschrittenes NSCLC ist selten heilbar. Es hat eine schlechte Prognose. Seit Ende der 1980er Jahre ging die Neuerkrankungsrate zwar bei Männern langsam zurück, während sie jedoch bei Frauen kontinuierlich anstieg. Ein NSCLC tritt überwiegend ab dem 40. Lebensjahr auf. Die meisten Patienten sind zwischen 50 und 70 Jahre alt. Das Durchschnittsalter liegt bei Mitte 60. Das Erkrankungsrisiko nimmt nicht nur mit dem Alter zu, es steht auch in direktem Zusammenhang mit dem Tabakkonsum. Das Risiko eines Lungentumors steigt mit der Anzahl der Zigaretten, es nimmt allerdings bei Menschen, die mit dem Rauchen aufgehört haben, auch kontinuierlich wieder ab: Nach fünf Jahren verringert es sich um 60 Prozent, nach 15 bis 20 Jahren sogar um 90 Prozent.

Mit „targeted“ Therapie gegen EGFR

Bei 85 Prozent aller Lungenkarzinome ist der Epidermal Growth Factor Rezeptor (EGFR) überexprimiert – auf molekularer Ebene finden sich gehäuft Mutationen. Hier setzte eine Arbeitsgruppe um den Onkologen Robert Pirker von der Universitätsklinik für Innere Medizin I am Allgemeinen Krankenhaus (AKH) Wien an: Die Wissenschaftler gingen der Frage nach, ob durch EGFR gerichtete Antikörper die extrazelluläre Domäne des epidermalen Wachstumsfaktors blockiert werden und damit in der Behandlung von NSCLC-Patienten eine zusätzliche Therapieoption entstehen kann. Gelingt es mit einer zielgerichteten Therapie im Vergleich zu etablierten Chemotherapie-Regimen verbesserte Ansprechraten zu erzielen? Primäres Ziel war der Nachweis eines Überlebensvorteils in der Erstlinientherapie beim fortgeschrittenen NSCLC. Zwischen Oktober 2004 und Jänner 2006 teilte Pirker 1.125 entsprechende Patienten mit NSCLC Stadium IIIb oder IV in zwei Gruppen ein. Eine Voraussetzung für den Einschluss in die Studie war, dass der Tumor EGFR überexprimiert. 47 Prozent von Pirkers Studienpatienten litten an einem Adenokarzinom, 34 Prozent an einem Plattenepithelkarzinom. 568 Patienten erhielten eine Chemotherapie mit den Standardsubstanzen Cisplatin und Vinorelbine, die Therapie der übrigen Probanden wurde mit Cetuximab gekoppelt. Der monoklonale Antikörper blockiert auf den Tumorzellen die Rezeptoren für den epidermalen Wachstumsfaktor. Cetuximab wird mit sehr guten Ergebnissen bereits zur Behandlung von Dickdarmkarzinomen eingesetzt.

Deutlicher Überlebensvorteil, gutes Toxizitätsprofil

Das Ergebnis der Arbeit spricht eine klare Sprache: Beim fortgeschrittenen NSCLC verlängerte Cetuximab das Überleben in allen histologischen Subgruppen signifikant. Das Überleben der Patienten, welchen Chemotherapie plus Cetuximab verabreicht wurde, war höher als jenes in der Gruppe, die nur Chemotherapie erhielt (Medianwert 11,3 Monate gegenüber 10,1 Monaten). Die Einjahresüberlebensrate bei der neuen Therapie verbesserte sich von 42 auf 47 Prozent. Vereinzelt brachte die Kombination mit dem monoklonalen Antikörper einen Überlebensvorteil von 15 Monaten. Dieser war unabhängig von Histologie, ECOG-Performance-Status, Alter, Tumorstadium, Geschlecht und Nikotinabusus. Die Kombinationstherapie hatte ein akzeptables Toxizitätsprinzip. Als häufigste Nebenwirkung erwies sich ein Akne-ähnlicher Hautausschlag im Cetuximab/Chemotherapie-Arm. Patienten, welche diese Nebenwirkung entwickeln, sprachen jedoch auf die Behandlung besonders gut an. Angesichts der Ergebnisse könnte Cetuximab in Kombination zu einer platinbasierten Chemotherapie als neuer Standard der Erstlinien-Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenem NSCLC betrachtet werden.

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