Diabetes: Die neue Schlauspeicheldrüse

3. Juli 2009
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Seltene Ausnahme für ein hoffnungsvolles Projekt: Forscher durften ihr neues, bisher nur im Labor getestetes künstliches Pankreassystem ohne vorherige Tierversuche am Menschen testen - und überzeugten. Typ 1 Diabetiker dürfen auf einen neue Therapieform hoffen.

Hopp oder Topp. Selten hat eine neue Therapie für so viel Furore gesorgt, wie das Vorhaben der University of Virginia Health System, ausgerechnet die Bauchspeicheldrüsenfunktionen des Menschen durch komplexe mathematische Algorithmen zu ersetzen. An der Umsetzung des künstlichen Pankreas wurde schon länger gearbeitet, doch immer haperte es noch an der Umrechnung der Blutzuckerwerte hin zur optimalen Dosis für die konstante Versorgung. Umso verblüffter reagierten Diabetologen am 7. Juni dieses Jahres in New Orleans, als ihnen ausgerechnet ein Mathematiker den Trend der Zukunft aufzeigte. Es gäbe „sehr ermutigende Ergebnisse“, berichtete Boris Kovatchev dem versammelten Auditorium auf dem 69. Scientific Session Kongress der American Diabetes Association in New Orleans – der künstliche Pankreas hatte eine ganze Nacht lang funktioniert.

Tatsächlich war es dem interdisziplinär besetzten Team um Kovatchev gelungen, die Insulinzufuhr bei insgesamt 20 Typ-1 Diabetiker in den USA, Italien und Frankreich mit der künstlichen Bauchspeicheldrüse zu steuern. Am 20. Januar dieses Jahres dokumentierte ein Filmteam erstmals das Prozedere im Kliniktest, seitdem zählt Patient 2080716 zum festen Bestandteil der Diabetes-Medizingeschichte. Denn Kris Bagwell ließ sich unter Aufsicht der Mediziner an das neuartige System anschließen – und überlebte den Einsatz unbeschadet. Die Idee vom künstlichen Pankreas ist denkbar einfach: Eine marktübliche Insulinpumpe beliefert den Organismus des Patienten in Echtzeit mit dem Lebenselixier, kontinuierlich gemessene Blutzuckerwerte dienen als Basis für die Berechnung der nötigen Insulinmenge. Doch was sich derart einfach liest, versetze im Dezember 2005 Experten der US Gesundheitsbehörde NIH in eine Schockstarre, wie sich der damals anwesende Kovatchev erinnert: „Eine externe Bauchspeicheldrüse hielt man für nicht möglich“.

Fortan war der Pioniergeist des Mathematikers zum Leben erweckt. Diabetologen und Medizintechniker boten die nötigten Rahmendaten. Weil die einzelnen Komponenten des Systems für sich betrachtet ohnehin seit Jahrzehnten funktionieren – sowohl Insulinpumpen als auch Blutzuckermessungen gelten als Routineelemente – konnte das Problem nur in der Verbindung beider Teile liegen. Was das menschliche Organ in Echtzeit schafft, musste nun Kovatchevs mathematische Zauberformel hinbekommen – die Nachahmung eines genialen Regelkreises der Natur war das hehre Ziel.

„Das System funktioniert noch nicht perfekt, aber besser als das, was ich selber einstellen kann“, erklärte Bagwell nach einer durchschlafenen Nacht am Tropf des Kunstorgans. Immerhin schaffte es die mathematische Drüse, den Glukose-Level zwischen 70 und 180 mg/dl einzustellen. Der Vorstoß der Amerikaner ist kein Einzelfall. Auch am Grazer Institut für medizinische Systemtechnik und Gesundheitsmanagement des Joanneum Research-Centers testen Mediziner derzeit eine lediglich CD-große künstliche Bauchspeicheldrüse nach dem Mess-und-Pump Verfahren. “Die neue Insulin-Pumpe misst kontinuierlich statt punktuell den Blutzuckerspiegel, eine exakt dosierte Menge Insulin wird abgegeben, und das Computersystem lernt den entsprechenden Bedarf für die nächsten Stunden zu berechnen”, erklärte der Österreichische Internist Thomas Pieber vom LKH-Uniklinikum Graz unlängst wissensdurstigen Kids das EU-getragene Verfahren.

Für Hersteller herkömmlicher Diabetes-Therapien sind die Kunstorgane freilich auf Dauer ein Dorn im Auge. Schon im Jahr 2002 wiesen Forscher auf dem 62. Jahrestreffen der American Diabetes Association in San Francisco darauf hin, dass gesteuerte Pumpsysteme der altbewährten Spritze über kurz oder lang den Garaus machen dürften. Die in den USA und Europa jetzt erkennbaren Anstrengungen auf dem Weg zum ultimativen Kunstorgan dienen gleichwohl nicht nur dem Patientenwohl: Allein in den USA macht der Markt für Glukose-Überwachungssysteme mehr als 3,5 Mrd. Dollar pro Jahr aus.

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14 Kommentare:

Ralf Aickele
Ralf Aickele

Im Jahre 1989 forderte die WHO Konferenz eine Reduktion der diabetischen Komplikationen. Man entwickelte eine Maßnahme, die unter dem Namen ” St. Vincent Deklaration” bekannt geworden ist. Das damalige Ziel:
1) Redukrion der Zahl neuer diabetesbedingter Erblindungen um 33 %
2) Reduktion der Zahl der Fälle von terminalen Nierenversagen um 33%
3)Reduktion der Zahl der Amputationen auf Grund von Gangränen um 50 %
4)Vermeidung der diabetesbedingten KHK durch Reduktion der Risikofaktoren.
Heute 21 Jahre danach wissen wir, dass das Therapieziel weit verfehlt wurde und die Zahl der neuen Diabetesfälle steigt dramatisch an. Was ist aus diesem Vorhaben geworden?
Natürlich ist es wichtig in die Zukunft zu schauen, sei es die Entwicklung von neuen Insulinen, Pen oder wie in diesen Fall die Weiterentwicklung von Insulinpumpen.
Dieses kann aber nur einer von vielen Wegen sein. Wann hat man in den letzten Jahren über Therapieerfolge bei der Schulung von Diabetiker berichtet. Mir persönlich nicht bekannt. Mit diesen Studien kann man kein Geld verdienen und nicht in den Schlagzeilen kommen.
Es gäbe noch tausende von anderen Argumenten hier weiter zu schreiben. Als Fachkrankenpfleger für die Nephrologie sehe ich die rasantsteigende Zahl an Dialysepatienten. Denn was die wenigsten wissen. Hauptindikation der Dialyse ist der Diabetes!! Viele Firmen sponsern sehr viele Häftchen, Zeitshriften Bücher etc. für Diabetiker/ Dialysepatienten, mit einer Menge von Tipps und Tricks. Aber kaum einer ließt diese Sachen. Sie werden, auch wenn die Hefte einfach verfasst wurden, nicht verstanden. Ohne vernünftige Schulung/ Nachschulung !ALLER! Patienten/ Klienten ist es so als würde ich bei Kopfschmerzen eine Pille nehmen und weiß trotzdem nicht die Ursachen meiner Schmerzen. Hauptsache ich bin die Scherzen erst einmal los. Ich meine wir müssten, um neue Meilensteine zu finden, auch ein Schritt zurück machen um Betroffene, Ärzte und Pflegende dort abzuholen wo sie stehen. Nicht jeder kommt so schnell mit der rasnt steigenden Technik mit.
In diesem Sinne….

#14 |
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Kann Prof. Pfohl und anderen Vorrednern nur beipflichten:

Wenn ich überlege, daß ich während meines Studiums 1986 in Ulm bereits von der berühmten “Ulmer Sugar Watch” (Traum des ersten closed loop Systems) des Prof. Pfeiffer (mit 3 F) in der Vorlesung hören durfte und sich die Studenten und andere bereits ehrfürchtig vor diesem “Quantensprung der Diabetologie” verbeugen durften, dann muß ich leider feststellen, daß 33 Jahre später wir faktisch (und leider auch journalistisch) nicht weiter sind.

Genaueres Recherchieren einer potentiellen Sensation wäre wünschenswert!

Eine solche therapeutische “Sensation” würde in erster Linie (bzw. initial) Typ 1-Diabetiker betreffen. Die sind aber in Deutschland zum Glück schon recht gut ausgebildet und infomiert, so daß die Hoffnungen sich Gott sei Dank sachlich relativieren – wie man auch an vielen Leserreaktionen in diesem Forum erkennen kann.

#13 |
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Prof. Dr. Martin Pfohl
Prof. Dr. Martin Pfohl

Sorry, aber sooo neu ist das alles nicht – kleine Verbesserungen an diesen Systemen sehen wir alle Jahre. Das Problem beim künstlichen Pankreas liegt nach wie vor an der langsamen Abweichung der Glukosemesssysteme bei der kontinuierlichen Messung, ausserdem können die Computersysteme noch nicht angemessen auf äußerliche Faktoren (Essen, Sport) reagieren. Und damit ist das Ganze trotz inzwischen mehr als 30 Jahren Entwicklungsarbeit noch weit von der Alltagstauglichkeit entfernt….

#12 |
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Merkwürdige Darstellung einer wirklich überfälligen Entwicklung.
Wieso sollte man Tierversuche verlangen bei einer Verbesserung der Insulindosierung?
Zudem ist eine optimierte Insulindosierung noch lange keine “künstliche Bauchspeicheldrüse”.
So einen “Zuckerspiegel-Automat” habe ich mir schon lange für die postoperative Intensivtherapie gewünscht.
Für die Narkose gibt es schon seit Jahrzehnten den Beatmungsautomat, der über das expiratorische CO2 gesteuert wird.
Der wurde auch nicht an Tieren getestet.

#11 |
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Ingo Wandschneider
Ingo Wandschneider

Erfreulich, wenn es mal funktionieren sollte

#10 |
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ex. Krankenpfleger Rolf Reiners
ex. Krankenpfleger Rolf Reiners

Zumindest sollte man diese Entwicklung mal beobachten und auf die ersten Erfahrungsberichte warten.

#9 |
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Kristien Huughe
Kristien Huughe

Freu mich für die Menschen die es brauchen können!
Wäre echt ein totaler Durchbruch!

#8 |
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Dr. med. Joachim WOLF
Dr. med. Joachim WOLF

Einfach nur SUPER!

#7 |
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ein sicher zukunftsweisener Schritt in der Diabetestherapie!!
Finde ich ganz toll!!

#6 |
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Bernd Brüggemann
Bernd Brüggemann

HOFFENTLICH wird es nicht rausgekauft….

#5 |
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Johannes Terheyden
Johannes Terheyden

Super!!!

#4 |
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Dr. med. Markus Mathies
Dr. med. Markus Mathies

überfallige idee . hoffentlich bald marktreif !

#3 |
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Dr. (I.M.F.-Klausenburg) Daniela Eckert
Dr. (I.M.F.-Klausenburg) Daniela Eckert

find´ ich trotzdem toll!!!!!!!!

#2 |
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interessante Info

#1 |
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