Bremspille für Schnellkommer

10. Juli 2009
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Seit kurzem gibt es mit Priligy® das erste orale Arzneimittel gegen vorzeitigen Samenerguss. Ursprünglich wurde es als Antidepressivum entwickelt. Jeder fünfte Mann habe ein schlechtes Sperma-Timing, meinen Experten. Das Problem werde übertrieben, sagen andere.

Wirkstoff des neuen Medikamentes ist der selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Dapoxetin, der dem bekannten Fluoxetin (Prozac®) strukturell ähnlich ist und ursprünglich von Eli Lilly als Antidepressivum entwickelt wurde. 2003 kaufte Johnson & Johnson das Patent für 65 Millionen US-Dollar. Ende 2004 wurde in den USA die Zulassung für die Indikation Ejaculatio praecox eingereicht, 2005 aber von der US-Gesundheitsbehörde (FDA) abgelehnt. Seit Anfang 2009 ist Priligy® in mehreren europäischen Ländern zugelassen, seit kurzem auch in Deutschland. Hierzulande wird er von Janssen-Cilag vertrieben.

Entwicklung und Vermarktung von Dapoxetin basieren auf der seit langem bekannten Tatsache, dass Serotonin-Wiederaufnahmehemmer als Nebenwirkung den Orgasmus verzögern. Die Wirkung von Dapoxetin ist also nicht spezifisch für diesen Wirkstoff. Anders als die zur antidepressiven Therapie verwendeten Präparate wird Dapoxetin jedoch nicht täglich, sondern – ähnlich wie Viagra® – bei Bedarf eingenommen – etwa eine Stunde bis 3 Stunden vor dem Geschlechtsverkehr.

In 60 Sekunden zum Orgasmus.

Zur Beurteilung der Wirksamkeit wird unter anderem die sogenannte intravaginale Latenzzeit bis zur Ejakulation (IELT) verwendet. Gemessen wird vom Beginn der vaginalen Penetration bis zur intravaginalen Ejakulation – in der Regel von der Partnerin mit einer Stoppuhr. Während im Regelfall einige Minuten bis zur Ejakulation vergehen, findet diese bei Männern mit vorzeitigen Erguss bereits innerhalb der ersten (90%) bzw. zweiten (10 %) Minute statt. Nach Angaben des Herstellers wurden mit Dapoxetin in randomisierten Studien mit über 6000 Patienten unter anderen folgende Effekte erzielt: Verlängerung der IELT von 0,9 Minuten auf 3, 1 Minuten durch 30 mg Dapoxetin und auf 3,6 Minuten durch 60 mg. Unter Placebo stieg die IELT von 0,9 auf 1,9 Minuten. Positiv seien darüber hinaus die Ergebnisse zur Zufriedenheit der Partner.

Als ein Knackpunkt bei diesen Studien gilt jedoch, wie die IELT berechnet wird (Lancet Vol 368 November 25, 2006). Wird etwa das geometrische Mittel berechnet, fällt die Zunahme der IELT durch Dapoxetin geringer aus (arznei-telegramm® 2009, Jg. 40. Nr. 6, S.54 – 56). Das geometrische Mittel, von manchen Experten als eine Art Goldstandard angesehen, wird übrigens in unabhängigen Studien bevorzugt verwendet. Ausserdem: Paroxetin, ebenfalls ein Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, wirkt deutlich stärker als Dapoxetin, muss aber täglich und off label eingenommen werden. Ausgehend von der angeblich eher bescheidenen Wirkung wird dem neuen Medikament daher auch ein schlechtes Preisleistungs-Verhältnis vorgeworfen: 12 Tabletten mit je 30 mg kosten mit 136 Euro laut Arznei-Telegramm das 4- bis 16fache von Paroxetin-Präparaten. Bei diesem Preis wundert es nicht, dass die gesetzlichen Krankenkassen die Medikation nicht erstatten.

Kritisiert wird zudem die Sicherheit des Präparates, das wie andere Serotonin-Aufnahmehemmer auch ausser Übelkeit, Schwindel, Kopfschmerzen und kardiovaskulären Wirkungen die Sexualfunktion nicht immer positiv beeinflusst: So kann zum Beispiel die Libido vermindert werden. Eindeutige Hinweise auf eine therapiebedingte Suizidalität soll es laut Fachinformation nicht geben.

Pathologisierung des männlichen Orgasmus?

Ein eher unbefriedigendes Preis-Leistungs-Verhältnis sowie die Sicherheit des Präparates sind nur zwei Argumente der Kritiker. Ein weiterer Vorwurf lautet, dass – um den Medikamentenumsatz zu steigern – eine „Pathologisierung“ des männlichen Orgasmus betrieben wird. Wie bei anderen „Lifestyle-Therapeutika“ drängt sich manchem der Eindruck auf, eine relativ banale Funktionsstörung würde zum Gesundheitsproblem aufgebauscht. In der Tat ist es so, dass keineswegs alle Männer mit Ejaculatio praecox daran leiden. In Mittleren Osten etwa ist ein rascher Samenerguss sogar Zeichen von Männlichkeit (World J Urol (2005) 23: 68–75). Ausserdem ist die Vermutung wohl nicht unberechtigt, dass so mancher eigentlich Gesunde diese Pille in der Hoffnung erwerben wird, damit „länger zu können“. Und dass die Indikation für Dapoxetin wirklich sehr streng gestellt werden wird, wie es der Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Andrologie Professor Hermann Behre der Deutschen Presse-Agentur gesagt hat, kann man entweder glauben oder hoffen.

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5 Kommentare:

Kirsten Osbahr
Kirsten Osbahr

nun, die Herren äußern sich hier ja ganz eindeutig für den schnellen (entwicklungsgeschichtlich bedingten) Genuss und gegen die Bedürfnisse der zitierten “modernen” Frau. Natürlich gibt es viele Varianten, Alternativen… Die Frage ist doch, wieviel Verbundenheit, Liebe und Tiefe (Tiefgang)die Partner in der Vereinigung (wortwörtlich) miteinander erleben möchten. Das scheinen einige der Herren nicht zu kennen. Ob mangelndes Bewusstsein durch Medikamente auszugleichen ist wage ich auch zu bezweifeln.

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Carsten-Ingo Leser
Carsten-Ingo Leser

Vielleicht ist das Problem gar keines. Es wird erst zum Problem, wenn es dazu gemacht wird. Sexualstörungen gibt es
nicht. Richtiger ist das Verhalten zu den sog. Problemen.
Z.B. wie passen die Sexualpartner zueinander (nicht gepaßt,viel verpaßt haha). Nein, ernsthaft müssen sich die Partner mit sich auseinandersetzen, alles andere ist gesellschaftliches Geschmarre. P.S. Ich habe und hatte keine sexuellen Probleme
und meine Partnerinnen auch nicht.

#4 |
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…zu Überflüssigem wird ein weiteres überflssiges Paparat anempfohlen. Wer braucht das?

#3 |
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Rettungssanitäter

also ich finde es ehrlich gesagt ziehmlich unnötig überhaupt solche medikamente zu entwickeln geschweige denn einzunehmen man(n) sollte sich immer vor augen halten das jedes medikament auch nebenwurkungen hat und diese sollte man sich nicht unnötig aussetzen

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Dr. rer. nat Martin Jürgens
Dr. rer. nat Martin Jürgens

Eine gute verhaltenstherapeutisch durchgeführte Sexual-Psychotherapie würde es auch tun, die Nebenwirkungen wären nur positiv und langfristig ist es um so billiger! Durch solche Medikamente bekommen die Männer keinen besseren Zugang zu ihrem Körper, sondern werden nur abhängig von der Pille, ganz im Sinne “mach mich gesund” (Verantwortung beim Arzt / Medikamentr) statt “ich mache mich gesund” (Verantwortung bei sich).

Es spricht natürlich nichts dagegen, eine kombinierte Therapie zu versuchen, obgleich eine pharma-freie Therapie bei Erfolg für den Betroffenen deutlich besser ist!!!

#1 |
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