Mission (im)possible

10. Juli 2009
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Nachdem ich im Herbst 2007 das Physikum hinter mir hatte, wollte ich endlich meinen Traum Wirklichkeit werden lassen und eine Famulatur im englischsprachigen Ausland absolvieren. Da mich Kanada schon immer faszinierte, war die Entscheidung schnell getroffen und ein Bewerbungsmarathon begann - mit erfolgreichem Ausgang!

Die Bewerbung

Nachdem der Gedanke meiner Auslandsfamulatur in mir gereift war, begab ich mich auf die Suche nach einem passenden Platz in diesem scheinbar unendlich großen Land. Doch schnell wurde mir klar, dass es für einen Studenten im 6. Semester schier unmöglich ist, seine Famulatur dort abzuleisten. Bei Organisationen wie dem bvmd wird man grundsätzlich abgelehnt, wenn man sich nicht im letzten Studienjahr befindet. Kanadische Universitäten wie die UBC oder McGill waren nach mehrfachem Schriftverkehr und einigen Telefonaten zwar bereit, trotz meines niedrigen Ausbildungsstandes eine Bewerbung von mir anzunehmen – die Chance auf Erfolg war aber sehr gering.

Da mich diese unsicheren Erfolgsaussichten außerdem noch rund 150 CAD kosten sollte (plus 400 – 800 CAD bei Ableistung der Famulatur), begab ich mich auf die Suche nach nicht-universitären Krankenhäusern. Hier zeichnete sich bald die nächste Hürde ab, als mir von den dortigen Stellen mitgeteilt wurde, dass ihre Häuser restlos überlastet sind und die Plätze fast ausschließlich an kanadische Medizinstudenten vergeben werden. Ich war frustriert – aber noch längst nicht geschlagen!

Ich suchte weiter, nun nach Bundesstaaten ohne medizinische Fakultät, in der Hoffnung, dass die dortigen Kliniken weniger mit einheimischen Medizinstudenten überfrachtet sind. Nach einigem Suchen stieß ich auf New Brunswick (NB) – ein Bundesstaat an der Ostküste ohne Medizinische Fakultät! Sofort wandte ich mich an die dortigen Gesundheitsbehörden und erhielt nach wenigen eMails die Adresse von Mr. Goudreau, dem Chief Administrator des Chaleur Regional Hospital in Bathurst, New Brunswick. Er war sofort begeistert, einen ausländischen Studenten in seinem Krankenhaus betreuen zu können und stand mir während des gesamten Bewerbungsprozesses mit Rat und Tat zur Seite.

Neben einer kostenlosen Famulatur (sehr selten in Kanada!) wurde mir weiterhin freie Unterkunft sowie ein Rotationsprogramm im Krankenhaus in Aussicht gestellt – das war perfekt für mich.
Für die weitere Bearbeitung musste ich folgendes per Post an Mr. Goudreau senden:

  • Immatrikulationsnachweis in Deutschland
  • Angabe des gewünschten Zeitraumes und der bevorzugten Fächer meiner Famulatur
  • Eine schriftliche Empfehlung des Dekans mit Siegel und Unterschrift der Uni.

Nach insgesamt 6 Monaten Bewerbungsphase, unzähligen eMails, Telefonaten und Briefen war ich am 2. September 2008 glücklich und stolz, meinen ersten Arbeitstag im Chaleur Regional Hospital antreten zu dürfen!

Arbeitserlaubnis/Visum

Sofern man nicht vorhat, länger als 3 Monate in Kanada zu verbringen, benötigt man eigentlich kein Visum. Allerdings muss man der Form halber ein Besuchervisum beantragen. In diesen Antrag schreibt man rein, dass man in Kanada eine Famulatur ableisten möchte und legt folgendes bei:

  • Immatrikulationsbescheinigung der eigenen Uni
  • Annahmeschreiben der kanadischen Institution (bekommt man über Mr. Goudreau)
  • Kopie des deutschen Reisepasses
  • zwei Passbilder vor weißem Hintergrund
  • schriftliche Genehmigung der Gesundheitsbehörde New Brunswicks (etwas kompliziert, da Mr. Goudreau gleichzeitig der Vorsitzende dieser Regionalen Behörde ist, was die Beamten der kanadischen Botschaft aber nur schwer verstehen können)
  • 2 an sich adressierte Rückumschläge
  • es fällt keine Gebühr an

Nach ca. 4 – 6 Wochen Bearbeitungszeit erhält man endlich die nötigen Unterlagen mit denen man bei einem speziell anerkannten Arzt eine medizinische Untersuchung (Rö-Th, BB, HIV, Impfstatus – alle kosten ca. 150 €) machen muss. Sofern dieser Test keine schwerwiegenden Krankheiten ans Tageslicht bringt, erhält man nach einigen Wochen sein Einreisedokument, welches man am Flughafen bei Aufforderung vorzeigen muss. Für den Aufenthalt in Kanada benötigt man zusätzlich eine Haftpflichtversicherung sowie einen Nachweis über ausreichend finanzielle Mittel (meist genügt eine Kreditkarte).

Die Anreise

Da ich vor meiner Famulatur noch etwas das Land erkunden wollte, flog ich von Frankfurt nach Vancouver und reiste von dort mit Bus und Bahn gen Osten. Natürlich kann man auch direkt von Frankfurt nach Halifax fliegen und von dort für ca. 70 CAD per Zug nach Bathurst fahren. Anreise per Flugzeug ist ebenfalls möglich.

Die Unterkunft

Wie bereits im Abschnitt „Bewerbung“ erwähnt, stellte mir das Krankenhaus eine kostenlose Unterkunft zur Verfügung. Ich war bei meiner Ankunft auf alles gefasst, aber dass ich in einem Einfamilienhaus untergebracht sein sollte hätte ich wirklich nicht gedacht.
Dieses Residenthouse befand sich 5 min Fußweg vom Krankenhaus entfernt am Rande der Stadt. Es bestand aus zwei Appartements mit jeweils 3 Zimmern, 1 Küche, 1 Bad, einem Aufenthaltsraum mit Fernseher und Internet-PC pro Etage. Zusätzlich gab es Waschmaschinen, Trockner sowie einen Garten mit BBQ – also alles in allem super ausgestattet. Während der gesamten 4 Wochen meines Aufenthaltes musste ich mir das Haus nie mit mehr als 2 weiteren Leuten teilen, d.h. wir hatten massig Platz!

Das Krankenhaus

Das Chaleur Regional Hospital ist das größte Krankenhaus im Norden New Brunswicks. Es verfügt über ca. 450 Betten und ist von der Ausstattung mit einem deutschen Kreiskrankenhaus vergleichbar. Nicht vorhanden sind: Herzkatheterlabor, Neurochirurgie, Herzchirurgie und Kinderchirurgie.
Die Arbeitsatmosphäre war sehr angenehm und das Ärzte- und Schwesternteam stand mir überall aufgeschlossen und hilfsbereit gegenüber. Fragen konnten jederzeit gestellt werden und es gab keinen medizinischen Bereich, in dem es nicht möglich gewesen wäre zu hospitieren oder auch selbst praktisch tätig zu werden.

Der Arbeitsalltag

Ursprünglich galt meine Bewerbung einer Internistischen Station, da ich auf einer solchen bereits eine 1-monatige Famulatur in Deutschland abgeleistet hatte. Doch als mir Mr. Goudreau eine Rotation über die vier großen Bereiche seines Krankenhauses anbot, war ich sofort begeistert.
Schon 4 Wochen vor Antritt meiner Famulatur erhielt ich eine eMail mit allen Details meiner ersten Arbeitswoche – wann ich wo zu sein hatte, wer für mich zuständig war, wen ich bei Problemen ansprechen konnte usw. Während der ganzen Zeit meines Aufenthaltes war alles perfekt organisiert und ich fühlte mich zu keinem Zeitpunkt verloren oder gar als Last des zuständigen Arztes.
Zusätzlich erhielt ich durch meinen Wechsel auf die unterschiedlichen Stationen einen sehr guten Einblick in den Arbeitsalltag eines kanadischen Krankenhauses und das kanadische Gesundheitssystem insgesamt.
Am ersten Tag standen erst einmal organisatorische Dinge an. Rundgang und Vorstellung im Haus, Beantragung der ID-Karte, Einweisung durch die zuständige Scrub-Schwester (Händedesinfektion) und eine spezielle Einweisung für die Intensivstation.

Dann begann meine Arbeit in der Abteilung für Family Medicine. Dieser Bereich ist in etwa vergleichbar dem unseres Allgemeinarztes – aber andererseits so verschieden! Ich war dem Chef der Station zugeteilt und begann mit ihm und seinem Resident (Assistenzarzt) die Visite über die Stationen. Ein Family Doctor steht in der First Line und ist somit zuständig für alles und jeden. Morgens starteten wir unsere Visite auf der Geburtsstation und abends beendeten wir unseren Tag in der Abteilung für Palliativmedizin – für mich war das alles erst einmal sehr verwirrend.
Meine Aufgabe der ersten Tage bestand fast ausschließlich darin, dem Chefarzt oder den Assistenzärzten über die Schulter zu schauen. Man muss wissen, dass die meisten „einfachen Tätigkeiten“ wie Blut abnehmen, periphere Zugänge legen, Infusionen anhängen etc. – aber auch schwierigere Dinge wie z.B. Herzsonografien von speziell ausgebildeten Schwestern verrichtet werden. Somit fallen diese Tätigkeiten für einen Famulanten schon einmal weg.
Dennoch lernte ich in dieser durch Feiertage verkürzten ersten Woche durch die ausführlichen Erläuterungen der Stationsärzte viel dazu und hatte die Möglichkeit, mich mit der Sprache und den vielen neuen Gegebenheiten auseinander zu setzen.

Meine Zweite Woche verbrachte ich in der Notaufnahme. Diese ist einer deutschen ZNA sehr ähnlich – wobei es auch hier wieder einige Besonderheiten gibt. Bedingt durch die Größe Kanadas und den relativen Ärztemangel in einigen Provinzen gibt es besonders ausgebildete Krankenschwestern, so genannte Nurse-Practitioners. Deren Tätigkeiten sind denen eines Arztes sehr ähnlich, allerdings dürfen sie bestimmte Medikamente nicht verschreiben und auch nicht jede Krankheit behandeln. Meine Tätigkeiten in dieser Woche lagen in der Aufnahme und Diagnose von Outpatients sowie einfachen Tätigkeiten wie Gipsen oder Nähen. Die restliche Zeit folgte ich dem mir zugeteilten Arzt zu Notfällen im Haus (Krankenwagen werden nur von Paramedics besetzt) oder bei der Betreuung von Intensivpatienten.

Die dritte Woche arbeitete ich im OP. Dort konnte ich jeden Tag mit einem Operateur meiner Wahl zusammenarbeiten und war die meiste Zeit als 1. oder 2. Assistent zugange (Hakenhalten, Nähen etc.). Das Aufgabenfeld reichte von ophtalmologischen Operationen über Allgemeinchirurgie bis zu plastischen Korrekturen. Da der OP-Trakt gerade fertig gestellt wurde, herrschten perfekte Arbeitsbedingungen und ich habe mich dort – vielleicht auch aus einer Vorliebe für die Chirurgie – am wohlsten gefühlt.

Die vierte und letzte Woche leistete ich in der Inneren Medizin ab. Dort konnte ich mich im EKG lesen üben, bei Stress-Tests und in der internistischen Ambulanz hospitieren und internistische Intensivpatienten mitbetreuen. Obwohl sich die Zusammenarbeit mit dem indischen Arzt sehr interessant gestaltete, war mir die letzte Woche etwas zu theoretisch – aber vielleicht hatte ich nach der OP-Woche auch einfach die falschen Erwartungen.

Arbeitszeiten

Die Arbeitszeiten waren insgesamt sehr human. Ich startete meistens um 8:30 Uhr (im OP um 7:00 Uhr) und arbeitete bis Mittags. Dann hatte ich ca. 30 min Mittagspause – was eigentlich keiner kontrollierte – in der ich entweder in der sehr dürftigen Cafeteria essen ging, von einem der Ärzte in ein Restaurant eingeladen wurde, oder mir selbst etwas zu essen mitbrachte. Danach wurde dann bis ca. 17 Uhr weiter gearbeitet.

Fortbildung

Fortbildungen gibt es für Studenten – soweit ich weiß – keine, jedenfalls während meiner Zeit waren keine derartigen Angebote vorhanden. Allerdings ist das nicht weiter tragisch, da man eine eins zu eins Betreuung durch einen Arzt erhält, was meiner Meinung nach die beste Ausbildung ist.

Sprache

Man muss wissen, dass New Brunswick als einziger Staat offiziell bilingual (franz./engl.) ist. Ich hatte mich zwar bereits im Voraus darüber informiert, aber mir wurde zugesichert, dass Englischkenntnisse für den Patientenumgang völlig ausreichend seien. Außerdem konnte ich auf etwas Schulfranzösisch zurückgreifen – aber alles vergebens. Selbst wenn meine Französischkenntnisse zu dem Zeitpunkt weniger schlecht gewesen wären, hätte ich die Ur-Acadier (franz. sprechende Kanadier aus NB) wohl nicht wirklich verstanden. Doch auch dies war eine Herausforderung der besonderen Art, da ich noch aufmerksamer im Umgang mit den Patienten sein musste – Mimik, Gestik, Artikulation, um wenigstens den groben Inhalt ihrer Aussagen verstehen zu können (und das gelingt auch nach einigen Tagen). Insgesamt ist die Verteilung von englisch und französisch sprechenden Patienten in Bathurst ungefähr Hälfte-Hälfte – doch werden beide Sprachen auch gerne in einem Satz kombiniert, dass ganze heißt dann „frenglish“ (z.B. „C ́est la super cool, ey?“).

Stadt / Umgebung / Freizeit

Jeder, der den Begriff Kanada hört, denk zuerst an die Rockies, Vancouver oder Toronto, und selbst Kanadiern ist manchmal nicht bewusst, dass ihr Land östlich von Quebec noch längst nicht zu Ende ist. Doch Kanadas Maritimes (New Brunswick, Nova Scotia, Newfoundland & Labrador) sind weiterhin ein absoluter Geheimtipp. Speziell New Brunswick, touristisch teilweise noch unentdeckt und von Kanadiern als „the drive-thru province“ belächelt, wird besonders unterschätzt. Doch wer erst einmal die Grenze NBs erreicht hat, wird schnell
überzeugt von der Schönheit dieses Landes. Millionen Bäume, die besonders zur Zeit des Indian Summers (Ende September/Anfang Oktober) in den schönsten Farben leuchten, Flüsse und Seen soweit das Auge reicht und die freundlichsten Menschen die man sich vorstellen kann, sind bei weitem keine Übertreibung – nicht umsonst unterhielt hier schon President Roosevelt seinen Sommersitz.

Die Stadt Bathurst liegt im Norden New Brunswicks an der Chaleur Bay. Sie ist mit ca. 25.000 Einwohnern eine der größeren Städte NBs und deckt alle Versorgungsbereiche ab. Der Ort selbst mutet mit seinen vielen Shopping Malls, Fastfood Restaurants und der
fehlenden Innenstadt im ersten Moment sehr US-amerikanisch an, gibt aber nach einigen Tagen Eingewöhnungszeit seine schönen Seiten preis. Da ich während meiner 4-wöchigen Famulatur über kein Auto verfügte, gestaltete sich die Stadterkundung etwas schwierig, da die „City“ sehr lang gezogen und fußgängerisch schlecht zu erreichen ist. Zum Glück erhielt ich am zweiten Tag ein Fahrrad von einem der Ärzte, wodurch ich etwas mobiler war. Die Supermärkte sind von der Unterkunft ca. 5 min per Rad oder 20 min Fußweg entfernt.

Rund um Bathurst befinden sich viele Strände die im Sommer zum Baden einladen, außerdem gibt es Provincial Parks mit Wanderwegen, Mountainbike Trails und (im Winter) Schneemobil Tracks. Das Nachtleben Bathurst ist nicht überwältigend – bis auf ein paar Bars und Restaurants, sowie eine Diskothek ist es sehr überschaubar. In New Brunswick selbst gibt es viel zu entdecken. Wer sich für Kayakfahren, Wandern, oder Mountainbiken interessiert, ist hier bestens aufgehoben. Kulturell hat NB einiges zu bieten, ich habe z.B. das Harvest Jazz & Blues Festival in der Hauptstadt Fredericton genossen, interessante Galerien besichtigt, und auch kulinarisch gibt es einiges zu entdecken (Lobster, Oyster etc.).
Für ausgedehnte Touren durch NB, z.B. zum höchsten Tidenhub der Welt (Hopewell Rocks), zu einem der weltbesten Whale-Watching Spots (Grand Manan Island) oder zum höchsten Berg der Maritimes (Mt. Carleton), mietet man sich am Besten ein Auto. Ansonsten ist es auch möglich, das regionale Busnetz zu nutzen, welches allerdings nicht alle interessanten Orte anfährt.

Die Gesamtkosten

  • 60 € Bearbeitungsgebühr
  • 150 € med. Untersuchung
  • 600 – 900 € Flugkosten
  • 1000 – 2500 € Souvenirs, Reisen etc.
  • = ca. 3000 € Gesamtkosten.

Das Fazit

In meinen 2,5 Monaten Aufenthalt in Kanada habe ich dieses Land lieben gelernt und schnell gemerkt, dass sich alle Bewerbungsmühen gelohnt haben. Auf meiner Reise von West (Vancouver) nach Ost (Halifax) traf ich durchweg auf freundliche und hilfsbereite Menschen und eine Natur, die mich von der ersten Sekunde an in ihren Bann gezogen hat. Aus medizinischer Sicht empfand ich die Famulatur als Bereicherung meiner Ausbildung, da ich mich sprachlich, technisch und persönlich weiterentwickeln konnte. Alles in allem kann ich nur jedem Empfehlen, seine Famulatur in Kanada abzuleisten. Speziell der Osten ist und bleibt ein Geheimtipp.

Wichtige Adressen und Links

Adresse des Krankenhauses:
Chaleur Regional Hospital
1750 Sunset Drive
Bathurst, NB
E2A 4L7

Ansprechpartner im Krankenhaus:
Michelle Bertin
Secretary of Medical/Administrative Director
Tel.: +1-506-544-378
E-Mail: mbertin@reg6.health.nb.ca

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