Appendizitis: Pippi schlägt Palpieren

14. Juli 2009
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Unspezifische Symptome und fehlende Hinweise in Labor und Bildgebung können die Diagnose der akuten Appendizitis insbesondere bei Kindern schwer machen. Im Urin jedoch stießen Proteomforscher des Children’s Hospital Boston auf einen hochsensitiven und –spezifischen Marker.

Eine Blinddarmentzündung kann leicht zur lebensbedrohlichen Erkrankung werden, wenn sie nicht erkannt und adäquat behandelt wird. Notfalloperationen, aber auch unnötige Blinddarmentfernungen kommen besonders bei Kindern häufig vor. 45 Prozent der Kinder mit diagnostizierter akuter Appendizitis weisen bereits eine Ruptur auf. Wenn auch sich die Diagnosemöglichkeiten durch Sonografie und CT erheblich verbessert haben, ist eine sichere Diagnose nicht immer möglich. Denn nicht immer sind entsprechende Geräte und geübte Untersucher verfügbar. Nachteil der CT-Untersuchung ist zudem die hohe Strahlenbelastung.

Detektivarbeit: Proteom mit Urin

Wie einfach wäre besonders bei Kindern ein Urintest, dachten schon mehrere Arbeitsgruppen und fahndeten nach spezifischen Proteinen, um die Entzündung nachzuweisen. Systematisch gingen die Sache Wissenschaftler um Hanno Steen vom Proteomic Center des Children’s Hospital Boston, Massachusetts, an. Sie entdeckten, dass das Leucinreiche alpha-2-Glykoprotein (LRG) bei erkrankten Kindern im Urin angereichert ist und zudem mit der Schwere der Entzündung korreliert. Ergebnisse veröffentlichten die Forscher vorab online in den Annals of Emergency Medicine.

Zunächst hatten Steen und Mitarbeiter zwölf Urinproben vor und nach der Appendektomie von sechs Patienten mit und sechs Patienten ohne Appendizitis gesammelt. Sie identifizierten 32 Kandidaten-Biomarker, von denen viele mit der Entzündung und der Immunantwort assoziiert sind. Zusätzlich interessant schienen 32 weitere Proteine, die bereits in anderen Studien mit der Erkrankung in Verbindung gebracht worden waren. In einem zweiten Schritt untersuchten die Wissenschaftler den Urin von 67 Kindern auf das Vorkommen der insgesamt 57 potenziellen Marker. 25 Kinder davon wiesen eine gesicherte Appendizitis auf.

Fast perfekte Sensitivität und Spezifität

Unter sieben identifizierten viel versprechenden Biomarkern, darunter Calgranulin A, das Akutphaseprotein Alpha-1-saures Glykoprotein 1 und LRG, erwies sich letzteres als am genauesten. Mit einem Area-under-the-curve-Wert von 0,97 ließ sich eine annähernd perfekte Sensitivität belegen, und falsch negative Diagnosen waren sehr selten. Hoch war auch die Spezifität. Stark erhöhte LRG–Werte im Urin fanden sich bei erkrankten Kindern, deren Appendix in der Bildgebung unauffällig erschien. Zudem korrelierte die Menge des LRG mit der Schwere der Appendizitis, die mit einer histologischen Untersuchung von Gewebeproben untersucht wurde.

Die Forscher bestimmten die Proteine im Urin mithilfe der Massenspektroskopie, die jedoch nicht in jedem Krankenhaus verfügbar ist. LRG-Untersuchungen sind aber auch mit anderen analytischen Verfahren wie etwa dem Immunoblot möglich, so die Autoren der Studie. Die Entwicklung eines Schnelltests etwa mit Teststreifen halten sie deshalb nach weiteren Studien an größeren Patientenzahlen für grundsätzlich möglich.

Die Teilnehmer der Studie waren ausschließlich Kinder. Inwieweit die Ergebnisse auf Erwachsene übertragbar sind, ist unklar. Möglicherweise finden sich in deren Urin andere Muster der Proteine. Dies und auch das Vorkommen von LRG im Urin bei anderen entzündlichen Erkrankungen muss in klinischen Studien überprüft werden.

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Allgemein

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12 Kommentare:

Dr Med Elke Gloy
Dr Med Elke Gloy

Mann sollte nicht gleich diese Probe verdammen, sondern Sie hinnehmen wir es ist: eine Zusaetzliche Hilfe fuer eine richtige Diagnose der Apendicitis, wenn moeglich am Anfangstadium. Die Probe der Zeit wird Ihr zu Recht oder Unrecht stehen. Auf jeden Fall sollte mann nie die klinischen Symptone und die Aerztliche Erfahrung -vor allen Dingen der Chirurgen- vergessen, das sollte an erster Stelle sein. Der Test ist natuerlich nur nuetzlich wenn er resultate in kurzer Zeit abgibt.

#12 |
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Dr. med. Hanjo Burgard
Dr. med. Hanjo Burgard

zu 17
Leider merkt man bei manchem Mediziner schon die Schmalspurkenntnisse in Latein, s.Punkt 3) “…ein Karzinoid
im (statt in der) Appendix.

#11 |
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Dr. med. Andreas Volkmann
Dr. med. Andreas Volkmann

Diese Diagnose ist zu 99% klinisch. Das sage ich als klinsch tätiger chirurgischer Oberarzt. Liebe Kollegen, laßt euch nicht zu Sklaven der Apparatemedizin machen. Die Erfahrung zählt, also lernt von den älteren und erfahreneren Klinikern!

#10 |
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Michael Krüger
Michael Krüger

Lassen Sie sich nicht blenden!

Bitte mal den Artikel bis zum Ende lesen!! Der LRG Marker ist momentan noch/erst genau so gut/schelcht wie das CRP!! Ob er wirklich spezifisch für die Appendizitis ist, muss erst noch getestet werden. Nur weil er bei Kindern mit Appendizitis erhöht war, heißt das noch lange nicht, dass er nicht auch bei anderen entzündlichen Erkrankungen erhöht sein kann. Und so lange ist der LRG Wert nicht spezifischer als der CRP Wert (der absolut unspezifisch ist)!!!!

#9 |
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Als über Jahrzehnte erfahrener Chirurg erlaube ich mir folgende Bemerkung:
Gott schütze die Patienten vor der oft zeitraubenden Diagnostik bei den Hausärzten, welche bei einer akuten Appendizitis auch heute noch tödlich sein kann!

#8 |
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Herbert Schmidt
Herbert Schmidt

Liebe Kollegen und Interessierte,
Die Appendizitis akuta ist seit jeher eine klinische Diagnose, zu deren Verifikation Testverfahren nur flanakiernden Nutzen zeigen. Innovationen dieser Art sind sicher für bestimmte Berufsgruppen nützlich, für den letztverantwortlichen Operateur kann es nur eine adjuvante Entscheidungshilfe darstellen.
Herzliche Grüße an alle Kollegen

#7 |
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Hans-Martin Lode
Hans-Martin Lode

Es sind sicher noch einige Fragen hinsichtlich einer Praxistauglichkeit des LRG-Tests zu klären, allerdings erscheint er mir wie auch bereits bei einigen der vorangegangenen Beiträge zumindest als eine nützliche Bereicherung des diagnostischen Spektrums. Sollte tatsächlich eine Teststreifenuntersuchung möglich sein so wird sich der Faktor Zeit und der Faktor Kosten in Grenzen halten.
Liebe Kollegen/innen sind wir doch mal ehrlich, gerade bei Kindern werden doch von allen Beteiligten (Chirurg, Pädiater und hier sowohl Assitenz- als auch erfahrenste Oberärzte und Chefärzte) alle erdenklichen diagnostischen Mittel genutzt um möglichst viel Sicherheit zu haben und trotzdem kommt es erschreckend häufig zu Fehldiagnosen, nicht zuletzt dann wenn sich beim Kind auch noch mehrere Zentimeter Fettgewebe über das Abdomen verteilen.
Ich finde hier steht zumindest eine alternative in Aussicht die eine Chance verdient hat.
Es wird so Laufen wie immer, man wird zunächst den LRG-Test zusätzlich zu allem durchführen und selbst vergleichen ob’s passt und schließlich nach einigen Jahren wird es ein Fehler sein denTest nicht gemacht oder sich gegen das Testergebnis entschieden zu haben.

#6 |
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Die Indikationsstellung für eine Operation, insbes. bei Kindern und Kleinkindern ist immer eine schwierige und heikele Sache gewesen. Jede so wichtige Entscheidungshilfe ist eine große Erleichterung für unsere ärztliche Kollegen, insbes. Hausärzten, Notärzte und Chirurgen. Ich hoffe, dass dieses Testverfahren bald klinik- und praxistauglich wird and sich als vollkommen geeignet erweist.

#5 |
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Bitte vergleichen Sie doch einmal die Kosten des Tests mit denen für eine ggfs. nicht indizierte Appendektomie incl. der Risiken und Komplikationen.

#4 |
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Dr.med TILMANN KREISSL
Dr.med TILMANN KREISSL

MORGEN FRAGE ICH IN UNSEREM LABOR NACH; OB UNS DIESER TEST SCHONZUR VERFÜGUNG STEHT:

#3 |
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Michael Krüger
Michael Krüger

Wie kann zu diesem Zeitpunkt eine Aussage über die Spezifität des Markers gemacht werden, wenn weitere entzündliche Erkrankungen und eine mögliche Korrelation mit hohen LRG Werten noch nicht ausgeschlossen ist?

#2 |
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Weitere medizinische Berufe

Dieser immunologische Ansatz scheint viel zu versprechen. Es ist nur die Frage, wie lange so ein Test dauert, wie teuer er ist und ob er möglichst bald flächendeckend eingesetzt werden kann.

#1 |
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