Migräne: Aura knabbert am Kleinhirn

21. Juli 2009
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Wer unter Migräne leidet, ist eigentlich gestraft genug. Migränepatienten, deren Schmerzattacke sich mit einer Aura ankündigt – am häufigsten Sehstörungen – können aber noch ganz andere Probleme bekommen. Denn ihre Form der Migräne ist mit Hirnläsionen assoziiert.

Etwa elf Prozent der Erwachsenen sind von Migräne gebeutelt. Vor allem Frauen sind betroffen. Bei einem Drittel der Fälle kündigt sich das Übel mit einer Aura an. Dies können verschiedene neurologische Symptome wie Störungen der Sensorik, Balance oder Sprache vor Schmerzbeginn sein. Meist sind es Sehstörungen. Die Migräne wird als episodische Erkrankung betrachtet, die keine Langzeitkonsequenzen nach sich zieht.

Dass die Erkrankung, besonders in Verbindung mit auftretender Aura, möglicherweise durchaus nicht ohne Folgen bleibt, ergaben gleich zwei jüngere Untersuchungen. So fanden sich bei Frauen mittleren Alters, die unter Migräne mit Aura litten, in späteren Jahren Hirnläsionen in MRT-Untersuchungen, die Patienten mit anderen Kopfschmerztypen nicht aufwiesen. Ergebnisse veröffentlichte das amerikanische Ärzteblatt. Läsionen traten vor allem im Kleinhirn auf.

Kleinhirnläsionen bei Frauen

Ann Sher der Uniformed Services University in Bethesda, Maryland, und Kollegen untersuchten die Beziehung zwischen Migränesymptomen in mittlerem Lebensalter und später auftretenden infarktähnlichen Hirnläsionen an 4.689 Frauen und Männern, die Teil der Age Gene/Environment Susceptibility-Reykjavik Study (AGES-RS) waren und zufällig aus den Geburtjahrgängen 1907 bis 1935 ausgewählt worden waren. Über 26 Jahre nach Beginn der Studie fertigten die Forscher MRT-Bilder an, erfragten die Krankengeschichte bezüglich Kopfschmerzen und ermittelten kardiovaskuläre Risikofaktoren.

In der MRT des Kopfes ließen sich bei 39 Prozent der Männer und 23 Prozent der Frauen mit ein oder mehreren Migräneattacken pro Monat infarktähnliche Läsionen nachweisen. Nach Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und Dauer der Nachbeobachtungszeit ergab sich für Patienten mit Migräne und Aura in der Mitte des Lebens ein erhöhtes Risiko für spätere Hirnläsionen (Odds Ratio 1,4). Dabei kamen Läsionen im Kleinhirn, nicht aber in anderen Hirnregionen, bei Frauen mit Migräne und Aura besonders häufig vor. 23 Prozent von ihnen wiesen solche Schäden auf, während dies nur 14,5 Prozent der Frauen ohne Kopfschmerzen waren. Auch nach Berücksichtigung kardiovaskulärer Risikofaktoren war das Risiko von Migränikerinnen mit Aura erhöht (Odds Ratio 1,9), was einen Zusammenhang mit kardiovaskulären Risikofaktoren nicht vermuten lässt.

Modifizierbarer Risikofaktor?

Bezüglich kardiovaskulärer Risikofaktoren bei Migränepatienten kommen US-Forscher um Marcelo E. Bigal des Albert Einstein College of Medicine in New York allerdings zu anderen Ergebnissen. In ihrem in der Fachzeitschrift Neurology veröffentlichten Review vermuten sie, dass die kortikale Streudepolarisierung als mutmaßliches Substrat der Aura möglicherweise direkt zu ischämischen Läsionen des Gehirns prädisponiert. Demnach weisen Patienten mit Migräne im Allgemeinen und Patienten mit Migräne und Aura im Besonderen häufiger kardiovaskuläre Risikofaktoren auf, weshalb Schlaganfälle und ischämische Ereignisse bei ihnen eher auftreten.

Nach Empfehlung der Autoren ist bei Migränepatienten mit Aura besonderes Augenmerk auf modifizierbare Risikofaktoren zu legen. Ob die Migräne mit Aura selbst als Risikofaktor für Herz und Kreislauf anzusehen ist, der präventiv etwa mit der Thrombozytenaggregationshemmung behandelt werden sollte, ist fraglich und sollte Gegenstand weiterer Untersuchungen sein.

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Allgemein

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9 Kommentare:

In diesem Zusammenhang ist eine meiner Beobachtungen interessant: Ein 65-jähriger Patient der seit Jahren an optischen Migraene-Aurae litt, ohne je einen Halbseitenkopfschmerz zu bekommen, hat unter versuchsweiser Gabe von 300 mg Aspirin-Cardio täglich seit nunmehr eineinhalb Jahren diese Anfälle vollständig verloren.

#9 |
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Möglicherweise ist die Kausalität umgekehrt: bei kardiovasculären Erkrankungen ist Migräne evtl. ein Symptom. Die wirkungsvolle Prophylaxe der Migräne mit Aura durch Sartane bestätigt diese Hypothese, die älteren Datums, aber z.Z.vergessen ist. Leider werden kardiovaskuläre Ursachen in der Diagnose und Therapie der Migräne zu selten erwogen.
Dr.Dr.H.C.Niesel

#8 |
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Ich leide unter Migräne mit Aura (Augenflimmern, Sensibilitätsstörungen im Arm und im Gesicht vor allem perioral) seit meinem 17. LJ und habe sehr selten Anfälle im Gegensatz zu meinem Bruder der 2-3 Anfälle im Monat hat. Letztens hatte ich eine Aura beim Autofahren, die völlig untypisch war, sie wechselte nämlich die Seite und verblüffenderweise folgte kein Migränekopfschmerz sondern nur ein leichter holocranieller Schmerz. Da ich keine Medikamente dabei hatte, habe ich auch nichts eingenommen, war auch nicht nötig.

#7 |
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ad Pos. 15: Mir geht es bitte nicht um Diffamierung, schon gar nicht um die meiner Person. Beide Aussagen habe ich neurologischen Zeitschriften entnommen, die Quellen aber nicht aufbewahrt. Als Zahnarzt und Chirotherapeut kümmere ich mich um Spannungskopfschmerz und Verwandtes. Mein Bestreben ist keineswegs Prtofilierungssucht, sondern zu eruieren, ob Erfahrungen einen solchen Ansatz zulassen.
W. B.

#6 |
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Heilpraktiker Ingried Henritzi
Heilpraktiker Ingried Henritzi

ich habe gute Erfolge mit der Dornmethode-SMT in Verbindung mit Schröpfkopfmassage. Ein Versuch mit dieser Therapie ist auf jeden Fall sinnvoll ,
I.H.

#5 |
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Cord Wilhelms
Cord Wilhelms

Wie ist aber bei Kleinhirnläsionen zu erklären, dass Mirgäniker eine höhere Reaktionsgeschwindigkeit besitzen, wie ich auf einer Fortbildung erfuhr.

#4 |
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seit über 10 jahren selbst betroffen (u.a., z.n. sht) und mittlerweile “profi” auf diesem gebiet, gebe ich gerne meine persönlichen hilfreichen erfahrungen weiter.

genaue dosierung und auswahl der medikamentation wie z.b. imigran, sumatriptan, maxalt, aber auch diclo in den verschiedensten dareichungsformen, plus evtl. mcp und 1 grosse flasche coca cola (hilfreich aber nur bei patienten die ansonsten keine coke trinken).

a & o= prävention: engmaschinge akupunktur, qi gong, moderates ausdauertraining und regelmässige tagesabläufe

#3 |
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Ich habe aufgeschnappt, dass es gerade bei Migräne mit Aura Zusammenhänge mit der A.cerebelli sup. geben soll. Andererseits soll häufig durch Reklinieren des Kopfes eine Aura augelöst werden können. Sollte also die A. cerebelli sup. ihre Position mit der Körperstatik verändern, müssten Ansätze zur Behandlung von Spannungskopfschmerz greifen und Veränderungen der Aktivität von Nackenmuskeln könnten bei Stress der Mittler sein?
In der Hoffnung einer brauchbaren Diskussion
W. B.

#2 |
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Paula Risser
Paula Risser

Leider gehöre ich zu denjenigen, die doch öfter von Migräneanfällen mit Aura geplagt sind! Auch bei mir hat sich eine SEHR frühzeitige Behandlung mit Ibuprofen (z.B. hilft bei mir nur “dolormin migräne” eingenommen mit Cola) bewährt, da es -rechtzeitig eingenommen- zu 90% den Anfall verhindert.
Seitdem ich regelmäßig 3 – 5 x wöchentlich 90 Minuten NordicWalkiing mache, also entspannenden Ausdauersport, hat sich die Häufigkeit meiner Anfälle auf 2-3 pro Monat reduziert. Stress und Wetteränderungen sowie Hormonschwankungen sind nach-wie-vor Hauptauslöser.
P.R.

#1 |
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