Pädophilie: Kein Täter werden

13. November 2012
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Unter dem Kampagnenmotto "Mögen Sie Kinder mehr, als Ihnen lieb ist?" bietet das Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" pädophilen Männern Hilfe im Umgang mit ihrer sexuellen Präferenzstörung an und verhindert so möglicherweise den Missbrauch von Kindern.

Perverse Bestien, Kinderschänder, geisteskranker Abschaum – so werden Pädophile in der Gesellschaft gesehen. Bilder von älteren Männern mit Halbglatze und gierigem Blick kursieren in den Köpfen der Menschen, wenn sie sich einen Pädophilen vorstellen. Doch die Realität sieht anders aus. “Pädophile kommen in allen Altersklassen und Bildungsschichten vor”, weiß Till Amelung, Arzt und Verhaltenstherapeut am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité, Berlin. Pädophile Frauen gibt es jedoch nur äußerst selten.

Betroffene Männer bemerken oft schon als Jugendliche, dass sie sich von Kindern sexuell angezogen fühlen. Viele hoffen, dass es sich dabei nur um eine vorübergehende Phase handelt – doch dem ist häufig nicht so. “Die sexuelle Präferenz eines Menschen lässt sich nach der Pubertät nicht mehr verändern”, so Prof. Dr. Dr. Beier, Leiter des Instituts. “Eine Pädophilie beginnt im Jugendalter und bleibt bis zum Lebensende bestehen.” Nicht bei allen Pädophilen kommt es jedoch auch zu sexuellen Übergriffen an Kindern. Der Missbrauch kann auch indirekt über den Konsum von kinderpornographischen, oder weniger beschönigend ausgedrückt, über Darstellungen sexuellen Missbrauchs an Kindern im Internet erfolgen.

Etwa 60.000 sexuell missbrauchte Kinder pro Jahr

Die meisten sexuellen Übergriffe auf Kinder finden im sogenannten Dunkelfeld statt, das heißt sie sind nicht justizbekannt. “In Deutschland gehen wir von etwa 50.000 bis 60.000 sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche pro Jahr aus”, so Beier im Juni dieses Jahres auf der Konferenz “Cultural Entrepreneurship – Ethik und Gesundheit” an der Freien Universität Berlin. Die Täter, die Kinder sexuell belästigt oder missbraucht haben, lassen sich laut Beier in zwei große Gruppen einteilen: “40 Prozent aller Täter haben eine sogenannte sexuelle Präferenzstörung, eine Pädophilie. 60 Prozent aller Täter missbrauchen jedoch Kinder, ohne dass eine Pädophilie vorliegt. Bei ihnen führen Gründe wie Persönlichkeitsstörungen, geistige Behinderungen oder Unerfahrenheit bei Jugendlichen zu derartigen Handlungen. Auch in allgemein grenzverletzenden familiären Verhältnissen, in denen die Täter Väter, Stiefväter oder Brüder sind, kommt es zu sexuellen Übergriffen an Kindern”, so Beier. Diese Übergriffe werden als Ersatzhandlungen eingestuft. Denn in den Sexualfantasien der Täter kommen eigentlich Erwachsene vor – keine Kinder. Aus Angst vor gleichaltrigen Geschlechtspartnern und aufgrund fehlender sexueller Befriedigung weichen die Täter auf Kinder aus.

1 Prozent der Männer in Deutschland betroffen

Pädophile hingegen bauen eine emotionale Verbindung zu Kindern auf, verlieben sich in sie. Macht über einen anderen Menschen auszuüben oder ihm gar Schaden zuzufügen, sind nicht die Ziele des Pädophilen. “Diese Menschen bemerken, dass sie von kindlichen Körpern, und in manchen Fällen ausschließlich davon, sexuell erregt werden”, so Amelung. Nach Schätzungen, die auf Daten des Präventionsnetzwerkes “Kein Täter werden” und auf nationalen Studien beruhen, leidet etwa 1 Prozent der männlichen Bevölkerung in Deutschland, das sind etwa 250.000 Männer, unter einer Pädophilie.

Kein Täter werden!

Seit 2005 bekommen Menschen mit pädophiler Neigung Hilfe beim “Präventionsprojekt Dunkelfeld“, das zur Prävention sexuellen Kindesmissbrauchs ins Leben gerufen wurde. Anfangs nur in Berlin vertreten, gibt es aufgrund der hohen Nachfrage mittlerweile Standorte in Kiel, Hamburg, Hannover, Leipzig und Regensburg. Weitere Anlaufstellen sind geplant. Alle Standorte haben sich zu einem Präventionsnetzwerk mit gemeinsamen Qualitätsstandards zusammengeschlossen. Ziel ist es, ein bundesweites, flächendeckendes therapeutisches Angebot zu etablieren. Aufbau und Koordination des Präventionsnetzwerkes werden von Berlin aus vorangetrieben.

Betroffene profitieren an allen Standorten von einem kostenlosen, anonymen und durch die Schweigepflicht geschützten Behandlungsangebot für Menschen, die sich sexuell zu Kindern und/oder zu Missbrauchsabbildungen (sogenannter Kinderpornografie) hingezogen fühlen. Die Therapie integriert psychotherapeutische, sexualwissenschaftliche und medizinische Ansätze. Unter dem Kampagnenmotto “Damit aus Fantasien keine Taten werden!” erhalten die Betroffenen die Botschaft “Du bist nicht Schuld an deinen sexuellen Gefühlen, aber du bist verantwortlich für dein sexuelles Verhalten! Es gibt Hilfe! Werde kein Täter!.”

Wünsche aushaltbar machen

Wer sich beim Präventionsnetzwerk helfen lassen möchte, wird zunächst zu einem Gespräch eingeladen. “Dabei klären die Therapeuten zunächst, ob der Patient tatsächlich unter einer Pädophilie leidet”, erläutert Till Amelung das Prozedere. Trifft das zu, erhalten die betroffenen Personen im Rahmen einer Therapie Unterstützung, wie sie sexuelle Übergriffe durch direkten körperlichen Kontakt verhindern können. Auch den Konsum von Missbrauchsabbildungen im Internet sollen die Betroffenen unterbinden, denn zur Herstellung derartiger Bilder werden Kinder sexuell missbraucht. “In unserem Präventionsprojekt “Kein Täter werden” sprechen wir ausschließlich die Gruppe der tatsächlich Pädophilen an, denn bei ihnen ist die Rückfallgefahr für sexuelle Übergriffe sehr hoch.”

Neigung bis zum Lebensende

“Diese Menschen wissen, dass sie ein Problem haben. Und viele von ihnen wünschen sich nichts sehnlicher, als dieses endlich loszuwerden”, so Beier auf der Konferenz “Cultural Entrepreneurship – Ethik und Gesundheit”. Doch so einfach ist das nicht. Denn eine Pädophilie lässt sich nicht einfach wegtherapieren. Die Neigung bleibt nach derzeitigem Stand der Forschung und nach den Erfahrungen des Präventionsprojekts bis zum Lebensende bestehen. Die Therapie zielt nicht darauf ab, die pädophilen Gefühle aufzulösen, sondern den Patienten zu zeigen, wie sie das eigene Verhalten kontrollieren können, um ihre sexuellen Wünsche aushaltbar zu machen.

Freiwillig und ohne Gerichtsverfahren

Für die Aufnahme in den Therapiegruppen gibt es außer dem Vorliegen einer echten Pädophilie noch weitere Voraussetzungen. Erstens: Die Männer müssen freiwillig kommen. “Das hat therapeutische Gründe”, so Amelung. Mit Männern, die auf Druck von außen kommen, ließe sich nicht erfolgreich arbeiten, erklärt er. Zweitens: Bei keinem der Patienten darf ein Gerichtsverfahren wegen eines Sexualdeliktes anhängig sein. Denn dann könnte die Therapie eventuell als Mittel zur Strafmilderung missbraucht werden. Basierend auf Erkenntnissen aus der Straftätertherapie findet die Verhaltenstherapie in Gruppen statt. Hier lernen die Männer, aus der Spirale von sexueller Anziehung bis hin zum Übergriff auszubrechen. Leidet ein Patient unter großer Dranghaftigkeit sexueller Impulse, geringem sexuellem Kontrollvermögen oder erheblichem Leidensdruck aufgrund der sexuellen Fantasien und Impulse, bieten die Ärzte und Therapeuten des Netzwerkes ihm auch medikamentöse Unterstützung an. Diese erfolgt durch Präparate, die sexuelle Impulse dämpfen können.

Medikamenten-Einsatz

Meist kommen Antidepressiva (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) oder Antiandrogene und Medikamente, die über einen zentralen Mechanismus die Testosteronproduktion in den Hoden unterbinden (GnRH Analoga, Wirkstoff Triptorelin), zum Einsatz. Diese synthetischen Analoga des Neurohormons Gonadotropin-Releasing-Hormon (GnRH) verursachen eine Absenkung des Testosteron-Spiegels im Blut. Die Nebenwirkungen der Antiandrogene und GnRH-Analoga können erheblich sein, da das Testosteron, dessen Wirkung unterbunden wird, für den männlichen Stoffwechsel von zentraler Bedeutung ist. Es kann zu Veränderungen im Fettstoffwechsel, im Wärmehaushalt, Muskelstoffwechsel, Knochenstoffwechsel und im allgemeinen Antrieb kommen. “Medikamente verabreichen wir entweder Therapie begleitend oder als Teil eines Schutzplans, bei dem die Männer nur dann Medikamente einnehmen, wenn sie merken, dass ihre Sexualität einen übermäßig hohen Stellenwert in ihrem Leben einnimmt”, erklärt Amelung.

Zwanghaftes Ausleben von sexuellen Phantasien?

Nicht alle Pädophilen werden zu Kinderschändern – real oder im Internet. Warum manche Pädophile ihre sexuelle Neigung jedoch zwanghaft ausleben müssen, erläutert Till Amelung folgendermaßen: “Wissenschaftler diskutieren derzeit über ein möglicherweise eigenständiges Krankheitsbild der Hypersexualität, bei der Menschen ihre Sexualität nicht kontrollieren können. Diese kommt auch ohne sexuelle Präferenzbesonderheiten vor, besonders häufig aber beim Vorliegen besonderer Sexualpräferenzen, wie sie bei einer Pädophilie vorliegen. Denkbar wäre, dass Hypersexualität und die Präferenzstörungen gemeinsame Pathomechanismen haben.” Soweit die biologische Erklärung. Auch psychologisch lässt sich dieses Phänomen erklären: “Männer, die sich ausschließlich von Kindern sexuell angezogen fühlen, haben nie die Möglichkeit, ihr sexuelles Bedürfnis legal zu befriedigen. Unsere Patienten schildern, dass die Suche nach der sexuellen Befriedigung dadurch eine immer stärkere Bedeutung in ihrem Leben gewinnt”, so Amelung. Vollständig geklärt sind die Zusammenhänge bisher wissenschaftlich nicht. Denn selbst bei exklusiv Pädophilen liegt nicht immer auch eine Hypersexualität vor.

Erfolg der Therapie

Ziel des Präventionsnetzwerkes ist nicht etwa die Heilung von Pädophilen, sondern den Konsum von Missbrauchsabbildungen im Internet und sexuelle Übergriffe auf Kinder zu verhindern. “Es gibt bestimmte Faktoren, die gegeben sein müssen, damit es zu einem sexuellen Übergriff kommt”, sagt Amelung. Als Risikofaktoren gelten etwa Wahrnehmungs- und Verhaltensstörungen, ein Mangel an Einfühlungsvermögen, psychische Auffälligkeiten oder Missbrauch von Rauschgift. Doch es gibt keine Punkte, die die Psychologen abhaken können. Jeder Fall ist anders.

Die häufigsten Risikofaktoren erfasst das Präventionsteam durch Befragungen der Patienten in regelmäßigen Abständen, um den Erfolg der Therapie zu messen. “Aus diesen Befragungen können wir ableiten, dass wir positiv auf diese Faktoren einwirken können”, resümiert er. Der positive Effekt blieb auch über den Beobachtungszeitraum eines weiteren Jahres bei vielen Patienten stabil erhalten. “Ob wir tatsächlich das Übergriffsverhalten reduzieren können, ist momentan schwer zu beurteilen, da dazu ein längerer Beobachtungszeitraum nötig wäre”, fügt Amelung hinzu. Die Förderung, anfänglich durch die VolkswagenStiftung, nun durch Bundesmittel, sieht bisher nur ein Jahr Therapie und ein Jahr “Follow up” vor.

Hohe Nachfrage

Das Projekt “Kein Täter werden” ist erfolgreich. Allein 1800 Hilfesuchende haben sich bisher an die Berliner Anlaufstelle gewendet. Dazu kommen Anfragen von Privatpersonen und Organisationen, die Beratung im Umgang mit pädophilen Menschen wünschen, sowie von Wissenschaftlern aus anderen Ländern, die interessiert sind, diesen therapeutischen Ansatz in ihren Heimatländern aufbauen zu wollen. In Berlin wurden bisher über 700 Betroffene diagnostisch erfasst, 374 von ihnen konnte ein Therapieangebot gemacht werden. 80 Männer haben die Therapie am Standort Berlin abgeschlossen. Derzeit befinden sich 30 in Therapie.

Ähnlich gut ist die Nachfrage des therapeutischen Angebots an den anderen Projektstandorten. So eröffnete vor einem Jahr in Leipzig das Forschungs- und Präventionsprojekt Dunkelfeld seine Ambulanz. “Wir hatten bereits an die 90 Anrufer, die Kontakt zu unserer Ambulanz aufgenommen haben”, sagt Projektleiter Prof. Henry Alexander. Von 44 abgeschlossenen klinischen Interviews konnten bisher 30 Therapieangebote unterbreitet werden. Die erste, regelmäßige Gesprächsgruppe besteht seit Juni 2012, und auch für eine zweite gibt es bereits genügend Anmeldungen.

Neigung ist legitim – Handlung nicht

Die hohe Nachfrage nach Hilfe sieht Beier nicht unwesentlich der zielgerichteten Medienarbeit geschuldet. “Unsere Öffentlichkeitsarbeit kommuniziert, dass sich keiner von uns seine sexuelle Präferenz aussucht, das gilt auch für die pädophile Neigung. Wir dürfen diese Neigung nicht moralisch verurteilen, lediglich das Verhalten, das daraus eventuell resultiert”, erläuterte er auf der Konferenz “Cultural Entrepreneurship – Ethik und Gesundheit”. Nur so könne man die Betroffenen erreichen, bevor sie einen Übergriff begehen und ihnen helfen, ihr Verhalten lebenslang zu kontrollieren.

Kampagne bald international?

Das bisher weltweit einmalige Projekt zur Primärprävention im Dunkelfeld findet auch international Beachtung. Das Netzwerk erhielt bereits Interessenten-Anfragen aus Schweden, Dänemark, Israel, Kanada und den USA. “Durch unser Rechtssystem und die darin verankerte garantierte Schweigepflicht in therapeutischen Beziehungen haben wir in Deutschland einen enormen Vorteil gegenüber beispielsweise den USA. Dort müsste ein Therapeut einen Betroffenen melden, der in einem Therapiegespräch mitteilt, dass er bereits einen sexuellen Übergriff begangen hat”, erklärte Beier im Zuge der Projektvorstellung auf der Konferenz. Dass Pädophile dort in ähnlich hoher Anzahl Hilfe suchen würden, bezweifelt er.

117 Wertungen (4.57 ø)
Medizin

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10 Kommentare:

Ärztin

Vorausgesagtes trifft nicht nur auf Frau Oetken sondern auch auf “Doroina” zu.

#10 |
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Ärztin

Sehr geehrter Herr “Psychiater”
Sie disqualifizieren Frau Oetken, weil Sie Erlebtes zur Grundlage ihrer Ausführungen macht?. Meines Erachtens sind Frau Oetkens Erkenntnisse keineswegs rein emotional gefärbt, sondern sie rationalisiert ihre Erlebnisse,forscht hoch motiviert und kommt zu unpopulären Schlüssen. Selbstverantwortung fordert Sie statt Opferhaltung und gemeint ist die Opferhaltung der Täter!
Was für ein Mensch versteckt sich eigentlich hinter dem namenlosen Pseudonym “Psychiater”? Ein Mensch, der hinter einer Fassade versteckt nicht zeigen möchte wer er wirklich ist? Ein Mensch der für das gesagte/geschriebene nicht mit dem eigenen Namen Verantwortung tragen möchte?
Ausgerechnet Frau Oetken verbal zu disqualifizieren lässt sehr tief hinter die Fassade des “Psychiaters” blicken.
Frau Oetken hat es nicht nötig sich hinter einer Fassade zu verstecken, sie ist authentisch.

#9 |
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Student

“Nicht bei allen Pädophilen kommt es jedoch auch zu sexuellen Übergriffen an Kindern.”

Dieser Artikel versucht Pädophilie objektiv und nicht gleich diskriminierend anzugehen, versagt aber bereits zu Beginn mit oben von mir zitiertem Satz.
Ich vermute die allerwenigsten Pädophilen leben ihre Neigungen tatsächlich real aus. Das wäre bei angenommenen 1% der Männer in Deutschland katastrophal.

Kein Mensch kann etwas für seine Neigungen, wohl aber für seine Taten. Dieser Grundsatz ist sicher richtig, und die meisten Pädophilen halten sich daran, so vermute ich.
Ihnen sollte geholfen werden, und der erste Schritt wäre der Abbau eines gesellschaftlichen Tabus in einem Land, das sich als modern und wissenschaftlich fortchrittlich gibt.

#8 |
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Horst Rieth
Horst Rieth

“emotionale bindung” schließt mord oder körperverletzung nicht aus! die bindung (fesslung) war dann subjektiv zu fest.
die natur ist nicht gerecht, weder zum gerichteten noch zum richter, weder zum “pädophilen” noch zum opfer.
die statistik fordert beides und die menschliche depression die schwere der misshandlung.
jede vermeidens- und minderungsstrategie, ist allemal besser, als vervehmung und tabuisierung.
ich kann nichts dafür, dass ich “normal” bin und “gottfroh” nicht opfer noch pädophil zu sein.

#7 |
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Angelika Oetken
Angelika Oetken

¿Doroina:
ein wichtiger Aspekt.

Wenn Sie mal sexualisiert übergriffige, physisch und emotional ihre Söhne missbrauchende Mütter aus nächster Nähe erleben und beobachten, wie die mit ihren Kindern umgehen und was das für Auswirkungen hat, dann bekommt der Begriff “Muttersöhnchen” einen besonders fiesen Beigeschmack.

Das Schlimme ist, dass sich die Neigung zu Grenzverletzungen und Rollenprojektion (“du bist mein kleiner Mann”), der Mangel an Empathie und die Unfähigkeit, tragfähige, echte Beziehungen einzugehen häufig von Generation zu Generation fortsetzen und dass in unserer Kultur erst ganz langsam wirksame Hilfestrukturen dafür aufgebaut werden.

Ich setze sehr auf das Projekt “Familienhebammen” und hoffe, dass dort Menschen tätig werden, die gegen den “Muttimythos” weitgehend immun sind, echte Hilfe anbieten und zum Kinderschutz beitragen.

Ein weiteres Problem ist, dass Kinder in unserem Land keine eigene Rechtsvertretung haben. D.h. erst wenn Zeichen schwerster physischer Vernachlässigung offenbar werden oder wenn die Kinder straffällig oder psychiatrisiert werden, wird der Staat aktiv.

Eigentlich sollte es für jedes Kind eine Art “staatlicher Interessenvertreter” geben, der im Zweifelsfall dafür sorgt, dass die Grundrechte von Kindern gewahrt und geschützt werden.

So was wie ein professioneller gesetzlicher Pate.

Wenn Täter und Täterinnen und ihre Unterstützer sich mit solchen Leuten konfrontiert sehen, dann könnte sich auch nachhaltig was zum Guten ändern.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, Betroffene sexualisierter Misshandlung in der Kinder

#6 |
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Diplom Psychologe Dr. Rainer Balloff
Diplom Psychologe Dr. Rainer Balloff

Berlin, den 14.11.2012
Angesprochen werden sollten auch die Schwierigkeiten, die im Gerichtsverfahren (Familiengericht oder Strafgericht) auftreten, wenn ein Angehöriger oder eine nahe Bezugsperson des Kindes, sich dem Kind in sexueller Absicht nähert, das Kind oder auch das Stiefkind berührt (z.B. streicheln und küssen am Po, Hals, Rücken, Gesicht, Schenkel oder an sich drücken, ohne jedoch die Geschlechtsorgane zu berühren) oder sogar sexuelle Übergriffe zuz Lasten des Kindes vornimmt.
Ale langjähriger Gerichtsgutachter habe ich es beispielsweise noch nie erlebt, dass eine meist männliche Bezugsperson einräumt, sich diesem Kind in sexueller Absicht genähert oder sogar sexuell missbraucht zu haben. Die übliche Glaubhaftigkeitsuntersuchung des Kindes reicht oft nicht aus bzw. ist angeichts eines sehr jungen Kindes unter 4 Jahren nicht möglich. Und die Polygrafie ist in Deutschland seit 1999 verboten, also die “physiologische” Arbeit mit der in Verdacht geratenen Person mit dem sog. Lügendektor.
Dipl.-Psych. Dr. Rainer Balloff

#5 |
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Dr. med. dent. Jan Treiber
Dr. med. dent. Jan Treiber

Ein ausgewogener Artikel. Aber man ersetze das Wort “Pädophilie” mal durch “Homosexualität” und man hätte den selben Artikel in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts ganz genau so lesen können. Auf dem Standpunkt stehen auch heute noch Einige aus konservativen und religiösen Kreisen. Das ist auch ein Grund, warum diese beiden Dinge immer gerne in einen Topf geworfen werden, obwohl sie herzlich wenig miteinander zu tun haben. Man wird noch viel an diesem Thema diskutieren müssen. Das simple und stammtischgängige schwarz-weiß- Schema “Täter-Opfer” greift hier jedenfalls zu kurz, aber das wird ja gut dargestellt in diesem Artikel.

#4 |
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Fachpfleger Anästhesie und Intensivmedizin Michael Lang
Fachpfleger Anästhesie und Intensivmedizin Michael Lang

Mir bietet sich ein sehr gemischtes Bild. Einerseits finde ich Aufklärung zur Thematik wichtig um sensibilisierung zu erzeugen. Andererseits möchte auch ich keine Verharmlosung der Thematik. Insofern ist dieser Artikel ein guter.
ABER Kritik ist zu äussern am deutlich einseitigen Bild welches hier offeriert wird:
Männer schlagen, Männer vergewaltigen, Männer missbrauchen, Männer sind pädophil.Wenn dann ist das bei Frauen eher eine Ausnahme. Hier schließe ich mich Frau Oetken an
Zitat “Diese Sicht ist offenbar weniger attraktiv für unsere Gesellschaft. Denn sie berührt eines der größten Tabus, was wir haben – Frauen als Täterinnen, respektive die missbrauchende Mutter. ” Zitatende.
Die Aussage der Autorin “Frauen gibt es jedoch nur äußerst selten” zweifel ich deshalb sehr deutlich an.

#3 |
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Angelika Oetken
Angelika Oetken

Dieses Projekt folgt der Annahme, bei “Pädophilie” handele es sich um eine unveränderbare Prägung.
Es gibt aber noch einen anderen therapeutischen Zugang, den analytischen, nach dem es sich bei “Pädophilie” um die Folge einer frühen Traumatisierung mit Bindungsstörung handelt.

Diese Sicht ist offenbar weniger attraktiv für unsere Gesellschaft. Denn sie berührt eines der größten Tabus, was wir haben – Frauen als Täterinnen, respektive die missbrauchende Mutter.

Psychoanalytiker gehen davon aus, dass “Pädophilie” zwar ursächlich behandelt werden kann, aber eine ähnlich schlechte Prognose hat wie eine schwere Suchterkrankung.

Und wenn man diese Perspektive einnimmt, dann haben die “Pädophilen” viel erreicht: nämlich dass ihre Erkrankung zunehmend von der Gesellschaft als unveränderbare, aber kontrollierbare Neigung akzeptiert wird.

Wie auch immer wir das finden sollen.

Wer sich übrigens vor allem mit Opfern über “Missbrauch” unterhält, der wird schnell herausfinden, dass die meisten Täter Eines gemeinsam haben: die Banalität des Bösen.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, Ergotherapeutin, Betroffene sexualisierter Misshandlung in der Kindheit

#2 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

guter Artikel

#1 |
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