Brustkrebs: Hilfe von B&T

24. Juli 2009
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Ein Forscherteam hat die Bedeutung des Immunsystems bei der Prognose von Mammakarzinomen aufgedeckt: Sind B- und T-Lymphozyten im Tumorgewebe besonders aktiv, verringert sich deutlich die Wahrscheinlichkeit, dass Fernmetastasen auftreten.

Jedes Jahr erkranken in Deutschland 57000 Frauen an Brustkrebs. Früherkennungsprogramme und bessere Behandlungsmöglichkeiten haben in den vergangenen Jahren die Wahrscheinlichkeit, dass die Krankheit tödlich ausgeht, auf rund 30 Prozent gesenkt. Besonders gut sind die Heilungschancen, wenn der Tumor sich auf die Brust beschränkt und noch keine angrenzenden Lymphknoten befallen hat. Da sich Brustkrebs jedoch rasch im Körper ausbreiten kann, tauchen bei einigen dieser Patientinnen nach einer Operation trotzdem Metastasen auf.

Mediziner haben deshalb Kriterien aufgestellt, um besser abschätzen zu können, welche dieser Patientinnen Gefahr laufen, Metastasen zu entwickeln. Neben klassischen Kriterien wie Tumorgröße und Anzahl der befallenen Lymphknoten spielen dabei molekulare Faktoren eine immer wichtigere Rolle. Patientinnen zum Beispiel, deren Tumorzellen sich schnell teilen und wenige Östrogenrezeptoren aufweisen, haben normalerweise eine schlechte Prognose.

Immunzellen verhindern Metastasen

Krebsforschern der Universität Mainz ist es nun gelungen, einen weiteren Faktor zu identifizieren, der eine verlässlichere Prognose bei Brustkrebspatientinnen ohne Befall der Achsellymphkoten erlaubt. Wie die Mediziner um Marcus Schmidt in der Zeitschrift Cancer Research berichten, erhöhen sich die Chancen der Patientinnen, nicht von Metastasen befallen zu werden, wenn im Tumorgewebe vermehrt Immunzellen vorhanden sind. Schmidt und seine Mitarbeiter analysierten im Rahmen einer retrospektiven Studie Gewebeproben von 200 Brustkrebspatientinnen, deren Achsellymphknoten noch nicht befallen waren und die im Zeitraum von 1988 bis 1998 operiert worden waren.

Im Gegensatz zur heutigen Vorgehensweise erhielten sie anschließend keine weitere medikamentöse Therapie. „Das macht die Auswertung einer solchen Studie wesentlich einfacher, da der Einfluss von Medikamente nicht mitberücksichtigt werden muss“, erklärt Schmidt. Im Tumorgewebe der Patientinnen untersuchten die Forscher die Aktivität von fast 2600 Genen. Diese waren auf einem Chip so angeordnet, dass sie Cluster bildeten, die unterschiedliche biologische Prozesse repräsentierten.

Bei 95 Patientinnen wies vor allem ein Cluster von Genen, die dafür sorgen, dass sich Zellen schnell teilen, eine hohe Aktivität auf. Bei 28 dieser Patientinnen traten innerhalb von fünf Jahren Fernmetastasen auf; die übrigen blieben davon verschont. „Eigentlich hätte man vermuten können, dass aufgrund der hohen Zellteilungsrate, die Mehrzahl der Patientinnen Metastasen entwickeln“, sagt Schmidt. „Wir fragten uns, warum nicht alle Patientinnen mit rasch wachsenden Krebszellen das gleiche Schicksal teilten.“

Gene von B- und T-Lymphozyten zeigen hohe Aktivität

Die Forscher stellten daraufhin fest, dass bei den Patientinnen ohne Metastasen zwei weitere Gen-Cluster eine erhöhte Aktivität aufwiesen. Diese Cluster enthalten Gene, die in Immunzellen angeschaltet werden. Diese Gene tragen die Bauanleitung für Proteine, die in B- und T-Lymphozyten eine wichtige Rolle spielen, beispielsweise Immunglobuline und T-Zell-Rezeptoren. Im Moment sind die Forscher um Schmidt dabei, einzelne dieser Gene zu identifizieren.

Der Mediziner vermutet, dass die Immunzellen in das Tumorgewebe eindringen und dort Krebszellen bekämpfen. „Allerdings ist noch völlig unklar, warum bei manchen Patientinnen die Körperabwehr aktiv wird und bei anderen nicht“, sagt Schmidt. „Genauso wenig wissen wir, wie Immunzellen verhindern, dass sich einzelne Tumorzellen ablösen und in den Blutkreislauf wandern.“

Um Ihre Ergebnisse abzusichern, analysierten die Mainzer Wissenschaftler zusätzlich zwei bereits von anderen Arbeitsgruppen veröffentlichte Studien mit Genexpressionsdaten von 588 weiteren Brustkrebspatientinnen ohne Befall der Achsellymphknoten – beide mit dem gleichen Resultat wie bei der Mainzer Patientengruppe. „Für uns ist dies die Bestätigung, dass der Status des Immunsystems eine ähnlich hohe Aussagekraft bei der Prognose von Brustkrebs besitzt wie die Teilungsrate der Tumorzellen“, sagt Schmidt.

Prospektive Studie fehlt

Andere Experten dagegen fordern eine weitere Studie: „Das ist zwar eine sehr interessante Analyse, aber ihre tatsächliche Bedeutung müsste man im Rahmen einer prospektiven Studie mit einer größeren Anzahl von Patientinnen überprüfen“, sagt Professor Manfred Kaufmann, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde am Klinikum der Frankfurter Universität und Kuratoriumsvorsitzender der Deutschen Krebsstiftung. Eine solche Studie könnte eventuell darüber entscheiden, ob zukünftig nur noch die Brustkrebspatientinnen ohne Lymphknotenbefall eine adjuvante Chemotherapie erhalten, deren Immunzellen wenig aktiv sind.

Auch Schmidt würde momentan aufgrund des retrospektiven Charakters seiner Untersuchung keiner Patientin empfehlen wollen, auf eine vorbeugende Chemotherapie mit ihren vielen Nebenwirkungen zu verzichten. „Zwar reicht eine Operation aus, um rund 70 Prozent der Patientinnen ohne befallene Lymphknoten auch ohne weitere Therapie zu heilen“, sagt Schmidt, „aber da wir nicht genau wissen, wen wir damit erfolgreich behandeln und wen nicht, gehen wir auf Nummer sicher und geben fast jeder dieser Patientinnen zusätzlich eine Chemotherapie.“

Schmidt hofft aber, dass schon bald mit Hilfe seiner Arbeit Algorithmen für die Prognose entwickelt werden, die den Status des Immunsystems mit einbeziehen. „Unser Ziel muss es sein, dass wir nicht nur so wenig Patientinnen wie möglich übertherapieren sondern auch, dass wir weniger nebenwirkungsreiche Therapie entwickeln“, fordert Schmidt. Eine Möglichkeit sieht er darin, mit einer Impfung das Immunsystem von Brustkrebspatientinnen zu stimulieren.

Impfung könnte Chemotherapie vermeiden

Mit dieser Ansicht steht der Mediziner nicht alleine da: „ Eine adjuvante Vakzinierung bei Mammakarzinomen könnte helfen, Chemotherapien mit ihren oft dramatischen Langzeitfolgen seltener anzuwenden“, sagt Jalid Sehouli, stellvertretender Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Berliner Charité. Da die bisherigen Experimente auf diesem Gebiet allerdings noch keine wirklich überzeugenden Ergebnisse erbracht haben, gehen beide Wissenschaftler davon aus, dass noch einige Zeit vergehen wird, bis Impfungen gegen Tumorzellen tatsächlich Einzug in den klinischen Alltag halten.

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