Klifo: Ärzte als Patientenflüsterer

24. Juli 2009
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Die Botschaft ist klar formuliert: Ohne die Vermittlung von Patienten, die sich als Studienteilnehmer für neue Therapien zur Verfügung stellen, gerät die Forschung in eine Sackgasse. Mehr als 16 Millionen Menschen werden allein in den USA benötigt, um Studien voranzutreiben.

Chronische Schmerzen in den Beinen und damit verbunden seit Jahren anhaltende Beschwerden quälten die rüstige Amerikanerin noch vor kurzem, heute aber steht fest: Patientin Lynn Crawford geht es wieder gut, und sie wird Medizingeschichte schreiben. Denn Crawford gilt als Paradebeispiel für eine neue Strategie der NIH, wonach Ärzte ihren Patienten ins Gewissen reden und auf diese Weise diese zur Teilnahme an klinischen Studien bewegen sollen.

Tatsächlich geht der am NIH forschende Bioethiker und Onkologe Ezekiel J. Emanuel einen auf den ersten Blick harschen Weg. Wer als Patient auf die Teilnahme an klinischen Studien verzichte, verweigere der Allgemeinheit einen wichtigen Dienst. Würde beispielsweise der Anteil der Studienwilligen Krebspatienten von fünf auf zehn Prozent steigen, ließe sich die Studien Fertigstellung von durchschnittlich vier auf nur noch einem einzigen Jahr senken. „Die Pflicht, klinische Forschung aktiv zu unterstützen ist auch dann gegeben, wenn die Patienten zuvor Krankenversicherungsbeiträge bezahlten und damit verbunden ohnehin Medikamente beziehen“, folgert Emanuel.

Den fehlenden Willen der meisten Patienten sollen nun Ärzte ans Tageslicht befördern. Anders als die bisherigen Strategien, die in erster Linie auf den Nutzen von Studie für den einzelnen Teilnehmer setzten, möchte Emanuel die Doktoren zu aktiven Recruitern in Weiß verstanden wissen. Dass wirksame Medikamente auf klinische Studien der Vergangenheit beruhen sei nämlich vielen Patienten gar nicht bewusst – genau diese Wissenslücke könnten die Ärzte durch Aufklärung schließen. Weitaus deutlicher wird Emanuel, wenn es um die Bereitschaft der Probanden geht: „The Obligation to Participate in Biomedical Research“ titelte der Leiter des Department of Bioethics at The Clinical Center of the National Institutes of Health seinen Artikel im Fachblatt JAMA.

Klinische Studie als staatsbürgerliche Pflicht

Die Teilnahme an klinischen Studien als staatsbürgerliche Pflicht? Bisher galten derartige Theorien als wenig aussichtsreich, um die Akzeptanz der Bevölkerung zu steigern. Weil drei Viertel aller Studien ausschließlich von der Pharmaindustrie finanziert und die gewonnen Erkenntnisse in patentgeschützten Präparaten weniger Unternehmen münden, stoße die neue Taktik zwar noch auf Kritik, schreibt Emanuel. Sich nämlich an Studien zu beteiligen, die im Erfolgsfall zunächst Milliarden in die Kassen der Pharmaindustrie spülten, habe für viele Menschen mit dem Dienst an der Allgemeinheit wenig zu tun. Doch der NIH-Forscher wirft ein weiteres Argument in die Waagschale. „Nach Ablauf des Patentschutzes kommen die entsprechenden kostengünstigen Generika auf den Markt“, erklärt Emanuel, „und das Wissen über die Wirkung eines Präparates ist ohnehin von Anfang an Allgemeingut“.

Der unkonventionelle Vorstoß des NIH-Bioethikers könnte auch hierzulande Schule machen. Weniger als 6 Prozent aller Erwachsenen nehmen in Deutschland an klinischen Studien teil, und das, obwohl es an seriös aufgearbeiteten Fakten nicht mangelt. So informiert das KKS Netzwerk Koordinierungszentren für Klinische Studien der Berliner Charité in einer eigens dazu erstellten Patientenbroschüre über das Verfahren, nur: Die Bereitschaft mitzumachen steigert die Kampagne kaum. Selbst die akribisch aufgelistete Armada von Beratungsstellen vermag die Bundesbürger nur wenig zu mobilisieren. Nützlich, ja – aber warum mitmachen?

Dass angesichts dieser Crux gerade niedergelassene Ärzte und Doktoren in Krankenhäusern mehr erreichen könnten als die Verteilung von Broschüren und Flyern allein, glaubt Emanuel in den USA anhand einer ganz anderen Muffel-Einstellung amerikanischer Staatsbürger zu erkennen: Die Bereitschaft wählen zu gehen ging jenseits des Atlantik bekanntlich kontinuierlich zurück – bis Barack Obama den Menschen klarmachte, dass der Gang zur Wahlurne eine staatsbürgerliche Pflicht ist.

Auch wenn die Wahlbeteiligung nach wie vor zu wünschen übrig lässt, die prinzipielle Akzeptanz des neuen Pflichtbewusstseins im politischen Bereich lässt Emanuel auch in Sachen klinische Studien hoffen: „90 Prozent der Amerikaner erkennen mittlerweile den Vote als Pflicht“.

53 Wertungen (3.25 ø)
Forschung

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11 Kommentare:

Wenn wir alle gut und edel wären, nur dem Allgemeinwohl verpflichtet, wäre gegen eine staatsbürgerliche Pflicht zur Förderung der Forschung nichts einzuwenden. Tatsache ist aber, dass wir das nicht sind. Die forschende Pharmaindustrie genauso wenig wie die Milchbauern, die Ärzte oder sonst Jemand. Pharmaforschung wird immer im Profitinteresse der Industrie betrieben, das in zweiter Linie auch mitunter nützlichen wissenschaftlichen Fortschritt mit sich bringt ¿ oder auch nicht. Man bedenke doch beispielsweise nur, wie viel Studien betrieben werden, bei denen lediglich ein neues Patent ohne wirklich neuen Nutzen erarbeit werden soll. So lange aber das Privatinteresse die Triebfeder ist so lange kann und darf niemand gezwungen werden, sich an so etwas zu beteiligen. Dieser Ideologe, der den Quatsch in den USA verfasst hat, sollte möglichst schnell vergessen werden. Diskutieren kann man mit solchen Leuten nicht.

#11 |
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Ute Narewski
Ute Narewski

Mit einer chronischen Erkrankung ist man im Laufe der Jahre immer mal wieder freiwillig Versuchskaninchen, jeweils mit der Hoffnung, dass das Neue mehr Erfolg hat. Aber Gesunde würde ich nicht mit Medikamenten verderben wollen.

#10 |
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Kristina Walker
Kristina Walker

Hui, da gehen die Emotionen durch…
Ich finde eine Pflicht zur Studienteilnahme auch unethisch.
Noch unethischer finde ich aber die Haltung, dass es selbstverständlich zu sein scheint, Tiere in Veruchslaboren zu quälen und zu töten.
Vielleicht sollten wir uns damit abfinden, daß wir an dem einen oder anderen Leiden eingehen, wir sind ja eh zu viele auf diesem Planeten.

#9 |
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Prof. Dr. Reinhard Breit
Prof. Dr. Reinhard Breit

Welches Thema man in dieser Republik auch aufwirft, es kommt immer die gleiche Suppe aus Amerika- und Fortschrittsfeindlichkeit, Egoismus und Neidideologie auf den Tisch. Das ganze dann noch durch das Sieb der Unkenntnis getrieben. Zum Kotzen, dieses Gericht!

#8 |
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Professor Dr. Claus Schwarze
Professor Dr. Claus Schwarze

Freiwilligkeit muss das oberste Prinzip sein

#7 |
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Naturwissenschaftlerin

Klinische Studien sind elementar für die Entwicklung neuer Medikamente bzw. neuer Einsatzgebiete bereits zugelassener Medikamente. Dennoch hat das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen oberste Priorität vor allem anderen. Ein Arzt kann und sollte über eine Studie aufklären und informieren, aber nicht dazu raten! Der Patient muss dies selbst entscheiden. Eine Argumentation, dass die Studienteilnahme Pflicht ist für einen guten Staatsbürger halte ich für unethisch.

#6 |
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Herr Jochen Zeschky
Herr Jochen Zeschky

Die Frage ist doch, wie wollen wir in Zukunft neue Medikamente zugelassen bekommen oder? Ohne Studien gibt es keine neue Medikamente.

#5 |
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Marcus Nabholz
Marcus Nabholz

Muss man denn immer allen Mist, der aus Amerika kommt mitmachen?

#4 |
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Jeanette Kreuzer
Jeanette Kreuzer

Komm aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus. So einen Druck aus zu üben halte ich für absolut unethisch. Wo steht denn da noch der Grundgedanke der Deklaration von Helsinki. Wenn eins unantastbar sein sollte dann der Freiwilligkeits Gedanke der Teilnahme an einer Studie

#3 |
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Tierversuche sind in Deutschland so ziemlich verboten!

#2 |
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There we go..

#1 |
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