Kunstfehler: Das hässliche Promill-Problem

29. August 2013
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Medizinische Kunstfehler liegen hier zu Lande im Promillebereich. Das hält Patienten nicht davon ab, immer häufiger vor den Kadi zu ziehen. Zwei internationale Studien zeigen jetzt, was Hausärzte und plastische Chirurgen tun sollten, um juristischen Ärger zu vermeiden.

In den Medien schlagen Kunstfehler-Prozesse regelmäßig hohe Wellen: Anfang des Jahres verurteilte das Landgericht Bonn zwei Klinikärzte zu 400.000 Euro Schmerzensgeld und zur Haftung für alle weiteren Folgeschäden ihrer Behandlung (Az.: 9 O 266/11). Kollegen hatten einer Patientin während der Entbindung ungeeignete Mittel zur Wehenbeschleunigung verabreicht. Nachdem die Herztöne des ungeborenen Kindes abgefallen waren, vergingen 35 Minuten bis zur Not-OP – statt maximal 20 Minuten, wie laut Richtern zu erwarten gewesen wäre. Damit blieben beim Neugeborenen körperliche und geistige Behinderungen zurück.

Viele Anträge – wenige Kunstfehler

Einzelfälle wie dieser ändern aber nichts an der grundlegenden Tendenz: Medizinische Kunstfehler bleiben auf gewohnt niedrigem Niveau, berichtet die Bundesärztekammer (BÄK). Im niedergelassenen Bereich wurden 2.405 Fälle überprüft, im Krankenhausbereich waren es 6.212. Bis Mitte 2013 lagen 7.578 Entscheidungen der Gutachterkommissionen und der Schlichtungsstellen vor. Nach Krankheitsbildern geordnet, waren Gonarthrosen an der Spitze, gefolgt von Koxarthrosen und Unterschenkel-, Sprunggelenks- beziehungsweise Femurfrakturen. Von 2.405 Antragsgegnern kamen im niedergelassenen Bereich 602 aus der Unfallchirurgie beziehungsweise Orthopädie, weitere 322 waren Hausärzte, 267 Allgemeinchirurgen, 202 Ophthalmologen und 199 Internisten. In Krankenhäusern standen 1.999 Unfallchirurgen am Pranger, 1.132 Allgemeinchirurgen, 502 Internisten, 361 Gynäkologen und 230 Neurochirurgen. Gutachter fanden bei 5.298 Fällen keine Mängel, und 391 Fehler waren ohne Kausalität, das heißt ohne begründete Ansprüche gegen Mediziner. Darüber hinaus kam es bei 1.889 Patienten zu einer Schädigung durch Kunstfehler. Bezogen auf 18 Millionen Behandlungen in Krankenhäusern und 540 Millionen bei Vertragsärzten liegt dieser Wert im Promillebereich. An sich eine gute Nachricht, doch gehen bei der Schiedsstelle mehr und mehr Anträge ein. Das Volumen hat sich im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent erhöht – möglicherweise aufgrund öffentlicher Diskussionen zum Patientenrechtegesetz. Zwei wissenschaftliche Publikationen bringen jetzt an den Tag, was Kollegen gegen Prozesse unternehmen sollten.

Plastische Chirurgen unter Dauerbeschuss

Für die USA untersuchte Jean Anderson Eloyvon von der New Jersey Medical School, wie es speziell bei gesichtschirurgischen Eingriffen um Klagen bestellt ist. Geeignete Fälle ließen sich über die Westlaw Database aufspüren. Etwa 15 Prozent aller plastischen Chirurgen stehen einmal im Jahr vor Gericht – doppelt so viele Kollegen wie in anderen Fachrichtungen. Besonders häufig hatten Rhinoplastiken und Korrekturen der Augenlider ein Nachspiel. Inhaltlich ging es um entstellende Narben (25 Prozent), Schwierigkeiten beim Lidschluss (16 Prozent) sowie starke Schmerzen nach Eingriffen (15 Prozent). In 39 Prozent aller Fälle kritisierten Patienten eine unzureichende Aufklärung durch den Operateur. Richter fanden bei 62,5 Prozent aller Kollegen am Pranger kein Verschulden. In 9,1 Prozent aller Fälle kam es zur außergerichtlichen Einigung. Lediglich 28,4 Prozent der Beklagten wurden zu Zahlungen verurteilt – durchschnittlich waren 200.000 US-Dollar fällig. Basierend auf seinen Ergebnissen sieht Jean Anderson Eloyvon nicht Kunstfehler selbst als das große Problem an. Er fordert Kollegen auf, bei Patienten im Bereich der plastischen Chirurgie keine falschen Erwartungen zu wecken, sondern realistische Möglichkeiten und Grenzen etablierter Verfahren aufzuzeigen. Ansonsten finden sich beide Parteien schneller vor dem Kadi wieder, als Ärzten lieb ist.

Hausärzte am Pranger

Nicht nur plastische Chirurgen sind ein Thema in der Fachpresse. Emma Wallace vom Royal College of Surgeons, Dublin, untersuchte jetzt, warum Patienten gegen Allgemeinmediziner prozesieren. Im Rahmen einer Metaanalyse fand sie 34 geeignete Studien: 15 aus den USA, neun aus Großbritannien, sieben aus Australien, zwei aus Frankreich und eine aus Kanada. Das Risiko, im gesamten Berufsleben ein Mal verklagt zu werden, lag für US-amerikanische Hausärzte bei 76 Prozent. In Australien waren es nur 21 Prozent, und in Großbritannien 12 Prozent. Besonders häufig (je nach Studie zwischen 26 und 63 Prozent) ging es um fehlerhafte oder zu spät gestellte Diagnosen. Bei Erwachsenen betraf das oft Herzinfarkte und maligne Erkrankungen, bei Kindern waren Meningitiden im Spiel. An zweiter Stelle standen mit 5,6 bis 20 Prozent Fehler bei Verschreibungen, hauptsächlich waren Antibiotika, Antidepressiva, Antipsychotika und Corticosteroide betroffen. Das Spektrum reichte von falschen Dosierungen bis zur mangelhaften Beratung über Nebenwirkungen beziehungsweise Wechselwirkungen.

Weniger Heuristik

Emma Wallace rät Kollegen deshalb, unnötige Risikofaktoren zu vermeiden. Zeitdruck, mangelnde Erfahrung und eine zu hohe Arbeitsbelastung im Praxisalltag sieht die Forscherin als maßgebliche Gründe für Fehler bei Verordnungen. Darüber hinaus würden Hausärzte oft über „heuristische Ansätze“, sprich begrenzte Informationen und Mutmaßungen, zur Diagnose gelangen. Sie schreiben Symptome einem naheliegenden Krankheitsbild zu, ohne seltene Differentialdiagnosen in Betracht zu ziehen. Laut Wallace wäre es aber falsch, stattdessen „defensive Ansätze“ zu verfolgen. Überflüssige apparative Diagnostik, Laboruntersuchungen oder Überweisungen zu Fachärzten schaden sowohl den Patienten als auch dem Gesundheitssystem. Doch wo ist eine sinnvolle Grenze zu ziehen?

Die Technik bringt´s

Kollegen setzen bei dieser Fragestellung immer häufiger auf technische Lösungen. Beispielsweise listet die deutschsprachige App „Checkme! Klinkstandards“ 100 Indikationen – von A wie akutes Koronarsyndrom bis Z wie Zervixkarzinom. Dazu werden evidenzbasierte und leitliniengerechte Handlungsempfehlungen gegeben. Laut Herstellerangaben können Klinikärzte mit dem Tool ihre Haftungsrisiken minimieren und gleichzeitig die Patientensicherheit erhöhen.

94 Wertungen (3.85 ø)

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9 Kommentare:

Bürgerin Marina Bausmer
Bürgerin Marina Bausmer

wir alle brauchen mehr raum und zeit bei der arbeit und im leben überhaupt, und weniger druck und weniger finanzielle Probleme und weniger Wettbewerb –
trotzdem können fehler vorkommen denn fehlerlos sind wir alle nicht, aber das erkennen und behandeln der oben genannten Belastungen ist fehlerpränention –

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Dr. med Herbert Hagen
Dr. med Herbert Hagen

Es ist schon bezeichnend, dass einige Heilpraktiker auf den Zug aufspringen und über die Behandlungsfehler von Ärzten schwadronieren. Wollen wir nicht fairerweise über die Behandlungsfehler von Heilpraktikern reden? Oder gibt es die nicht? In meiner Praxis kommt es regelmäßig (ca. 1 x wöchentlich) vor, dass Patienten nach fehlerhafter Behandlung von Heilpraktikern Hilfe suchen. Der Klassiker: verkannter und falsch behandelter akuter Gichtanfall. Weil das schulmedizinische Teufelszeug ja so gefährlich ist (kommt zum Teil aber aus der Pflanzenkunde), wirkt gut und hilft prompt. Etwas mehr Ausgewogenheit und Introversion tut oft gut. Es ist schlicht eine Schweinerei, dass man als Schulmediziner von jedem Querulanten mit Hilfe der Krankenkasse ganz überwiegend unberechtigt angeschwärzt werden darf und man sich um die Ursachen nicht schert. Gebt uns mehr Zeit und hebt die Budgetfesseln auf. Dann erübrigt sich ein großer Teil der Fehlerdiskussion. Niemand ist perfekt und macht unter Zeitdruck keine Fehler! Hauptfehlerursache ist zu wenig Zeit um den Patient zu befragen und ihm den Sinn und die Risiken der Behandlung zu erklären, bei gleichzeitig oft wenig eingebrachter Eigenverantwortung der Patienten (besoffen vom Rad gefallen, sich den Arm gebrochen, zu spät zum Arzt, für das schlechte Ergebnis aber dann den Arzt haftbar machen wollen).Und man erspare uns die Pharisäer die die Patienten mit überzogenen Privathonoraren abzocken und glauben die besseren Heiler zu sein. Mit 20 min pro Patient und dazugehöriger guter Vergütung von Einzelleistungen und Beratung wäre ein fairer Vergleich möglich. Das selbe gilt analog für die Krankenhausärzte, die durch verkürzte Liegezeiten extrem unter Zeitdruck gesetzt werden.

#8 |
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Heilpraktikerin

Es fehlen in der Statistik alle Fälle, bei denen Patienten die Möglichkeit, sprich finanziellen, kognitiven aber auch nervlichen fehlen, gegen das System oder einen Arzt vorzugehen. Sie leben dann mit dem Ergebnis des Behandlungsfehlers um sich nervenaufreibende und kostspielige Verhandlungen zu sparen. Die Gesundheit kommt dadurch nicht wieder. Nur wer in seinem Umfeld fachkundige Unterstützer hat, die finanziellen Möglichkeiten oder eine Versicherung, der wird bei Ärztefehlern dagegen vorgehen.

#7 |
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Heilpraktikerin

Toll die Offenheit und Ehrlichkeit von Dr. Skorning. Das ist bewundernswert und äußerst selten.

#6 |
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Dr. med. dent. Jürgen Goemann
Dr. med. dent. Jürgen Goemann

Fazit daraus,keine Behandlung ohne standby eines Fach RAs.

#5 |
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@Walter Mette ideologischer grüner Schmarrn! Wenn Sie wirkli krank sind schreien Sie dann auch nach Medikamenten.

#4 |
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Dr. Heli B. Engels
Dr. Heli B. Engels

Es sind keine KUNSTFEHLER, wenn überhaupt sondern BEHANDLUNGSFEHLER!

#3 |
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Die Fehler liegen keineswegs im Promillebereich! Das ist eine Verharmlosung des Problems. Es handelt sich hier nur um die von den Ärztekammern erkannten Fehler in einem entsprechenden Schlichtungsverfahren. Es werden deutlich mehr Fehler tatsächlich erkannt (Medizinischer Dienst, Gerichte, Haftpflichtversicherer), jedoch in Summe nicht veröffentlicht, außerdem ist die Dunkelziffer riesengroß. Wissenschaftlich ist bekannt, dass im Krankenhaus in bis zu jeder 10. Behandlung ein Fehler auftritt, der in etwa jedem 100. Fall zu einem gravierenden Schaden und in etwa jedem 1000. Fall zum Tod führt. Vieles wäre vermeidbar. Aber ein notwendiger Schritt dafür ist auch, dieses Problem nicht kleinzureden. Irren ist menschlich –- “vertuschen” leider auch. [Kommentar von User redigiert]

#2 |
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Nichtmedizinische Berufe

…weniger Heuristik… Verbesserung des Systems!

Ode an die Sedierung
Wenn die Ärzteschaft es will,
sind viele Alte früher ‘still’.
Sehr hilfreich ist die Pharmaindustrie,
mit Pillen für die Psychiatrie.
Da gibt es Psychopharma- Neuroleptika,
für jeden ist ‘ne Pille da.
Verschrieben wird sie ohne Zaudern;
die Praxis mancher Ärzte lässt erschaudern.
Da werden alte Menschen heimlich, still und leise
auf verbrecherische Weise
mit Chemie viel tausendfach sediert;
weite Kreise wissen das und dennoch: Nichts passiert!
Selbst in manches Altenheim
zog die gleiche Haltung ein.
Es sind nicht Arzt und Pfleger schlechten Willens,
nur das System ist Grund des kriminellen ‘Stillens’.
Dagegen müssen sich auch die strikt wehren,
die sich strafbar handelnd selbst beschweren.
Die Petition von Annet Kleischmantat
bringt vielleicht ein Resultat?
Aktuell zeigt Transparency auf
was das System schon lange nimmt inkauf.
Doch muss man ständig weiter streiten
mit den Fakten, die den Grund bereiten!
So geht es lang’ schon, Jahr für Jahr,
so dass es jedem wird ganz klar:
Die Problematik mit den Alten
ist mit Pharma auszuschalten.

Walter Mette 21.07.2013

#1 |
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