Neues von der Kaffee-Kopfschmerz-Connection

4. August 2009
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Irgendwie hängen Kaffee und Kopfschmerz zusammen. Nur wie weiß kein Mensch. Eine Studie aus dem tendenziell kaffeesüchtigen Skandinavien wirft jetzt neue, verwirrende Daten in die Debatte. „Heavy Drinker“ haben zwar öfter mal Kopfweh, aber viel seltener Dauerbeschwerden.

Das schwarze Gold der Genussmittelindustrie hat für Forscher nichts von seinem Reiz verloren. So einiges wurde da schon zusammen getragen: Kaffee hat anerkanntermaßen akut analgetische Effekte. Nicht umsonst ist Koffein Bestandteil diverser Kombinationsschmerzmittel. Kaffeeentzug hingegen kann seinerseits Kopfschmerzen verursachen, die meist rasch wieder abklingen. Gute Daten dazu lieferte eine randomisiert-kontrollierte Studie mit intensiven Kaffeetrinkern aus dem Jahr 1992 (New England Journal of Medicine 327: 1109-1114). In der Gruppe, in der der Kaffee „abgesetzt“ wurde, entwickelten 52 Prozent der Teilnehmer moderate bis schwere Kopfschmerzen innerhalb der ersten zwei Tage. In der Gruppe, in der die Teilnehmer (placebokontrolliert und doppelblind) weitertrinken durften, waren es nur sechs Prozent.

Schwieriger zu evaluieren ist der unmittelbare Zusammenhang zwischen Koffeinkonsum und Kopfschmerz, vor allem deswegen, weil beides extrem weit verbreitet ist. Umfangreiche populationsbasierte Daten liefert jetzt der Neurowissenschaftler Knut Hagen von der Abteilung Neurologie am nationalen norwegischen Kopfschmerzzentrum in Trondheim. Er hat im Journal of Headache and Pain die Resultate einer Studie mit dem schönen Namen Head-HUNT publiziert (10:153-159). Die Untersuchung ist Teil des Nord-Trøndelag Health Survey, einer regionalen Querschnittstudie, bei der 50000 von 92000 Bewohnern der norwegischen Region Nord-Trøndelag per Fragebogen Auskunft über Gesundheitszustand und Lebensgewohnheiten gaben.

Kaffeeverbot könnte Kopfschmerz killen

Dabei wurden neben vielen anderen Dingen mögliche Kopfschmerzen und der Kaffeekonsum detailliert abgefragt. Beim Kaffeekonsum gab es am Ende vier Quartile: Vieltrinker im obersten Quartil konsumierten mehr als 540mg Koffein pro Tag, also mehr als sechs Tassen aufgebrühten Kaffees. Ganz unten lagen die Wenigtrinker mit maximal 240mg pro Tag, also bis zu zweieinhalb Tassen. Für die Endauswertung wurden die Korrelationskoeffizienten um eine ganze Reihe von Störgrößen bereinigt. So wurden die Effekte von Zigarettenrauch, der die Halbwertszeit von Kaffee deutlich verringert, genauso heraus gerechnet wie die Effekte oraler Kontrazeptiva, die die Koffein-Plasmaspiegel ansteigen lassen.

Nach Adjustierung für diese und andere Faktoren gab es einen leichten, aber statistisch dennoch signifikanten Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und Kopfschmerz: Bei den Vieltrinkern im obersten Quartil lag die Kopfschmerzprävalenz bei 42,2 Prozent und damit um relativ 13 Prozent höher als im untersten Quartil, wo 39,8 Prozent zumindest einmal in den letzten zwölf Monaten Kopfschmerzen gehabt hatten. „Obwohl der Effekt nicht stark ausgeprägt ist, hätte eine Verringerung des Kaffeekonsums unseres Erachtens einen erheblichen Einfluss auf die Gesamtzahl von Kopfschmerzpatienten, weil Kopfschmerz und Kaffeekonsum so weit verbreitet sind“, betont Hagen.

Gut oder böse, das ist hier die Frage…

Leider – aus Sicht derer, die einfache Erklärungen lieben – zeigen die Daten noch etwas anderes. Zwar ist der geschilderte Zusammenhang eindeutig nachweisbar. Es gibt aber einen genauso prononcierten negativen Zusammenhang zwischen ausgeprägtem Kaffeekonsum und chronischen Kopfschmerzen. Im Vergleich mit den Wenigkonsumierern hatte die Gruppe der Vielkonsumierer ein um signifikante 18 Prozent niedrigeres Risiko, mehr als 14 Tage pro Monat Kopfschmerzen zu haben. Mit anderen Worten: Passionierte Kaffetrinker haben auf ein Jahr gerechnet zwar häufiger gelegentlich Kopfschmerzen. Sie haben aber seltener ständig Kopfschmerzen.

Das gibt den Wissenschaftlern zu knabbern, denn so richtig erklären können sie diese Beobachtung nicht. Eine These wäre, dass Menschen, die sonst zu chronischem Kopfschmerz neigen würden, dank regelmäßigem Kaffeekonsum mit all seinen analgetischen Wirkungen zu Gelegenheitspatienten werden. Der Kaffee wäre dann quasi die unbewusst eingenommene Kopfschmerztablette. Eine andere, entgegengesetzte Erklärung wäre, dass Patienten mit chronischem Kopfschmerz bewusst oder unbewusst weniger Kaffee trinken als andere, weil Kaffee die Symptome verstärkt. In einer Querschnittuntersuchung wie der Head-HUNT-Studie würde das dann so aussehen, als ob Vieltrinker seltener chronischen Kopfschmerz hätten, ohne dass es da einen kausalen Zusammenhang gäbe.

117 Wertungen (3.74 ø)
Allgemein

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8 Kommentare:

Wer Kaffee verträgt, soll ihn sich auf keinen Fall abgewöhnen
lassen -über die Menge kann man streiten, aber unsere Vigilanz gerät beträchtlich ins Kentern ohnedem.

Mit Capuccino sieht es wegen der Milchbeimischung schon ganz anders aus. Wer Kuhmilcheiweiß nicht verträgt, und das sind nach Studien von Prof. Egger (aus London und später München) 60-70 Prozent der Bevölkerung, kann mit Zusatz-Kopfschmerz rechnen. Koffeinfreier Kaffee wird bei der Produktion durch Schwefel-kontaminierte Filter gepreßt,
kann also für Pseudo-Allergiker auch nicht empfohlen werden

#8 |
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Hans-Peter Schwarz
Hans-Peter Schwarz

Bio-Kaffee? DDT-Kontamination? Mit Milch, Süßstoff, Zucker?? ausreichende sonstige Getränke oder nur diuretisch wirkende?
Vielen Dank für die netten Kommentare, lebhaftes Völkchen, diese Medi-Kollegen. Hoffentlich stimmt der Kaffee-Pegel.

#7 |
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PD Dr. Hartmut Grimm
PD Dr. Hartmut Grimm

…das mit den Störchen ist auch mein erster Gedanke. Außerdem: ich trinke öfter mal Kaffee, wenn ich Kopfschmerzen oder leichten Schwindel habe (niedriger Blutdruck)!!??

#6 |
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Anette Minarzyk
Anette Minarzyk

Ich glaube, die Interpretation der Resultate als weit verbreiteten Selbstmediktation mit Kaffee oder anderen koffeinhaltigen Getränken ist richtig. Ich denke da nur an all die essentiellen Hypotoniker, die wie ich morgens vor der ersten Tasse Kaffee oder Tee nicht ansprechbar sind. Die Wetterfühligen, die bei entsprechender Wetterlage diffusen Kopfschmerz entwickeln, welcher sich widerum mit einer Extratasse Kaffee beheben läßt. Die Migräniker, die häufig einen Anfall mit starkem Kaffee plus frei verkäuflichem COX2-Hemmer im Anfangsstadium abfangen können. Und nichts zuletzt hilft starker Kaffee bekanntlich auch gegen Kater. Umgekehrt gibt es wahrscheinlich ähnlich viele Menschen, bei denen Kaffee genau das Gegenteil bewirkt – weil sie z.B. bereits hohen Blutdruck haben. Möglicherweise ist das der Schlüssel – ob Kaffee gegen Kopfschmerz hilft oder ihn verstärkt, hängt möglicherweise davon ab ob die Ursache der Kopfschmerzen im Zusammenhang mit zu niedrigem oder zu hohem Blutdruck bzw. verminderter oder gesteigerter Durchblutung steht.

#5 |
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Mitarbeiter Industrie

Da ich in die Gruppe der “Vieltrinker” gehöhre,vor ein paar Jahren wegen Magenprobleme auf Kaffee verzichten mußte, habe ich den Entzug ca eine Woche, mit Kopfschmerz ertragen.

#4 |
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Um an Kommentar 2 anzuknüpfen (ohne hier naturgemäß alle Aspekte aufgreifen, benennen, beurteilen zu können): Meines Erachtens/meiner Erfahrung nach handelt es sich bei den allermeisten Kopfschmerzpatienten (ausgenommen natürlich organisch bedingte:Augen,intracranielle Raumforderungen etc.) um solche mit cervikalen Problemen:Blockierungen der Halswirbelgelenke, Muskelverspannungen,aber auch lymphat.Stauungen (NNH,Tonsillen!) – vorwiegend also funktionelle Probleme; ausgelöst oft durch “Streß”, innere Anspannung/Druck, aber auch einseitige Körperhaltung, wenig Bewegung.
Sind solche Faktoren in der Studie berücksichtigt worden?
Mit freundlichem Gruß.

#3 |
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Dr.med Friedrich Schuster
Dr.med Friedrich Schuster

Ein typische Fehlinterpretation von Statistik.
Wer viel Kaffee trinkt hat viel Kopfschmerzen.
Wie war das mit den Störchen und der Geburtenrate?
Beides ist über einen driten (oder mehrerer) Faktoren korreliert aber nicht notwendigerweise besteht ein Kausalbezug. Die Korrelation geht über: Überarbeitung. Müdigkeit Arbeitsüberlastung, lange Arbeitszeiten, Schlafmangel Streß, und depressive Verstimmung. Der darunter leidende Personenkreis trinkt oft excessiv Kaffee und leidet sehr häufig an rez. Kopfschmezen. Der Kaffegenuss hat damit sowenig zu tun wie die Störche an der Geburtenrate, die über den Faktor Jahreszeit korrelativ verknüpft aber nicht kausal bezogen sind.

#2 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

@ 1: koffeinfreier Kaffe?

#1 |
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