Dyslexie: Hilfe von A bis Z

6. August 2009
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Dyslexie hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Doch oft erkennen Eltern und Lehrer die Schwierigkeiten ihrer Kinder beim Lesen zu spät. Druck raubt die Leselust, statt sie zu fördern. Neue Methoden bei der Früherkennung und ausgefeilte Therapien sollen das ändern.

Es fehlt ihnen weder an der Unterstützung durch die Eltern noch an Lesestoff oder Gelegenheit, sich in einen Text zu vertiefen. Sie möchten so gerne flüssig lesen, wenn sie es denn könnten. Trotzdem produzieren sie in Grundschul-Diktaten Fehler haufenweise oder erfinden beim Vorlesen Wörter, die in ihrem Text gar nicht vorkommen. Ohne individuelle Unterstützung und spezielle Hilfen werden sie kaum Chancen auf eine höhere Bildung und damit einen Beruf nach Wunsch haben.

Intelligent, erblich vorbelastet und demotiviert

Zwischen fünf und zehn Prozent aller Kinder, so berichten die Statistiken, leiden an Dyslexie bzw. Legasthenie, einer nach ICD-10 definierten Lese-Rechtschreibstörung, die sich bis ins Erwachsenenalter hinein fortsetzt. Sie erkennen das geschriebene Wort nicht korrekt, wissen beim Lesen nicht um dessen Bedeutung oder verrutschen in den Zeilen. Gehörtes auf Papier umzusetzen, macht ihnen enorme Schwierigkeiten. Wer dann noch den Spott von Mitschülern und zuweilen auch Lehrern ertragen muss, fühlt sich schnell ausgegrenzt und dumm. Die Lust am Lesenlernen sinkt rapide. Das bedeutet noch weniger Praxis und noch größeren Rückstand.

Aber wer an Dyslexie leidet, ist bei weitem nicht dumm. Der Intelligenzquotient liegt im Durchschnitt, nicht selten sogar im Bereich von Hochbegabten. Mehrere Studien belegen, dass etwa die Hälfte aller Dyslexie-Fälle auf das Konto der Gene im Erbgut ihres Trägers gehen. Wer Geschwister oder Eltern mit Dyslexie hat, besitzt etwa ein 50-Prozent-Risiko, selber auch Probleme mit dem Lesenlernen zu bekommen. Dabei spielt es keine so große Rolle, ob er oder sie im englisch- oder deutschsprachigen Raum aufgewachsen ist oder Chinesisch als Muttersprache hat, wie John Gabrieli vom amerikanischen Harvard-Massachusetts-Institute of Technology in einem kürzlichen Science-Review schreibt.

Blick ins Gehirn verrät Dyslexie-Anlagen schon früh

Einer der Hauptursachen für Dyslexie ist die “Phonologic Awareness”, die Entschlüsselung von gehörtem Text. Nur dann kann das Kind die Sätze auch in gelerntes Schriftbild umsetzen. Wer das, was er hört, nicht in Buchstaben und Laute auftrennen kann, wird auch schriftlich Niedergelegtes nicht entsprechend analysieren. Auch ein mangelndes “verbales Kurzzeitgedächtnis” führt zur Dyslexie. Es reicht nicht, eine Silbe oder ein Wort zu erkennen, wenn die Erinnerung daran nach dem Entschlüsseln des nächsten Zeichens schon wieder verflogen ist.

Dyslexie wird meist erst deutlich, wenn das Kind die Vorschule besucht oder in der Grundschule das Alphabet lernt. Die Voraussetzungen dazu werden jedoch schon mit der Geburt gelegt. Als Kleinkind hören wir den ganzen Tag Worte auf uns einprasseln. Mit zunehmendem Alter geht uns immer mehr der Sinn dessen auf, was Mama oder Papa uns vermitteln wollen. Wie aus “Sinnbildern” in unserem Gedächtnis verstandene und gesprochene Worte werden, ist inzwischen auch mit Hirnscans erfasst. Abnormale Aktivierung von Neuronen findet sich bei Patienten mit defekter phonologischer Wahrnehmung vor allem im temporoparietalen Kortex, also dem Schläfen- und Seitenlappen des Gehirns. Vor allem im indogermanischen Sprachraum machen sich Defekte in diesem Bereich bemerkbar. Im chinesischen Sprachraum, der seine Schrift entsprechend der Bedeutung anstatt bestimmter Laute entwickelt hat, dafür eher im präfrontalen Kortex, der für das verbale Kurzzeitgedächtnis verantwortlich ist.

Statt mit der aufwändigen funktionalen Magnetresonanz (fMRT) kann man dem Gehirn aber auch noch einfacher beim Lesenlernen zuschauen. ERP’s (Event-related Potentials) lassen sich mittels EEG ableiten und geben bereits 36 Stunden nach der Geburt Auskunft über funktionelle Störungen, die später zu Dyslexie führen. Die entsprechenden Signale, so zeigen Studien, korrelieren sehr gut mit sprachlichen Fähigkeiten und können genauer als Lerntests die Lese-Entwicklung im Lauf der Schulzeit voraussagen. Auch Erfolge bei der Förderung solcher Kinder dokumentieren ERP’s recht präzise.

Fördern: Ohne Druck und individuell abgestimmt

So etwa, dass stures Pauken von Lesestoff die Motivation eher senkt und nur sehr mäßig weiterhilft. Erfolgreicher scheint da ein Projekt in Berlin-Pankow zu sein. Besucht das Kind eine der Grundschulen, die an ein Ambulanzzentrum für Lese- und Rechtschreibschwächen angeschlossen sind, bekommt es bei Bedarf neben dem normalen Schulunterricht Förderunterricht in Kleingruppen mit modernsten technischen Mitteln. Dazu kommen dreimal im Jahr Intensivkurse für Schüler mit Dyslexie. Besonders wichtig: Überschaubare Stoff- und Zeiteinheiten nehmen den Kindern den Stress, immer mehr Text möglichst schnell lesen zu müssen: Lieber korrekt als schnell.

Aber auch wer nicht in Berlin wohnt, hat Chancen auf effektive Hilfe: Ein computerbasiertes Programm, das Wissenschaftler an der LMU-München entwickelt haben, testet zunächst die Lesegeschwindigkeit von Silben, Worten und Zeilen. Am Bildschirm helfen im zweiten Schritt farbig unterlegte Buchstaben und Worte den Kindern, sich von Wort zu Wort und von Satz zu Satz zu hangeln und nachzusprechen – in der individuellen optimalen Trainingsgeschwindigkeit. Einen ähnlichen Fokus hat auch ein Freiburger Trainingsprogramm, das kontrolliertes Hinschauen einübt. Denn Lesen besteht aus Blicksprüngen (Sakkaden) von Wort zu Wort und von Zeile zu Zeile. Dyslexie-Patienten sind auch in dieser Disziplin schwach. Nach drei bis sechs Wochen Training sinkt die Fehlerquote bei den Kindern um rund die Hälfte.

Gene, die bei Dyslexie-Patienten verändert sind, betreffen vor allem die Beweglichkeit von Neuronen und das Wachstum von Axonen. Arndt Wilcke vom Leipziger Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie möchte wissen, ob ein einfacher Gentest schon in der frühen Kindheit eine spätere Dyslexie voraussagen kann. Ausgewählte sächsische Kleinkinder werden daher in den nächsten Jahren regelmäßig Speichelproben an das Labor abgeben und sich dann Lese- und Hörtests unterziehen.

Lange Zeit haben sich Bildungsforscher und Politiker mit Verantwortlichen des Gesundheitssystems um Zuständigkeiten bei Kindern mit Leseschwierigkeiten gestritten. Entsprechende Fördermaßnahmen sind teuer, wenn sie speziell auf das Kind ausgerichtet sein sollen. Nur dann sind auch die Erfolgsquoten vielversprechend hoch. Anlagen für Dyslexie besonders bei familiärem Risiko früh auch mit neurologischen Werkzeugen erkennen, rechtzeitig eingreifen und fördern, und den Erfolg des Trainings kontrollieren, das wäre wohl der richtige Weg, damit Probleme beim Lesenlernen nicht zu einem lebenslangen Handikap werden.

78 Wertungen (3.94 ø)
Allgemein

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7 Kommentare:

Dr.med Fritz Gorzny
Dr.med Fritz Gorzny

Immer wieder überrascht mich, daß Lesen nicht mit Sehen in Verbindung gebracht wird. Da werden alle möglichen Zusammenhänge im Gehirn diskutiert, Störungen des visuellen Systems- und das Auge ist entwicklungsgeschichtlich und anatomisch der einzige beweglich vor die Schädelkalotte gelagerte Hirnteil-werden nicht verantwortlich für die Dyslexie herangezogen. Ein folgenschwerer Irrtum. Seit 15 jahren untersuche und behandle ich Legastheniker auf Störungen des Binokularsehens und habe in vielen Tausend Fällen Betroffenen durch prismatische Korrektion einer assoziierten Heterephorie ( Winnkelfehlsichtigkeit(), in Fällen großer Heterophoriewinkel durch eine Augenmuskelopertion den entscheidenden Impuls zu einer Überwindung der LRS Problematik verleihen können, wenn die Binokularstörungen beseitigt waren. Leider sind meine augenärztlichen Kollegen aus berufpolitischen Gründen–der Augenoptiker Haase hatte vor 50 Jahren den Anstoß zu diesem MKH genannten Verfahren gegeben — nicht zur praktischen Umsetzung bereit, sodaß nur sehr zögerlich Erkenntnisse über diese Zusammenhänge die Öffentlichkeit und damit die Betroffenen erreichen.
Mehr u´nter Winkelfehlsichtigkeit.de und IVBVorg
Dr. Fritz Gorzny
Augenarzt

#7 |
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Medizinjournalist

Hallo Anna,
Es stimmt, für Erwachsene gibt es sehr viel weniger an Literatur als für Kinder.
Aber vielleicht helfen Ihnen ja die Hinweise und Links auf folgenden Seiten weiter:
http://www.hilfebeilrs.de/index.php?id=145
http://www.legasthenie.de/index.php?id=42
http://www.legasthenie.com/?page_id=50

Alles Gute

#6 |
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Ärztin

Gibt es eigentlich auch Ansätze, die bei betroffenen Erwachsenen angewendet werden?

#5 |
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Interessanter Artikel auch für mich als Legastheniespezialistin und Gutachterin. Warum werden die Kinder in der leipziger studie aber nicht mit dem ERP-EEG untersucht, das wäre doch zur Untermauerung der o.g. These besonders interessant ?

#4 |
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Ja, Dyslexie und damit verbundene Legasthenie ist erblich.
Ja, Dyslektiker sind anders als die Allgemeinbevölkerung (96%) – aber ist das pathologisch? (Gern, aber nur wenn sich damit Geld verdienen lässt.)

Dyslexie steht im Zusammenhang mit einer 3-dimensionalen Betrachtungsweise der Umgebung.
Beispiel: Ein Briefkasten ist von oben, unten und von der Seite ein Briefkasten. Ein geübter Dyslektiker kann sich diesen Briefkasten problemlos von allen Seiten (auch durchsichtig) vorstellen und das Bild im Kopf drehen. Das Wort “Post” das vorn am Briefkasten steht, ist aber nur in einer der 6 Betrachtungsperspektiven gut lesbar. Probieren sie es aus.
Das dyslektische Kind dreht die Buchstaben und Worte spielerisch im Kopf und benötigt dadurch beim Erlernen der Schriftsprache erheblich mehr Energie als ein 2-dimensional denkende Kind, denn es muss für jedes Wort mehrere Bilder aus verschiedenen Perspektiven speichern. Das ist mit pauken, pauken, pauken lösbar, kostet aber sehr viel Kraft.

Techniken für das Lesen aus der richtigen Perspektive sind rasch erlernbar und m.E. sehr erfolgreich. Siehe http://www.dyslexia.de.
Was früher bei der Rechtschreibung nur mit Pauken, Pauken, Pauken ging, geht nach dem Erlernen der frontalen Betrachtungstechnik plötzlich schnell und problemlos.
Nach dem Erkennen des Problems und der Korrektur des Betrachtungswinkels holen Dyslektiker rasend schnell in der Schule auf.
Dyslektiker müssen früh erkannt und auf den richtigen Weg gebracht werden, der Gewinn für unsere Gesellschaft ist hoch.
Die angeborene 3d-Betrachtungsfähigkeit ist u.a. in der Medizin und den konstruktiven Ingenieurwissenschaften sehr hilfreich.
Helfen Sie den Eltern ihre Kinder auf den richtigen Weg zu bringen.

Für mich stellt sich nur die Frage: Warum sind 4% der Bevölkerung anders? Zu welchem Zeitpunkt brachte die Fähigkeit zum 3d-Denken Vorteile? Handelt es sich bei dieser Fähigkeit um ein genetisches Relikt aus unserem vorzeitlichen Dasein als Jäger – das Siedler in ihrer weniger gefährlichen Umgebung nicht mehr benötigten?
Kann man durch Verhaltenstherapie aus einem Jäger einen Siedler machen?
Warum sind manche (wenige) Lehrer bei Dyslektikern sehr beliebt, bei den anderen Schülern aber nicht? Vielleicht, weil sie Bilder im Kopf der Dyslektiker erzeugen können, die anderen Schüler aber überfordern?
Solange wir die Gabe des anders Seins pathologisieren, werden wir diese Fragen nicht objektiv klären können.

#3 |
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Der Artikel belegt deutlich wieder einen Mangel in unserem Schulsystem und der Förderung bei LRS: erst müssen alle Kinder am Standartprogramm teilnehmenund erst wenn sie scheitern und dann psych Schädigung droht wird ihnen Förterung zu(ge)teil(t).
Dann aber sind die Kinder so frustriert, daß sie kaum nochmotibierbar sind.
Und die Familen werden dann auf Marathon-Diagnostik Parcours geschicht deren Ziel darin besteht die Zaghl der Berechtigten klein zuhalten…
Daher : Förderspezialisten in die Grundschulen und schonam Anfang GEZIELT die schwächeren erkennenund fördern!

#2 |
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Dr. med. Anton Lehr
Dr. med. Anton Lehr

Für Eltern und Lehrer ein sehr interessanter Artikel

#1 |
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