Krebstherapie: Knüppel in den Sack

11. August 2009
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Wer mit harter Chemotherapie versucht, auch die letzte Krebszelle umzubringen, erreicht oft das Gegenteil. Die resistente Nachfolge-Generation wuchert umso schneller. Ein amerikanischer Biomathematiker glaubt an eine bessere Krebstherapie nach dem Motto: „Leben lassen und (Über-)leben“.

Manche Kriege sind einfach nicht zu gewinnen. Besonders dann nicht, wenn der Feind ständig seine Taktik wechselt und sich weder durch Kanonen noch mit großen Armeen beeindrucken lässt. In der Landwirtschaft hat der integrierte Pflanzenschutz bereits erkannt, dass die großzügig eingesetzte Giftspritze nicht immer die beste Waffe ist. Denn dem scheinbaren Sieg über die Schädlinge folgen schon bald deren Kindeskinder, denen das Gift nichts mehr anhaben kann.

Sensible und hartnäckige Tumore

Möglicherweise können die Onkologen von den Ökologen lernen. Bob Gatenby, Professor am Moffitt Cancer Center in Florida im Bereich “mathematischer Onkologie”, plädierte in einem Nature-Artikel vor kurzem für eine Abkehr vom “Kill-as-much-as-you-can-Prinzip”. Seine Alternative: Eine adaptive Chemotherapie bei Tumoren, bei denen das hochdosierte Krebsmedikament keinen Überlebensvorteil mehr bringt.

Gatenby will seine Idee keinesfalls als Universalansatz für alle Arten von Krebs anpreisen. Hodgkin-Lymphom oder Keimzell-Tumore, wie etwa Hodentumore, sind mit aggressiver Chemotherapie zu 90 bis 95 Prozent heilbar. Hier gelingt anscheinend die Ausrottung so vieler Tumorzellen, dass das eigene Immunsystem mit dem Rest fertig wird. Andere Krebsarten, wie etwa ein fortgeschrittenes Kolonkarzinom oder Bronchialkarzinome, widersetzen sich dagegen hartnäckig fast jeder Chemotherapie. Wieder andere gewähren dem Arzt ein kurzzeitiges Erfolgserlebnis, um dann als resistente Zellklumpen wieder aufzutauchen. Beim Brustkrebs, so der Schweizer Onkologe Thomas Cerny in der FAZ, verkürzt die Hochdosis-Chemotherapie nachweislich das Leben des Patienten.

Resistente mit Wachstumsnachteil

Tumore sind meist alles andere als eine Ansammlung identischer Klon-Kinder. Besonders Metastasen verlieren im Laufe ihrer Entwicklung den Großteil ihrer Verwandtschaftsmerkmale. So sehr, dass sich nicht mehr bestimmen lässt, wer von wem abstammt, wie der Regensburger Tumorbiologe Christoph Klein meint. Die hochkonzentrierte Giftbrühe nimmt den wenigen resistenten Zellen im Klon den Nachteil, den sie gegenüber ihren sensitiven Artgenossen haben. Sie müssen ihre DNA schneller reparieren, toxische Wirkstoffe aus der Zelle pumpen oder sich zumindest einen alternativen Stoffwechselweg einfallen lassen, den die Agentien blockieren. All das kostet Fitness und Wachstumsvorteile. So sind resistente Lungenkrebszellen gegen Gemcitabin weniger proliferativ, invasiv oder auch weniger beweglich als sensitive.

Wer aber die sensitiven Zellen nicht komplett ausrottet, sondern nur deren Zahl kontrolliert vermindert, der fördert auch nicht die Vermehrung der Schwerbewaffneten unter den Bösen. Ob dieser Ansatz entscheidende Überlebensvorteile in der Klinik bringt, weiß bisher noch keine Studie. Zumindest aber im Labor von Gatenby funktioniert die Idee. Seine Kollegen ließen humane Ovarialkarzinomzellen in Mäusen zum Tumor heranwachsen, um sie danach hochdosiert mit Carboplatin oder je nach Wachstum, kontrolliert mit milderen Dosen anzugehen. Die aggressive Methode zeigte den schnelleren Erfolg, die nachwachsenden resistenten Zellen kosteten jedoch den Mäusen bald danach das Leben. Dagegen überlebten sowohl Tumor als auch Mäuse im anderen Versuchsast im stabilen Gleichgewicht.

Psychologische und wissenschaftliche Hürden bis zur klinischen Praxis

Auch klinische Onkologen haben sich bereits mit dem Thema beschäftigt. Wie DocCheck im Gespräch mit Dirk Jäger, Leiter des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen in Heidelberg erfuhr, kommen vor allem solide, therapieresistente solide Tumoren für eine solche Therapie in Frage. Damit lassen sich etwa fortgeschrittene Mammakarzinome nicht heilen, aber behandeln und einen “Stable-Disease-Zustand” bringen. Die Chemotherapie hat in diesen Fällen nicht nur den Zweck, Tumorzellen den Garaus zu machen, sondern auch das eigene Immunsystem zu unterstützen. “Eine milde Chemotherapie”, so Jäger, “reguliert immunsupprimierende Faktoren herunter und schafft ein proinflammatorisches Milieu”, das eine Anti-Tumorantwort begünstigt.

Es wird keine leichte Aufgabe, Patienten und Ärzte davon zu überzeugen, Krebs wie eine chronische Krankheit und nicht etwa wie eine Infektion zu behandeln. Manche Krebstherapie ähnelte dann der Insulinspritze bei Diabetes oder der lebenslangen Gabe von Immunsuppressiva nach Organtransplantationen. Neben der Abkehr von eingefahrenen Denkweisen, könnten aber auch Nebenwirkungen mancher Therapien zum Problem werden. Kurzzeitig und hochdosiert ist die Toxizität einiger Wirkstoffe gerade noch zu tolerieren, aber über Jahre hinweg? Auch hier lohnt es sich, die Wechselwirkung von Tumor und Immunsystem zu nutzen und, so schlägt Gatenby vor, geeignete Immuntherapien auszuprobieren.

Suche nach dem stabilen Gleichgewicht

Wie aber sieht ein “stabiles” Gleichgewicht zwischen Tumor und Körper aus? Anders als bei metronomischen oder Maintenance-Therapieoptionen plädiert Gatenby für eine Ausrichtung ganz nach Tumorgröße und entsprechender Gabe der Medikamente. Wird das ausreichen, um die Zahl resistenter Zellen weiterhin niedrig zu halten? Der bislang weitgehend theoretische Ansatz funktioniert nur dann, wenn sensitive Zellen ein großes Fitness-Plus gegenüber resistenten haben. Gatenby: “Wir machen bereits Versuche, wie schnell sensitive Zellen die resistenten wieder verdrängen, sobald kein Chemotherapeutikum gegeben wird.”

Die neuartige Strategie in der Krebsbehandlung soll und wird die Entwicklung effektiver Tumortherapeutika nicht bremsen. Eine Heilung des befallenen Patienten bleibt weiterhin erstes Ziel jeder Behandlung, darin sind sich Gatenby und andere Onkologen einig: “Aber in manchen Situationen ist ein Patt wertvoller als ein kurzfristiger, glorreicher Sieg.”

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Allgemein

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9 Kommentare:

Heilpraktiker

Leben und leben lassen; was nützt mir eine knüppelharte Chemo die, wenn sie der Patient überlebt, einen vielleicht noch agressiveren Tumor hervorbringt??? Was bei unsere ‘westlichen’ Medizin immer vernachlässigt wird ist die Stärkung unseres Immunsystems. Vielleicht liegt es daran, daß es einfacher ist etwas kaputt zu machen als es zu reparieren. Wenn wir etwas über unseren Tellerrand hinausschauen und sehn wie es andere machen (z.B. die Trad. chin. Medizin) könnte uns das nur nützen. Da gibt es neben der harten Methode auch sanftere und dies in allen Variationen, und verschiedene Möglichkeiten das Immunsystem des Körpers aufzubauen und zu stützen. Damit es nicht heißt: Wir haben den Krebs besiegt, leider hat es der Patient nicht überlebt.

Werner Lachenmaier, Heilpraktiker

#9 |
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Frau Maria Scharrer
Frau Maria Scharrer

“Bekämpfe nicht das Schlechte, sondern stärke das Gute!”

#8 |
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Carl – Heinrich Becker
Carl – Heinrich Becker

Kleine Reize fördern, große Reize schädigen! Mit dieser Erkenntnis aus eigener 40zig-jähriger Erfahrung in Oralchirurgie kam ich erfolgreich zur Homöopathie, Bioresonanz und Akupunktur. Ich habe es bis heute nicht bereut, für diese Studien weite Auslandsreisen bis nach China auf mich zu nehmen. Die OM bietet sicher noch weitere Erkenntnisse

#7 |
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Herr Rainer Mikett
Herr Rainer Mikett

Alleine der Gedanke, den Tumor zu akzeptieren, statt mit allem zur Verfügung stehenden draufzuhauen, dürfte in den Therpaiekreisen eine Krise ausrufen, würde es doch eine Abkehr von der gängigen Praxis “der Kampf gegen Krebs erfordert und heiligt alle Mittel” (und koste es das Leben des Patienten) bedeuten. Ansätze gäbe es viele, aber solange nach Jahrzehnten nicht endlich mindestens das gleiche Geld in die Forschung und Entwicklung von Low-Level Therapien gesteckt und Kassen sich zur KOSTEN-Übernahme solcher Wege verweigern, wird es wohl kaum eine Änderung geben. Die Formel viel Krebs, viel Angst, viel Gift, bietet doch allen in dem System stehenden eine enorme Sicherheit, solange alle dabei bleiben -und es lebt sich doch auch nicht schlecht damit- auch wenn man das nicht sagen darf, sorry.
Aber wenigstens rüttelt ein solcher Artikel an den erstarrenden Glaubenssätzen (in einer wissenschaftlichen Welt).

#6 |
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Dr. med. Frank Lange-Wühlisch
Dr. med. Frank Lange-Wühlisch

Was wird denn nun nach der Erkenntnis, daß solide Tumore zum Wachstum Zucker brauchen, in die Tat umgesetzt? Wäre ein Zuckerentzug in Verbindung mit einer Infusionstherapie mit Vit C noch immer keine Alternative? Darüber soll es auch im Tumorzentrum Heidelberg Studien geben. Angeblich.

#5 |
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Dr. med.dent. Jörg Müller
Dr. med.dent. Jörg Müller

… allgemeine Regeln der Physiologie beachten …

schon hier wird gelehrt: feinste Reize heilen – massive Reize zerstören !

Der Ansatz ist gut …

#4 |
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Medizinjournalist

Hallo Herr Poethke,

darf ich Ihre Bemerkung so verstehen, als ob Sie sagen wollten: “Klingt nach einer Alternative für Patienten, die das Reglement einer aggressiven Behandlung ablehnen …”?
Wenn mein Kommentar in Ihren Ohren so klingt, dann habe ich – auch als Tontechniker – nichts dagegen. Denn: Nicht nur die Gedanken sind frei, auch die Klangeindrücke . . .

H.D. Peltzer, Autor, freischaffender Journalist, StD a.D. und Hobby-Tontechniker im semi-professionellen Bereich

#3 |
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Medizinjournalist

Zum Kommentar von Klaus-Dietrich Runow: Ich denke schon! Nur wird es endlich mal – wenngleich sehr vorsichtig – auch mal ausgesprochen. Als ob die Orthomolekularmedizin nicht schön längst in diese Richtung Denk-Anstöße unternommen hätte! Mit Cicero gesprochen: “Quo usque tandem …” Im deutschen Klartext: “Wie lange eigentlich noch mißbraucht die Onkologie die Geduld der Orthomolekularmedizin?”

Hans Dieter Peltzer, Autor und freischaffender Journalist

#2 |
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Hat das noch niemand geahnt?

Klaus-Dietrich Runow, Arzt

#1 |
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