Alkoholentzug: Lehrdammer für Brit-Kids

14. August 2009
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Saufen bis das Kind kommt – so in etwa stellt sich die Situation für viele britische Teenager dar. Ein Gesundheitsdienstleister aus Amsterdam will den Alkoholproblemen der jungen Briten jetzt online zuleibe rücken – und hofft auf Geld vom NHS.

Junge Briten gelten im Allgemeinen als Europas Avantgarde in Sachen Alkoholkonsum. Die hohe Zahl unter Alkoholeinfluss gezeugter Teenagerkinder beschäftigt auf der Insel regelmäßig die ärztliche Standespresse. Zwar sind die Öffnungszeiten der Pubs noch immer in vielen Regionen limitiert. Doch die derartigen Begrenzungen nicht unterliegende Clubkultur ermöglicht auch in Leeds, Liverpool, Manchester und Co das Durchsaufen kaum bekleideter Jugendlicher bis ins Morgengrauen.

Die Online-Medizin in den Niederlanden expandiert

Britische Ärzte beschwören deswegen immer mal wieder das Gespenst einer verlorenen Generation, die in ihrer Jugend so dermaßen exzessiv gefeiert hat, dass sie später zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Derartige Lamentos haben sich offenbar bis in die Niederlande herum gesprochen, wo man mit Drogenkonsum inklusive sexueller Freizügigkeit bekanntlich reichhaltige eigene Erfahrungen sammelt. Die hat sich indirekt auch im Internet niedergeschlagen, wo sich in den letzten Jahren, unterstützt von nicht wenigen öffentlichen Fördermitteln, eine ganz eigene medizinische Online-Welt entwickelt hat. Sie zielt darauf ab, traditionellen Problemgruppen wie Drogenkonsumenten aber auch Menschen mit Geschlechtskrankheiten oder psychischen Erkrankungen einen möglichst niederschwelligen Zugang zu den Angeboten des niederländischen Gesundheitswesens zu ermöglichen – inklusive Erstattung der in Anspruch genommen Leistungen versteht sich. Das geht von diagnostischen Angeboten bis hin zur Psychotherapie. Aufmerksamkeit erregt hat beispielsweise ein in Amsterdam angebotener Test auf Geschlechtskrankheiten, für den man sich online anmeldet. Man erhält ein Pseudonym, macht damit die nötige Blutentnahme, wobei hierfür verschiedene medizinische Einrichtungen zur Auswahl stehen und kann ein paar Tage später die Ergebnisse erneut online und passwortgeschützt einsehen. Im Fall eines positiven Tests wird dringend eine Therapie empfohlen. Das Ganze klappt erstaunlich gut.

Suchttherapeuten machen auf Globalisierung

Der niederländische Gesundheitsdienstleister Tactus, der neben anderen Aktivitäten intensiv in der Suchtberatung engagiert ist und hier auch Online-Angebote vorhält, kam jetzt offenbar zu dem Schluss, dass solche Online-Angebote genau das sind, was die britischen Teenager brauchen. Das Unternehmen startet im Laufe des Julis ein englischsprachiges Portal in Großbritannien, das den wenig Interpretationsspielraum zulassenden Namen Lookatyourdrinking.com trägt. Es zielt auf junge Menschen mit einem Alkoholproblem, welches idealerweise noch nicht so ausgeprägt sein sollte, dass alles zu spät ist. Es geht also um Zeitgenossen mit wie man so schön sagt “problematischem Alkoholkonsum”, die aber noch nicht völlig in die Alkoholabhängigkeit abgetaucht sind. Für diese Zielgruppe wird ab sofort ein in den Niederlanden konzipiertes und koordiniertes, 16wöchiges Therapieprogramm angeboten, bei dem der Kontakt zu einem ausgebildeten Therapeuten komplett online abläuft, inklusive Übungseinheiten für den Heimgebrauch. „Das Programm basiert auf den Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie und bietet eine sehr umfangreiche Behandlung und außerdem die Möglichkeit zu einer langfristigen Anbindung der Teilnehmer“, erläutert der Programmmanager Marco Martinez. Für die Nachhaltigkeit gibt es von Therapeuten moderierte Chatrooms, die auch jenseits der 16 Therapiewochen noch zur Verfügung stehen.

Gesundheitswesen international bedeutet mehr als Badekuren in Tschechien

Abgesehen von dem innovativen Online-Ansatz ist das Programm auch deswegen bemerkenswert, weil es ein gutes Beispiel dafür ist, wie ein nationaler Gesundheitsdienstleister mit einem speziell für einen europäischen Fremdmarkt entwickelten Angebot gezielt nach internationalen Kunden fischt. Was freilich noch fehlt, ist die Erstattung innerhalb des jeweiligen nationalen Gesundheitssystems. Der NHS bezahlt die Therapie noch nicht: Die Kosten müssen selbst übernommen werden und liegen bei 1000 bis 2500 britischen Pfund. Für Martinez ist das wenig, gemessen an dem fünf- bis zehnfachen, das eine ähnliche umfangreiche Face-to-face-Therapie kosten würde. Er ist deswegen zuversichtlich, dass der NHS über eine anteilige Finanzierung mit sich reden lässt. Gespräche mit mehreren Versorgungsregionen laufen bereits.

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Allgemein

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7 Kommentare:

Dr. med. Bärbel Theuerkorn
Dr. med. Bärbel Theuerkorn

Interessanter Ansatz; auch interessant der Hinweis schon beizeiten die Wirkweise des Alkohols in unserem Körper und im Körper eines Embryos oder Fetus schon frühzeitig , schon in der Fibel zu erklären.

#7 |
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Dr. Kurt Suwelack
Dr. Kurt Suwelack

Cuxhaven 9.8.09 regionale round table Jugendalkolismus
restriktive Maßnahmen umstritten, aber wohl notwendig.Aber Ansprache im peer-system, “auf Augenhöhe” Kurt Suwelack
Psychiater, Suchtbeauftragter

#6 |
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Dr. Sieghard Gerlach
Dr. Sieghard Gerlach

Ein guter Ansatz, bereits Erfahrungen mit ähnlichen Konzepten in den Niederlanden, ein Versuch ist es mehr als wert!

#5 |
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Silvia Anna Brinkmann
Silvia Anna Brinkmann

Warum nicht? Ein Versuch ist es allemal wert. Wir können nicht erwarten, daß Jugendliche sich unseren “altbewährten” Strukturen anpassen, wir als Ärzte müssen meiner Meinung nach schauen, wie wir sie am Besten erreichen und das Internet ist nun einmal das Medium der heutigen Jugend. Ich würde es begrüßen, wenn so etwas in Deutschland installiert würde.

#4 |
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Reinhard Wick
Reinhard Wick

Lieber Fred Müller
gehts noch billiger von den Argumenten her. Warum haben immer die Eltern die Schuld, wenn mit den Jugendlichen was nicht so läuft, wie es soll, statt dass man sich über Lebensbedingungen für Jugendliche in der Gesellschaft Gedanken macht.
Reinhard Wick

#3 |
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Dr. med. Christof Weinz
Dr. med. Christof Weinz

Ich gehöre ja noch zur Generation die mit der Schreibmaschine groß geworden ist und erst nach dem Studium meinen ersten PC gekauft habe, aber wenn ich sehe, wie intensiv und flexibel meine Kinder PC und internet nutzen, scheint ein internet-Gesundheitsangebot prinzipiell durchaus sinnvoll. Wenn man Problemgruppen auf diese Art erreichen kann, die anders nicht den Weg zum Psychologen oder Arzt finden, warum nicht.
Es bleibt lediglich das Problem, seiöse von unseriösen Angeboten zu trennen, denn im internet haben wir ja keine “Zulasssungsbehörde”.

#2 |
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Dr. med. Uwe Luedemann
Dr. med. Uwe Luedemann

Sehr gut. Können auch Deutsche daran teilnehmen? Oder gibt es Ansätze so etwas auch in Deutschland zu installieren?

Dr.U.Lüdemann uwe@docluedemann.de

#1 |
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