Nanopartikel: Niedliche, kleine Killer

19. August 2009
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Zum ersten Mal gelang Klinikern der Nachweis, dass eingeatmete Nanopartikel beim Menschen schwere Schäden in der Lunge auslösen und zum Tod der Patienten führen können. Die Publikation dürfte Umweltmediziner weltweit vor neue Herausforderungen stellen.

Für die Ärzte am Pekinger Chaoyang Hospital waren die Frauen von Beginn an auffällig. Kurzatmigkeit, pleurale Effusion und Perikardergüsse bestimmten das klinische Bild, und das, obwohl die zwischen Januar 2007 und April 2008 eingelieferten Patientinnen jung und ansonsten kerngesund waren. Noch nie hatten sie geraucht, und auch sonst schien die Anamnese keine besonderen Risiken aufzuzeigen. Die sieben Frauen hatten jedoch vor der Einweisung in die chinesische Eliteklinik in Sachen Therapie eine wahre Odyssee durchlaufen: Von Antibiotika bis zu Wirkstoffen gegen Tuberkulose hatten Ärzte an anderen Krankenhäusern versucht, die kuriose Malaise zu kurieren – vergeblich. Der Vorstoß des pleuralen Ausflusses nahm derart zu, dass die Mediziner die nationale Seuchenbehörde einschalteten – und anhand einer exakten Durchleuchtung der Lebensumstände der Frauen am Ende fündig wurden.

Winzige Polyacrylat-Nanopartikel, die die Frauen an ihrer gemeinsamen Arbeitsstelle inhaliert hatten, lösten nach Ansicht der Ärzte den GAU im Körper der Patientinnen aus. Trotz alle Bemühungen der chinesischen Mediziner überlebten zwei Frauen die Attacke der Nanopartikel nicht. Ihr Tod, so viel scheint bereits jetzt festzustehen, wird womöglich eine globale Wende bei der Risikobewertung der Nanotechnologie auslösen.

Denn nie zuvor ist es Wissenschaftlern gelungen, beim Menschen den kausalen Zusammenhang zwischen inhalierten Nanopartikeln und ihren toxischen Nebenwirkungen nachzuweisen. Zwar attestieren Tierversuche seit Jahren, dass die atomaren Winzlinge mitunter Nieren und Leber, ebenso wie die Lunge angreifen können. Schädigende Wirkungen bei exponierten Menschen indes waren bis dato zwar vermutet, aber nicht klinisch belegt worden.

Der Pekinger-Nano-Fall beendet die Ära der vermeintlichen Sicherheit einer Technologie, die immer noch zu den vielversprechendsten des 21. Jahrhunderts zählt. Ungewohnt offen publizieren die Chinesen, was in Peking Ärzte in Angst und Schrecken versetzte: Inhalierte Nanopartikel scheinen die inneren Organe zu befallen zu können und dringen bis tief in die Zellen des Organismus ein. Wer die Studie im Original liest, findet zwangsläufig Parallelen zu Michael Crichtons Bestseller „Beute“, in dem Nanoteilchen den Menschen befallen – doch anders als bei Crichton sind die Vorkommnisse in Peking Realität.

Globales Umdenken in Punkto Sicherheit scheint nötig

So führte die über einen Zeitraum von fünf Monaten erfolgte Inhalation der Nano-Polyacrylate an der Arbeitsstelle neben den bereits erwähnten Leiden auch zur Ausbildung von Lungenfibrose bei den betroffenen Frauen. Ferner fanden die Forscher Polyacrylate mit in einer Größenordnung von 30 Nanometern im Karyo- und Zytoplasma des Lungengewebes ihrer Patientinnen. Damit nicht genug. Auch hafteten sich die Nanopartikel an die Membran der roten Blutkörperchen – was ebenfalls zum ersten Mal in einem klinischen Umfeld anhand realer Patientendaten nachgewiesen werden konnte. Ausgerechnet die geringe Größe der Partikel macht es den Medizinern schwer, dagegen anzukämpfen. „Die Patienten können Lungenfibrosen entwickeln, die gegenüber etlichen Therapieformen resistent sind“, mahnt Studienautor Yuguo Song im European Respiratory Journal (ERJ), wo die Studie am 19. August 2009 erschien. Als besonders heikel gilt Song zufolge vor allem ein Aspekt: Die krankmachenden Polyacrylate dienten quasi als Nano-Träger für Farben – die als industriell besonders wertvolle Beschichtungen in der Druckindustrie zum Einsatz kamen. Tatsächlich ist die Einsatzbreite der Nanopartikel enorm – rund 200 Milliarden Euro soll der globale Markt allein im Jahr 2010 ausmachen. Die chinesischen Ergebnisse werden womöglich zu veränderten Rahmenbedingungen führen – auch hierzulande.

Noch aber geben sich viele Wissenschaftler gelassen und setzen in erster Linie auf das therapeutische Potenzial. So entwickelt an der Berliner Charité Berlin eine Klinische Forschergruppe eine neue Klasse von magnetischen Nanopartikeln als Kontrastmittel für die Magnetresonanztomografie. Noch im September 2008 versetzten die speziellen Eigenschaften der Winzlinge sogar die DFG in Begeisterung: „Die neuartigen Partikel sind ungewöhnlich klein und mit Oberflächenbeschichtungen versehen, die es den Partikeln erlauben, im Körper besonders gezielt an den zu untersuchenden Ort zu kommen“. Nach der Pekinger Studie wird man genau das in einem anderen Licht betrachten müssen.

341 Wertungen (4.4 ø)
Allgemein

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15 Kommentare:

Renate Utke
Renate Utke

leider fehlen Hinweise auf den Arbeitsbereich , an dem nano-partikel rumschwirren .,wovor man schützen könnte,.Sie stellen das der Fanrasie anheim ? hat aber praktischen Nährwert ..dieser insteressante art.

#15 |
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Heilpraktikerin

Ich möchte die Diskussion noch um den Faktor “Chemtrails” ergänzen, bei denen gezielt teils gecoatete Nanopartikel von Flugzeugen über die gesamte Bevölkerung verteilt werden……Viel Wissenswertes dazu steht bereits im Internet. Wann fangen wir an uns zu wehren?

#14 |
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Diese Studie ist sehr interessant. Aufgrund der Größe der Partikel war eine schwerwiegende Schädigung des Organismus auf zellulärer Ebene fast zu erwarten. Ich verwende im eigenen Umkreis bewusst keinerlei Nanoprodukte, insbesondere bei Kindern erscheint besondere Vorsicht angebracht. Wieder eine Technologie, bei der erst einmal rasante Fahrt im neuen Vehikel aufgenommen wird, die Bremsen aber erst eingebaut werden, wenn das Unglück schon passiert ist. Der Artikel ist verdienstvoll und bringt der Ärzteschaft ein echtes Problem nahe.
(Nur noch eine Kleinigkeit zur Terminologie: Der Satz: ” Der Vorstoß des pleuralen Ausflusses nahm derart zu, dass die Mediziner die nationale Seuchenbehörde einschalteten” ist etwas eigenartig;-) vielleicht übersetzungsbedingt? ( pleural effusion) – und wie stößt ein ” pleuraler Ausfluss” vor?. Aber das soll den sehr guten Artikel keineswegs abwerten!)

#13 |
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PD DR RALF ZIMEHL
PD DR RALF ZIMEHL

Zu Kommentar 17:
Future Table of Contents: Sep 1 2009; 34 (3)

Occupational and environmental lung disease

Y. Song, X. Li and X. Du

Exposure to nanoparticles is related to pleural effusion, pulmonary fibrosis and granuloma

#12 |
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Dipl.Chemiker Bernd Schnippenkötter
Dipl.Chemiker Bernd Schnippenkötter

Eine pauschale Verurteilung der Nanotechnologie scheint mir nicht gerechtfertigt. Dafür ist der Fall zu speziell. Eine vernünftige Risikobewertung in der Nanotech-Forschung wäre aber angebracht!

#11 |
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Dipl.-Psych. Heinz Kleinboelting
Dipl.-Psych. Heinz Kleinboelting

Kann mir mal jemand helfen?
Ich bin dem Link zum ERJ gefolgt und habe dort gesucht … aber weder den Aufsatz gefunden noch einen Autor namens Yuguo Song.

#10 |
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Dies ist eine schwerwiegende Fehlinformation,
da Polyacrylat einfach mit Nano-Partikel allgemein gleichgesetzt wird.

Gruss

#9 |
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Biologin

Auf genau diese Gefahren bin ich bereits vor mehr als zwei Jahren in meiner Gesundheitsberaterausbildung hingewiesen worden. Mit Erstaunen und Schrecken mußte ich die sorglose Anwendung in allen möglichen Lebensbereichens mitverfolgen. So auch die Anwendung in Cremes (auch Sonnencremes), welche womöglich schon Babys aufgetragen werden. Wie weit muss es noch kommen, bis die deutlichen Hinweise auf schädigende Einflüsse der Nanopartikel endlich ernst genommen werden und wenn überhaupt, nur streng begrenzte Anwendungen gestattet werden?

#8 |
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Dr. med.dent. Jörg Müller
Dr. med.dent. Jörg Müller

Inhalationspartikel auch in zahnärztlichen Praen in Hülle und Fülle … Vorsorge – Maken – Absaugung etc.

zusätzöiche Belastung bei Rauchern !

#7 |
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Dr. Juergen Palm
Dr. Juergen Palm

Eines der am weitesten verbreiteten Einsatzgebiete sind laserbasierte Drucksysteme, wie sie in Büros, Behörden, aber auch in Arztpraxen und am heimischen Arbeitsplatz als Laserdrucker und Kopierer zum Einsatz kommen. Wie sagt doch die BITKOM: Völlig harmlos…

#6 |
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Daniela Schwickert
Daniela Schwickert

Es werden mit Sicherheit noch andere Krankheitsbilder auftreten, in einem Ausmass, das heute kaum vorstellbar ist.
Partikel, in dieser Grössenordnung dringen mit Sicherheit auf allen möglichen Wegen in unsere Körper ein. Dort verursachen sie Zellveränderungen.Auf zur nächsten Nanopartikelautowäsche, ab ins Grundwasser, und zurück zum Anwender. Prost.

#5 |
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Dr. med. Bärbel Theuerkorn
Dr. med. Bärbel Theuerkorn

Aufpassen, aufpassen, aufpassen…

#4 |
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Nina Schäfer
Nina Schäfer

Denn sie wissen nicht, was sie tun…

#3 |
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Rudolf Jung
Rudolf Jung

Sehr interessanter Artikel,wann erscheint er in der Tages-Presse?

#2 |
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Rita Nielsen
Rita Nielsen

Wieder ein Beispiel dafür, dass, wenn auch ein wissenschaftlicher Nachweis noch nicht technisch möglich war, die Existenz eines Phänomens nicht geleugnet werden darf. Nach dem Motte: Gibt es nicht, weil wir nicht wissen, warum es das gibt. Die Natur sorgt immer wieder für Überraschungen.Die Wissenschaft steckt noch in den Kinderschuhen in Bezug auf das Können und die Weisheit der Natur. Hoffentlich übt man sich bald einmal mehr in etwas Demut.

#1 |
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