Erst Korn, dann Krebs

25. August 2009
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Ärzte, die trinkfeste Patienten betreuen, sollten in Zukunft ihre Kollegen der Urologie bemühen: Schon 50 g Alkohol am Tag erhöhen das Prostatakrebsrisiko massiv. Komasaufen oder am Ende eines langen Tages einfach ein wenig Bier, Wein oder Korn – was folgt ist vielleicht viel Arbeit für Krebsmediziner und Urologen gleichermaßen.

Denn wie eine an 2129 Prostatakrebs-Patienten durchgeführte Studie innerhalb der Prostate Cancer Prevention Trial (PCPT) nun belegt, sind die Folgen starken Alkoholkonsums für die Prostata verheerend: Das Risiko einer Tumorbildung verdoppelt sich nahezu im Vergleich zu Abstinenzlern oder Menschen, die nur moderat zum Glas greifen.

Die im Fachblatt CANCER publizierte Studie hat es in sich. „Wenn Ärzte Prostatakrebsprävention betreiben, sollten sie in Zukunft auch auf Alkoholprävention achten“, rät Alan Kristal, Leiter der Studie und Chef des Cancer Prevention Programs am Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle, Washington. Vor allem Bier setzt dem männlichen Organ zu. Auf 2,89 schnellt hier die Risk Ratio (RR) für High-Grade Prostatakarzinome hoch – allein der alljährliche Oktoberfestbesuch dürfte damit für den einen oder anderen Patienten zum potenziellen Killer avancieren.

Für Ärzte wären derartige Ergebnisse zwar spannend zu lesen, aber wenig für den Praxisalltag geeignet. Das mag Kristal geahnt haben – und ging einer weiteren Frage nach. Die Studie untersuchte nämlich auch den Einfluss der Alkoholaufnahme bei Patienten, die bereits bei gutartiger Prostatavergrößerung mit dem Wirkstoff Finasterid behandelt wurden. Die Substanz gehört zu den selektiven Inhibitoren der Steroid-5α-Reduktase vom Typ II, als Arzneiwirkstoff kommt sie zur Therapie der benignen Prostatahyperplasie (BPH) zum Einsatz.

Womöglich werden Ärzte hier mehr Details von ihren Patienten einfordern müssen. Denn die Einnahme des Medikaments führt Kristal zufolge zu einem massiven Anstieg des Prostatakrebsrisikos, sobald der Patient regelmäßig – und vor allem viel trinkt. Immerhin 78 Prozent höher ist in derartigen Fällen die Wahrscheinlichkeit einer Tumorbildung, die an sich sinnvolle Präventionsmaßnahme mutiert bei diesen Patienten zumindest potenziell zum Krebsauslöser.

Urologen wären laut Kristal daher gut beraten, auf die Trinkgewohnheiten ihrer Klientel zu achten. Wer weniger als 50 Gramm Alkohol pro Tag aufnahm und den Wirkstoff schluckte, wies lediglich eine 19-prozentige Erhöhung des Krebsrisikos auf. Fest scheint damit zu stehen, dass Alkoholkonsum die medikamentösen Präventions-Maßnahmen ins Gegenteil verwandeln kann.

Bier als Tumorauslöser

Weitaus vielschichtiger erweist sich der Einfluss von Alkohol, wenn man zusätzlich die Art der Tumorbildung in Betracht zieht. Die obigen Zahlen beziehen sich nämlich lediglich auf High-Grade Prostatakarzinome. Vollkommen anders scheint der Einfluss des Alkohols auf die Bildung von Low-Grade Karzinomen zu sein: Hier senkt der Wirkstoff das Krebsrisiko um bis zu 43 Prozent, solange die tägliche Alkoholdosis 50 Gramm nicht übersteigt. Wer wie viel Bier an welchen Tagen und in welchen Abständen zu sich nimmt, müsste der Arzt somit von seinem Patienten erfahren müssen. Doch damit nicht genug.

Als besonders tragisch dürfte für Bierliebhaber nämlich ein weiterer medizinischer Aspekt sein. Wie die EPIC-Studie, mit 153457 männlichen Teilnehmern im Alter zwischen 25 und 70 Jahren eine der weltweit größten Langzeitstudien, Ende vergangenen Jahres belegte, spielt auch die Körperfettverteilung an Taille und Hüfte des Patienten eine entscheidende Rolle für das Prostatakrebsrisiko. Alarmierendes Fazit: Im Vergleich zu Männern mit einem Taillen-Hüftumfang-Quotienten unter 0,89 haben Männer mit einem Quotienten über 0,99 ein um 43 Prozent erhöhtes Risiko für fortgeschrittenen Prostatakrebs – der Bierbauch avanciert also ebenfalls zum Prostata-Killer.

Dass Urologen ob solcher Risikovielfalt für Biertrinker demnächst Fragebögen über deren Genuss-Gewohnheiten anfertigen werden, bleibt freilich eher unwahrscheinlich. Realistischer hingegen scheint die Vorstellung, dass Prostatapatienten eine mündliche Warnung aus der Praxis ihres Arztes mit auf den Weg nach Hause nehmen: Neben Bier- führt auch heftiger Weinkonsum zur unheilvollen Wandlung der Prostatazellen in die entsprechende Tumorform. Vom Korn am Ende eines langen Tages ganz zu schweigen.

187 Wertungen (3.88 ø)
Allgemein

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8 Kommentare:

Günter Mill
Günter Mill

Ich bin mir sicher, das der moderate Genuss von Bier (max. 0,5 l. tgl.) keine gravierende kanzerogene Einflüsse hat.
Ausgenommen natürlich Patienten die mit Finasterid behandelt werden.
Aber es gibt ja auch noch alkoholfreies Bier!
Zudem erscheint mir das Rauchen wesentlich bedeutender als Auslöser beim Prostata-Karzinom

#8 |
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Hans Zavelberg
Hans Zavelberg

Ein Problem scheint mir zunächst die genaue Zuordnung der Mengen Alkohol zu den verschiedenen Getränken zu sein. Dies ist über div. Tabellen möglich (z.B. http://www.dr-miller.com/Alkohol.html ).
.
Wieviel man von welchem Getränk für 50g Alkohol trinken muss und wieviel Promille Blutalkohol das ausmacht, lässt sich folgendem Rechner ermitteln (individuelle Eingabe von Geschlecht, Gewicht, Alter…): http://www.umrechnung.org/blut-alkohol-konzentration/blutalkohol-promille-rechner.htm

So reichen ca. 0,6 l Wein oder ca. 1,2 l Bier um die kritischen 50g und gleichzeitig ca. 0,9 Promille Blutalkohol zu erreichen. Hier gibt es bei regelmäßigem Konsum mit Sicherheit ein Alkoholproblem ¿ aber das haben viele und vielleicht hilft ja die Angst vor dem Prostatakarzinom auch das Alkoholproblem aktiv ¿anzugehen¿. Bei Änderung der Trinkgewohnheiten würden 2 Risiken verringert!

#7 |
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Sylvia Sotter
Sylvia Sotter

Ein sehr interessanter Artikel, der mich allerdings etwas irritiert, kann man doch unter folgender Internetpublikation http://www.urologielehrbuch.de/prostatakarzinom.html
das glatte Gegenteil lesen. Hier steht nämlich bei den Risikofaktoren für die Entwicklung eines Prostatakarzinoms, daß Alkohol “keinen Einfluß” darauf hätte.
Da ich selbst keine Ärztin bin, möchte ich hier deshalb die Frage stellen, wie solch doch sehr gegensätzliche Aussagen zustande kommen.
Sylvi Sotter

#6 |
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Dr. med. Wolfgang Schneider-Löer
Dr. med. Wolfgang Schneider-Löer

SehrguterArtikel!

#5 |
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Frau Karin Pflugheber
Frau Karin Pflugheber

gute Studie, aber weiß Mann nicht schon länger, dass Alkohol schädigende Folgen hat?
Ein Prostataerkrankter wird wohl kaum sein Verhalten ändern, ist ja so oder so alles zu späht.
Alkohol unhd Zigaretten, es muss ja einen Grund geben, warum Männer wissenschalftlich gesehen, früher sterben, wohl auch deshalb.

#4 |
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Benno Mertens
Benno Mertens

Guter Artikel, was fehlt ist ein Hinweis, ob die Raucher herausgerechnet wurden, oder nicht, da Rauchen a) das Krebsrisiko massiv steigert und b) mit Alkohltrinken deutlich vergesellschaftet ist; ohne diese Bereinigung tut man dem Bier vielleicht Unrecht ;-)

#3 |
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Dr. Sieghard Gerlach
Dr. Sieghard Gerlach

flotter Stil, in kurzer Form prägnante und umfassende, nicht nur allgemein gehaltene Infos!

#2 |
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Dr. Ernst Weiland
Dr. Ernst Weiland

Nach diesen Befunden wäre es interessant, zu erfahren, ob auch das Rauchen einen derartigen Effekt aufweist. Viele der durch das Rauchen aufgenommenen Schadstoffe werden mit dem Harn ausgeschieden. Gibt es vielleicht auch solche Zusammenhänge?

#1 |
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