Apothekenbus: Hoch auf dem grünen Wagen

23. August 2013
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Neue Ideen aus den Niederlanden: Geht es nach DocMorris, sollen Apothekenbusse künftig ländliche Regionen mit Arzneimitteln versorgen. Verbirgt sich dahinter eine geniale Idee oder ein verzweifelter Versuch, doch noch profitable Geschäftsmodelle zu entwickeln?

Hier zu Lande wird die flächendeckende Versorgung mit Pharmaka zunehmend schwieriger. Laut ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände gab es in 2012 noch 20.921 Apotheken – 317 weniger als im Vorjahr. Auch in 2013 sprechen Landesapothekerkammern von sinkenden Zahlen. Besonders häufig trifft es Patienten in ländlichen Regionen. Als weitere Herausforderung gilt, multimorbide Patienten lege artis zu versorgen. Lösungen zum flächendeckenden Medikationsmanagement, Stichwort ABDA-KBV-Modell, existieren nach wir vor nur auf dem Papier.

Politisches Manifest aus Heerlen

DocMorris hat deshalb passend zur Bundestagswahl ein „politisches Manifest“ veröffentlicht. Ganz klar, Pharmakotherapien werden angesichts der alternden Bevölkerung bedeutsamer denn je. „Die Rolle des Apothekers entspricht jedoch weder rechtlich noch tatsächlich dieser Bedeutung. Als Vertragspartner der Krankenkassen ist er nicht stark, spielt für Selektivverträge keine Rolle und hat bei der integrierten Versorgung nach §§ 140 a ff SGB V kein Gewicht“, heißt es weiter. Die Autoren sehen im Medikationsmanagement – inklusive Honorierung – künftig ein wichtiges Tool. Auch sollen Inhaber durch versorgungsbezogene Selektivverträge und Verträge zur integrierten Versorgung nach dem SGB V größere Handlungsspielräume bekommen. Und nicht zuletzt ist ein Prämiensystem bei Rx-Präparaten „rechtlich zuzulassen und politisch zu fördern“. Bei verschreibungspflichtigen Präparaten stößt sich DochMorris generell an der Preisbindung – schließlich hätte mehr Wettbewerb bei OTCs zu „sinkenden Preisen und signifikanten Wohlstandsgewinnen der Patienten“ geführt. Um Bürger auch in den nächsten Jahren zu versorgen, müsse sich das System Apotheke „rechtlich und betriebswirtschaftlich für moderne Unternehmensformen öffnen“, vor allem in ländlichen Regionen. DocMorris schlägt „Apomaten“ zur Dispensierung vor: Automaten, die Patienten mit den gebräuchlichsten OTCs versorgen. Das Konzept soll durch Apothekenbusse ergänzt werden. Jetzt startete eine erste Probefahrt quer durch Deutschland.

Apothekenbus: Keine Apotheke

Mit dem umstrittenen Vehikel will DocMorris „demonstrieren, dass die Versorgung mit Medikamenten und pharmazeutischer Beratung im ländlichen und strukturschwachen Raum schon jetzt realisierbar wäre“, heißt es vom Betreiber. Vorstands- und Strategiechef Max Müller sagt: „Wenn die Menschen nicht mehr zur Apotheke kommen können, muss der Apotheker eben zu ihnen kommen.“ Das Gefährt ist laut Apothekenbetriebsordnung und Apothekengesetz keine Apotheke, sondern vielmehr eine Fleisch gewordene Machbarkeitsstudie. Müller: „Jetzt zeigen wir mit unserem Apothekenbus, wie ein ergänzendes mobiles Versorgungssystem mit Arzneimitteln und Apothekendienstleistungen aussehen könnte – wenn es rechtlich zugelassen wäre.“ Bereits am 14. August startete ein erster Bus in Berlin. Weiter ging es über Bad Freienwalde, Kröpelin, Maasholm, Timmendorfer Strand und Dannenberg. An Bord beantworten nicht näher charakterisierte „freundliche, qualifizierte Berater“ Fragen, und per Videokonferenz können sich Apotheker zuschalten. Darüber hinaus melden Patienten weitere Versorgungslücken online – für künftige Fahrten.

Versorgungslücken händeringend gesucht

Noch ein Blick auf vermeintlichen Versorgungslücken: Der Apothekerverband Brandenburg wundert sich über einen Stopp in Bad Freienwalde. Vor Ort sind vier Apotheken für 12.500 Bürger da. Ähnlich ist die Lage im schleswig-holsteinischen Timmendorfer Strand. Dort betreuen insgesamt drei Apotheken 9.000 Einwohner und unzählige Touristen. Auch die Apothekerkammer Niedersachsen hält Busse für überflüssig. Kollegen fragen sich deshalb, ob bewusst publikumswirksame Orte ausgewählt worden sind. Mittlerweile hat die ganze Sache auch eine politische Dimension angenommen.

Vorfahrt für Apothekenbusse

Olaf Heinrich, Vorstandsvorsitzender von DocMorris, fordert alle Verantwortlichen auf: „Lassen Sie uns gemeinsam die kommende Legislaturperiode für eine Apothekenreform nutzen, die das Adjektiv „fortschrittlich“ verdient.“ CDU und CSU stehen zwar hinter inhabergeführte Apotheken vor Ort, das haben Wahlprüfsteine von DocCheck ergeben. „In Gegenden, in denen dies trotz aller Anstrengungen in einigen Jahren nicht mehr möglich sein wird, müssen wir sehen, ob neben Bringdiensten mobile Lösungen gangbare Wege sind. Vor diesem Hintergrund sieht die Union auch in neuen Konzepten wie mobilen beziehungsweise rollenden Apotheken ein Mittel, die Versorgung sicherzustellen.“ Jens Spahn relativiert, er plane derzeit keine Apothekenbusse. Vielmehr will der gesundheitspolitische Sprecher der Union zusammen mit Landesapothekerkammern und Kollegen vor Ort Lösungen finden – nicht gegen sie. Er hält Rezeptsammelstellen, Bringdienste und Versandapotheken für ausreichend. Spahns vergleichsweise deutliche Rechtfertigung könnte noch ganz andere Motive haben: Zusammen mit Max Müller gründete er im Jahr 2006 die Beratungsagentur Politas. Mittlerweile spekulieren Apotheker, ob entsprechende Kontakte vielleicht zu Vorfahrtsregelungen für Apothekenbusse führen könnten.

Stillhalten oder protestieren?

Anders als die politischen Parteien haben sich Berufsverbände bisher nicht zu Wort gemeldet. „Dass die ABDA sich tot stellt, ist nicht wirklich neu oder überraschend“, sagt Protestapothekerin Gabriela Aures. ABDA-Chef Friedemann Schmidt verteidigte einige Wochen zuvor seine defensive Taktik – wenn auch in anderem Kontext. Er lehne es ab, einzelnen Aktionen „durch lautes Gezeter unverdiente Aufmerksamkeit zu verschaffen“. Doch gäbe es trotzdem Mittel und Wege. „Ich denke, die Kollegen in Bad Freienwalde machen es dieser Tage schon sehr gut – Information und keine Randale“, so Aures. Maasholms Bürgermeister Kay-Uwe Andresen (SPD) hatte einen Halt des Gefährts sogar untersagt. Dennoch wünscht sich Aures mehr Solidarität von der berufspolitischen Spitze: „Schade, dass sich nicht mal Fritz Becker auf die Seite der vom Bus gestreiften Kollegen stellt.“ Ob Apothekenbusse – so sie denn mit vollem Leistungsumfang kommen werden – wirtschaftlichen Erfolg einfahren, ist fraglich. DocMorris hat mehrfach erfolglos versucht, den Markt umzukrempeln, und zwar mit Apothekenketten und mit Rx-Boni. Die Scherben sind bis heute sichtbar. Celesio zahlte für den Konzern im Jahr 2007 mehr als 200 Millionen Euro. Ende 2012 erwarb die Zur Rose AG DocMorris für magere 25 Millionen Euro.

29 Wertungen (4.9 ø)

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7 Kommentare:

Apotheker

Übrigens sehe ich auch die Versorgung der Bevölkerung in der ländlichen Gegend und die Wirtschaftlichkeit der Apothekenbusse weniger problematisch. Man könnte die Routen der Busse wie im öffentlichen Personen-Nahverkehr steuern: eine Mischung aus wirtschaftlich lohnenden und weniger gefragten Gebieten erstellen, oder die Apothekenbusse subventionieren, die nur unrentable Strecken haben.

#7 |
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Apotheker

Die Idee ist nicht neu. Ich hatte sie auch schon letztes Jahr, als ich mich mit der Fahrbibliothek in unseren Breitengraden beschäftigt habe. Das war mit ein Grund, warum ich als Apotheker den LKW und BUS-Führerschein gemacht habe. In einem Doppeldecker-BUS oder einem 40-Tonner Werbe- und Beratungs-LKW, wie sie von der Bundeswehr und anderen großen Unternehmen teilweise benutzt werden, kann man ohne große Probleme die Arzneimittel mitführen, die eine durchschnittliche Apotheke auf Lager hat! Eine Rezeptur wäre auch kein Problem! Labor, Schleuse und Übervorrat könnten am Betriebssitz (Abfahrts- und Rückkehrpunkt) sein.

#6 |
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Michael Hofheinz
Michael Hofheinz

An den 2,3% Arzneimitteldistributionskosten, die die knapp 21000 niedergelassenen Apotheken den Gesetzlichen Krankenversicherungen kosten, ist kaum was zu sparen.
Nur eine Umverteilung dieser 2,3% auf 5 Ketten gäbe einen wirtschaftlichen Sinn – allerdings auf Kosten einer schlechteren flächendeckenden Versorgung mit Qualitätsverlusten, wie wir sie aus anderen Bereichen Drogerien, Elektrohandel u.s.w.) haben erfahren müssen.

#5 |
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Was DocMorris macht ist eigentlich nicht so wichtig, aber es könnte der Einstieg in die Ketten sein. Wer fährt auf den Bussen mit? Approbierte und PTA sind auf dem deutschen Markt nur sehr schwer zu bekommen. Alle Ketteninteressierten können Busse fahren lassen.

#4 |
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Wann begreifen alle die mit dem Gesundheitswesen zu tun haben, dass die über 22. 000 Apotheken eine umfassende und sehr gute Versorgung der Patienten erbringen.
Was sollen Busse, die über Land fahren ???Das mitführen genügender Artikel zur Versorgung ist sowieso nicht möglich- also geht es nur um das Einsammeln von Verordnungen, um diese hinterher von einer Zentrale aus zu beliefern. Das System haben wir jetzt schon und es hat sich zur flächendeckenden Versorgung überhaupt nicht bewährt, da es den Anbietern nicht darum geht Problemgebiete zu versorgen, sondern nur um Umsatzsteigerungen mit möglichst großem Profit.
Ein Einsatz von Überlandanbietungen der Versorgung mit Bussen wird nur bedeuten, dass ländliche Problemregionen gar nicht bedient werden, da es nichts einbringt. Also werden Gebiete und Orte angefahren, die noch gut versorgt sind aber meist durch Apotheken, die sich durch die falsch gelenkte Entwicklung im Gesundheitswesen der letzten Jahre auch schon in Umsatz- und Gewinnschwierigkeiten befinden.
Gewollt ist in dieser ganzen Entwicklung, dass, wie beim Einzelhandel und bei den Drogerien, sich nach und nach einige ganz GROSSE herausbilden, die dann den gesamten Markt der gesundheitlichen Versorgung übernehmen. Natürlich dann ohne Überlandbusse ,und ohne Rezeptsammelstellen ohne Zustellungsdienste ohne Sonderberatungen usw. usw. .
Jetzt werde einige – auch Politiker – sagen, das ist politisch so gewollt.
Aber noch haben wir ein sehr gutes Gesundheitswesen – obwohl es bei der Ärztlichen – und der Apothekenversorgung in ballungsarmen Gebieten schon zu Problemen kommt.
Aber es ist ja erstrebenswert, das sich auch im Gesundheitswesen, einige wie ALDI – EDEKA – LIDL – usw. den Markt ,mit entsprechendem Gewinn, aufteilen ,einen Markt in dem dann die Beschäftigten mit entsprechend mageren Anteilen abgespeist werden.
Also — Lasst die Busse, sondern versucht den ländlichen Bereich durch entsprechendes Nachdenken für Ärzte und Apotheker wieder interessanter zu machen , nur das löst Versorgungsprobleme.

#3 |
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Apothekerin

Und es geht ja nicht ausschließlich um die Inhaber , es geht auch um die Arbeitsplätze in der Apotheke: die sind meist genauso besetzt, wie die Politik es verzweifelt fordert:
Frauen. Teilzeit. Wohnortnah. Familienfreundlich.

#2 |
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Warum einfach, wenn´s umständlich auch geht!!!!
Alle diese “Probleme” wird es gar nicht erst geben, wenn nicht die Basis einer guten Versorgung, nämlich deren Wirtschaftlichkeit für alle Leistungserbringer, auf Teufel-komm-raus weggespart wird.
Aber das ist sicherlich nicht “fortschrittlich” genug!

#1 |
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