Schleimitus interruptus

2. September 2009
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Kondommuffel aufgepasst: Mit einem keimkillenden Gel könnten Frauen sich künftig sowohl vor HIV als auch vor Kindern schützen. Der Lackmustest freilich steht noch aus. Die bisherige Historie des Kondoms zum Eincremen gemahnt eher zur Vorsicht…

„Der erste Schritt in dem komplizierten Prozess der HIV-Infektion einer Frau ist die Diffusion des Virus aus dem Sperma ins vaginale Gewebe. Wir wollen genau diesen ersten Schritt unterbinden“, sagt Professor Patrick Kiser vom Lehrstuhl für Bioengineering an der Universität Utah. Um das zu erreichen, haben die Wissenschaftler ein Gel entwickelt, das die Bewegung des AIDS-Virus im Vaginalmilieu ausbremsen soll. Die Sache funktioniert ungefähr so wie ein Swimmingpool, bei dem sich das Wasser in dem Augenblick, in dem ein Schwimmer hineinspringt, in zähflüssigen Brei verwandelt.

Beim Kontakt mit dem Gel erstarrt das Virus zur Salzsäule

Kiser’s Gel besteht aus zwei Hauptkomponenten, Phenylborsäure und Salicylhydroxyamid. Im normalen, leicht sauren Vaginalmilieu sind die chemischen Verbindungen zwischen diesen beiden Substanzen in einer Art Steady-State: Sie werden geknüpft und gehen wieder auf, was zur Folge hat, dass das Gel seine gelartige Konsistenz behält, solange es aufgetragen wird und kein Geschlechtsverkehr stattfindet. Wenn jedoch das leicht alkalische Sperma ins Spiel kommt und den ph-Wert auf über 7 anhebt, ändert sich die Situation. Plötzlich werden die Molekülbrücken zwischen den beiden Gelkomponenten sehr viel fester, das Gel wird hart und bröselig. Es entsteht dabei auf molekularer Ebene eine Art Gitterstruktur, die Poren mit einem Durchmesser im Bereich von 30 bis 50 Nanometern aufweist. Das HI-Virus hat demgegenüber einen Durchmesser von etwa 100 Nanometern, es ist also wesentlich größer. Kurz gesagt: Das im Sperma des Mannes enthaltene Virus sollte sich, rein physikalisch betrachtet, in einem zähen, engmaschigen und angetrockneten Gel quasi verheddern. Auch für die Samen ist es in einem solchen Milieu kaum möglich, den langen Weg in die Gebärmutter erfolgreich zu bestreiten. Sie bleiben ebenfalls hängen. Dass das auch tatsächlich passiert, konnten die Wissenschaftler in einer Untersuchung zeigen, die sie in der Zeitschrift Advanced Functional Materials veröffentlicht haben. Sie haben HI-Viren mit Fluoreszenzfarnstoffen markiert und unter einem Mikroskop beobachtet, wie sie sich bei Kontakt mit dem Gel beziehungsweise mit Sperma plus Gel verhalten. Sie konnten dabei zeigen, dass die Viren nicht nur mechanisch gebremst werden, sondern auch mit den Polymeren chemisch interagieren.

Beim Menschen gab es bisher nur Negativstudien

In einem nächsten Schritt soll dem Gel jetzt ein Virostatikum wie Tenofovir zugesetzt werden. „Damit hätte das HI-Virus noch eine weitere Barriere, die es überwinden müsste, bevor es in den Körper kommen kann“, so Kiser, dessen Arbeiten vom NIH und von der Bill & Melinda Gates Foundation finanziert werden. Nun ist allerdings Vorsicht angebracht. Die bisherigen Erfahrungen mit antimikrobiell Wirksamen Präparaten zum Auftragen in der Vagina waren nicht besonders gut. So wurde das Präparat Carraguard drei Jahre lang bei 6000 Frauen in Südafrika getestet. Die Daten lagen Anfang 2008 vor: Im Vergleich zwischen Verum- und Placebogruppe gab es keinen Unterschied bei der Rate der HIV-Infektionen. Das Gel enthielt Carrageenan, ein auch in der Kosmetikbranche eingesetzter Stabilisator. Er fing HIV im Tierversuch ab, nicht aber unter den offensichtlich verschärften Bedingungen des menschlichen Geschlechtsverkehrs. Eine andere Phase III-Studie mit antimikrobiell wirksamem Zellulosesulfat bei 1300 Frauen wurde in Afrika und Indien sogar vorzeitig gestoppt, weil die Infektionsrate in den Verumgruppen höher war als in der Placebogruppe. In einer zweiten Studie mit demselben Präparat gab es zum Zeitpunkt des Abbruchs keinen Unterschied zwischen den Gruppen.

Gel vorm Sex braucht gute Compliance

Das neue Gel aus Utah könnte trotzdem funktionieren, unter anderem weil es auf das Vaginagewebe wahrscheinlich weniger stark irritierend wirkt als seine Vorgänger. Eine Hypothese zum Scheitern der afrikanisch-indischen Studie war nämlich, dass das Gewebe als Folge der Applikation des Gels leichte Entzündungsreaktionen zeigte, was es wiederum den HI-Viren einfacher machte, durch die Schleimhaut zu gelangen. Ein anderer Faktor der Voruntersuchungen wird freilich auch für das neue Gel relevant, wenn es demnächst in klinische Studien eintritt: Die Compliance scheint bei dieser Applikationsform nicht besonders hoch zu sein. Daten dazu lieferte die Carraguard-Studie, bei der das Gel über alle Frauen gemittelt nur bei etwa jedem zweiten Geschlechtsverkehr aufgetragen wurde. Nur zehn Prozent der Frauen gaben an, es jedesmal genutzt zu haben.

127 Wertungen (3.87 ø)
Allgemein

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8 Kommentare:

Selbstst. Apothekerin

Was sagt denn die Katholische Kirche dazu?!

#8 |
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Medizinjournalistin

Man muss sich bei den Studienteilnehmerinnen mehr als bedanken, denn für den wissenschaftlichen Fortschritt haben sie nun möglicherweise ein ungewolltes Kind oder, noch schlimmer, AIDS. Ist es ethisch, der Hälfte der Probanden (immerhin 3.000 Frauen!) eine Packung Plazebo zu geben und ihnen zu sagen, sie bräuchten keine weiteren Schutzmaßnahmen für den Geschlechtsverkehr (sonst wären die Ergebnisse der Studie ja verfälscht)? Wenn das die alternative Methode in Afrika und Indien ist, dann lieber Abstinenz!

#7 |
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Dr. med. Sabine Scheffer
Dr. med. Sabine Scheffer

Stimme dem Vor-Schreiber zu. Klar klingt es super-zynisch, wenn berichtet wird, wie viele Infektionen es mit und ohne Gel gab. Aber was ist die Alternative? Dass die Frauen eben an keiner Studie teilnehmen und insofern gar keinen (potentiellen) Schutz haben. Darüber empört sich anscheinend keiner…
Zum anderen: Gel, das die Frau auftragen kann, hat gegenüber dem Kondom den Vorteil, dass SIE es tun kann und nicht auf einen einsichtigen Mann angewiesen ist! Wie sich’s anfühlt… tja, schwer vorzustellen…

#6 |
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Liebe Kolleginen, Kollegen, lesen Sie bitte besser die GCP Richtlinien = “the best available medical treatment” kan als ethisch einnehmbare Alternative zur Studienmedikation akzeptiert werden.
Kein Wunder dann, dass die meisten Studien in Indien oder Afrika stattfinden. Statt der hysterischen Ausrufe, wir sollten fur jeden Patienten, der an der Erforschung teilnimmt herzlich bedanken, sonst wird jeder therapeutischer Fortschritt nachalassen…

#5 |
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Mir gehenen sdiese Pseudoinrterpretationen mit pseudohochrechnungen bei Wahrheitspostulat ganz gehörig aufs kondol, das ist doch hochstilisierte PR Meinungsmache mit Panikbeigeschmack an Pseuzdowissenschaft… Ich gebe dem Artikelgericht die Gesamtnote 2 von 10 erreichbaren Volldampfpunkten .. Haltrogge

#4 |
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Dr. Hellmut Anger
Dr. Hellmut Anger

Na super!
Von den überaus fragwürdigen Vorgängerstudien einmal abgesehen: Wie wird die arme Frau denn nun die in ihrer Vagina herum polternden Betonbrocken wieder los? Hüpfen? Ausspülen? Oder zieht der Mann das Ganze en bloc mit sich heraus?
Also ich weiß nicht, es mag ja wirksam sein, aber so richtig angenehm klingt die Beschreibung (“hart und bröselig”) nicht. Muss doch wehtun, ihr und ihm!
Ich befürchte, das dürfte mal wieder eines von den Dingen sein, die die Welt nicht braucht.

#3 |
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Medizinjournalistin

Interessant, dass ein in den USA entwickeltes Produkt in Afrika und Indien getestet wird. Hätten die Studien in ihrem Heimatland keine Genehmigung der Ethikkommission erhalten? Ich könnte den Grund dafür gut nachvollziehen. Und wieder mal sind wir Frauen die Versuchskaninchen. So was gehört meiner Meinung nach verboten!

#2 |
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Dr. med. Dörte v. Drigalski
Dr. med. Dörte v. Drigalski

Anonymous = Dr. med. Dörte v. Drigalski

#1 |
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