Das große Borrelien-Bashing

3. September 2009
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Schmerzen, Depressionen, Arthralgien – kaum etwas, für das Zecken und die von ihnen verbreiteten Borrelien noch nicht verantwortlich gemacht wurden. Doch serologische Befunde sprechen oft keine eindeutige Sprache.

An die alljährlichen Warnungen vor Bissen durch die einheimische Zecke Ixodes ricinus hat man sich gewöhnt. Wenn der kleine Sauger tatsächlich zugebissen hat, stellt er den Patienten und seinen Arzt vor die Frage: Infektion – ja oder nein? Diese Frage ist schwerer zu beantworten, als es zunächst scheinen mag. Sicher ausschließen lässt sich eine Lyme-Borreliose als Folge eines Zeckenstiches in der Regel nicht. Viel wichtiger ist, Verdachtspunkte für eine Erkrankung zu sammeln. Zielführend sind klinische Befunde wie etwa ein Erythema migrans um die Infektionsstelle, später Meningoradikulitis, Meningitis und Arthritis. Eine Polyneuropathie, Enzephalitis und Acrodermatitis kennzeichnen oft die chronische Borreliose.

Borrelia burgdorferi lässt sich nur in besonders erfahrenen Laboratorien aus der Körperflüssigkeit anzüchten und damit als Krankheitsursache nachweisen. So bleibt in der mikrobiologischen Routine-Diagnostik in der Regel der Nachweis Borrelien-spezifischer Antikörper.

Antikörper beweisen nur wenig

Doch ein positiver Befund beweist nicht viel, ein negativer auch nicht mehr. Nach Angaben von Dr. Tobias Rupprecht von der Neurologischen Klinik der LMU in München, weisen bis zu zehn Prozent aller Gesunden Borrelien-Antikörper auf. Andererseits sind bei einem guten Viertel der Infizierten in den ersten drei Wochen nach der Infektion keine Antikörper nachweisbar. Wie schwierig die Diagnose einer Borreliose ist, zeigt auch eine Studie mit 86 Patienten einer rheumatologischen Klinik, die wegen einer Lyme-Borreliose in Behandlung waren. Alle wurden noch einmal genau unter die Lupe genommen und prompt fand man bei 78 (91 Prozent) eine andere Ursache ihrer Beschwerden. Nicht umsonst haben Experten verschiedener Disziplinen schon 2007 gefordert, serologische Tests zu standardisieren und Marker für den Nachweis einer aktiven Infektion zu definieren.

Leitlinien sehen für die Serodiagnostik bislang eine gestufte Untersuchung vor: Als Suchtest wird ein sensitiver ELISA-Test empfohlen, der IgM– und IgG-Antikörper differenzieren kann. Zur Bestätigung bei positivem oder unklarem Befund kommt ein Immunoblot in Frage. Der direkte Erregernachweis mithilfe der Laborkultur oder einer Polymerasekettenreaktion (PCR) sollte besonderen Indikationen vorbehalten bleiben, zum Beispiel zweifelhaften Befunden. Obwohl die PCR ein sehr empfindliches Verfahren ist, kommt es oft zu falsch negativen Ergebnissen, da in vielen Phasen der Lyme-Borreliose die Erreger nicht in ausreichender Zahl vorhanden sind, wie Dr. Wolfgang Hübl schreibt.

Nicht empfohlen werden Antigentests aus Körperflüssigkeiten oder PCR aus Urin. Diese Verfahren sind klinisch nicht validiert. Das gilt auch für den Lymphozytentransformationstest, der eine frühe Phase der Lyme-Borreliose erkennen und zwischen aktiver und nicht mehr aktiver Infektion unterscheiden soll. Diese Methode kommt aber nach Angaben von Prof. Dr. med. Roland Nau und Kollegen häufig zu falsch positiven Ergebnissen und ist daher „in der gegenwärtigen Entwicklungsphase nicht für diagnostische Zwecke geeignet.“

Die Auwaldzecke kommt!

Während die Immunologen noch mit der einheimischen Zecke kämpfen, krabbelt von Osten schon neue Arbeit auf sie zu: Die Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus) hat sich nach Angaben des Robert-Koch-Instituts seit 2005 in den Wäldern um Berlin fest etabliert. Ursprünglich war sie in südlichen Ländern heimisch und galt noch vor wenigen Jahrzehnten als Rarität in deutschen Wäldern. Die Weibchen dieser Art werden bis zu fünf Millimeter groß und sind damit drei Mal größer als einheimische Zecken. Außerdem bewegen sie sich aktiv auf ihr Opfer zu, während sich die einheimische Zecke passiv von Gräsern und Blättern abstreifen lässt.

Deutliche Unterschiede gibt es auch im Erregerspektrum: Bis zu 13 Prozent aller Ixodes-Zecken tragen Borrelien. Das gilt aber nur für sechs Prozent der Dermacentor-Zecken. Dafür trägt jede zweite von ihnen Rickettsien mit sich, fast ausschließlich Rickettsia raoultii. „Die humanpathogene Relevanz von Rickettsia raoultii ist bisher unbekannt“, heißt es dazu lapidar beim Robert-Koch-Institut, es werde aber angenommen, dass alle durch Zecken übertragenen Rickettsien ein humanpathogenes Potential besitzen. Rickettsiosen könnten daher in Zukunft zu den „emerging infections“ zählen.

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5 Kommentare:

Frank Kijewski
Frank Kijewski

Sehr geehrte ¿Kollegen¿,
mit mehr oder weniger großem Interesse verfolge ich nun schon seit längerem Beiträge im ¿DocCheck¿. Die Themen sind für mich als Tierarzt naturgemäß häufig nur marginal interessant bzw. wichtig. Heute jedoch muss ich einmal über den Tellerrand hinweg etwas einwerfen, sozusagen ¿aus der Praxis für die Praxis¿.
Als niedergelassener Kleintierpraktiker habe ich in den letzten 20 Jahren Zigtausende Zecken aus meinen Vierbeinern entfernt, mit Verlaub sicher mehr, als die meisten Humanpraktiker aus ihren Zweibeinern.
Seit Jahren nun lese ich immer wieder Beiträge von Humanmedizinern, oft Kinder- und Jugendärzten, aber auch Haus- und Hautärzten, in denen fälschlicherweise angeraten wird, Zecken niemals herauszudrehen, sondern immer zu ziehen.
Das ist falsch!
Wer ein Mikroskop bemüht, wird unschwer erkennen, dass das Kopfteil einer Zecke, bestehend aus eigentlichem Kopf und dem sogenannten ¿Rostellum¿, dem ¿Bohrwerkzeug¿ der Zecke, bilateral symmetrisch aufgebaut ist. Das Rostellum ähnelt in seinem Aufbau dem Sägeblatt eines Sägefisches, eine flaches, brettartiges Gebilde mit seitlich in Reihe angeordneten, nach hinten gerichteten Widerhaken. Dieses Rostellum schiebt die Zecke nun langsam Stück für Stück in die Haut vor, dabei werden dann Stück für Stück immer mehr ¿Widerhaken¿ verankert.
Packt man nun die Zecke mit einer Pinzette am Kopf und zieht sie gewaltsam heraus, so reisst man in der Regel dieses Rostellum aus dem Kopf der Zecke heraus. Bei dem schwarzen Pünktchen, was dann an dieser Bissstelle verbleibt, handelt es sich mithin also selten um den ganzen Kopf, sondern um eben dieses Rostellum, was nun sehr schwer entfernbar sein kann.

Besser geht es wie folgt: Man packt wie gewohnt den Kopf der Zecke tief im Bereich der Haut und dreht sie nun ein- bis zweimal langsam um sich selbst. Die Richtung spielt dabei aufgrund des o.g. bilateral-symmetrischen Aufbaus keine Rolle. Damit ¿rührt¿ man sozusagen das Rostellum und seine Widerkaken aus dem Gewebe frei und kann nun durch vorsichtigen Zug die Zecke in toto entfernen.
Ich habe, wie eingangs erwähnt, bereits tausende auf diese Weise entfernt. Noch NIE sind dabei Reste der Zecke in der Haut verblieben.
Frank Kijewski
info@call-a-vet.de

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Dr. med. Jens Freiburg
Dr. med. Jens Freiburg

Ich empfehle die FMSE Impfung und ansonsten kann man wegen der evtl. Borrelliose ja eh nur abwarten… und ggf. Antibiotika nachschiessen.

Hat sich da nun etwas geändert?

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Dr. med. Peter Calais
Dr. med. Peter Calais

Die einfachste Diagnosestellung einer Borellieninfektion ist doch wohl durch Untersuchng der “gebissen habenden” Zecke zu erreichen… Und nicht immer das entfernte Tier wegwerfen!.PC

#3 |
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Dr.med Eugen Winschewski
Dr.med Eugen Winschewski

Bitte lesen Sie bitte noch über die Therapie mit Cistus Incanus.Erstaunlich daß es so wenig bekannt ist.Es gibt schon viele sehr gute Erfolge.

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FTLA Hans-Günter Schaffrath
FTLA Hans-Günter Schaffrath

Die Borrelien-Stufendiagnostik ist einfach, wenn man sie denn beherrscht UND wenn der Betroffene ergebnisoffen ist. Auch die Diagnostik der Neuroborreliose bereitet unter kompetenter Anwendung des Reiber-Schemas in der Regel keine Schwierigkeiten.
Es gibt haufenweise Daten zur Seroprävalenz bei Gesunden und bei Kranken in Deutschland, sogar mit Unterscheidung der Serovare. Gleichmaßen auch zu Ricketien und Babesien sowie Ehrlichia.
Schlimm ist wenn sogenannten Berufsbetroffenen nach der Wegnahme der Diagnose “Borreliose” keine Ausrede mehr bleibt auf gezielte Diagnostik des wahren Grundes ihrer Beschwerden zu verzichten.
Ich halte (Habe mehr als 60.000 Borrelienuntersuchungen selbst durchgeführt) den ziterten Prozentsatz von 86% aus der Rheumaklinik eher für zu niedrig.

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