Tinnitus: Umerziehung für den Nervton

14. November 2012
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Bei nahezu drei Millionen Bundesbürgern pfeift es täglich im Ohr. Eine akustische Modulation von Nervenzellen setzt direkt an einer der Ursachen von Tinnitus an: die digitale Therapie soll die krankhafte Synchronisation in Tinnitus-assoziierten Hirnregionen gezielt auflösen.

Mit Tinnitus aurium wird die anhaltende oder wiederkehrende subjektive Wahrnehmung eines Tons oder Geräusches ohne einen realen akustischen Reiz bezeichnet. Der permanente akustische Begleiter beeinträchtigt die Lebensqualität erheblich und birgt einige gesundheitliche Risiken – physisch wie psychisch. Diese wirken sich oftmals auch äußerst negativ auf ihr Berufs- und Privatleben aus. Bei nahezu einem Drittel der Tinnitus-Patienten bundesweit ist eine intensive ärztliche Betreuung erforderlich.

Selbstgespräche der Neuronen

Eine geraume Zeit wurde davon ausgegangen, dass Tinnitus seinen Ursprung im Auris interna hat: Die in den beiden Organen des Innenohrs befindlichen Haarzellen, so die Annahme, seien übermäßig aktiv. Dies wird via Hörnerv zum Hörzentrum im Gehirn weitergeleitet und löst hier die Tonwahrnehmung aus. Auf Grund dessen wurde mitunter noch bis in die 1980er Jahre bei schwer ausgeprägtem Tinnitus der Hörnerv durchtrennt. Die dabei in Kauf genommene Taubheit zeitigte jedoch keine Erfolge. Weitere Thesen zur Entstehung des Tinnitus basierten auf einer verringerten Leistungsfähigkeit der Hörsinneszellen, beispielsweise hervorgerufen durch Durchblutungsstörungen, Entzündungen oder pathologische Lärmeinwirkung.

Ursprung liegt im Gehirn

Inzwischen betrachtet die medizinische Forschung die Erkrankung aus einem anderen Blickwinkel: Tinnitus wird durch eine übermäßige und synchrone Neuronenaktivität verursacht. Sie wird ausgelöst, wenn die Neuronen im auditorischen Kortex verminderte oder keine Impulse erhalten. Den fehlenden “Gesprächsstoff” versuchen die Neuronen damit auszugleichen, indem sie spontan selbst aktiv werden – sie beginnen, mit sich selbst zu reden. Hintergrund dieser Selbstgespräche ist die neuronale Plastizität des Gehirns. Dank ihr können sich Nervenzellen und Synapsen ebenso wie ganze Hirnareale flexibel an variierende Erfordernisse anpassen. Dieser universelle Mechanismus des Gehirns bewirkt auch, dass sich die hyperaktiven Nervenzellen des auditorischen Kortex krankhaft verstärkt verbinden. Manifestiert sich das Neuronennetzwerk mit seinen synchron gesendeten Signalen, werden diese intrinsischen Töne vom Gehirn gelernt. Was natürlich falsch ist, aber dennoch den Tinnitus kodiert und verankert – obwohl kein Ton vorhanden ist.

Umerziehung im auditorischen Kortex

Die synchron überaktiven Neuronen im Hörzentrum können allerdings “umerzogen” werden: Dazu werden sie gezielt in ihrer pathologischen Synchronizität gestört. Dies erfolgt durch das stetige Wiederholen eines auf den jeweiligen Tinnitus angepassten akustischen Therapiesignals.

Durchgeführt wird die Umerziehung im auditorischen Kortex mit Hilfe akustischer Neuromodulation. Hierbei wirken räumlich wie zeitlich versetzt getaktete Tonfolgen auf die betroffenen Nervenzellverbände ein und lösen deren Desynchronisation aus. Der Therapieansatz geht also den gleichen Weg zurück, auf dem der Tinnitus entstanden ist – die neuronale Plastizität. Ebenso wie deren pathologische Überaktivität “erlernt” wurde, kann sie nun wieder “verlernt” werden. Entsprechend trägt das Verfahren auch die Bezeichnung “Coordinated Reset®”, kurz CR.

Therapie erfolgreich

Um es in der Praxis einzusetzen, wird die aktuelle Tinnitus-Frequenz und -Lautheit des jeweiligen Patienten in der HNO-Facharztpraxis von einem CR-Programmiergerät erfasst. Anhand dessen kann die spezifische Tonfolge für die akustische Neuromodulation berechnet und dann auf dem CR-Neurostimulator programmiert werden. Die Behandlung läuft über mehrere Monate, täglich vier bis sechs Stunden. Dies führt, wie eine Studie zeigte, zu einer deutlichen Verringerung der Symptome: Nach zwölf Wochen stellen sich signifikante Effekte durch die Behandlung ein. Die Tinnitus-Lautheit und die Belastung verminderten sich um etwa 30 Prozent (p < 0,05). Zugleich verbesserte sich der Tinnitus bei 70 Prozent der Patienten um mindestens einen Schweregrad.

Die Misstöne der innovativen Beschallung

Die digitale Therapie ist allerdings nicht für jede Form von Tinnitus geeignet: Davon profitieren kann nur, wer unter einem subjektiven, tonalem Tinnitus mit einer Frequenz zwischen 200 und 10.000 Hz leidet. Bei Patienten mit einem objektivem Tinnitus ist die Neuromodulation nicht möglich. Problematisch kann es zudem werden, wenn der Patient verschiedene Tinnitustöne hört. Dann muss die Stimulation zuerst auf den dominanten Ton – den jeweils lautesten und unangenehmsten – abzielen. Die Töne klar zu unterscheiden, gelingt indessen den meisten der Betroffenen nur schwer bis kaum.

Gänzlich ungeeignet ist die Neuromodulation bei Morbus Menière, akustischen Halluzinationen und symptomatischen Hörstörungen. Ausgeschlossen werden müssen auch Patienten mit Gehirnstammerkrankungen, psychiatrischen und internistisch-onkologischen Grunderkrankungen. Zu berücksichtigen sind ferner mögliche Nebenwirkungen wie unter anderem akustisch ausgelöste Epilepsien, die bei falscher Anwendung oder nicht fachmännischer Anpassung auftreten können.

Abgesehen von Einschränkungen und Nebenwirkungen geben Experten zu bedenken, dass eine einzige Therapie den Tinnitus nur äußerst unwahrscheinlich abstellen wird. Gute Effekte werden auf lange Sicht nur mit einer Kombination verschiedener Ansätze zu erzielen sein. Nicht zuletzt ist zu berücksichtigen, dass die digitale Behandlung den Patienten ziemlich teuer kommt. Insgesamt fällig werden um die 3.300.- Euro für Gerät, ärztliche Voruntersuchung, Anpassung, Einstellung und Nachjustierung – komplett als Privatleistung, da die Krankenkassen die Kosten nicht übernehmen. Kleiner Trost: Die Patienten haben eine zwölfwöchige Geld-zurück-Garantie bis auf eine Gebühr von 390 Euro, falls sie nicht auf die Therapie ansprechen.

121 Wertungen (4.08 ø)

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16 Kommentare:

Ich behandle mit der akustischen NEuromodulation seit 9.2010, wir haben inzwischen 29 Patienten behandelt. Ich kenne keine Methode die auch nur Ansatzweise derartige, zum Teil dramatische Verbesserungen erzielt. Beispielweiswe initial 10/10 numerische Analogskala, nach 6 Monaten 2/10. Wenn dies keine ERfolge sind? Und wir reden von chronischem, also seit vielen Jahren bestehendem Tinnitus.
Dr. med. Frank Burkart, Hals-Nasen-Ohrenarzt
Radolfzell am Bodensee

#16 |
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25 Jahre Beschäftigung mit Tinnitus als HNO Arzt und Betroffener :
Es hilft nur die Ignoranz nach James Bond ( Casino Royal, der Keller fragt 007, ob er seinen Wodka Martini gerührt oder geschüttelt möchte. Antwort:”Sehe ich so aus, als ob mich das interessiert”. Bond hatte kurz zuvor eine große Summe am Spieltisch verloren )

#15 |
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Ich habe seit Jahren eine ständig wiedekehrenden Tinnitus.
Ich habe eine ganz einfache Methode.
Einfach Ignorieren.

#14 |
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Wichtig Herr Anhäuser, Danke

#13 |
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Kay Wack
Kay Wack

Warum werden nicht auch die Physiotherapeuten mit einer MT-Qualifizierung herangezogen?
Wird ein Beckenschiefstand mit daraus folgender Kopfgelenksblockierung bei dem betreffenden Patienten in Betracht gezogen?

#12 |
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Dr. med. Erwin Glas
Dr. med. Erwin Glas

Ich kann es nicht weiterempfehlen, es ist eine Geschäftsidee mit unklarer Wirkung. Kostet halt viel.

#11 |
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Altenpfleger

Ich hatte mir selbst zum Jahreswechsel über ein Knalltrauma einen Tinnitus beidseits zugezogen, welcher zunächst mit durchblutungsstimulierenden diversen Medikamenten behandelt wurde – Ergebnis negativ! Erst das damals vorhandene Medikament Cinnarizin als spezifisches Mittel gegen periphere Durchblutungsstörungen im Innenohr hatte einen sofortigen Effekt gebracht – die fürchterlichen Ohrgeräusche waren nach 2 Tagen Medikamenteneinnahme weg. Ich bin mir aber auch sicher, dass Infekte und psychosozialer Stress ebenso zur Entstehung des Tinnitus beitragen können.

#10 |
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Horst Rieth
Horst Rieth

aha GEHIRNWÄSCHE!!!, und wie sie wirklich funktioniert.
scientology reigns!!!!!

#9 |
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Ein vielversprechnder Artikel es ist zu hoffen daß das auch zutrifft

#8 |
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..stimme dem zahnärztl Kollegen voll zu: denn nach einem Knalltrauma lässt sich auch die anschließende “Schwerhörigkeit”, die öfters mit Tinnitus vergesellschaftet ist, lanfristig gut mit Antioxidantien verbessern !

#7 |
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Weitere medizinische Berufe

Ich hatte vor ca 15 Jahren Tinitus. Ich ging zu einem Arzt der aus China stammte. Er sagtem mir mit Akupunktur besteht eine Chance. Es sind in der Regel~ 20 Sitzungen notwendig.
Nach einige Sitzungen war es etwas besser aber nach der 20. Sitzung noch nicht weg. Nach einigen Monate war plötzlich der Tinus, bis heute weg. Preis aller Sitzungen waren etwa 500@.
Ist das nicht ein Ansatz vor einer teuren unsicheren App.-Behandlung?

#6 |
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Nichtmedizinische Berufe

Interessant wird sein, was im Igel-Monitor dazu zu lesen sein wird… Schön wäre, wenn es hilft.

#5 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

mehrere vorrangige Voraussetzungen müssen erfüllt sein , um Tinnitus erfolgreich zu therapieren .Die körperliche
Biometrie muß stimmen : korrekter Beckenstand ohne blockiertes ISG , gleiche Beinlänge ,freie Kopfgelenke …keine Störungen aus dem Zahn-Mundraum ( Metalle , entzündliche Problematiken )…physiologische Hormonsituation …keine Esmog/Handy-Dauerbeglückung …
insbes . aber keine Mitochondropathie,genügend ATP ; denn die Synapsen stecken prallvoll mit Mitochondrien !
Im Hintergrund/ Anmnese stehen oft Infekte verschiedener Art .

#4 |
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Seit fast zwei Jahren wende ich die Methode in meiner Praxis an. Sicher konnte nicht jedem Patienten geholfen werden, aber ich kenne keine andere Therapie bei der ein langjähriger Tinnitus innnerhalb von von Wochen oder wenigen Monaten deutlich vermindert, bzw. vollständig abgekungen ist.

#3 |
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Ulrich Auburger
Ulrich Auburger

Es ist erschreckend wie die moderne Schulmedizin heute vorgeht! Sicherheit? Nebenwirkungen? Beweisführung?? Nur subjektive Interessen werden hier verfolgt… Veröffentlichung tut Not..

#2 |
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Medizinjournalist

Nicht nur der Vollständigkeit halber wäre es noch angebracht darauf hinzuweisen, dass die verlinkte Studie firmenfinanziert ist und zwar ist der Erstautor auch zugleich der Gründer der Firma, die Methode anbietet.

#1 |
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