LAN-Arzt statt Landarzt

4. September 2009
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Manager sind gewohnt, wichtige Entscheidungen per Videokonferenz zu treffen. Der Chat am virtuellen Konferenztisch ist preiswert und zeitsparend. Ob die Technik auch in der Beziehung Arzt - Patient funktioniert? Die USA sagen ja und starten eine Offensive.

Connected Care macht den ärztlichen Hausbesuch überflüssig, erübrigt den Arztbesuch in der Praxis und will das amerikanische Gesundheitswesen bahnbrechend reformieren. Patienten müssen sich nicht mehr frei nehmen für einen Arzttermin. Mediziner können ihr Versorgungsgebiet vergrößern, ohne lange Fahrzeiten in Kauf zu nehmen. Was sich auf diesen kurzen Nenner gebracht eher wie eine Sommerente liest, hat für die Initiatoren einen handfesten Hintergrund. Connected Care soll das erste nationale Telemedizin-Netzwerk werden, das medizinische Versorgung an den Arbeitsplatz und in ländliche, unterversorgte Regionen bringt. Die Partner setzen dabei auf Videokonferenz-Technik in High-Definition (HD)-Qualität und digitalisierte Untersuchungsgeräte wie Stethoskop, Blutdruckmesser oder Pulsoxymeter. Wichtig sei, dass der Patient das Gefühl hat, seinem Arzt direkt gegenüberzusitzen. Nach der Vorstellung der Initiatoren heißt dies, dass beispielsweise bei einer Untersuchung der Hörgänge mit einem Otoskop der “Remote-Doctor” aufgrund der Bilder auf seinem Monitor sofort eine Diagnose stellt und die Behandlungsmaßnahmen mit dem Patienten quasi von Angesicht zu Angesicht bespricht. Die Untersuchungen vor Ort sollen entsprechend geschulte medizinische Assistenten vornehmen. Das erforderliche Equipment kann entweder beim Betriebsarzt oder in einer mobilen Connected Care-Klinik installiert sein.

Investoren aus der Wirtschaft

Als Promoter und Initiatoren von Connected Care haben sich Cisco und die UnitedHealth Group (UHG), zwei amerikanische Wirtschaftsgiganten, zusammengeschlossen. Cisco bezeichnet sich selbst als weltweit führenden Netzwerk- und Videokonferenz-Anbieter mit 65.000 Beschäftigten. Der Weltkonzern beteiligt sich mit seinem Produkt HealthPresence an dem nationalen Telemedizin-Netzwerk. Die UnitedHealth Group, ein gewichtiger Dienstleister in der Gesundheitsvorsorge mit diversen Geschäftsfeldern, bringt ein Netzwerk von 590.000 Medizinern und rund 4.900 Hospitälern in das Projekt ein. Außerdem ist die Gruppe mit 70 Millionen Mitgliedern der größte private Krankenversicherer in Amerika. Nach eigenen Aussagen versteht sich die Company als Reformer und Modernisierer des amerikanischen Gesundheitssystems. Insofern passt Connected Care ins Programm. Beide Initiatoren scheinen sich sicher zu sein, dass ihr Kalkül aufgeht. Sie investieren zig Millionen Dollar in das Projekt. Das Modell werde die Produktivität und Effizienz in der Gesundheitsversorgung verbessern und die Kosten minimieren, heißt es in der Pressemeldung.

Werbung mit groß angelegter Kampagne

Dass die Amerikaner viel von Marketing verstehen, stellten die beiden Giganten einmal mehr unter Beweis. Gleichzeitig mit der Ankündigung der Markteinführung von Connected Care wurde eine mobile Klinik auf achtzehn Rädern als Showroom auf nationale Tour geschickt. Mit dem Truck soll auf Veranstaltungen und Messen für das Telemedizin-Netzwerk geworben werden. Eine weitere mobile Remote-Klinik startete auf den Weg nach New Mexiko, wo das erste Connected Care –System implementiert wird. Das Programm, das von der internationalen Hilfsorganisation Project Hope unterstützt wird, konzentriert sich auf die Diagnose von Diabetes und anderen chronischen Krankheiten. Inkludiert ist ein “train-the-trainer”-Programm, mit dem die lokalen Pflege-Kapazitäten erweitert und für die technische Anwendung qualifiziert werden. Ebenfalls gleichzeitig mit der Ankündigung von Connected Care wurden die Ergebnisse zweier Pilotprojekte vorgestellt, die Cisco an seinem Stammsitz in San Jose, Kalifornien und in Schottland zusammen mit dem National Health Service (NHS) durchgeführt hatte. Getestet wurde die Akzeptanz von HealthPresence. Resultat: Mehr als 95 Prozent beurteilten das Experiment positiv. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn in San Jose nahmen ausschließlich Beschäftige von Cisco und deren Familien an dem Pilotprojekt teil.

Übertragbar auf Deutschland?

Das Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik (IBMT) hatte bereits vor acht Jahren eine mit Cisco vergleichbare telemedizinische Plattform mit Videokonferenz-System für die Behandlung von Schlaganfall-Patienten vorgestellt, aber die Krankenkassen zeigten kein Interesse, dies in ihre Regelversorgung umzusetzen. Stephan Kiefer, Group Manager am IBMT, u.a. verantwortlich für den telematikgestützten Gesundheitskiosk, kann sich sehr wohl vorstellen, dass ein System wie das Connected Care auch in Deutschland speziell zur häuslichen Versorgung chronisch Kranker sinnvoll ist – vor allem in ländlichen Regionen. “Telemedizin kann dem Arzt zeitraubende Hausbesuche ersparen und dem Patienten lange Wege in die Arztpraxis. Selbstmessung von Therapiekontrollparametern oder Risikoparametern wie Blutzucker, Blutdruck, Gewicht stärken Eigeninitiative und die Therapietreue beim Patienten. Die Fernkontrolle und Videokonferenzen geben Sicherheit und binden den Patienten an seinen Arzt”, so der Dipl.-Informatiker. Würde es denn auch Investoren für so ein Projekt geben? “Im Prinzip kämpfen alle telemedizinischen Systemhersteller mit den gleichen ökonomischen Problemen. Die Leistung des Arztes muss in der GKV abrechenbar sein oder der Einsatz eines Telemedizinsystems muss dem Arzt einen anderen geldwerten Vorteil verschaffen. Erst dann können Dienstleistungsmodelle und Geschäftsmodelle entstehen”, erklärt Kiefer.

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9 Kommentare:

Dr. med. Klaus Juffernbruch
Dr. med. Klaus Juffernbruch

Hier noch ein Link mit weiteren Infos zu Cisco HealthPresence: http://www.cisco.com/web/about/ac79/health/hp/index.html

#9 |
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Dr. med. Klaus Juffernbruch
Dr. med. Klaus Juffernbruch

Wer ein persönliches Erlebnis haben will, geht in’s Theater. Manchmal tut’s aber auch das Kino oder der Fernseher.
Wer vor dem Kauf in einem Buch stöbern möchte, geht in die Buchhandlung, wer nicht kauft online.
Schön ist, wenn man aus den Angeboten wählen kann.
Wer Wert auf persönlichen Kontakt zu seinem Arzt legt, kann sich ins Wartezimmer setzen. Wer nur eine Kleinigkeit hat oder mit einem Spezialisten reden will, der vielleicht weit entfernt ist, freut sich, wenn er Zeit und Reisen spart und schnell online abklären kann, ob er wirklich persönlich in der Sprechstunde erscheinen muss. Ebenso können Patienten, die weiter wegziehen, so Kontakt zu “Ihrem” Arzt halten. In Gegenden geringer (Fach-)Arztdichte könnte ein dort ansässiger Kollege, wenn der Patient in seiner Sprechstunde erscheint, auf Knopfdruck Rücksprache mit anderen Spezialisten halten.
Ärztinnen und Ärzte, für die vielleicht auf Grund von Kindern oder aus anderen Gründen keine Tätigkeit in Klinik oder Praxis in Frage kommt, könnten ihre Fähigkeiten auf diesem Wege von zu Hause aus für Patienten verfügbar machen.
Dort wo keine Breitbandverbindung beteht, funktioniert es auch über Satellit.
Wer sich von der Qualität des Systems und seiner Eignung für verschiedene medizinische Anwendungen mal selbst einen Eindruck verschaffen will, den lade ich gerne mal zu Cisco nach Eschborn (bei Frankfurt) ein. Kontakt: kjuffern@cisco.com

#8 |
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Heilpraktikerin Astrid Heymann
Heilpraktikerin Astrid Heymann

A.H.
Psychologin / Heilpraktikerin
Sicherlich hört es sich Verrückt an. Sicherlich gibt es einige Dinge die nicht umgesetzt werden sollten, da der persönliche Kontakt zum Klienten/Patienten der wichtigste ist. Jedoch sollten wir alle bedenken, dass immer weniger Menschen bereit sind, für wenig viel zu arbeiten (z.B.Landarzt) immer weniger Zeit zur Verfügung steht für Behandlungen ( Schnitt 7 min. pro Patient) auch hier Fehldiagnosen getroffen werden.
Somit ist es an der Zeit ein weinig der Verantwortung auf den Patienten zu übertragen. Vieleicht kann auf diesem Wege der ein oder andere eher belanglose Termin aufgehoben werden. Es entsteht wieder Zeit ür die eigentliche Aufgabe. Ist diese nicht auch das zuhören.
Wir ollten nicht die Dinge die uns angeboten werden gleich verurteilen sondern sie wie es sein sollte Kitisch betrachten und für uns so entwickeln, dass wir diese nutzen können.

#7 |
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Josa Preuß
Josa Preuß

Ich halte das für einen guten Ansatz. z.B. gibt es in der Tiermedizin nur wenige Fachärzte für Fischkrankheiten, aber überall im Land Zierfisch-Halter und fast überall im Land Tieräzte, die gern helfen würden sich aber allein mit einem Fisch-Patienten überfordert fühlen. Was läge näher als die Verknüpfung von Resourcen über das Netz? Leider wird solche Umsetzung in der Humanmedizin wohl noch auf sich warten lassen und in der Tiermedizin erst recht. Schade! Damit bleibt so manchem Heimtierbesitzer nur der Weg auf dubiose Internet-chats oder Bestellung illegaler Medikamente im Ausland.

#6 |
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Martin Gerken
Martin Gerken

Tja, Technologieunternehmen und Uni-Spinoffs möchten Geld verdienen, und hier riechen sie Gold. HMOs wollen nur Kosten Sparen.
Solange man sich aber nicht auf eine Plattform einigt, wird es bei erfolglosen Insellösungen bleiben.
Das Scheitern eines Megaprojektes erleben wir ja gerade bei der eGK.

#5 |
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Dr. Markus Kufeld
Dr. Markus Kufeld

Sicher eher etwas für nur ganz spezielle Bereiche, weniger für den alltäglichen Arztbesuch. Am Cyberknife Zentrum München, einem spezialisierten Zentrum für Radiochirurgie versuchen wir derzeit, eine “Skype-Sprechstunde” anzubieten, da wir viele überregionale Patienten haben. Die sind für das Angebot dankbar, auch wenn vor allem ältere Patienten mit der Technik ein wenig überfordert scheinen.

#4 |
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Die medizinische Versorgung mag so m. E. zu gewährleisten sein – die ärztliche nicht. Die bedarf imho des persönlichen Kontaktes, nicht einer Breitband-Anbindung (deren Abdeckung auf ländlichen Gebieten ohnehin noch lange (…) auf sich warten lassen dürfte). Aber guter Artikel.

#3 |
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Medizinjournalistin

warum?

#2 |
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Norbert Kossel
Norbert Kossel

nonsense

#1 |
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