PSA-Kanonen auf Tumor-Spatzen?

10. September 2009
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Schon lange ist der PSA-Test zur Früherkennung des Prostatakarzinoms in der Diskussion. Ein Nutzen ist nicht belegbar. Auch andere präventive Strategien halten Prüfungen nicht stand.

Das Prostatakarzinom ist bei Männern jenseits des Alters von 50 Jahren das häufigste Karzinom. Vorsorgeuntersuchungen werden hierzulande ab dem 45. Lebensjahr angeboten. Diese umfasst die Tastuntersuchung der Prostata. Ein Bluttest auf das prostataspezifische Antigen (PSA) wird Männern ohne Symptome oder bekannte Erkrankung angeboten, muss als Teil der Krebsvorsorgeuntersuchung jedoch selbst bezahlt werden.

PSA-Test: Nutzen nicht belegt

Dass die 75 Jahre lang praktizierte Tastuntersuchung der Prostata als alleinige Screeningmethode nicht gerade zuverlässig ist, ist leicht nachzuvollziehen. Die Entwicklung des PSA-Tests schien zunächst viel versprechend, enttäuschte schließlich aber doch. So schätzt das National Cancer Institute in den USA den Stellenwert der zur Zeit verfügbaren Möglichkeiten als nicht ausreichend belegt an. Denn Überdiagnose und Übertherapie stehen in fragwürdigem Verhältnis zum Nutzen der Screeninguntersuchung, belegen Zahlen der Prostate, Lung, Colorectal, and Ovarian Cancer Screening Trial (PLCO) aus den USA und der European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer (ERSPC). Eine gute Übersicht liefert ein aktueller Artikel der American Cancer Society (OW Brawley et al.: Screening for Prostata Cancer. CA Cancer J Clin 2009;59;264-273; DOI: 10.3322/caac.20026).

PSA-Test ja oder nein?

Die Regel ist: Liegt der PSA-Wert über 4,0 ng/ml, folgt weitere Diagnostik mittels Biopsien. Dabei gibt es für das PSA gar keinen eigentlichen Normwert. Der Wert unterliegt natürlichen Schwankungen, ist alterabhängig und bei verschiedenen anderen Erkrankungen der Prostata ebenfalls erhöht. Schon körperliche Anstrengung, Geschlechtsverkehr, Druck auf die Prostata wie bei der Tastuntersuchung selbst treiben den Wert in die Höhe. Auch wenn das Risiko für Prostatakrebs und dessen aggressive Formen ab einem Wert von 4,0 ng/ml an steigt, weist doch die Mehrheit der Erkrankten Werte unter diesem Grenzwert auf.

Weiteres Problem: Der PSA-Test deckt bei vielen älteren Männern ein asymptomatisches Prostatakarzinom auf, das, wenn überhaupt, nur langsam gewachsen wäre, auch zukünftig keine Symptome verursacht hätte, geschweige denn den Tod. Stattdessen kommt bei positivem Testergebnis die diagnostische Maschinerie in Gang. Positive Biopsien bedeuten dann häufig belastende Krebstherapien mit entsprechenden langfristigen körperlichen und psychischen Folgen.

Dass die Entscheidung zum PSA-Test gar nicht so einfach zu treffen ist, wissen Krebsexperten des Deutschen Krebsforschungszentrums oder des deutschen Krebsregisters. Deshalb bieten die AOK, die Universität Bremen und der Krebsinformationsdienst seit 1. August letzten Jahres für interessierte Männer eine Internetinformation und Entscheidungshilfe an, die Vor- und Nachteile beleuchtet.

Präventionshoffnung: Finasterid

Die frühe Entdeckung und Behandlung von Prostatakrebs ist keine einfache Strategie, um die Erkrankung zu kontrollieren, zumal die meisten Patienten mit unbehandeltem Prostatakarzinom keine Komplikationen haben. Prävention bleibt natürlich dennoch ein wichtiges Thema. Die „Selenium und Vitamin E Prevention Trial“ (JAMA 2009; 301: 39-51) ergab keine Wirksamkeit der beiden Bestandteile hinsichtlich des Erkrankungsrisikos. Lediglich eine geprüfte Methode konnte das Risiko senken: Finasterid in der Dosierung 5 mg pro Tag senkte das Krebsrisiko um annähernd 25 Prozent (N Engl J Med. 2003; 349: 215–224).

Zwar ergaben Studienergebnisse einen Anstieg des Risikos aggressiver Krebsformen unter der Therapie mit Finasterid. Spätere Analysen zeigten jedoch, dass dieser Effekt auf der Wirkung des Finasterid auf die PSA-Untersuchung, Tastuntersuchung und Prostatabiopsien und die verbesserte Entdeckung von gefährlichen Tumoren zurückzuführen war. Finasterid gilt als sicher und effektiv und könnte eine wirksame Präventionsmethode sein. Die American Society of Clinical Oncology/American Urological Clinical Practice Guidline jedenfalls empfiehlt für Patienten, die sich einem PSA-Test unterziehen, die Information über diese Möglichkeit der Prävention.

225 Wertungen (3.8 ø)
Allgemein

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18 Kommentare:

Die Diskussion über den Sinn und Unsinn von Tumormarkern wird nicht nur hier kontrovers geführt. Wie so häufig ergibt sich die “Wahrheit” nur indirekt aus der Pluralität der Meinungen. Deshalb freue ich mich über jeden Ihrer Kommentare – auch über die überspitzten.

#18 |
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Dr. med. Koll Burkhard
Dr. med. Koll Burkhard

Der PSA-Wert sowie fPSA in Kombination mit sorgfältiger digito-rectaler Palpation, evtl ergänzt durch eine gute transrectale Sonoggraphie unter Betrachtung des vor mir sitzenden Menschen ist 1 Puzzleteil. Es hilft derzeit niemandem, diese Methode zu verreißen noch als absolut hinzustellen.
Allein die Tatsache, dass es diverse Studien (in allerdings unterschiedlicher Qualität und mitmanchmal nicht ganz nachvollziehbaren Beweggründen) gibt, zeigt, dass von Fachleuten gemäß dem Motto “Der Feind des Guten ist das Bessere” nach weiteren Erkenntnissen gesucht wird.
Emotionslosere Diskussionen werden uns weiterhelfen. Persönliche Einzelansichten sind weniger hilfreich.

#17 |
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PSA ist EIN Mosaikstein bei der Diagnostik des Prostatakarzinom.obwohl selbst Laborarzt, käme ich nie auf die Idee, den PSA-Wert isoliert und nur auf einen Normwert von 4 ng/ml bezogen zu betrachten.Der Verlauf ist wichtiger,da Tumoren i.d.R exponentiell wachsen- Der PSA-Spiegel pro ml Prostata, der Quotient PSA/freies PSA gehören bei intelligenter Anwendung dazu.Der Finger eines feinfühligen Urologen hilft erhöhte PSA-Spiegel bei Prostatitis von dem eines Carcinoms zu unterscheiden.Kurz gesagt:der PSA-Test ist nicht perfekt, aber immerhin der beste aller Tumormarker in den letzten 20 Jahren

#16 |
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Medizinjournalistin

Liebe Kommentatoren,

der Artikel löst erwartungsgemäß Kontroversen aus, die allerdings schon lange bestehen. Tatsächlich lassen sich die verschiedenen Meinungen zum PSA-Screening nachvollziehen und verstehen, wenn auch ich denke, dass die häufigen auch bei anderen Artikeln und Autoren vorkommenden persönlichen Angriffe fehl am Platze sind. Fruchtbar und wünschenswert im Sinne aller wäre eine weniger aufgebrachte Diskussion von Studienergebnissen, persönlichen Erfahrungen, u.a., die ja offensichtlich weit auseinander gehen.

In diesem Sinne mit freundlichen Grüßen
Julia Hofmann

#15 |
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Ist es nicht erschreckend, dass in der bisherigen Diskussion nicht eine einzige konkrete Empfehlung an Hausärzte gegeben wurde – werden konnte? – was sie dem verzweifelten PSA-Patienten raten sollen? Wer relativiert Biopsie -Ängste? Wo bleiben Wortmeldungen aus den neuen Prostata-Zentren? Vielleicht sollte DocCheck hier eingreifen und konkrete Anfragen dorthin stellen. Was ist bei der bekannten Meinungsvielfalt denn der heute vertretbare, verantwortbare Weg, wie lautet der “Stand der Wissenschaft” derzeit konkret, welche aktuellen Promotions- und Habilitationsergebnisse könnten eventuell dem “Arzt des Vertrauens” weiterhelfen???

#14 |
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Die Überschrift hat mich erschrocken!

Mit 49 Jahren hat ein bei mir selbst steigender PSA-Wert (2,5, 4 Monate später 4,5) ein Prostata-Ca aufgedeckt. Die Histologie nach der Prostatektomie ergab einen Gleason von 4+3=7. In meinem Fall hat die Bestimmung des PSA vermutlich mein Leben gerettet. Da mir genügend Zeit für die Wahl einer Therapie und die Ausführenden blieb, sind auch die “Nebenwirkungen” nicht so schlimm wie zunächst befürchtet.

Die Autorin sollte das Thema m. E. wesentlich differenzierter angehen. Das es Probleme mit Übertherapie etc. gibt, ist unbestritten. Trotzdem darf diese Diagnostik (und hier besser komplexiertes/freies PSA) in keinem Fall verteufelt werden. Unfassbar Ihre Aussage!

#13 |
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Dr. med. Ulrich Steude
Dr. med. Ulrich Steude

Wie heißt es doch so schön? “Die Hunde heulen, die Karawane zieht weiter ”
Der Nutzen des PSA u n d des PSA-Quotienten bleiben für mich aus Erfahrung an Patienten und mir selbst unverzichtbar gut nach inzwischen 43jähriger aktiver praktizierter Urologie.
Das PSA wird an den Profilierungsversuchen Inkompetenter
keinen Schaden nehmen. Wie immer: Schaden bereitet nur unkritische Anwendung und Interpretation.

#12 |
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DR. AHMAD EFTEKHARI
DR. AHMAD EFTEKHARI

Was wäre zu tun, wenn PSA-Wert über 12ng/ml. ist und die Biopsie negativ gewesen ist? Dümpfe Schmerzen in der Blasenbereich und das Wasserlassen als Problem, da Prostatavergrößerung vorhanden ist.

#11 |
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dr gerhard blum
dr gerhard blum

Dass der PSA-Wert umstritten ist, ist wiederum unstrittig. Dass es aber zZ keine sichereren Alternativen gibt, ist ebenso unstrittig. Mutiges Biopsien ist sicherlich auch nicht das richtige Allheilmittel. Aber: Finasterid mit seinen erheblichen Nebenwirkungen zu berwerben, ist extrem schwacher Journalismus! Denn: Die Behandlung eines PC durch Testosteronentzug ist seit Jahrzehnten etabliert und genauso dieses macht Finasterid: Es senkt den Testosteronspiegel um etwa 50%. Also: Bitte das Problem PC fachärztlich auf hohem Erfahrungsniveau diskutieren.

#10 |
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Norbert Manteuffel
Norbert Manteuffel

Was sagte Hackethal:

Siehst du einen Urologen, nimm deine Beine in die Hand und reise aus………….

#9 |
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In meiner über 30jährigen onkologischen Tätigkeit habe ich eins gelernt: rektal adäquat zu tasten (und nicht einfach Finger rein und drehen) und den PSA-Wert ernst zu nehmen. Bereits bei pathologischem Tastbefund und nur einem PSA um 2 fand ich relativ viele Ca, z.T. schon mit Kapselübertritt sowohl bei jüngeren als auch älteren Herren. PSA-Screening ist für mich unverzichtbar, da ich meist mit schweren und tödlichen Verläufen konfrontiert wurde.

#8 |
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Dipl.Ing. Teichert Roland
Dipl.Ing. Teichert Roland

Der PSA-Test ist nachweislich die einzige, evidenzbasierte Methode zur Früherkennung eines
Prostatakarzinoms.
Mit dieser Feststellung begegnet der Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe e. V. (BPS) unpräzisen und
fehlerhaften Veröffentlichungen in der jüngsten Vergangenheit. Der BPS rät weiterhin Männern mit Vorkommen
von Prostata- oder Brustkrebs in der Familie zur regelmäßigen Feststellung des Prostata-Spezifischen
Antigens (PSA) durch eine einfache Blutuntersuchung ab dem 40. Lebensjahr. Männern ohne familiären
Prostata- oder Brustkrebs rät der BPS zur regelmäßigen PSA-Testung ab dem 45. Lebensjahr. Nur so lässt sich
Prostatakrebs im Frühstadium entdecken und erhält dadurch bessere Heilungschancen.
Quelle:
http://www.prostatakrebs-bps.de/index.php?option=com_content&task=view&id=433&Itemid=149

#7 |
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Heilpraktiker

Was ist mit dem viel aussagefähigeren cPSA/PSA-Quotient????
Da fehlt doch wohl einiges an Informationen…..

#6 |
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Dr. (Univ. Varna) Hon. Prof. IMAB Orlin Savov
Dr. (Univ. Varna) Hon. Prof. IMAB Orlin Savov

ERSPC, Schröder et al, NEJM 2009. Zu wenig gelesen, sg Fr. Dr., zu wenig Onko- und Uro-Kongresse besucht. Schade,medial-populistisch, Kassen- und Schmidtorientiert.

#5 |
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Dr. med. Matthias Solga
Dr. med. Matthias Solga

Solche Artikel zeigen die Ahnungslosigkeit des Autors nahezu alle rlevanten Zusammenhönge betreffend.

Selbst wenn die Studien (USA, Europa) gleiuchermaßen valide wären: es ist erschreckend, mit wie wenig stat. Wissen Leute Studien beurteilen. Wenn eine Grundgesamtheit untersucht wird, und in der einen Stichprobe wird ein signifikanter Unterschied zwischen zwei Gruppen besttätgt, so ist das statistisch so sicher, wie die Fehlerrate hergenommen wird. Kann dieser Unterschied nicht nachgewiesen werden, so ist das so: eben ein Unterschied nicht nachgewiesen. Das ist etwas grundlegend Anderes, als nachzuweisen, daß kein Unterschied da ist. Beide Untersuchungen ergänzen sich also: die eine kann den Unterschied nachweisen, die andere ist womöglich unzureichend, mehr kann man da nicht sagen.

Hinzu kommt, daß die US-Studie nicht valide ist: aus dem PSA-freien Arm wechselten Probanden zum PSA-Arn, wurden aber nicht ausgeschlossen, klar, daß da keine Trennschärfe herauskommen kann, und: die USA-Studie ist lediglich ein Vorab-Report. Nach Korrektur dieser und anderer Fehler: Schaun mer mal.

Wir haben also eine Studie, die den NAchweis führt, daß die Sterblichkeit um 20% gesenkt werden kann durch Früherkennung.

Zitat von Weißbach, sinngemäß: wenn es bei FRAUEN einen Test gäbe, der nachgewiesenermaßen die Sterblichkeit um 20% senkt, wäre der inert weniger Tage bundesweit eingeführt. Nur bei Männern wird das nicht öffentlich akzeptiert.

Seltsam.

Eine direkte Frage an Fr.Hofmann: Was ist der Grund, daß Sie die europäische Studie falsch zitieren?

#4 |
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Hans-Michael Bechstein
Hans-Michael Bechstein

Schade dass in dem Artikel nicht erwähnt wird, wie auf dem diesjährigen AUA (Amerikanischer Urologenkongress) die in den USA angestellte Studie in der Luft zerrissen wurde, da diese wohl unter falschen Voraussetzungen durchgeführt wurde. Ein Normwert von 4,0 ng/ml des PSA ist seit Jahren nicht mehr aktuelle! So schnell kann der beste Tumormarker des menschlichen Körpers den wir kennen durch Ärzte selbst – leider meist Nicht-Urologen in Verruf gebracht werden!

#3 |
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Besonders interessant als betroffener PSA-Alterierter(Werte um 6 bei 73J. Lebensalter).Da symptomfrei: Was tun?

#2 |
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Dr. med. Heinrich Lang
Dr. med. Heinrich Lang

Siehe !

#1 |
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