Wenn Plastinate poppen

11. September 2009
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Kürzlich war in Berlin wieder die Ausstellung „Körperwelten“ von Gunther von Hagens zu sehen. Plastinate sind o.k., meint DocCheck Autorin Inga Bürmann, aber anatomische Präparate beim Geschlechtsverkehr - das geht zu weit.

Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Besucher von dieser Leichenshow angezogen werden, in der Gunther von Hagens seiner Körperspender auszieht. Seit 1995, seitdem von Hagens seine Plastinate ausstellt, in Japan zum ersten Mal, haben bis heute über 28 Millionen Menschen weltweit die Ausstellungen gesehen. Und auch diesmal, im Berliner Postbahnhof, standen die Leute Schlange, um ihre Wissbegier zu stillen.

Doch was genau macht diese Ausstellung zu der weltweit erfolgreichsten Sonderausstellung? Und was möchte Gunther von Hagens damit bezwecken? Aussagen zufolge steht für den Erfinder der Plastination die medizinische Aufklärung im Vordergrund. Nachdem er seine Plastinate erst für den Anatomieunterricht an der Universität Heidelberg nutzte, wollte er dann auch die große Öffentlichkeit ansprechen. Dies erreichte er zweifelsohne durch die provokante Darstellung seiner Plastinate. Würden Nichtmediziner Interesse zeigen, wäre die Ausstellung nüchtern gestaltet und auf die Anatomie beschränkt? Es ist gerade die ungewöhnliche Art, seine Leichen vorzuführen, die so viele Besucher anzieht. Dies ist allerdings auch der Grund dafür, dass Gunther von Hagens allseits so umstritten diskutiert wird.

Welchen didaktischen Wert hat es, einen Menschen in seinen Einzelteilen an Schnüren aufzuhängen und ihn in dieser Form auf einer Kutsche zu platzieren, gezogen von plastinierten Schafen? Warum soll eine enthäutete Frau, auf einer Schaukel sitzend, die Beine gespreizt, dem Laien die Anatomie nahe bringen? Sind nicht realitätsnahe Wachsfiguren, wie im Zoologischen und Naturgeschichtliches Museum “La Specola” in Florenz, weniger voyeuristisch und genauso aufklärend?

Gunther von Hagens gründete 1983 ein Programm zur Körperspende für die Wissenschaft. Es gibt viele Menschen, die sich dafür entscheiden, nach ihrem Tod der Wissenschaft zu dienen. Für von Hagens’ Spenderprogramm gab es bisher weltweit 8000 Körperspender. Stimmen diese Menschen jedoch zu, nach ihrem Tod in absurden Haltungen oder gar in sexuellen Posen der Öffentlichkeit vorgeführt zu werden? In seiner aktuellen Ausstellung KÖRPERWELTEN & der Zyklus des Lebens können die Besucher ein Leichenpaar beim Geschlechtsverkehr betrachten. Da erkenne ich den didaktischen Hintergrund dann nicht mehr. Möchte von Hagens nicht auch sein Können präsentieren? Er ist mit Sicherheit ein herausragender Anatom und Plastinator, vielleicht der beste weltweit. Jedoch erzeugt seine Ausstellung in mir eine Art Unbehagen(s). Kann man es moralisch rechtfertigen, Leichen in den verschiedensten Positionen zu präsentieren? Ist es sinnvoll, Kinder mit ausgestellten echten Körpern und Körperteilen zu konfrontieren? Reicht es nicht, mittels Zeichnungen, Fotos oder Wachsfiguren interessierten Laien die Anatomie nahe zu bringen?

Diese Ausstellung hat bei mir viele Fragen aufgeworfen und mich sehr zum Nachdenken angeregt – über den Umgang mit Leichen und das Leben nach dem Tod. Und das ist es, was Gunther von Hagens wohl mit seinen Ausstellungen erreichen möchte, neben der medizinischen Aufklärung. Als Medizinstudentin fand ich die detaillierte Präsentation der Plastinate in der Ausstellung wirklich gut gemacht. Auch die medizinischen Erläuterungen waren auch für Laien gut verständlich. Dennoch bin ich der Meinung, dass es moralisch nicht in Ordnung ist, Leichen künstlerisch so zu verfremden, wie Gunther von Hagens es mit seinen Körperspendern tut.

“Körperwelten” – Kunst oder Missbrauch? Was meint Ihr? Schreibt unten Eure Kommentare dazu!

25 Wertungen (3.28 ø)
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2 Kommentare:

Nayla Shazi
Nayla Shazi

Ich kann mich der Verfasserin des Artikels nur anschließen. Kunst heißt für mich nicht, jeden Respekt, Würde, Ethik, Religiosität und Moral über Bord zu werfen und scheinbar unter dem Deckmantel des Begriffes Kunst Publicity zu machen- alles doch nur um materieller Güter willen bar jeglicher Achtung vor dem menschlichen Leben, jedenfalls ist diese Form der Exposition für mich keine Aufklärung mehr, sondern vielmehr das Stillen der Sensationslust von Menschen, die nur noch nach Äusserlichkeiten lechzen statt sich auf die inneren Werte und Spiritualität zurückzubesinnen und immer weiter nach dem ultra-mega-super Kick zu suchen, weil sie nicht genug bekommen….ich mag nicht daran denken, wieviele kranke Köpfe, die Kinder missbrauchen, morden und vergewaltigen auch noch den letzten Funken Anstand verlieren, weil sie gestärkt werden in ihrer wahnhaften Vorstellung, dass der Mensch nur ein Spielball sei, frei zugänglich für ihre kranken Fantasien…
ich hatte seinerzeit die allerertse Vorstellung in Mannheim gesehen, weil ich dachte, es wäre hilfreich für das geplante Medizinstudium, damals war es auch noch noch nicht so schlimm wie heute, aber ich frage mich, wohin das alles führt, wenn Herr Hagens glaubt, in aller Öffentlichkeit sezieren zu müssen der vermeintlichen Aufklärung willen. Ich will auch nicht daran denken,wieviele Menschen, die angeblich ihren Körper gespendet haben, eigentlich aus dem Osten in einer Nacht-und Nebelaktion ihren Angehörigen aus den Händen gerissen oder gar aus Gräbern ausgegraben wurden. Vor einigen Jahren lief eine Dokumentation über Hagens (Frontal21), in der eben von solchen skrupellosen Vorgängen berichtet wurde- hier hört mein Verständnis auf und ich verwerfe es, wenn diese Taten durch die Öffentlichkeit in dieser Form unterstützt wrden, aber das ist eine andere Debatte….

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Maximilian Micka
Maximilian Micka

Ich glaube wir müssen uns fragen, wie wir mit unserem Moralbegriff eigentlich dastehen, angesichts der doch beachtlichen Zuschauerzahlen, und wie wir uns verhalten sollen angesichts durchaus provokanter Darstellungen von Menschen. Ich hatte mir damals die Ausstellung in München angesehen, bei der in einem abgetrennten Raum auch schwangere Frauen mit ihren ungeborenen Kindern im Leib gezeigt wurden. Also, auch mir war der Anblick neu und vorstellen konnte ich mir das von einem Bild noch nie, obwohl ich zwei Kinder habe. Fragen müssen wir uns auch, welchen Stellenwert denn nun der Sex in unserer Gesellschaft hat, nachdem kaum ein Künstler ohne die Darstellung der Nacktheit des Menschlichen Körpers – inclusive Annäherung an das geschlechtliche Pendant bis ad ultimo – mehr auskommt. Hier darf auch die Frage nach dem “Was ist nun eigentlich NOCH Kunst?” gestellt werden, angesichts oft bizarrer Exponate in eher bejubelten Ausstellungen.
Meines Erachtens trennen sich die Wege, die einst Sex und Moral unzertrennlich aneinanderschweißten. Der medizinische Aspekt bleibt nahezu unverändert.
Um noch ein Wort über die Organspender zu verlieren, ich stimme zu, daß es den Spendern wohl relativ egal sein dürfte in welcher Pose sie ausgestellt werden, nachdem eine Alternative auch das hochprofessionelle Ausweiden und zerteilen durch mehr oder minder geschickte Studentenhände darstellt. In wie weit das würdiger ist sei dahingestellt.

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