Eine Dämonisierung auf 300 Seiten

25. Januar 2019

Der Buchhändler empfahl mir „Die Smartphone-Epidemie“. Es sei ein Buch mit kulturkritischem Wert. Da muss ich widersprechen: Das Werk vom Star-Psychiater Spitzer liest sich wie ein wilder Rodeo-Ritt. Für wen es eigentlich geschrieben ist, erschließt sich mir nicht. Meine Rezension aus Neurologen-Sicht.

Das neueste Buch von Manfred Spitzer „Die Smartphone-Epidemie“ lag einige Wochen eingeschweißt auf meinem Schreibtisch und harrte seiner Besprechung. Ich gebe zu, ich habe bisher keines der mehr als 25 Bücher gelesen, die der Autor und Ordinarius für Psychiatrie in Ulm geschrieben hat. Neben Themen aus dem Feld der Hirnforschung und der Psychiatrie, befasst er sich aus neurowissenschaftlicher Perspektive mit dem „Geist im Netz“ oder fungiert in seinem Werk „Vom Sinn des Lebens – Wege statt Werke“ als Lebenshilfe.

Schon der Titel bereitet mir Unbehagen

Wahrscheinlich war es eine Gemengelage von Faktoren, die dazu führten, dass ich der DocCheck-Redaktion vorschlug, das neueste Buch „Die Smartphone-Epidemie“ einer Kritik zu unterziehen. Ich erinnere, wie es mir feuerrot in der Buchhandlung meines Vertrauens entgegenprangte. Der Buchhändler pries seinen kulturkritischen Wert in den höchsten Tönen, wohingegen ich bereits ein gewisses Unbehagen mit dem Titel nicht verhehlen konnte, wo die Assoziation mit schrecklichen Seuchen wie Pest und Cholera erweckt wird. Andererseits führe ich immer wieder mal, wenn es um den Umgang mit dem Smartphone und den neuen sozialen Medien geht, zugespitzte Diskussionen der Art „Früher war alles besser“ mit meinen beiden 20 und 24-jährigen Töchtern. Ich selber – das sollte hier noch erwähnt werden – bin in einem Alter wie Herr Spitzer, computer- und netzaffin und Besitzer eines Smartphones. Ich bin außer bei Research Gate Mitglied in keinem anderen sozialen Netzwerk (beispielhaft seien Facebook und Twitter genannt), da ich den Mehrwert für mein Leben bisher noch nicht erkennen konnte.

Nach der Lektüre dieses Buches wird zunächst ein ganz wesentliches Problem offenbar und zwar, dass Stil, Tonlage und Haltung des Autoren leider sein eigenes, sehr berechtigtes Kernanliegen in unnötiger Weise camouflieren und unterminieren, dass nämlich in der Digitalisierung in der Tat hochrelevante Probleme liegen und dass die Erwartungen der Politik und der Gesellschaft an die Digitalisierung teilweise vollkommen unangemessen sind.

Ein Stil von ernüchternder Betulichkeit

Kommen wir zunächst zur Stilfrage: der Stil ist für einen Hochschullehrer von ernüchternder Betulichkeit, stellenweise unsachlich (wie wenn er auf den orangeroten Irokesen Schopf von Sascha Lobo rekurrierend von „einem digitalen Aktivisten mit eigenartiger Frisur“ spricht, S. 265) und insbesondere äußerst sprunghaft und assoziativ gelockert. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Herr Spitzer an beliebiger Stelle das einflicht, was ihm gerade so in den Sinn kommt. Das soll an einigen Beispielen illustriert werden: so schreibt Spitzer auf der ersten Seite zu Recht, das sich unter dem Stichwort Digitalisierung ganz unterschiedliche Sachverhalte subsumieren lassen, z.B. die Versorgung aller Privathaushalte mit schnellen Internetanschlüssen, der papierlosen Verwaltung usw. Wenn er dann allerdings auf den folgenden Seiten skizziert, welche negativen Auswirkungen die Digitalisierung und der Smartphone-Gebrauch an sich haben, dann geht es in einem atemberaubenden Parforceritt von der um sich greifenden Kurzsichtigkeit in Korea, über die Selbstmordrate amerikanischer Mädchen bis zur weltweiten Beinflussung von 200 Wahlen (inclusive „Trump“ und „Brexit“; Sic!).

Es werden aber nicht nur verschiedene Sujets miteinander vermengt, sondern auch die qualitative Analyseebene ändert sich beständig. Die Schilderung individueller, teilweise bizarrer und nur fraglich repräsentativer Vorkommnisse, so etwa der Sohn, der seiner Mutter beim Versuch, ihm das Handy wegzunehmen, in die Hand beißt (S. 15, Kapitel 1) oder die Lehrerin (S. 16, Kapitel 1), die das Smartphone des Schülers, der während des Unterrichts ein Musikvideo abspielt, aus dem Fenster wirft wechseln sich ab mit der Bezugnahme auf wissenschaftliche Studien und der Präsentation von Abbildungen mit unterschiedlichen Signifikanzniveaus, analog einer Fachpublikation (z.B. S. 67, Kapitel 3). Man kann sich generell des Eindrucks nicht erwehren, dass Spitzer bewußt das Gewicht und die Objektivität wissenschaftlicher Studien, deren Korrektheit prima vista natürlich nicht in Frage zu stellen ist, die aber nicht die Implikationen haben, die er ihnen zuschreibt, benutzt, um seine teilweise populistisch anmutenden Vorbehalte zu untermauern. Das hätte mit akademischer Professionalität allerdings nur noch wenig zu tun.

Als furchtloser Kämpfer gegen das Heer der Einsen und Nullen

Kommen wir jetzt zur Haltungsfrage: bei jemandem, der so wissenschaftlich geschult ist wie Spitzer, überrascht besonders die fehlende kritische Distanz zum in Frage stehenden Subjekt. Er akzeptiert keinerlei Kritik und schreckt nicht vor verschwörungstheoretischen Ansätzen zurück, wenn er etwa das Fehlen einer Meldung über einen Cyberangriff auf das Norwegische Gesundheitssystem in großen deutschen Zeitungen (S.10) dadurch erklärt, das sei bewusst intendiert, um nicht mit der politisch gewollten Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems zu interferieren. Das ist nicht nur wohlfeil, sondern man fragt sich ernsthaft, wo Herr Spitzer ärztlich tätig ist.

Der Autor dieser Kritik möchte an dieser Stelle nur als Anekdote anführen, wie er als Assistenzarzt vor der Digitalisierung radiologischer Aufnahmen stundenlang nach dem Verbleib irgendwelcher Aufnahmen gefahndet hat, weil er vermeiden wollte, dass der neurochirurgische Konsiliarius wieder mal „Nix Bilder, nix Konsil“ auf dem Konsilschein hinterließ und der Oberarzt richtig garstig wurde. Im deutschen Gesundheitssystem würden wahrscheinliche Hunderte von Millionen Euro eingespart werden, wenn die Krankengeschichte eines neuen Patienten, der sich irgendwo vorstellt, digital verfügbar wäre, u.a., weil so vollkommen unsinnige Doppeluntersuchungen vermieden würden.

Amüsiert und befremdet zugleich ist der Leser dadurch, wie sich Spitzer in der Rolle als einsamer, aufrechter und furchtloser Kämpfer gefällt, gegen das Heer der fiesen Einsen und Nullen, die sich die Welt untertan machen wollen. Sozusagen der „Dirty Manfred“ des Digitalzeitalters. Aberwitzig wird es, wenn er zur Untermauerung seiner Thesen Bezug nimmt auf Ermunterungen (Einleitung, S. 12 u. 13), die ihn täglich per Email erreichen und in denen seine Gedanken wertgeschätzt würden, weil sie zu den Erlebnissen und Gedanken der Absender passen würden. Als würde sich nicht zu jeder noch so abwegigen Behauptung jemand finden, der ihr zustimmt.

Das Lesen wird zum wilden Rodeo-Ritt

Kommen wir im Folgenden zur Inhaltsebene: ein kompositorisches Grundproblem des Buches besteht darin, dass es sich, wie Spitzer in der Einleitung schreibt, aus Einzelbeiträgen zusammensetzt, die er in seiner Funktion als Herausgeber der Zeitschrift für Nervenheilkunde über einen längeren Zeitraum verfasst habe. Diese seien überarbeitet worden, würden kapitelweise präsentiert und könnten in beliebiger Reihenfolge gelesen werden; denn jedes Kapitel enthalte einen bestimmten Gesichtspunkt und stehe für sich. Man fragt sich beim Lesen allerdings beständig, wo diese Überarbeitung stattgefunden hat.

Das Buch ist vollkommen überfrachtet und tangiert fast alle Sachverhalte, die man sich beim Thema Digitalisierung überhaupt nur vorstellen kann; andererseits werden bestimmte Thesen, die dem Autoren offensichtlich besonders am Herzen liegen, in fast jedem Kapitel gebetsmühlenartig wiederholt. Gleichzeitig kann das Buch sich nicht entscheiden, welche Leserschaft eigentlich angesprochen werden soll. Ursprünglich wurden die Beiträge für eine medizinische Fachzeitschrift verfasst und dieser akademische Charakter haftet ihnen auch noch an. Allerdings soll das Buch auf ein breites Publikum zielen und hier mutet es bizarr an, wenn nach polemisch zugespitzten Bemerkungen auf einmal das Ergebnis einer komplexen Faktorenanalyse (z.B. S. 193) aufgeführt wird. Durch die genannten handwerklichen Mängel wird das Lesen des Buches zu einem langen und wilden Rodeo-Ritt. Der Rezensent möchte an dieser Stelle aber sehr deutlich betonen, dass er tapfer bis zum Ende durchgehalten hat, obwohl es ihn mehrfach abrupt aus dem Sattel katapultiert hat.

Ziemlich auf der Mitte des Buches (S. 149) wird zum x-ten Male, diesmal in tabellarischer Form, das wiederholt, was Herrn Spitzer wesentlich umtreibt. Von Bewegungsmangel, über Sucht, Kurzsichtigkeit, kardiovaskuläre Erkrankungen, Demenz, Depression, Mangel an Empathie und sozialer Isolation gibt es gefühlt fast nichts, was nicht durch die Smartphone-Nutzung hervorgerufen werden kann. Es ist sicher ein Verdienst, auf diese Gefahren hinzuweisen, andererseits erscheint der Zusammenhang zur übermäßigen Nutzung von Smartphones trivial und diese geballte Auflistung hat eher etwas mit Panikmache, denn mit adäquater Diskussion des Themas zu tun. Wer wollte nicht bestreiten, dass ein übermässiger, wenn nicht gar suchtartiger Umgang mit diesem Medium, schädlich ist. Die Dosis macht hier bei den meisten Beispielen das Gift.

Das Problem mit der Kurzsichtigkeit

Die Konsequenz ist einfach: es müssen Regeln des Umgangs etabliert werden, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Völlig überflüssig und sogar irreführend ist ein 17-seitiges Kapitel (Kapitel 2) zur Kurzsichtigkeit, mit einem Exkurs auf Helmholtz. Hier wird der Eindruck erweckt, dass Kurzsichtigkeit allein eine Folge der Smartphone-Nutzung sei; dabei ergibt sich eine erhöhte Wahrscheinlichkeit der Entstehung von Kurzsichtigkeit durch jede Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen, die zu einer übermäßigen Fokussierung auf nahegelegene Objekte führt. Spitzer erwähnt zwar auf Seite 52, dass bei Kulturvölkern, die ihren Kindern bereits in jungen Jahren das Lesen beibringen, eine erhöhte Rate von Kurzsichtigkeit zu beobachten ist; im Laufe des Buches trennt sich dieses relevante Faktum jedoch vollkommen von der Erwähnung der Kurzsichtigkeit als einer seuchenartigen Folge des Smartphone-Gebrauchs ab.

Konsequenterweise müsste man das Lesen, eine in den Augen von Spitzer allerdings qualitativ hochwertige Beschäftigung Heranwachsender, genauso geißeln und reglementieren wie den Gebrauch von Smartphones; eine entsprechende Forderung findet sich jedoch nicht im Buch. Die Kurzsichtigkeit ist jedoch ein gutes Beispiel dafür, wie Spitzer ohne Not auf Abwege gerät und dadurch seine im Grunde an vielen Stellen berechtigte Kritik untergräbt. Was die Auflistung der vielen Krankheitsfolgen jedoch ganz besonders vermissen lässt, ist – abgesehen von der Präsentation korrelativer Zusammenhänge durch das weitgehend unkommentierte Heranziehen von wissenschaftlichen Studien – eine subtile Diskussion darüber, wie sich der massenhafte Gebrauch von Handys ursächlich z.B. in ein erhöhtes Auftreten von Depressionen oder eine verminderte Empathiefähigkeit übersetzen könnte. Das hätte man insbesondere von einem psychiatrisch tätigen Hochschullehrer erwarten können und müssen.

Wer ist schuld am Mathe-Defizit?

Betrachten wir ein weiteres Beispiel: der Impact der Digitalisierung auf die Bildung von Kindern liegt Spitzer verständlicherweise besonders am Herzen. Er widmet diesem Thema einen eigenen Abschnitt in Kapitel 1 und das gesamte Kapitel 6. Zentral ist dabei für ihn die Abb. 2 auf Seite 33. Hier zeigt sich eine negative Korrelation zwischen einer nach Ländern ermittelten Investition in die Digitalisierung von Schulen und der Leistung in Mathematik. Mal abgesehen davon, dass man bei näherer Betrachtung der Daten – wenn man sich nämlich die im linken oberen Quadranten liegenden Meßpunkte für die Länder Tunesien, Türkei, Brasilien und Mexiko wegdenkt – eher unkorrelierte Daten zu erkennen glaubt, fabriziert Spitzer hier vorschnell aus einer Korrelation direkte Kausalität.

Wahrscheinlich sind es aber eine ganze Reihe von indirekt wirkenden Faktoren, die zu der geringeren Leistung in Mathematik führen: erhöhte Ablenkung durch unkontrollierten Zugang ins Netz, veränderte Einstellung der Lehrer und der Schüler zu dem zu vermittelnden Stoff usw. Das hätte Spitzer ausführen müssen. Dabei hätte er elegant klarstellen können, dass die mit großem Getöse herausposaunte Digitalisierungsagenda wesentlich Symbolpolitik ist, die die eigentlichen Probleme billig verdecken und den Erzeuger der symbolpolitischen Botschaft gar noch als innovativen und wegbereitenden Vordenker zeigen soll, wie z.B. Christian Lindner auf einem FDP-Plakat der Bundestagswahl 2017 („Digital First. Bedenken second“). Das Problem an diesem Slogan ist insbesondere seine fehlende Ironie. Er – Spitzer – hätte zeigen können, dass wahrscheinlich solche „Basisparameter“ wie die Sauberkeit der Toiletten, das Erscheinungsbild einer Schule schlechthin, die Klassengröße, die adäquate Besoldung der Lehrer, klare Regeln, aber insbesondere die kollektiv vorhandene Motivation und der Geist, der eine Schule durchweht (ein wesentlicher Grund, warum Eltern ihre Kinder auf Privatschulen entsenden) sowie eine gewisse Gestaltungsfreiheit der Lehrer von viel größerem Einfluß auf die Qualität sind, als die Digitalisierung per se.

Er wird seiner Rolle als Psychiater nicht gerecht

Er hätte weiterhin zeigen können – und hier hätte er seine ganze Qualifikation als Psychiater und Neurowissenschaftler in die Waagschale werfen können – wie man beispielsweise Mathematik besonders gut lernen kann, durch attraktiv und auf verbal hohem Niveau vermittelten Stoff, prägnante Beispiele, durch das Aufzeigen von Anwendungsbezug, aber ganz wesentlich dadurch, dass man selbständig und in der Gruppe ganz viele verschiedene Aufgaben mit Stift und Papier löst. Dabei kann der Computer natürlich hilfreich sein, indem man Dinge simuliert, graphisch veranschaulicht usw. Die Digitalisierung ist aber kein zeitgenössischer Nürnberger Trichter, der dem Lernenden das Wissen auf wundersame Weise einflößt und so jegliche Klassenschranken überwindet, wie es das Digitalisierungsgetöse des politischen Establishments suggeriert.

Weiterhin hätte Spitzer ausführen und neurowissenschaftlich fundieren müssen, dass Erziehung eine Kombination aus Anleitung, Beschränkung und Freiraum darstellt, die entsprechend dem Entwicklungsstand und Alter eines Kindes in ein jeweils anderes Verhältnis zu setzen sind und nicht eine ideologisch motivierte, an den eigentlichen kindlichen Bedürfnissen vollkommen vorbeilaufende sogenannte Selbstentfaltungsmaximierung wie beim Schreibenlernen nach Gehör. Eine seltene Äußerung, die man aus neurowissenschaftlicher Perspektive zu dem Thema Bildung und Erziehung von ihm lesen kann, ist der Satz, dass das Frontalhirn bei jungen Menschen noch nicht vollständig entwickelt sei (S. 125). Loriot hätte an dieser Stelle wahrscheinlich „Ach was!“ gesagt. Stattdessen haftet insbesondere seinen Ausführungen zur Bildung ein anthroposophisch eingefärbter, rückwärtsgewandter Ton an, wie von Eltern, die ihren Kindern nur Holzspielzeug erlauben, weil alles anderes Teufelswerk sei. Das spielt seinen ebenso bornierten Kontrahenten perfekt in die Hände, wie man in einer Talkshow von Anne Will aus dem Jahre 2016 ebenso unterhaltsam wie ergebnisarm beobachten kann.

Eine Dämonisierungsarie auf 300 Seiten

Manfred Spitzer widmet sich im Verlauf des Buches natürlich auch noch den sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter; auch hier folgt er seinem bereits ausführlich beschriebenen Rezept. Viel interessanter und einsichtsvermittelnder zu diesem Thema ist allerdings ein Interview, das Robert Habeck der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 13. Januar 2019 gegeben hat und in dem er erläutert, warum er seinen Twitter Account gelöscht habe. Natürlich haftet auch dieser Maßnahme etwas Prätentiöses, eine Art Meta-Selfmarketing an.

Abgesehen davon geht es aber auch um die Frage, ob das tirilierende Dauergezwitscher wirklich zu tieferen Einsichten führt oder ob gerade nicht Politik Phasen des Rückzugs in Refugien braucht, mal abgesehen davon, dass die Sucht nach Dauerpräsenz offensichtlich einen Zustand tiefer Verdrießlichkeit beim Dauerpräsenten erzeugt. Das hat Spitzer zu Recht festgestellt, aber im Gegensatz zu Habeck, der das Aufkommen des Morosen in sich auf der rein phänomenologischen Ebene als unangenehm beschreiben und feststellen darf, hätte man von Spitzer erwartet, dass er uns den Zustand psychiatrisch und neurowissenschaftlich herleitet und eine normative Diskussion über die Digitalisierung anstößt, anstatt über mehr als 300 Seiten eine Dämonisierungsarie zu singen.

Mein Fazit

Manfred Spitzer berührt ganz wesentliche Probleme der Digitalisierung. Das kann man besonders prägnant am Thema Bildung erkennen. Eine flächendeckende Digitalisierung von Schulen verbessert eben nicht automatisch die Qualität des Unterrichts, wie es die Politik suggeriert, sondern das Gegenteil kann der Fall sein. Computer, Smartboards u.a. sind nämlich kein Ersatz für hochwertige Pädagogik, sondern schlicht zeitgenössische technische Hilfsmittel. Leider ist dieser Aspekt des Buches fast gänzlich zugedeckt durch seinen insinuierenden Tonfall und durch seine diffuse Überfrachtung. Die Beschränkung auf wenige Themen, wie z.B. der Impact der Digitalisierung auf Bildung und dafür eine angemessene Durchdringung, ausgewogene Darstellung und neurowissenschaftliche Fundierung hätten das Buch zu einer intellektuellen Bereicherung gemacht. In der jetzigen Form kommt es geradezu unwissenschaftlich daher, weil es ein differenziertes Reflektieren des Themas überhaupt nicht zuläßt. Schließlich kann man niemandem empfehlen, ein Buch zu kaufen, bei dem man quasi nur ex negativo zu tieferen Einsichten gelangt.

67 Wertungen (3.58 ø)
Bildquelle: Garry Knight, flickr / Lizenz: CC BY
Allgemein

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7 Kommentare:

Heilpraktikerin

“Ah, interessant, endlich mal was fundiertes über das Thema!”, dachte ich.

Aber…

Es scheint, da hat jemand sein Bestes getan, in einem Buch Fakten so darzustellen dass sie auch Laien zugänglich sind.

Hat aber auch den Respekt gehabt, sie nicht für so dumm zu halten, dass ihnen die “wissenschaftliche(n) Studien und … Präsentation von Abbildungen mit unterschiedlichen Signifikanzniveaus” vorenthalten weden sollten.

Die hauptsächlichen Beschwerde über das Buch des Herrn Spitzer haben also mit Stil zu tun (Mischung von diversen Niveaux, Wiederholungen, Umgangssprache, etc…).

Zu ‘unwissenschaftlich’…sagt er.

Und um das rauszufinden musste ich mich durch einen ewig langen, sich immer wiederholenden (!) Artikel duchbeissen?

#7 |
  7

Lieber Andreas Lüschow, heute sah ich mir alle hier unter Ihrem Namen angezeigten DocCheck-Artikel an. Die anderen drei gefallen mir alle prima. Nun kann ich auch ein Fan von Ihnen werden. Auch wenn die “Dämonisierung” mich nicht erreicht.

#6 |
  1

Zunächst möchte ich die Arbeit des Kollegen Lüschow anerkennen.
Allerdings glaube ich, dass er dabei die eigentliche Intention Spitzers in diesem Buch verkannt hat. Es ist als Information und Denkanstoß für den kritisch interessierten Nichtfachmann und digitalen Normalverbraucher gedacht. Es soll hier zu einem physiologischen und sozialverträglichen Umgang mit dieser neuen und nicht immer der üblichen Lebensentwicklung angepaßten Technologie auffordern. Dass wir in diesem Zusammenhang gegenwärtig leider eine ausgeprägte Verarmung im Bereich von Tiefenkommunikation und ausdrucksfähiger Sprachgewalt erleben müssen, wird wohl keiner mehr leugnen können.

#5 |
  2

Lieber Andreas Lüschow, danke wirklich für Ihren Beitrag, auch wenn ich seiner Intention nicht folgen kann.

Ich bin ein Fan von Manfred Spitzer, seit ich seine Aufsätze in der “Nervenheilkunde” einsehen kann. (Also seit die Zeitschrift mir bei meiner BGPN-Mitgliedschaft geschickt wird. Bücher von Spitzer werde ich nie haben.) Aber auch die spontane Rezension habe ich mit einigem Vergnügen von A bis Z gelesen. Ich finde sie so schön locker springend, fast kongenial zu Spitzers Stiel (allerdings in Kapitel aufgeteilt), nur daß mir bei letzterem der Gedankenfluß flüssiger nachvollziehbar, sachlich formuliert, plausibel imponiert, also eben nicht so polemisch, sondern aus sich effektiv. – Die Rezension ist aber vielleicht nur zu kurz, als daß Nichtkenner des Betrachtungsobjekts das Ergebnis einfach nachvollziehen könnten. Und wen an Formalien vielleicht Besserungen vorzuschlagen wären, so müßte ja doch nicht das Kind mit dem Bade ausgekippt werden.

#Gisela Madeleine Langhoff: Ich vermute, Sie sehen bei Manfred Spitzer Aversion gegen Digital-Technik? Die hoffe und glaube ich keinesfalls, nicht mal Aversion gegen Smartphones – soweit sie sinnvoll gebraucht, benutzt werden. Jedenfalls habe ich das nicht aus seinen relevanten Aufsätzen gelesen.

Danke jedem für seine Beiträge. (Ich werde keine Wertungssterne klicken.)

#4 |
  3
Medizininformatiker

Vielen Dank für den ausführlichen Einblick, gute Arbeit!

Wie schon angemerkt ist die digitalisierung ein Werkzeug und wie im Umgang mit Werkzeug sollte man aufpassen keinen Schaden damit anzurichten. Leider wissen halt viele nicht wie man damit umgeht und wundern sich dann wenn etwas nicht so läuft wie man möchte und gibt dinge preis die man nicht öffentlich machen wollte.

#3 |
  0
Gisela Madeleine Langhoff
Gisela Madeleine Langhoff

Ich habe Ihre Buchbesprechung in voller Länge und mit Genuß gelesen. Ich kann Ihnen in vollem Umfang zustimmen. Es gibt nicht wenige Bereiche, unter anderem die Alltagsmedizin in den Praxen, die sehr von der Digitalisierung profitieren. Ich habe selbst schon in den frühen 90 ger Jahren an der Entwicklung eines Netzwerkes unter den Berliner Ärzten mitgewirkt und kenne aus dem Klinikalltag und aus der Allgemeinpraxis heraus die Schwierigkeiten, zeitnah an Untersuchungsergebnisse anderer Kollegen zu gelangen. Schon die Medikation in der Landarztpraxis, die ich 1999 übernommen und geführt habe, war ein großes Problem durch Mehrfachverschreibungen zum Beispiel von Schmerzmitteln durch andere Ärzte, die nirgendwo dokumentiert waren. Solche mangelnde Information hat sicher nicht wenigen Menschen auch in anderen Praxen die Gesundheit gekostet Da ist ja heute viel passiert zum Beispiel mit dem Medikamentenplan aber auf keinen Fall ausreichend.
Ich habe drei Enkelkinder, bis 73 Jahre alt und immer noch als Ärztin tätig. Auch ich nutze intensiv das Internet und mein Handy und bin froh über diese Möglichkeiten. Natürlich sind mir die “Gefahren” und/ oder Nebenwirkungen bewußt. Meine Enkelkinder sind alle in Familien aufgewachsen, in denen Computer und Handy zum Berufsalltag der Eltern gehörten. Alle meine Enkelkinder sind außerhalb der “elektronischen Welt” sehr kommunikativ und kreativ. Das ist natürlich kein Beweis und wissenschaftlich uninteressant. Aber mir zeigt nicht nur dieses Beispiel, dass es auf die Familien ankommt, auf die Lehrer und das gesamte Umfeld wie Kinder gesund und fröhlich aufwachsen können trotz Nutzung der Technologien. Allerdings möchte ich nicht verschweigen, dass ich mir manchmal das Handy meiner Enkelinnen zu Teufel wünsche :)).
Mit kollegialem Gruß
Gisela Langhoff

#2 |
  4
Heilpraktiker

Zitat: “Für wen es eigentlich geschrieben ist, erschließt sich mir nicht.”

Mir scheint, es ist für das Heer der ahnungslosen Smartphonesüchtigen und für diejenigen geschrieben, die stumpfsinnig-bereitwillig Tag für Tag, Stunde um Stunde allen nur greifbaren asozialen Netzwerken jeden noch so kleinen abgefahrenen Pups in allen Details schildern müssen, um überhaupt noch einen Funken Leben in sich zu spüren.

Ja, es sind armselige Kreaturen, aber derer sind es so viele, dass der Versuch, sie aufzuklären wirklich eine edle Unternehmung ist!

Chapeau Herrn Spitzer!

#1 |
  21


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