Teure Arzneimittel: Das Netflix-Modell

30. Januar 2019

Seit es neue Virustatika gibt, könnte man das Hepatitis-C-Virus eigentlich ausrotten. Leider kosten diese Medikamente zu viel. Im US-Bundesstaat Louisiana wollen Politiker eine Lösung gefunden haben: Von Herstellern fordern sie Flatrates für Hochpreiser.

Neue Virustatika haben die Behandlung von Hepatitis C (HCV) revolutioniert. Doch sie haben auch ihren Preis. Mit 84.000 US-Dollar gehört die zwölfwöchige Sofosbuvir-Therapie zu den wirksamen, aber hochpreisigen Varianten: eine Chance, das Virus flächendeckend auszurotten, die in Amerika am Geld scheitert. John Bel Edwards, seines Zeichens Gouverneur von Louisiana und Mitglied der Demokraten, verhandelt laut „Washington Post“ mit Herstellern, um ein „Netflix-Modell“ durchzudrücken. Gegen pauschale, noch nicht näher genannte Summen will er Hersteller dazu zu bewegen, alle bislang nicht versorgten HCV-Patienten zu therapieren.

Ausbreitung von HCV stoppen

Edwards zufolge betrifft das Problem vor allem Patienten in Medicaid, einem steuerfinanzierten Programm zur Gesundheitsfürsorge für Bürger mit geringem Einkommen. Ähnliche Engpässe gibt es bei Insassen von Gefängnissen aus. Weniger als ein Prozent aller Strafgefangenen erhalten die innovativen Arzneistoffe, weil Haftanstalten keine Budgets dafür haben. Zentrale Töpfe gibt es nicht. Mehrere Inhaftierte klagen gegen die Praxis.

Soweit muss es in Louisiana nicht kommen. Denn Edwards plant, bis 2020 rund 10.000 Menschen mit HCV zu versorgen. Das entspricht etwa einem Viertel aller Infizierten bei Medicare oder in Strafvollzugsanstalten. Letztes Jahr konnten lediglich 1.000 Menschen behandelt werden. Als Summe nennt der Gouverneur 35 Millionen US-Dollar ohne sonstige Rabatte.

Jetzt setzt er Firmen unter Druck, indem er Politiker aus anderen Bundesstaaten mit ins Boot holt. Denn je höher der Bedarf an Medikamenten ist, desto mehr Interesse haben auch Hersteller, so die Hoffnung. „Ich habe Gespräche mit einer Reihe von Gouverneuren geführt, um sicherzustellen, dass sie wissen, was wir planen“, so Edwards. „Und wenn wir erfolgreich sind, werden wir im Land ein nachahmenswertes Modell haben.“ Und Rebekah Gee, Health Secretary im Bundesstaat, berichtet, erste Gespräche mit Medikamentenherstellern seien erfolgreich verlaufen. Doch wie funktioniert das Modell überhaupt?

Das „Netflix-Modell“ aus wissenschaftlicher Sicht

Mark R. Trusheim vom Massachusetts Institute of Technology, Cambridge, hat sich das neue Konzept angesehen. Er schreibt, als „Abonnent“ sollte nicht der Staat allein, sondern ein Zusammenschluss von Behörden, Kostenträgern und Verbänden auftreten, um Neutralität zu gewährleisten. Pharmazeutische Hersteller profitieren bei langfristig ausgehandelten Verträgen von sicheren Zahlungen. Vereinbarungen könnten auch an Meilensteine wie Behandlungsziele geknüpft werden. Gelingt es beispielsweise, eine gewisse Zahl an HCV-Patienten zu therapieren, hält Trusheim ergänzende Boni für denkbar. Das schafft Anreize, um zusätzlich Compliance-Programme zu lancieren. Er rechnet mit großem Interesse der Industrie, da beispielsweise Gilead Pharmaceuticals, AbbVie und Merck & Co. mit unterschiedlichen Pharmaka bei der Indikation HCV konkurrieren.

Pills with Benefits

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es noch weitere Diskussionsbeiträge zur Preisgestaltung. Und es geht nicht nur um HCV. Anna Kaltenboeck und Peter B. Bach vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center, New York, sehen in der Behandlung seltener genetischen Erkrankungen wie der frühkindliche Netzhautdystrophie ebenfalls Probleme. US-weit sollen 1.000 bis 2.000 Menschen betroffen sein. Eine Therapie existiert, ist aber ebenfalls teuer: Voretigene Neparvovec-Rzyl (Luxturna®) transportiert eine intakte Kopie des Gens RPE65 in die Netzhaut der Augen. 850.000 US-Dollar pro Spritze führten zu Kontroversen bei US-Gesundheitspolitikern. Der Hersteller lenkte ein und gab Rabatte von weniger als 20 Prozent, was sich nicht wirklich bemerkbar gemacht hat. Die Autoren schlagen deshalb alternative Möglichkeiten zur Preisbildung vor:

  • Beim „Value-based Pricing“ orientiert sich der Preis am Mehrwert, was Studien zur Nutzenbewertung einschließt. Hier spielen – falls vorhanden – Vergleichstherapien eine Rolle. Das Modell kommt modifiziert in Deutschland zum Einsatz.
  • Das „Indication Based Pricing“ unterscheidet nach Indikationen, indem unterschiedliche Einsatzgebiete des gleichen Wirkstoffs auch mit unterschiedlichen Preisen einhergehen. Der tatsächliche Benefit kann sich nämlich je nach Krankheit unterschieden. Hier liegt der Unterschied zum „Value-based Pricing.
  • Einen deutlichen Schritt weiter geht das „Outcomes Based Contracting“: Bleiben Effekte unabhängig von der Studienlage bei einzelnen Patienten aus, erhalten sie – oder ihr Kostenträger – alle Ausgaben erstattet. Als Beispiel dient der Cholesterinsenker Evolocumab (Repatha®). Sieben Prozent aller Patienten hätten aufgrund von Schlaganfällen oder Herzinfarkten Erstattungen bekommen, schreibt Bach. Diese „Geld-zurück-Garantie“ sei bei Evolocumab ein „Wolf im Schafspelz“ gewesen. Denn Kosten könne man damit vermutlich nicht senken. Die Messung der rückstattungsauslösenden Ereignissen sowie die Bearbeitung der Rückerstattungsanträge erfordert zusätzlich Ressourcen und Personal.
  • Nicht zuletzt folgt das „Value-Based Insurance Design“ einem motivierenden Ansatz. Teure Arzneimittel sind in den USA mit hohen Eigenanteilen verbunden. Dadurch verringere sich die Therapietreue, schreiben Kaltenboeck und Bach. Prime Therapeutics hat Zuzahlungen für Antidiabetika stark verringert, um deren Verbreitung zu verbessern. Der Dienstleister handelt mit Herstellern oder Apotheken eigene Rabatte aus.

Kaltenboeck und Bach bevorzugen kein Modell per se. Vielmehr wollen sie Gesundheitspolitikern Strategien zur Preisbildung aufzeigen.

Deutschland kann viel lernen

Von den USA zurück nach Deutschland. Bei uns haben alle Patienten Anspruch auf lebensnotwendige Medikamente, auch im Strafvollzug. Neue Arzneimittel durchlaufen zur Preisbildung hierzulande das AMNOG-Verfahren: Wenn ein Pharma-Unternehmen ein Arzneimittel mit einem neuen Wirkstoff in Deutschland auf den Markt bringt, muss es dessen Zusatznutzen belegen. Für Arzneimittel mit belegtem Zusatznutzen verhandeln die Unternehmen und GKV-Spitzenverband dann einen Erstattungsbeitrag, der den „Wert“ des Arzneimittels widerspiegeln soll.

Die Preisverhandlungen zwischen Herstellern und dem GKV-Spitzenverband bleiben intransparent, sind politisch aber gewollt. Das zeigte sich deutlich beim Pharmadialog 2016: Der damalige Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) lehnte Restriktionen beim Preis von Pharmaka ab. Ärzten drohen bei allzu freizügiger Verordnung hochpreisiger Pharmaka aber Regresse. Kein Wunder, dass erst preisgünstige Generika zu einer stärkeren Umsetzung leitliniengerechter Therapien führen.

Deutschland könnte zumindest beim Pricing viel von Louisiana lernen und auch mit dem „Netflix-Modell“ arbeiten. Noch besser wäre das Konzept für alle EU-Nationen geeignet: Gemeinsam haben sie Marktanteile, auf die Hersteller nur ungern verzichten würden. Und da bei Indikationen wie HCV unterschiedliche Hersteller Medikamente im Portfolio haben, ist es wahrscheinlich, dass ein Konzern sich größere Anteile als mit den klassischen Modell sichern will.

38 Wertungen (4.61 ø)
Bildquelle: Alex Guerrero, flickr / Lizenz: CC BY
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5 Kommentare:

Nichtmedizinische Berufe

Deutschland zahlt hohe Preise, und die Patienten/ Kunden dann eben auch.
Dieser Artikel nennt , dass europaweit die verschiedenen Interventionen der Regierungen zu großen Preisunterschieden führen: file:///sysroot/home/linda/Downloads/europapreise.pdf
Die Studie ist von 1999, aber die Tendenz stimmt noch:
Setzt man den Stundenlohn eines Arbeiters ins Verhältnis, liegt Deutschland europaweit an zweiter Stelle der Hochpreisigkeit, Platz 1 hat Dänemark inne. Durch den Euro und die Lohnentwicklung seit den 00er Jahren , könnte Deutschland mittlerweile auf Platz 1 liegen, leider habe ich keine aktuelleren Zahlen.
Was möchte ich damit sagen? Man braucht hierzulande gar keine ausgeklügelten “Netflixstrategien”, sondern nur mehr Verhandlungsgeschick mit “Big Pharma” bzw einen anderen politischen Willen. Der muss gar nicht umbedingt politisch “links” sein.
Grundlage für die Preisfestsetzung in Spanien ist beispielsweise der Arzneimittelpreis im
jeweiligen Ursprungsland sowie der niedrigste Preis in Europa, das hatte nicht einmal die PP- Regierung geändert.

#5 |
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Mitarbeiter Industrie

Stimmt es, dass die Virus Hepatiden zu einigen Prozent über Entzündungen regelmäßig zu Leber Krebs führen ? Sie sind mittlerweile gut diagnostizierbar und könnten für wenig Geld nahezu ausgerottet werden ? Warum es bei solchen Situationen nicht möglich ist ein Unternehmen (was Lizenz oder Patentinhaber ist) gemeinschaftlich (z.B. über die WHO, UNO o.ä.) über die Börse aufzukaufen, um die Medikamente global zum Herstellungspreis dauerhaft verfügbar zu machen, ist mir schleierhaft. Kaum ein Unternehmen hat einen Börsenwert der nicht mit den Budgets eines globalen Klima oder Gender oder Umweltschutzprogramms bezahlt werden könnte. Außerdem wissen wir gerade aus Deutschland, daß unsere staatlich (co-)finanzierte Grundlagenforschung spätestens beim Risikokapital zur Kommerzialisierung und der Patentverwertung scheitert und so im Gegensatz zu früher nur noch globalen Konzernen die Ernte überlässt. Das wir selber den Konzernen über das Gesundheitssystem noch die Nutzung der eigenen Forschungsergebnisse vergolden scheint ein Geburtsfehler unserer Forschungs und Drittmittelpolitik zu sein….?

#4 |
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Nichtmedizinische Berufe

Menschen mit HCV

#3 |
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Biologe

erst mit HCV … und dann erst im zweiten Schritt mit der HCV-Therapie :-)
Das war jetzt böse, und nicht so ganz ernst gemeint.
Doch wie sieht es tatsächlich mit Präventiv-Massnahmen aus?

#2 |
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Student der Humanmedizin

“Denn Edwards plant, bis 2020 rund 10.000 Menschen mit HCV zu versorgen.”

HCV-Therapie, oder?

#1 |
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