Zwittern um den Sieg

1. Oktober 2009
Teilen

Kann jemand aufgrund von Chromosomen oder dem Hormonhaushalt nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden, spricht man von Intersexualität. Nicht erst seit der Leichtathletik-WM führt dieses Phänomen zu Irritationen, wie Betroffene "einzuordnen" sind.

Nachdem die maskuline Caster Semenya aus Südafrika bei der Leichtathletik-WM in Berlin Gold gewonnen hat, wird nun um ihr Geschlecht gestritten. Konkret heißt das: Die Verantwortlichen, darunter die IAAF (International Association of Athletics Federations) und der ASA (Athletics South Africa) müssen sich entscheiden, wann Frau eine Frau ist. Dass es jetzt auch noch zum Streit gekommen ist, ob bereits nach der Africa Junior Championship im Juli ein Geschlechtstest bei Semenya durchgeführt wurde oder nicht, stellt die ganze Angelegenheit in ein noch kritischeres Licht. Der 18-jährigen Athletin wäre jedenfalls viel Schmach erspart geblieben, wenn man sie nicht zur Berliner Weltmeisterschaft geschickt hätte, wie es angeblich ein ASA-Mannschaftsarzt empfohlen hatte. Laut inoffizieller Ergebnisse des nach der WM angeordneten Geschlechtstests hat Semenya innen liegende Hoden, keine Eierstöcke und keine Gebärmutter. So berichtete kürzlich die “Times“, die sich, ebenso wie der “Sydney Daily Telegraph”, auf eine anonyme Quelle beruft. Der IAAF hingegen hüllt sich in Schweigen. Einziger Kommentar vom Generalsekretär: “It is clear that she is a women but maybe not 100 percent”. Bleibt die Frage, ab wann Semenya für die IAAF eine Frau oder ein Mann ist. Und damit verbunden ist auch die Frage, ob sie ihre Gold-Medaille behalten darf.

Die weibliche XY-Falle

Geschlechtsüberprüfungen bei Athletinnen werden seit 1966 durchgeführt. Damals waren osteuropäische Sportlerinnen in den Verdacht geraten, Männer zu sein. Die Tests waren zunächst verpflichtend und sollten das Prinzip der Chancengleichheit durch die Trennung der Geschlechter in den sportlichen Wettkämpfen gewährleisten. Nachdem sich die Proteste häuften, wurden sie seit 1999 vom IAAF auf Betreiben des IOC (Internationales Olympisches Komitee) nur noch in Verdachtsfällen angeordnet. Tatsächlich gab es in der Vergangenheit immer wieder Fälle, in denen Athletinnen von Wettkämpfen ausgeschlossen wurden oder in denen die Medaille aberkannt wurde, weil ihre Chromosomen-Konstellation nicht der XX-Norm entsprach. So im Fall der indischen 800m-Läuferin Santhi Soundarajan, die 2006 nach einem genetischen Geschlechtstest ihre Silbermedaille zurückgeben musste. Soundarajan sieht zwar aus wie eine Frau und sie fühlt sich sehr wahrscheinlich auch so, aber ihr Chromosomen-Bauplan weist den Karyotyp XY auf und damit ist sie laut Sex-Definition ein Mann.

Faule Testosteron-Rezeptoren

Bei den “Disorders of sex development” (DSD) handelt es sich um ein Phänomen mit einer Vielzahl von männlichen und weiblichen Zwischenformen, die genetisch und/oder hormonell begründet sein können. Einige Erscheinungsformen sind nicht gleich auf den ersten Blick diagnostizierbar. Beispielsweise beim Karyotypen 47XXY (Klinefelter-Syndrom bei Jungen und Männern) oder beim Karyotypen 45X0 (Turner-Syndrom bei Mädchen und Frauen). Experten vermuten, dass es eine nicht unerhebliche Zahl von Betroffenen gibt, die von ihrer Chromosom- bzw. Hormonstörung auch als Erwachsene keine Ahnung haben. Das könnte erklären, weshalb Sportlerinnen tatsächlich nichts von ihrer Aberration wissen. Eine der häufigsten Ursachen der Intersexualität ist eine Androgenresistenz (Androgen-Insensitivity-Syndrom, AIS) bei Personen mit XY-Chromosomen. Dabei funktionieren die Rezeptoren für Testosteron nicht, weshalb die Entwicklung der Genitalorgane stark gebremst ist. Die Betroffenen sind zwar genetisch männlich, sehen aber wie Mädchen aus. Vermutlich beruht das feminine Aussehen der indischen Sportlerin Soundarajan auf einer Androgenresistenz.

Was geschieht, wenn Menschen an sportlichen Wettkämpfen teilnehmen möchten, die nicht richtig Frau oder Mann sind? Diese Frage stellte sich jetzt auch der Deutsche Olympische SportBund und veröffentlichte auf seiner Website aktuell eine Stellungnahme von Prof. Dr. Helmut Digel, Sportsoziologe an der Uni Tübingen. Tatsache sei, so Digel, dass Wissenschaftler aus der ganzen Welt schon seit längerem auf eine steigende Zahl von Geburten hinweisen, bei denen eine eindeutige Geschlechtszuordnung nicht möglich ist. Auch auf diesem Hintergrund stelle sich die Frage, ob man nicht Intersexuelle zu den Wettkämpfen zulassen muss und sollte. Schon allein, damit sich die Verbände nicht dem Vorwurf der Diskriminierung aussetzen.

Wettkämpfe für das “Dritte Geschlecht”

Dann wäre auch zu entscheiden, wie sie zu integrieren seien. Beispielsweise mit eigenen Wettkämpfen für das “Dritte Geschlecht”? So abwegig findet Digel das gar nicht und erinnert an die speziellen Wettkämpfe für Schwule und Lesben, Moslems, Protestanten und Katholiken, etc. oder die Paralympics und fordert: “….. die Verantwortlichen des Sports müssen die Frage beantworten, wie sie mit der Natur des Menschen umgehen und wie offen sie mit ihren Sportangeboten für jeden Mann und für jede Frau und darüber hinaus für jene Menschen sind, die weder Mann noch Frau sind”. Man kann nur gespannt abwarten, wie das offizielle Ergebnis von IAAF und ASA im Fall Semenya kommuniziert wird. Vielleicht kann auch der neuartige Gen-Chip zur schnelleren Diagnostik von Störungen der Geschlechtsentwicklung, der gerade von der EuroDSD in Pisa vorgestellt wurde, zu einer besseren Handhabe beitragen.

119 Wertungen (3.95 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

2 Kommentare:

Heilpraktiker

Die Thematik berührt mich als Leistungssport-Problem weniger, mehr würde mich interessieren, was der Feststellung “Tatsache sei, … dass Wissenschaftler aus der ganzen Welt schon seit längerem auf eine steigende Zahl von Geburten hinweisen, bei denen eine eindeutige Geschlechtszuordnung nicht möglich ist” zugrunde liegt. Genfood, Hormone in Lebensmitteln oder nur eine präzisere Diagnostik?

#2 |
  0

Sehr geehrte Damen und Herren
Nicht nur im Sport sind Probleme mit der Intersexuallität vorprogrammiert. Viel zu häufig wird nicht die psychische Orientierung der Betroffenen geprüft, sondern nach medizinisch-chirurgischer Zweckmäßigkeit mit dem Skalpell und Hormontherapie gehandelt. Leider in vielen Fällen bereits in einem Alter, wo ein Kind von Sexualität nichts wissen kann. Die Statistik beweist, daß in jeder normalgroßen Schule mindestens ein Fall von Intersexuallität stecken muß. Doch wer weiß das schon?

Mit besten Grüßen aus Dresden

#1 |
  0
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: