Schleuserbande im Endothel

1. Oktober 2009
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Bei Autoimmunkrankheiten schädigen weiße Blutkörperchen körpereigenes Gewebe. Zuvor müssen sie die eigentlich undurchlässigen Blutgefäße passieren. Wie sie das schaffen, konnten jetzt Forscher aufdecken - und so Therapien besser verstehen helfen.

Bei Autoimmunerkrankungen wie Psoriasis, rheumatoider Arthritis oder Morbus Crohn gerät das Immunsystem außer Kontrolle und greift körpereigenes Gewebe an. Betroffene Patienten mussten deswegen oft mit schweren Langzeitschäden rechnen. Erst seit der Einführung von modernen Medikamenten hat sich ihre Prognose deutlich verbessert. Diese so genannten TNF-Blocker hemmen den wichtigsten Botenstoff der Entzündung, den Tumor-Nekrose-Faktor (TNF). Dieser Botenstoff lockt weiße Blutkörperchen an, aber auf welche Weise das geschieht, blieb lange Zeit unklar.

Ein Tübinger Forschteam konnte nun zeigen, dass Blutgefäßzellen im Mittelpunkt der TNF-Signalübertragung stehen. Wie Prof. Martin Röcken und seine Mitarbeiter in der Fachzeitschrift Blood berichten, bindet TNF an die Endothelzellen, die die Innenseite der Blutgefäße auskleiden, und sorgt dafür, dass sich auf der Oberfläche dieser Zellen verstärkt Adhäsionsmoleküle bilden. „An diese Moleküle haften sich neutrophile Granulozyten, die anschließend durch die Gefäßwand an den Ort der Entzündung gelangen“, erklärt Röcken, der die Universitäts-Hautklinik Tübingen leitet. „Normalerweise“, so der Dermatologe, „bekämpfen diese Immunzellen Bakterien, bei Autoimmunkrankeiten stehen sie jedoch im dringenden Verdacht, körpereigenes Gewebe zu schädigen.“

Mastzellen schlagen Alarm

Der Nachweis, dass Endothelzellen eine wichtige Rolle bei Entzündungen spielen, gelang Röckens Team mit Mäusen, deren Fell sie an einer Stelle mit einem Kontaktallergen einstrichen und so eine allergische Hautreaktion auslösten. Die dabei auftretenden Entzündungssymptome ähnelten denen, die auch bei Autoimmunerkrankungen vorkommen. Auf molekularer Ebene sind es Mastzellen, die als erste Immunzellen wie eine Art Alarmanlage auf die fremde Substanz reagieren. Sie befinden sich in der oberen Hautschicht und schütten in großen Mengen TNF aus.

Bisher war aber noch nicht klar, was dann passiert. Endothelzellen galten zwar als eine von vielen möglichen TNF-Zielzellen, die Entzündungssignale weiterleiten, ihre zentrale Rolle jedoch konnten die Wissenschaftler erst aufdecken, als sie Mäuse verwendeten, deren TNF-Bindungsstelle auf den Endothelzellen mit Hilfe von genetischen Methoden ausgeschaltet worden war. „Derart veränderten Tieren fehlt ein wichtiger TNF-Rezeptor“, sagt Röcken. „TNF kann nicht mehr an die Endothelzellen andocken und ihnen sagen, dass sie größere Mengen an Adhäsionsmolekülen produzieren sollen.“ Die Folge: Ohne zusätzliche Klebeproteine, so der Mediziner, blieben die neutrophilen Granulozyten nicht mehr so gut an den Endothelzellen haften und drängen auch in deutlich geringerem Ausmaß in das entzündete Gewebe ein. Mäuse ohne TNF-Rezeptor wiesen deshalb nach der Behandlung mit dem Kontaktallergen auch deutlich weniger Entzündungserscheinungen auf.

Mehrere Angriffspunkte für Medikamente

Andere Dermatologen stufen die Ergebnisse von Röckens Arbeitsgruppe als sehr wichtig ein: „Das ist eine schöne Arbeit, denn bisher wurde die Rolle der Endothelzellen bei Entzündungen vernachlässigt“, findet Prof. Thomas Schwarz, Direktor der Klinik für Dermatologie am Universitäts-Klinikum Kiel. „Dass sie die Zielzellen von TNF sind, könnte Auswirkungen auf die Therapie von entzündlichen Hauterkrankungen haben.“ Vielleicht ließen sich TNF-Blocker entwickeln, die man lokal auftragen könnte, im Gegensatz zu den bisher zugelassenen, die allesamt systemisch über den Blutkreislauf injiziert werden und entsprechend nebenwirkungsreich seien. Sein Kollege Prof. Marcus Maurer, Dermatologe an der Berliner Charité, möchte dagegen Strategien entwerfen, die schon einen Schritt früher bei den Mastzellen ansetzen: „Diese Immunzellen haben auf ihrer Oberfläche spezifische Rezeptoren“, sagt Maurer. „Wenn wir es schaffen würden, diese zu blockieren, könnten wir gezielt Mastzellen daran hindern, TNF freizusetzen.“

Beide Experten geben aber zu bedenken, dass die Ergebnisse mit Hilfe von Mäusen erzielt wurden und es noch nicht sicher ist, ob man sie eins zu eins auf den Mensch übertragen kann. Doch Maurer ist optimistisch: Zwar sei die gesamte Abfolge von Einzelschritten des von Röcken vorgeschlagenen Modells so im Menschen noch nicht nachgewiesen worden, aber für jeden Einzelschritt gebe es genügend Indizien.

TNF-Blocker helfen nicht bei allen Autoimmunerkrankungen

Röcken ist sich sicher, dass sein Modell auf jeden Fall dabei helfen wird, die Effekte von anti-TNF-Therapien beim Menschen besser zu verstehen: Zum Beispiel, so der Tübinger Dermatologe, helfen TNF-Blocker nur bei entzündlichen Erkrankungen wie Psoriasis, rheumatoide Arthritis oder Morbus Crohn, bei denen die Rekrutierung von neutrophilen Granulozyten mitentscheidend ist für das Fortschreiten der Erkrankung. Sei dies nicht der Fall, wie bei Multipler Sklerose oder Diabetes Typ-1, zeigten TNF-Blocker keine Wirkung.

83 Wertungen (4.19 ø)
Allgemein

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3 Kommentare:

Gerlinde-Helmtraud Kanngiesser
Gerlinde-Helmtraud Kanngiesser

Gibt es Hinweise auf Lebens-/Nahrungsmittel?
Wer denkt in diese Richtung?

#3 |
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Heilpraktikerin

Diese Arbeit mit ihren neuen Erkenntnissen scheint die Therapie bei Autoimmunerkrankungen einen ganzen Schritt nach vorne zu bringen.
Eine Hoffnung für viele chronisch Kranke.

#2 |
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Es ist wirklich eine sehr gute Arbeit, die therapeutisch vile Hoffnung zuläßt

#1 |
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